morphe

das baby lehrt mich, was ich nicht bin. nicht geduldig, nicht entspannt, nicht selbstbewusst, nicht frei, nicht sanft, nicht sorglos, nicht unversehrt. es legt jede wunde frei, vereitelt jeden versuch, lässt mich spüren, dass am ende nichts bleibt, nicht das schreiben, nicht das arbeiten, nicht mal die bücher anderer. ich liege atmend in der stille des staubsaugers. das atmen bin ich, ich bin, bin noch da, atmend, im dunklen, ohne einen einzigen gedanken, bleib regungslos, wunschlos. das ich muss sterben, tut nicht weh, keine sorge, das selbst vergeht schneller als ein schnupfen. aus der wunde morpht ein neues wort ans licht. es lehrt mich, dass es mich nichts lehren will.

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen

„Ich bin auf einmal so verwundbar. … Als Wunde lassen sie mich gehen“ (Sylvia Plath: Drei Frauen). Die Diskrepanz zwischen Sorgearbeit und Schreiben ist nicht erst mit der Pandemie deutlich geworden, aber sie hat zugenommen, Eltern sind mehr als zuvor in unserer Gesellschaft auf sich selbst zurückgeworfen. Der Zerrissenheit ist zwischen Homeschooling und Homeoffice schwer zu entkommen. In dieser Reihe haben Linn Penelope Micklitz, Slata Roschal, Dimitrij Gawrisch, Eva Brunner, Clemens Boeckmann, Sibylla Vričić Hausmann und Barbara Peveling zu der Wunde geschrieben, die zwischen Sorgen und Schreiben entsteht. Zusammengestellt wurde die Reihe von Sibylla Vričić Hausmann und Barbara Peveling.

morphe von Linn Penelope Micklitz
Horkruxe von Slata Roschal
Spül wenigstens die Tasse von Dmitrij Gawrisch
Fallhöhe von Eva Brunner
Alles läuft von Clemens Böckmann
kein “turkey wattle carpet rolls” von Sibylla Vričić Hausmann
wund von Barbara Peveling

Rarely Asked Questions: Insa Wilke

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Insa Wilke: Für mich sind es die politischen Dimensionen: Eltern prägen die nächste Generation. Sie geben ihre Erfahrungen oft ungefiltert weiter, sofern sie keine Psychoanalyse gemacht haben. In den politischen Debatten, die wir derzeit führen, geht es immer um ökonomische und soziale Fragen. Die psychologischen Fragen, die Bedeutung von Familie für Kontinuitäten und Veränderungen ist schwieriger zu fassen und bleibt darum oft unterbelichtet. Da spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Ines Geipel ist eine Autorin, die viel darüber geschrieben hat.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft?
Insa Wilke: Weil es ein Thema ist, bei dem lange bestimmte Aspekte ausgeblendet wurden. Das liegt in meinen Augen an zwei Dingen: Frauen wurden in einer von Männern dominierten Literaturwelt lange weder mit ihren Erfahrungen, auch den körperlichen, noch mit ihren Perspektiven zugelassen. Man denke nur an Marcel Reich-Ranickis Äußerungen zu Marlene Streeruwitz. Zum anderen aber – und vielleicht hängt das durchaus auch mit dem ersten Punkt zusammen – wurde Mutterschaft auch von Frauen lange idealisiert und idyllisiert. Es gibt an einem verbreiteten passiv-aggressiven Dominanzverhalten von Müttern ja einiges zu kritisieren und aufzuklären. Da darf man dann auch mal in die Bücher von Söhnen schauen, die unter ihren Müttern gelitten haben. Der Streit um die Marginalisierung und Entmachtung der Hebammen hat da einiges ausgelöst, denke ich.

Haben Sie sich aufgrund Ihrer Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Insa Wilke: Ein Kollege hat mir einmal stolz erzählt, dass er einer Mitarbeiterin, die um 16 Uhr ihr Kind abholen musste, mitteilte, in unserer Branche werde 7 Tage die Woche 24 Stunden gearbeitet. Abgesehen davon, dass das Quatsch ist, versteckt sich darin eine fatale Ideologie, die (nicht nur) in der Literaturbranche verbreitet ist: Gut ist, wer sich aufopfert für die Literatur und als Privatmensch quasi nicht mehr existiert. Dem sollte sich niemand beugen.

Insa Wilke lebt als Literaturkritikerin in Berlin.