Die Zeichen waren …

Die Zeichen waren
schon da
der schmerzvolle
Brennnesselweg
die zugewachsene Böschung
zum Bach
die aufgeladene heiße Luft
dein Geruch
der sich verändert
die Wiese ein
Schauplatz vergangener
Gewalt
kopulierender Banalität
die Zeichen waren
schon da
der Rotmilan mit seinem
gespaltenen Schwanz
wer ihm folgt
trennt sich
an der Einmündung
gen Ost in Stille
und gen West

Auszug aus: Sara Ehsan/Alexander Carberry: „Un-Liebesgedichte / Un-love poems“ Edition Delta, Stuttgart, Frühjahr 2022.
Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.

Die böse Hexe des Westens / Die böse Hexe des Ostens

Die böse Hexe des Westens

Diesen Sommer sollte wie immer ein gigantomanischer Hurrikan kommen – selbstverständlich aus dem Land der Gigantomanie. Gleichzeitig schaute sich meine Tochter „The Wizard of Oz“ an, in der die Hauptdarstellerin in einer Windhose durch den Himmel gefegt wird. Dieser Film fesselte sie schon lange, nicht nur weil die böse Hexe des Westens ihr eine Heidenangst einjagte, sondern auch, weil sie in ihren Kinderbüchern alle Seiten mit einer Hexe ähnlichen Aussehens übersprang – bis ich eines Tages die glorreiche Idee hatte, die Hexen mit Aufklebern zu überkleben. So besaß sie nun zahlreiche Kinderbücher, in denen sämtliche Hexengesichter von Aufklebern verdeckt waren.
Ausgerechnet an dem Tag, an dem ihre Oma kam, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, wollte sie wieder „The Wizard of Oz“ sehen. Die Oma hat lange schwarze Haare und trägt grüne Kontaktlinsen. Wir ließen meine Tochter schauen, aber als es ins Bett gehen sollte, weinte sie und wollte nicht in ihrem Zimmer bei der Oma schlafen: „Sie ist so hässlich, ich habe Angst vor ihr, sie sieht aus wie eine Hexe, wie diese Hexe vom Wizard of Oz.“ Ich wusste nicht, ob ich lachen sollte oder ihre Ehrlichkeit bewundern. Schlussendlich schlief sie die ganzen zwei Wochen bei uns im Bett, bis die Oma auf ihrem Besen zurückflog ins Land der Tornados und Hurrikans.

 

Die böse Hexe des Ostens

Damit sie ihre Horrorvorstellung vielleicht überwindet, nahm ich sie heute mit ins Freibad. Ich fragte sie wieder, ob sie immer noch vor ihrer Oma Angst hat, und sie bejahte es, sie wisse nicht warum. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass ich so froh war, mit ihr im Bad zu sein und keine Zeit mit der bösen Hexe des Westens verbringen zu müssen. Das ist ja auch interessant, die böse Hexe des Ostens wird von Dorothy zerquetscht, einer weißen Göre aus dem Biblebelt: Kansas. Ich bin keine Orientalistin und symbolisch gesehen zerstört vielleicht ein naives weißes Mädchen das Böse aus dem Osten – heutzutage würde man sagen die „muslimischen Länder“. Leider bleibt dann noch das Böse aus dem Westen, das wiederum nur mit der Hilfe des Scharlatans, des Zauberers von Oz, besiegt werden kann. Es reicht, einen Eimer Wasser über die hässliche Westhexe zu schütten und den „Blechmann“ zum Herrscher zu machen – und schon bekommt die Biblebelt-Tristesse ihre verlorengeglaubte Dorothy zurück.