Es gibt die …

… Leute, die darüber reden, wie entschleunigt ihr Leben jetzt ist. Und was sie plötzlich alles schaffen, Corona sei Dank: den Keller aufräumen, alte Bekannte anrufen, Sprachen lernen, und das neue Altsaxophon spielt sich so weich wie Butter.
Ich gehöre nicht zu diesen Leuten. Wobei das auch nicht ganz stimmt. Meine Tage zerfallen, was die Geschwindigkeit angeht, in zwei Hälften. In der Arbeitshälfte versuche ich, alles doppelt so schnell zu erledigen wie sonst. In der Hälfte, die ich mit dem Kind verbringe, soll alles ganz langsam sein.
Das Kind blockiert sofort, wenn es unter Zeitdruck gerät. Wahrscheinlich sind alle Kinder so. Und die meisten Erwachsenen. Kaum habe ich einmal unglücklich Jetzt-müssen-wir-uns-aber-beeilen gesagt – zack, ist der ganze Tag im Eimer. Das Kind ist also sehr zufrieden mit einer Lebensphase, in der es morgens nicht zu einer bestimmten Zeit in der Kita sein muss, in der nachmittags keine Verabredungen einzuhalten sind, und es ist noch nicht einmal schlimm, falls man abends später ins Bett kommt. Wenn wir das Buch heute nicht vorlesen, lesen wir es morgen vor. Wenn wir heute doch keine Nudeln selbst machen wollen, weil das immer zwei Stunden dauert, dann nehmen wir eben die aus dem Supermarkt.
Ja, die langsamen Hälften der Tage sind schön. Auch die hektischen Hälften der Tage sind machbar.
Ist es das scharfe Umschalten, das mich so erschöpft?
Ich kann nicht viel sagen gerade. Alles bleibt flach, ich bekomme wenig mit, kann keine Entscheidungen treffen, die über die nächste Woche hinausgehen. Ich versuche immer nur, während des halben Tages mit der Arbeit und während des halben Tages mit dem Kind „genügend gut“ zu sein, wie es in Elternratgebern gern heißt.
Es scheint in dieser Zeit eine Lupe, nein, ein Brennglas über allem zu hängen: über mir, über meiner Arbeit, darüber, wie ich mich als Mutter schlage (was ist das eigentlich für eine Formulierung), über meiner Paarbeziehung, über der Nähe zu meinen Freunden. Alles, was schon vorher da oder eben nicht da war, wird deutlicher. Alles zeigt sich. Nur: So genau wollte ich es vielleicht gar nicht wissen.
Mir fehlt das Schnelle im Langsamen, und vor allem fehlt mir das Langsame im Schnellen. Arbeiten ist jetzt nur noch Arbeiten, Schreiben ist jetzt nur noch Schreiben. Mit dem Blick auf die Uhr die Seite füllen. Mir fehlen die überraschenden Momente, die fast immer aus einem scheinbaren Nichtstun entstehen und in denen die Welt einen Sprung bekommt.
Wenn es sie allerdings doch gibt, dann sind diese Momente, weil sie gerade so selten sind, noch eigenartiger als sonst. Vor ein paar Tagen habe ich den Podcast von Christian Drosten gehört. Es ging um eine wichtige Impfstudie, für die acht Rhesusaffen geimpft und danach mit dem Virus infiziert wurden, was wirklich sehr selten passiert, es ging um wissenschaftliche Details, und plötzlich fiel der Satz: „Man hat die Tiere danach geopfert und seziert.“ Hat er das wirklich gesagt, dachte ich? „Geopfert?“ Im Podcast folgte die Erklärung, dass die Affen unter Narkose getötet wurden, dass man sich danach die Lunge genau angeschaut hat, auch alle anderen Organe der Tiere, damit man aus diesen Experimenten möglichst viele Daten herausholt – und dann kam es noch einmal: „wenn man für so eine Impfstudie schon solche Tiere wie Affen opfert.“
Keine Metapher, keine lyrische Überhöhung, kein Pathos. Nein, das wird offenbar tatsächlich so genannt. Selbst im wissenschaftlichen Kontext heißt das Töten von Versuchstieren „Opfern“.
Ich stand vor dem Radio, und der Sprung in der Sprachebene – dieser kleine Sprung in der Welt – hat dafür gesorgt, dass ich aufgewacht bin und mich lebendig gefühlt habe. Plötzlich war ich in der anderen Tageshälfte. Plötzlich war ich das staunende Kind.

Wie viele Leute …

… seit der Zuspitzung der Coronakrise schon so was zu mir gesagt haben wie: ich genieße ja die Entschleunigung, ich genieße das ja, zu Hause zu lesen, mich auszuruhen etc. Ich bekomme dann richtig schlechte Laune und versuche freundlich zu widersprechen und nicht ausfallend zu werden.

Denn Entschleunigung ist nämlich nicht jedermanns* Sache. Ich finde Entschleunigung sehr anstrengend, auch ohne Coronavirus. Ehrlich gesagt: ich hasse Entschleunigung. Genauso wie ich den Begriff Achtsamkeit hasse. Das bedeutet nicht, dass ich nicht gelegentlich bis regelmäßig auf diese kapitalistischen Mechanismen hereinfalle, sie genieße und verachte. I‘m part of it!

Entschleunigung fällt bei mir unter die Sektion Wellness. Dass man sich ausruhen muss, wenn man sich angestrengt hat, ist klar, dass man eine Therapie machen kann, wenn man unter psychischen Druck gerät, weil die Welt inkl. Wirtschaft nichts von Müßiggang versteht, auch. Im Februar 1964 warnte das amerikanische Life-Magazine vor einem bevorstehenden massiven Zeitüberfluss in der modernen Gesellschaft, der gravierende psychologische Probleme aufwerfe: „How to Take Life Easy?“ („Beschleunigung“, Hartmut Rosa, 2005) bleibt die große Frage unserer Gegenwart.

Aktuell treibt ein Virus sein Unwesen, das die ganze Welt durcheinanderbringt, zum ersten Mal wurde eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen. Zwischen Willkür, Wissenschaft, Bauchgefühl und Zuversicht versucht die Menschheit weltweit irgendwie mit der Pandemie klar zu kommen und dann sagen Leute ernsthaft: ich finde diese Entschleunigung ja ganz nett?

Ich finde diese Entschleunigung richtig beschissen. Ich liebe es morgens aufzustehen, meinen Kaffee zu kochen, zu frühstücken, Radio zu hören, mein Kind in die Kita zu bringen, dann entweder zur Lohnarbeit zu hetzen oder ins Atelier zu gehen, mal gestresst, mal easy, über die Welt nachzudenken, was man besser machen kann, was nicht so gut läuft, was überhaupt so läuft. Ich führe ein privilegiertes Leben im Vergleich zu vielen anderen Menschen. Jetzt, während dieses Ausnahmezustandes, wird mir das nochmal klarer. Ich bin froh und dankbar, dass ich eine schöne Wohnung habe, bisher gesund bin, zwei nette Mitbewohner habe, einen ausgesuchten, einen gezeugten, ich habe die Möglichkeit ins Internet zu gehen, meinen Kühlschrank voll zu knallen, mir leckere Nudeln mit Tomatensoße zu kochen und mit meinem kleinen Sohn alle seine Autos und Pferde auf sein Bobby Car zu stapeln oder mit ihm in den Wald zu fahren oder an meinem Schreibtisch diesen Text zu schreiben, mein Geld reicht für den kommenden Monat etc.

Verdammt, habt ihr den Schuss nicht gehört? Eben habe ich mich vor der Tür mit einer Künstlerin unterhalten: sie verstehe nicht, warum alle so einen Stress machen würden, es wäre doch nur wie eine Grippe … diesen Satz habe ich im Februar gesagt, ja. Ich habe es unterschätzt, aber wenn man die Medien verfolgt, ist doch hoffentlich klar, dass das hier keine Grippe ist. „Ach, ihr habt zu?“, fragt sie meine Nachbarin, die eine Kneipe hat. „Dann klappt das nicht mit der Party am Sonntag?“ Ehm, nein. ES KLAPPT NICHT. Es klappt so einiges nicht. Mein ganzes Leben ist wirr. Ich bin wirr. Ich bin traurig, dass Ausstellungen nicht stattfinden können. Ganz banal, ich-bezogen. Ich bin traurig, dass ich mich nicht mehr in Freiheit bewegen darf, ganz im Klaren darüber, dass mein Alltag besonders war. Ich bin traurig, dass ich nicht mit meiner Freundin ins Restaurant gehen kann, weil das für mich selbstverständlich war. Ich bin traurig, dass ich nicht weiß, wie ich in den nächsten beiden Monaten mein Geld verdiene.

Und nun ja, coronale Entschleunigung okey. Meinetwegen freue ich mich für euch, die sich zu Hause chillen können, Bücher lesen, Sachen produzieren … das ist alles cool; ich sehe auch Chancen in Krisen, versuche auch, das Beste draus zu machen, und bin dankbar für die Menschen, die grade alles am Laufen halten, die aktuell an der griechischen Grenze helfen und noch überall, die sich politisch einbringen und Petitionen starten, die Nachbar*innen helfen und so weiter.

Aber ich hoffe inständig, dass das alles schnell vorbei geht.

Sterne und Schneebälle

Papa, sag einen Quatschsatz.
Hmm.
Saa-haag.
Der Ziegelstein fliegt ins Grüne.
Noch einen!
Erst du.
Eine Sonnenblume ist vielleicht ein Ei.
Hmm. Immer ist seltener als gestern.
Hä? Was soll das denn heißen?
Ist halt ein Quatschsatz.
Ja, aber das ist ein komischer Quatschsatz.
Wenn Quatsch kommt, gibt es roten Regen.
Wenn Quatsch kommt, hat die Frau einen Regenschirm. Auf dem Kopf. Und einen auf dem Bauch.
Hmm.
Noch einen!
Puh, ich hab keine Ideen mehr.
Die große Ente isst keine Ziegelsteine.
Nein? Aber Ziegelsteine sind doch so lecker.
Ja, trotzdem! Ähm. Der Mond ist groß und dick und blau.
Der Mond ist eckig und hat Fenster und friert.
Der Mond wirft Sterne als Schneebälle in die Gesichter von Menschen.
Oh.
Was?
Das ist ein richtig schöner Satz.
Ein schöner Quatschsatz?
Ein sehr schöner Quatschsatz. Warte, ich schreib den mal auf.
Hä? Warum das denn, Papa?
Damit ich ihn nicht vergesse.

Üben, üben, üben

Alles ist neu und auch ein bisschen wie früher, Kindheit, lange Regennachmittage, DDR-Erinnerungen, in der Pubertät dieses viele im Zimmer sitzen. Dabei bin ich alt, so alt, dass zwei sehr neue Menschen bei mir leben. Der eine Mensch ist zwei Jahre neu, der andere zehn Jahre neu, und ich hätte jetzt ungern jemanden zu Hause, der mir sagt, ich würde das mit dem Homeoffice mit Kindern als selbstständige Schriftstellerin in Pandemiezeiten schlecht machen.
Nächstes Jahr werde ich das perfekt machen im Homeoffice mit Kindern als selbstständige Schriftstellerin in Pandemiezeiten.
Während ich übe, mich in dieser Situation einzufinden, üben sie so wahnsinnig viel Neues, wie sie es immer tun. Für das kleine Kind ist alles so neu, dass sie gar nicht üben muss, sondern dass sie üben will und dass sie auch gar nicht übt, sondern einfach spielt.

Wir spielen fünfmal Rausstippsen. Ich stecke die Pinönkel in das Raster, wir drehen das Raster um, die Kleine stippst die Pinönkel von hinten wieder raus.
Nochmal, sagt sie. Ich stecke die Pinönkel in das Raster.
Hellblau, sage ich.
HELLBLAU JUHU, ruft sie.
Orange, sage ich.
GORANSCH, JAAA! ruft sie.
Grün, rot, alles wird freudig begrüßt.
Ich sage Zuhausebleiben, Warten, Homeoffce.
Zuhausebleiben, jaaaa!, ruft sie.
Warten, juhu!
Homefis, jaaaa.
Sie hat dieselbe Begeisterung für alles. Wie macht sie das?
Dann stippst sie Zuhausebleiben, Warten und Homeoffice raus.
Nochmal?, frage ich. Nochmal, jaaaa, sagt sie.
Üben heißt alles fünfmal machen, sechsmal oder siebenmal.
Wenn wir also fünf Jahre Pandemiefrühling hinter uns haben, dann werden wir darin alle ganz toll sein.
Wir werden uns an diese Zeiten gewöhnen, sie werden zum Jahr dazu gehören. Ich muss noch die Wohnung für die Pandemie schmücken, werden wir sagen. Was macht ihr diesmal in der Pandemiezeit?
Wir lackieren den Schrank weiß, räumen den Keller auf und lesen Herr der Ringe.

Aber dieses Jahr ist es noch neu.
Übenübenübenüben, wir tanzen jeden Tag ein bisschen. Oft ist es Kindermusik. Egal. Ich habe jedes Alter im Moment. Corona hat mich aufs Zimmer geschickt. Und komm erst wieder raus, wenn du … ja, was eigentlich?
Ich suche einen Sinn darin, sortiere nach Farben.

Ich bin ein Mensch. Es soll einen Sinn ergeben.
Wer diesen Drang gar nicht unterdrücken kann, denkt sich Verschwörungstheorien aus.
Dafür ist der Virus perfekt. Er ist für jede Deutung zu haben.
Der Virus stoppt die Produktion. Der Virus lenkt die Aufmerksamkeit auf das Sozialsystem der Staaten, auf die Fähigkeit der Regierung, auf die Familie und sich selbst.
Der Virus verbessert die Luft, die Wasserqualität, mindert den Lärm, die Termine.
Er macht alle gleich, nur dass einige sehr viel Klopapier haben, andere keins.
Der Virus macht die Grenze zu.
Es ist ein linksradikaler, rechtsradikaler, esoterischer, bestrafender, kommunistischer, sozialistischer, faschistischer Drecksvirus.
An ihm kann alles hängen, wenn man überall einen Sinn suchen will.
Aber da ist keiner.
Der Virus ist einfach da.

Was will der Virus? Der Virus will nichts. Der Virus ist ein Virus.
Der Virus ist keine Person. Wir sind die Personen.
Der Virus hat nichts vor. Wir sind die, die was vorhatten. Wir haben immer was vor.

Und jetzt?
Üben, übenübenübenüben.
Jaaaa, nochmal.
Hellblau, juhu!

Spielkreis

Ein Kreis nackter Babys in einem warmen Raum. Weil gerade Winter ist, bin ich mit den T-Shirts aus der Übung. Hätte lieber etwas anderes an. Aber es geht sowieso nicht um mich, sondern um mein Baby, das fünf Monate alt ist und heute unruhig. Wir hatten eine schwierige PEKiP-Stunde, sind gemeinsam aus dem Gleichgewicht geraten. Ich weiß nicht, wer von uns beiden zuerst nervös wurde. Schon die Kursanfangszeit passte heute nicht. Das Baby war weder satt noch ausgeschlafen, als wir überstürzt aufbrachen. Aber ich nehme den Kurs ernst, alle sieben Mütter und ein Vater buchen Kurs um Kurs, bis ihre gleichaltrigen Babys fast ein Jahr alt sind. Acht Monate altersgerechte Spielanregungen, Babys, die sich ohne Windeln besser bewegen können, Eltern, die ständig Pfützen aufwischen. Ein paar der Spielzeuge gefallen auch meinem Baby. Oft gehen meine Blicke zu den anderen Müttern und ihren Babys und ich frage mich, welchen tollen Job die Mutter des Babys hat, das mit seinem Vater da ist. Ich habe keine Arbeit. Letzte Woche kam wieder eine Absage auf eine Bewerbung für ein Promotionsstipendium. Nach meinem Beruf gefragt, lasse ich einige „Eigentlichs“ und „Vielleichts“ fallen, versuche souverän zu klingen. Mein sonst in den Augen der Kursleitern fast zu entspanntes Baby weint heute so viel, dass ich die meiste Zeit mit ihm am Rand sitze. Auf die Frage, was los ist, zucke ich nur die Achseln, „schlechter Tag“. Am Ende, beim Anziehen, schreit mein Baby mit hochrotem Kopf und ich schwitze. In diesem Moment merke ich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ich kann kaum reagieren, nicht richtig denken, mich zu keiner Handlung entschließen, bin äußerlich wie eingefroren und innerlich voller Panik.

ad-Dahr

Liebe Lisa,

ohne recht zu wissen wie, werde ich versuchen, dir die merkwürdigen Verkettungen von Gedanken, Ereignissen und Zuständen, die heute meinen Tag geprägt haben, noch schnell, bevor ich mich vom Computer losreiße, aufs leuchtend weiße Blatt zu tippen. Ich lag in mittäglicher Umnachtung neben meinem Sohn auf dem Sofa, der in seinem Familienalbum blätterte und kratzend und reißend immer wieder versuchte, hinter die Bilder zu kommen – ein Drang, den ich gut verstand, trotzdem zu unterbinden versuchte –, als aus diesen hundertmal gesehenen Bildern, die mir sonst nicht mehr als die Namen der jeweils Abgebildeten sagen, die vergangenen Zeiten mir mächtig nostalgisch ins Herz stachen. Die verlassene Stadt, die verlassene Wohnung, die etwas jüngeren Gesichter, das Baby, das die Zeit restlos verschlungen hat, usw. Mit der nächsten Welle erwischte mich das heftige Gefühl, dass so bald schon alles wieder vorbei sein würde. Der kleine Sohn in einem größeren verschwunden. Mein Gesicht noch immer da, aber trotzdem anders. Der jetzige Moment im nächsten unerreichbar verloren. Ich dachte daran, dir für den Blog einen Brief mit dem Titel „ad-Dahr“ zu schreiben, jene „zerstörerische Zeit“, die die alten Araber in ihren Qasiden besungen und beklagten. Ich wollte mir auch ein paar Notizen machen, aber der Sohn, der Sohn, er wollte, dass ich seine Hand umzeichne, damit er sie auf dem weißen Papier sehen kann.
Also gut, ein Ausflug mit dem Fahrrad durch die Dämmerung, beschloss ich für uns beide. Als ich noch die Fahrradlichter um die Sattel- und Lenkerstange spannte, meinen Sohn auf seinem Sitz fest schnallte, lief ein über sein Telefon gebeugter Mann an uns vorbei, ich hörte nur, wie er leise „keinen Lebensmut mehr, der spinnt wohl“ fluchte.
Wir fuhren los, am Himmel lagen Tag und Nacht noch ineinander verschlungen, ich schlug ziellos eine Richtung ein. Nach einem kurzen Halt beim Schloss vor den eisernen Löwen, die eine angenehme Zeitlosigkeit verströmten, ging es durch den Park. An einer Weggabelung ließ ich meinen Sohn zwischen einer erleuchteten und einer kaum erleuchteten Straße, die beide auf gleich kurzem Weg nach Hause führten, entscheiden. Er wählte den dunklen Weg und zeigte mir mit ausgestrecktem Arm die verwinkelten Silhouetten der Bäume vor dem abendblauen Himmelszelt. Ich dachte daran, wie vor Jahrzehnten meine Mutter mir und meinen Brüdern, von unserem Vater am Klavier begleitet, „den Erlkönig“ vorsang, und uns nach wenigen Zeilen angstvolles Heulen packte. Ein paar unsichtbare Vögel flatterten auf. Mein Sohn erinnerte sich an sein erstes Feuerwerk, dass wir vor zwei Sommern in den Herrenhäuser Gärten angeschaut hatten – nach den ersten Explosionen war er in Tränen ausgebrochen.
In weiten Bögen fuhr ich durch die ungewohnt leeren Straßen. An einer Kreuzung standen vier Jungs, der Eine sagte zum anderen: „Mit oder ohne Haribo, sterben tust du sowieso“.
Viel plumper kam die Antwort: „Du stirbst auch.“
Und als ich schon fast außer Reichweite war, erreichte mich doch noch das unumstößliche Gottesurteil: „Jeder stirbt.“
Jetzt wunderte ich mich zum ersten Mal über die merkwürdigen Verkettungen, wurde aber sofort aus meinen Gedanken gerissen, als ein Mann laut und deutlich in sein Telefon befahl, die Todesakten seiner Mutter und seines Vaters anzufordern. Am Spielplatz wollte mein Sohn gleich weiterfahren. Als wir schließlich in unsere Straße einbogen, stieg ich ab und schob das Fahrrad die letzten Meter. Wiederum horchte ich auf. Gegenüber aus einem leeren, erleuchteten Hauseingang rief eine kratzige Stimme aus der Gegensprechanlage: „Hallo, wer ist da?“
Ich lief weiter, erwartete, dass die Stimme ihren Irrtum schnell begreifen würde, aber nach fünf Metern hörte ich sie erneut flüstern: „Hallo, ist da wer?“ Es muss an den Verkettungen gelegen haben, an der Dunkelheit des Tages, dass ich tatsächlich kehrtmachte, um auf das vergebliche Fragen zu antworten: Nein, niemand ist da. Als ich die Straße überquert hatte, am Hauseingang stand, war der Lautsprecher erloschen, ich wartete noch einige Sekunden, aber die Stimme blieb stumm.
Wieder daheim, schaltete ich die Wohnzimmerbeleuchtung an, zog den Vorhang zu; mein Sohn stellte sich an seine Werkbank und versank ins Spiel. Ich rief meinen Vater an. Während der Viertelstunde, die wir ohne roten Faden dahin plauderten, vergaß ich alles, was sich ereignet hatte, kam, wie man sagt, auf andere Gedanken. Erst jetzt, als letzte Tat vor dem Zubettgehen, habe ich mir die Geschehnisse wieder in Erinnerung gerufen, für dich und all die anderen, vor allem aber für mich, um nun mit Hilfe des Schlafes in die Geheimnisse dieses Tages einzutauchen.

Gute Nacht und gutes Erwachen.
Lorenz

logbuch mit känguru

es ist dienstagabend, und ich weiß es so genau, weil ich die tage zähle, jeden tag benenne, schon früh morgens, bevor ich aufstehe, zumindest es versuche, denn dank eines meniskusriss‘ bin ich langsam unterwegs, sehr langsam, schritte bedeuten anstrengung, und ich zähle die tage, bis ich wieder laufen kann, denn manchmal steckt auch angst in ihnen, dass doch nochmal etwas reißen könnte, und dabei mag ich ja risse, siri hustvedts »risse aushalten«, darum ginge es im leben,
und also bin ich auch froh, dass die kinder zu hause sind, sie mit mir sind, sie unser wohn- und esszimmer sukzessive in ein meer aus bücher- und papierstapeln verwandeln und ich sie hin- und herdirigieren kann, bücher und zeitungen von einem eck ins andere gebracht, gelesen und weggelegt werden und sie all das tatsächlich auch noch mitmachen, und manchmal habe ich aber auch sorge, dass marc uwe klings känguru nun bei uns eingezogen ist, schlimmer noch: der heimliche kapitän unseres papierschiffs wird und es richtung kommunismus dirigiert und wir in all dem immer mehr verwachsen, und benni will wissen, wie genau das mit dem kommunismus sei, und ich hake nach, ob er schon mal von marx gehört hätte, und er schüttelt den kopf, und ich schüttele den kopf, überlege, in welcher »home-schooling-einheit« (was für ein wort) das platz finden könnte, während ich versuche, an meinem neuen projekt zu schreiben oder eine day by day-collage für mein logbuch klebe, ein logbuch, das eigentlich alle vier von uns machen wollten, aber nur ich bin noch an bord, naja, und wahrscheinlich das känguru, zumindest kichert es ständig im raum, auch als juli vom woyzeck als lektüreaufgabe erzählt und ich eine alte reclam-ausgabe aus dem regal ziehe (von meinem vater noch, was er wahrscheinlich gar nicht weiß), ende der 60er, und ich muss lächeln, als ich seine einträge zu marie sehe, und auch juli lächelt, und ich denke, wie ich all das in meinem kopf sortieren, wie ich weiterschreiben soll, hier: zwischen känguru und seinem »mein, dein, alles bürgerliche kategorien«, woyzecks verzweiflung und der freundlichen mail-erläuterung der englischlehrerin, dass die kinder jetzt kanada im unterricht also zu hause behandeln würden, und wer mag, könnte auch »anne with an e« als serie ansehen, das wäre eine gute ergänzung, und ich weiß erst gar nicht, um was es geht, bis ich verstehe, dass es anne of green gables ist, anne, mit der ich lesend versteckt meine frühe jugend verbracht habe, und staunend nehme ich wahr, wer sich hier alles bei uns auf der couch einfindet, fiktiv, nichtfiktiv, von entschleunigung kann überhaupt nicht mehr die rede sein, es ist jede menge los, anne with an e neben dem känguru und woyzeck und marie und manchmal auch noch nathan der weise, von meinen frauenfiguren, von alice ganz zu schweigen, und in meinem kopf sirrt und surrt textmaterial, kaum noch zeitfenster zum schreiben, nur noch das papiermeer, auf dem ich mit meinen kindern segle, und bis jetzt ist es (meistens) – bei all den traurigkeiten und ängsten dieser tage – auch eine wirklich schöne gemeinsame zeit, mit alten und neuen text-fundstücken, die wir mehr als sonst teilen, einander erzählen, in denen wir uns manchmal auch verstecken, sodass uns keiner sieht. und auch das ist gut.

Ja, Kinder …

… die Kinder, wir müssen unsere Umwelt, ja, wir müssen unsere Welt auch noch für die nachfolgenden Generationen, die Kinder, ja, ich bewundere Sie für Ihre Geduld, für Ihre Ruhe, also ich könnte das nicht, Kinder sind ja etwas Wunderbares, es verändert alles, den Blick, wir müssen unseren Kindern eine Welt hinterlassen, ein Kind braucht nicht viel mehr außer bedingungsloser Liebe, ja, es genügt schon ein Kochlöffel und ein Taschentuch und schon entsteht eine ganz neue Welt, die Phantasie, ja, die Lärmbelästigung des Kindergartens auf der anderen Straßenseite, das ewige Geschrei von nebenan, die kommen ja nicht von hier, die wissen nicht, wie Kinder hier bei uns, ja, Kinder brauchen nur bedingungslose Liebe und Grenzen, natürlich, es muss auch Grenzen geben, da gibt es Grenzen, also ich bewundere Sie dafür, Sie als Mutter, Sie als Vater, und dann schreiben Sie ja quasi nebenbei noch solche Texte, in denen ahnt man nichts von, also quasi in den Nächten schreiben Sie diese Texte, in denen man nicht ahnt, dass Sie noch Mutter, noch Vater, wir schätzen hier die Ruhe und die Abgeschiedenheit, verstehen Sie mich nicht falsch, wir schätzen die Ruhe hier, die Ruhe, aus der gewissermaßen, also, daraus entspringt der Geist, der Genius, verstehen Sie mich nicht falsch, aber Kinder, ja Kinder, ich meine, wie stellen Sie sich das denn vor, hier, in dieser Abgeschiedenheit, zusammen mit dem Genius, also, es gibt ein Recht auf Ruhe, nicht jeder kann, nicht jeder will, ja, Kinder, diese kleinen Geschöpfe, die noch ganz unberührt sind, aber es muss auch Grenzen geben, im Supermarkt, in der Straßenbahn, in den Arbeitsräumen, es muss auch Stille herrschen, eine Klage, ja, es gibt schon Klagen gegen den unvermeidlichen Lärm, gegen das heraufbeschworene Chaos, die Umgebung, sie ist, nun ja, reizarm, damit sich das Innere entfalten kann, es gibt ja feste Plätze für die Kinder, Kinderplätze, aber die werden Sie nicht bei uns finden, es tut mir leid, es muss auch Prinzipien geben, hier gibt es nichts außer einem Bett, einem Tisch und einem Stuhl, wie wollen Sie da, ja, Kinder, also nein.

Also, ich bin …

… seit knapp vierzehn Monaten Mutter.
Und ich muss sagen, ich hasse es.
Ich liebe mein Kind.
Aber ich hasse, was es mit meinem Leben macht.
Ich hasse die Pflichten, die mit dem Mutter-Dasein in mein Leben gekommen sind.
Ich hasse das Waschen, das Putzen, das Kochen, und vor allem all das gleichzeitig, wenn mein Kind nebendran sitzt und schreit, das Essen, das ich innerhalb seines halbstündigen Schlafs gekocht habe, herausspeit, die Küche mit Tomatensoße und Zucchini-Brei neu färbt, während ich für das nächste Essen koche und nebenbei putze.
Ich hasse die Hausarbeit (allein schon, wie das heisst), ich hasse die surreale Anzahl dieser Aufgaben und den surrealen Raum, den sie nun in meinem Leben einnehmen müssen.
Ich habe null Spass daran und es wiederholt sich ständig.
Ich hasse es, nicht wegfahren zu können, wenn ich es möchte.
Ich hasse es, alle meine Entscheidungen mit dem Vater des Kindes abstimmen zu müssen.
Das Recht zum Ausgehen, zum Arbeiten, ja, sogar das Recht, meine Steuererklärung auszufüllen.
Vom Schreiben mal nicht zu sprechen.
Nein, vom Schreiben möchte ich nicht einmal anfangen.
(Das Schreiben ist woanders … an einem Ort, wo ich gerade nicht hingelangen kann.)
Gerade hasse ich es, mich zu fragen, wie ich die Zeit mit meinem Kind vertreiben werde.
Die Zeit vertreiben.
Sie verjagen.
Sie zum Teufel jagen.
Ich hasse mich dafür.
Ja. So ist das Leben mit einem Kind.
Vor allem in Coronazeiten, wenn alle staatliche und private Hilfe weggefallen ist.