Other Writers trifft Café Entropy: Simone Scharbert im Köttinger Dorfladen, Erftstadt

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Erinnerungsblitzen, Gegenwartslugen. Im Café. Wie ich dort sitze. Wie ich dort stehe. Je nachdem. Hinter oder vor der Theke. Noch lieber hinter der Theke. Seit Jahren. Jahrzehnten. Mit Unterbrechungen. Natürlich. Verbindungen. Damals, schwanger. Hinter der Theke. So ein schönes Gefühl. Mit dem Kind im Bauch unter Menschen. Ein Wort, eine Frage, einen Blick in der Hand. Meine Vergangenheit auch. Steht dort. Immer noch. In Bars, Kneipen, Cafés. An unterschiedlichsten Orten. Zu unterschiedlichsten Zeiten. Nachts, wenn man die Stadt dann kurz für sich allein hatte. Morgens, wenn der Raum noch nicht weiß, wer alles in ihm sitzen wird, welche Gespräche zu hören sein werden. All das, um das Studium, die Promotion, den Lebensunterhalt mitzufinanzieren. Immer inmitten von wunderbaren Menschen. Begegnungen. Den unterschiedlichsten Sprachen, Verliebtheiten auch. Elfriede Gerstls „wer ist denn schon zuhause bei sich“ im Kopf, im Körper, auch das. Im Café. Manchmal hinter, manchmal vor der Theke.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Immer die gleiche Bedeutung: Orte, die ich mag. Die mir so wichtig sind. Manchmal, um dort allein unter Menschen schreiben zu können. Manchmal, um einfach mit Menschen zu sein. Oder mit meinen Kindern. Damals, als sie noch klein waren. Die oftmals den Blick geändert haben, wie laut, wie hektisch etwas sein kann. Wie wenig Platz auch für einen Kinderwagen, ein Spielzeug oder zum Rumlaufen. Wie ruhig, wie schön aber manchmal auch gemeinsame Zeit an so einem Ort sein kann.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder mit dabei sind?
Oh. Ich muss retrospektiv antworten. Früher war ich oft froh, wenn sie dabei waren. Weil ich es sehr mochte, mit ihnen unterwegs zu sein. Gemeinsam zu sitzen und zu sehen, was um einen, um uns passiert. Diese körperliche Verbundenheit auch. Und jetzt bin ich froh, wenn sie vorbeikommen. Wenn sie in unserem Lädchen-Projekt nach der Schule oder einfach so aufschlagen. Mittagessen. Erzählen. Etwas fragen. Oder einfach nur mit sich selbst sind, während ich arbeite, die anderen Leute bediene. Schön ist das zu sehen, wie sie dort sitzen. Einem entwachsen, die Welt auf ihre eigene Art und Weise mitgestalten.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (I)

Mütter im Briefwechsel, das klingt seltsam, schon fast ein Oxymoron, also vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Mutter und Tochter, die wiederum Mutter geworden, also um Mütter, die nicht im mütterlichen Verhältnis zueinanderstehen, selbst dann. Mütter haben wenig Zeit füreinander, weil sie überhaupt wenig Zeit haben oder genug beschäftigt sind damit, alles andere einigermaßen zu schaffen, es bilden sich ab und zu pragmatische Bekanntschaften auf Spielplätzen, über die Krippe, die Kita, den Hort, um die Freundschaften des eigenen Kindes zu pflegen, Babysitter zu organisieren, Erfahrungen, Beschwerden auszutauschen, aber dass Mütter einfach so einander schreiben …
Es ist schon surreal, was wir da machen.

Slata, 15.02.22

„Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (I)“ weiterlesen

Same Work But Different: Sebastian Schmidt

Welchen inhaltlichen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf dein Buch?
Sebastian Schmidt: Ein großes Thema ist für mich der Umgang mit Vaterschaft auch während der Abwesenheit eines Teils meiner Kinder. Die beiden Älteren (sie sind 10 und 13) leben nur etwa ein Drittel des Jahres bei mir und meiner Partnerin und ihrer kleinen Schwester, die andere Zeit bei ihrer Mutter. Ich vermisse sie dann oft sehr. Es fällt mir immer schwer, das treffend zu beschreiben im Gespräch mit anderen oder als Text. Beim Schreiben von Gedichten ist das eher möglich, weil einige Grenzen standardisierter Kommunikation aufgehoben sind und alles einer anderen Logik folgt. Ich versuche auch in meinem Buch die Frage nach Vaterschaft mit unterschiedlichen Ausgangspositionen – zwei Kinder sind wechselnd anwesend, ein Kind wohnt dauerhaft hier – zu verhandeln. Aber auch die Geburt meiner Tochter habe ich versucht, mit Hilfe von lyrischem Text auszudrücken .

Hatte deine Vaterschaft auch Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit?
Sebastian Schmidt: Ein großer Teil des Buches ist morgens entstanden. Nach dem Aufstehen, wenn alle noch schlafen, habe ich oft Ideen. Chris Kraus schreibt in anderem Zusammenhang über Kathy Acker, der Morgen sei eine Zeit „that wouldn’t impinge on her writing and her morning dream-drift she channeled into her work“. Außerdem haben es die kurzen Texte zugelassen, sich meist ohne großes Einlesen an eine Bearbeitung zu setzen, wenn sich ein Zeitfenster aufgetan hat, eine halbe Stunde oder mehr.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert?
Sebastian Schmidt: Wir waren am Tag der Veröffentlichung gerade alle über eine Magen-Darm-Infektion hinweg. Als ich zuvor die Info bekommen hatte, dass die Belegexemplare losgeschickt worden waren, ging es mir besonders schlecht, ich hatte die Nachricht tatsächlich vor dem Klo kniend gelesen. Bisher gab es nur eine familiäre Party zur Veröffentlichung, die sah so aus: Meine Partnerin hat mit unserer Tochter eine Girlande gebastelt, Zeug für einen super (alkoholfreien) Cocktail besorgt. Meine beiden Älteren waren da und wir saßen auf der Couch, die Kleine im Bett. Genau im Moment des Anstoßens erbrach sich die Kleine über das Babyphone zu uns herüber und meine Partnerin und ich rannten los, Kind trösten, Sachen frisch beziehen, Zeug auswaschen. Just another kind of party.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?
Sebastian Schmidt: Noch nicht, aber ich sehe es kommen im Hinblick auf ein paar Lesungen, die anstehen. Das ist gerade alles noch unklar.

Sebastian Schmidts Gedichtband so stelle ich mir den gesang von erst kürzlich mutierten finken vor erschien im April 2022 in der parasitenpresse.

Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (III)

Liebe Jenny,

entschuldige, dass meine Antwort eine Weile auf sich warten ließ. Es war ein in vielerlei Hinsicht intensiver Monat, in dem unter anderem mein Debütroman erschienen ist. Heute und morgen Abend werde ich in der Schweiz daraus lesen. Aber noch ist Vormittag, ich sitze am Flughafengate und warte auf das Boarding meines Fluges nach Zürich. Seit über drei Jahren bin ich nicht mehr geflogen. Ich fühle mich fremd und ein wenig deplatziert, mir fehlt die Routine.

„Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (III)“ weiterlesen

Ich muss ein Maulwurf sein

„Wenn du da ein Loch schaufelst, kommst’ bei die Maori in Neuseeland wieder raus“, meinte mein Uropa, der Prophet, als ich noch ein Kind in den Tiroler Bergen war. Ich betrachte die Reliefkarte meiner rechten Hand, die fünf Landzungen mit den rotlackierten Nägeln. Meine Hände sind zart. Und doch muss ich ein Maulwurf sein. Oder warum sonst erzählt der silberfarbene Wall meines Eherings, dass ich bei die Maori in Neuseeland wieder rausgekommen bin?
Mein Mann führt die Erinnerung an seine Vorfahren auf seinem Körper mit sich wie einen eingravierten Pass. Ta Moko. Verschlungene Gemälde aus Tinte und Blut, die eine ganz bestimmte Geschichte erzählen. Seine. Auch das Meer ist darauf verzeichnet. Wasser fließt in dunkelblauen Schnörkeln unter seiner Haut. Ich trage einen Gebirgszug auf der Zunge, ein ganzes aufgefaltetes Massiv. Seine scharfen Kanten sind im Alltag gut versteckt. Doch immer wieder herrscht Steinschlag hinter meinen Zähnen. Bei Wut, bei Hunger oder Durst. Dann brülle ich kehlige Laute. Ich esse ein Gutti, trinke ein Kracherl oder leere einen Pfiff.
Wenn meine Tochter Treppe meint, sagt sie Dräppe. Wenn sie durstig ist, sagt sie: „Mama, bitte ein Gedränk.“ Kracherl sagt sie praktisch nie. Neulich haben wir einen Maulwurf gesehen, auf den Steinfliesen unter der Dräppe. Der Kater hatte ihn im Maul und dort aus Versehen gedroppt. Dieses Wunderwerk von einem Tier – samtenes Fell, Schaufelhände, winziges rotes Näschen – hat uns beide tief berührt. Es begann auf der Stelle zu graben.

Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (II)

Liebe Jenny,

sehr eindrücklich, deine Schilderung der Szene im Supermarkt. Man spürt, dass du Situationen wie diese gut kennst, während ich, als ich den Vater mit seiner Tochter im Café beschrieb, lediglich passive Beobachterin war. Selbstironie, Überforderung, Wut – ich kann mir vorstellen, dass der Grat zwischen alldem häufig schmal ist. Du schreibst, dass du erleichtert bist, dein Kind zumindest bei deinem Partner gut aufgehoben zu wissen. Bist du da nicht ziemlich streng mit dir? Ich könnte mir vorstellen, dass er umgekehrt ganz ähnlich denkt. Woher kommen diese hohen Ansprüche an dich, was meinst du? Bist du in Bereichen, die nicht deine Mutterschaft betreffen – in deiner Kunst etwa –, genauso selbstkritisch?

„Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (II)“ weiterlesen

Marble ASMR Healing

30.000 Jahre – so lange ist es in etwa her, dass Menschen in der Chauvet-Höhle, gelegen in der Nähe einer französischen Kleinstadt im Flusstal der Ardèche, Höhlenmalereien und Ritzzeichnungen von Auerochsen, Pferden und Nashörnern hinterließen. Ich bin mit Werner Herzogs 2011 veröffentlichtem Film „Die Höhle der vergessenen Träume“ dort gewesen, etwas spät also – aber wenn wir von Zehntausenden von Jahren sprechen, ist das ja nur der Bruchteil eines Augenblicks. Und seitdem stelle ich mir die Frage, welches Thema man wohl bearbeiten und welches Medium man wohl verwenden müsste, um einer ähnlich fernen Zukunft etwas über uns zu erzählen. Immerhin konnte die Chauvet-Höhle nur derart gut erhalten aufgefunden werden, weil der ursprüngliche Eingang durch eine herabfallende Felswand abrupt verschlossen wurde – und ich wäre ungern dabei, wenn Erdrutsch meinen Laptop unter sich begräbt.
Natürlich stelle ich mir diese Fragen nur im Umfeld meiner eigenen Träume, denn tagsüber beschäftigen uns die Auswirkungen der wiederkehrenden Notbetreuungsansagen unserer Kita – und was könnte jemand ohne Systemrelevanz der Zukunft schon mitzuteilen haben? In der Pandemie hat sich das Ritual eingestellt, dass wir abends vor dem Sandmännchen eine Folge des YouTube-Kanals „Marble ASMR Healing“ schauen, auf dem jemand aus handelsüblichen DUPLO-Bausteinen Murmelbahnen errichtet. Die Kinder sind ganz verrückt danach – aber jedes Mal, wenn so ein Video läuft, fällt mein Blick auf die Kiste mit unseren eigenen DUPLO-Steinen, und ich frage mich, warum wir sie nicht einfach noch einmal hervorholen und unsere eigene Bahn errichten.
Natürlich ist es wenig sinnvoll zu spekulieren, was man der Zukunft hinterlassen sollte. Und doch – so habe ich es jedenfalls verstanden – markieren die Darstellungen in der Chauvet-Höhle in etwa jenen Zeitpunkt, als es dem Homo sapiens gelang, dem Neandertaler ein Schnippchen zu schlagen. Als die Vorfahren des modernen Menschen begannen, über Bilderfolgen miteinander zu kommunizieren.

Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (I)

Liebe Jenny,

ab und zu, wenn meine Wohnung mir zu eng wird, arbeite ich um die Ecke im portugiesischen Café. Das Café – mein Fenster zur Welt, das in den letzten Monaten zeitweise auf Bildschirmgröße geschrumpft ist. Am liebsten sitze ich an dem wackligen kleinen Tisch mit dem Rücken zur Wand und unverstelltem Blick in den Raum hinein, wo ich mir einbilden kann, zu beobachten, ohne beobachtet zu werden, unter Menschen zu sein und trotzdem für mich.

„Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (I)“ weiterlesen

Haltet euch bereit (III): Junges Gemüse

Illustration: Caroline Winkler

Sie schafft es nicht, das Gemüse auswachsen zu lassen. Ihr Mann ist stolz auf die von ihm angelegten Beete, die winzigen grünen Tomaten; die Salatköpfe, noch zu schwach, um zu schmecken; auf die Gurken, die an kleine Finger erinnern. Das Gemüse ist unschuldig und von ihnen abhängig.
Nachts geht sie hinaus, mit einer Taschenlampe. Sie legt die Lampe im Gras ab, greift mit beiden Händen nach Unreifem, stopft es sich in den Mund. Nur notdürftig reibt sie die Erde vom Gemüse.
Ihr Mann freut sich auf den selbstgezogenen Salat zum gegrill-ten Steak. Aber am nächsten Tag sagt sie ihm, dass erneut die Schnecken die ganze Ernte vernichtet haben.
Die Schnecken?
Ja, sagt sie, oder die Kinder.
Er sieht auf ihren flachen, mittlerweile vierzigjährigen Bauch, dann betrachtet er wieder die Glut auf dem Grill. Welche Kinder, fragt er, die der Nachbarn?

Haltet Euch bereit ist ein Gemeinschaftsprojekt von Franziska Gerstenberg (Text) und Caroline Winkler (Illustration), das aus rund 20 gemeinsamen Arbeiten besteht. Other Writers Need to Concentrate publiziert eine Auswahl.

Søndervig, Nordsøvej 137

Das Emblem auf dem kleinen Ofen prangend:
Eichhörnchen im Lorbeerkranz Hinter der
Glasscheibe wärmt uns das Zeichen unserer
Zerstörungslust Hitzewellen schwärmen bis
ins Kinderzimmer aus Wir schwitzen unser
Nachtprogramm: Monströse Flammenzungen
die Flyer des Naturkräfteparks verschlingen
Doch Luftzüge später ist da nur ein Rauschen
Ein Aschefilm mit Voice-Over-Kommentar
Die bevorstehende Trennung von Rücken
und Couch mit leisem Schmatzen unterlegt