Erlaubnis

Tag und Nacht, jeden Tag hast du gearbeitet.
Du warst dennoch da, ich nahm dich wahr.
Meine Albträume, meine Schlaflosigkeit hörtest du nicht.
Wer hätte sie denn verstehen sollen?
Mama sagte: Papa liebt dich.

Ich habe deinen Hang zum Schweigen geerbt.
Aber die Donnerstagnachmittage, beim Verbinden von Amour de Tiri,
Da haben wir die Hürde des Unausgesprochenen genommen.
Die Zeit, die du mir gabst, alles was du tatest, ich verstand:
Papa liebt mich sehr.
Ich war 16.

Eines Tages, ich weiß nicht mehr wann, hast du gesprochen.
Eines Tages, weil es der richtige Zeitpunkt war, hast du es gesagt.
Wahrscheinlich einer jener Tage, wo ich gefallen war.
Und ich sage es dir auch: Ich liebe dich.

Du hast alles mit mir geteilt: die Bienen und deinen gesundesten Zorn.
Deine Messlatte der Menschlichkeit ist hoch.
Sie ist mein Kompass, wenn ich verunsichert (unsicher) bin.

Ich werde diesen Brief mit meinem Namen unterschreiben,
Nicht mit dem, den du mir gabst,
Nicht, dass er mir nicht gefällt, das sei gesagt,
Ich meine den Dichternamen, den ich gewählt habe.
In deinen Augen las ich die Erlaubnis, zu sein, wer ich bin:
Dichterin, mit der Kraft einer bedingungslosen Liebe.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Till Roeskens. Französisches Original

Lieber Papa

ich hoffe, du weißt, dass ich dir dankbar bin. Du warst ein selbstbewusster und gutgelaunter Vater, den auch andere Kinder gerne mochten. Du hattest die Geduld, mir Schwimmen, Fahrradfahren und Schach beizubringen. Hast mein Bett und den Kaninchenstall selbst gebaut.
Gabst mit oft das Gefühl, stolz auf mich zu sein. Vielleicht hatte ich manchmal den Eindruck, mich beweisen zu müssen, dich überraschen zu wollen. Besonders im Vergleich zu Mirjam, die dich so leicht zum Lachen bringen konnte.
Auch heute noch hängt es von meiner Tagesform ab, ob ich mich neben dir anstrenge oder unbekümmert bin. Wir haben einen guten Kontakt, aber eine kleine Distanz hat sich aufgebaut, seit du damals, kurz bevor ich vierzehn wurde, auszogst. Plötzlich war unsere Beziehung weniger selbstverständlich. Wir gewöhnten uns eine gewisse Vorsicht, eine übertriebene Höflichkeit an.
Vielleicht frage ich dich eines Tages, ob du das auch so siehst.

Deine Anna

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Robertsong

Prophezeiung deines Herzens

K L A N G

Ein Sommer, noch

K L A N G

K L A N G

K L A N G

Mon cher Robert, du wusstest es

 

K L A N G

rein von

ich werde gehen

WIR                                            K L A N G

da

Ein paar rote und salzige Tränen        und wieder gehen

 

Du schliefst ein

du und deine Asche

 

K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G

 

verstreut             auf             deinem         Wunschozean

 

Stirb wooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooohl

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Song auf Französisch. Französisches Original

Baba

nichts wünsche ich mir sehnlicher – Gott sei mein Zeuge, Erbarmungsvoller –, als dass Du endlich aufhören mögest, mich zu fragen, wann ich wieder heimkehren würde. Baba, versteh: Selbst wenn ich zu Euch oder auch einfach nach Molussien zurückkäme, würde ich nicht mehr Dombra spielen. Ich würde sie nicht einmal mehr richtig stimmen können, Wunschwunderkind hin oder her. Wirst Du das je anerkennen? Bitte, Baba, hör auf, mich mit diesem mitleidigen Blick anzuschauen, der mir sagt, dass mir das Wichtigste fehlt, das Schönste entgeht und mein Leben misslingt ohne Dombra. Nimm Mitja, er spricht schon im gleichen Tonfall davon: „Ach“, und er seufzt ganz wie Du, „Mama, wenn Du nur so gut spielen könntest.“ Er meint natürlich: So gut wie Du. Ja, nein, ich spiegele nicht den Glanz Deiner Größe. Ich habe Dich enttäuscht, und das bleibt die schlimmste Strafe. Ich verlasse die Dynastie – so lass mich in Frieden gehen, Baba.

                                            Firangiz

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Papa

Du hast es nicht zu sagen gelernt. Du kannst es nicht zeigen. Dein Vaterherz ist eine Schnitzeljagd. Keine große Empfangshalle. Niemand an der Gefühlsrezeption, um den richtigen Schlüssel auszuhändigen. Da galt es die Hintertürchen zu finden, die Spuren zu lesen, den Geheimgängen zu folgen, rauf und runter zu sausen im Paternoster. Ich dreh mich im Kreis, stelle die gleichen Frage, bekomme die gleichen Antworten. Der Vater und seine Tochter, die Älteste und ihr Alter, ein unmögliches Paar, ein Fantasie-Duo.
Angeblich wollte ich dich unbedingt heiraten. Laut Mama hatte ich einen ausgeprägten Ödipuskomplex. Du hast nichts davon erwähnt. Hast du es vergessen?
Erinnerungsblitze an diese Wut über alles, was unserer Annäherung im Wege stand, unsere Einsamkeit zu zweit. Die Abwesenheit war deine Vertretung. Und wenn du kamst, vergaßt du die Worte. Ich habe immer noch nicht das Rätsel dieses Schweigens gelöst. Die Wut ist verraucht. Die Liebe ist geblieben.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Till Roeskens. Französisches Original

Lieber Papa

Lieber Papa,
natürlich muss ich mein Zimmer aufräumen, den Tisch decken, Sand aus den Schuhen schütten und zwei Mal am Tag die Zähne putzen, mindestens zwei Minuten lang – das weiß ich alles, ich werde doch in drei Tagen sieben Jahre und fünf Monate alt. Nur hetz mich nicht immer so, ich mach doch schon, in meinem Tempo. Wenn der Bus sich verspätet oder der Postbote dein Buch knickt, brüllst du doch auch nicht gleich los. Natürlich wurdest du als Kind herumbefohlen und bestraft, weinen durftest du nicht. Nur: Die Zeiten haben sich geändert, das weißt du viel besser als ich, du lebst in einem anderen Land, du bist nicht wie dein Vater und die Väter vor ihm. Aber sie stecken noch in dir und brechen aus, besonders, wenn du gestresst bist (was du oft bist, seit du den Job bei dem Magazin angenommen hast – aber das ist ein anderes Thema). Frag mich bitte, Papa, akzeptiere, wenn ich Nein sage, verhandle mit mir. Lass mir meinen Willen, ich werde ihn später noch brauchen.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis

Franz Kafkas „Brief an den Vater“ zeigt beispielhaft, wie komplex und prägend Vaterbeziehungen sein können. Konflikte wie auch Gemeinsamkeiten zwischen Vätern und Kindern, scheint es, bleiben oft unausgesprochen. (Kafka jedenfalls hat seinen Brief nie abgeschickt.) Drohen Vater-Erinnerungen ungeteilt zu versinken? Siegt das Schweigen, das Verstummen? In ihrem ersten gemeinsamen Schreibprojekt prüfen die Autor*innen des Réseau des Autrices und von Other Writers Need to Concentrate den Vater auf Herz und Nieren. Über sprachliche und andere Grenzen hinweg. Denn am Ende kommt es auf sie an, auf die Väter. Auf die alten Väter, die unsere Leben begleite(te)n – oder nicht. Auf die jungen, mit denen wir unsere Kinder aufziehen – oder nicht. Auf die Väter, die wir lieben, und die Väter, die wir sind.

Mein lieber Papa, Papa P. B. von Marie-Pierre Bonniol
Lieber Papa von
Papa von Cécile Calla
Baba von Alexandra Ivanova
Robertsong von Ann Gaspe
Lieber Papa von Eva Brunner
Erlaubnis von Ana Cazor
Brief über keinen Vater von Janin Wölke
An jenem Abend von Julie Degaumin
Lieber Vater von Kerstin Campbell
Brief an meinen Vater von Laurence ErmacoVa
Lieber Papa von Marylise Dumont
Auch gestern war einer, wo ich noch nicht war, was ich bereits sein sollte von Clemens Böckmann
Brief an meinen Vater von Laure Zehnacker
Lieber Vater von Lorenz Just
Lieber Du von Dorothée Fraleux

Mein lieber Papa, Papa P. B.

Der Versuch, dir zu schreiben, bringt mich in ein höllisches Dreieck zwischen Realität, Fiktion und deinem Sprachverlust, deinem kollabierenden psychischen Inneren, deinem Körper, der sich kaum noch bewegt. Wie kann ich Worte verwenden? Ich kann dich nur in meinem Herzen ansprechen, ohne zu wissen, auf welcher Seite du dich befindest und ob und wie du uns siehst und wahrnimmst. Du gehst. Ich liebe dich. Du hast mir einen Strom des Vertrauens und des Glaubens gegeben. Ich verwandle sie meinerseits in einen weichen Schleier, den ich um dein Gesicht, deine Hände und deine Gedanken wickle. Ich bin etwas, das es nicht gibt, aber das dir gut ist. Ich bin eine Nachkommenschaft. Ein Mädchen mit deinem Namen, deinem Vornamen, deiner Größe, deiner Brille. Deine Nase. Schlaf großer Papa. Du warst ein guter Vater. Fühl dich geliebt.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Barbara Peveling. Französisches Original

Rarely Asked Questions – Hella Dietz

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Hella Dietz: Mich interessieren literarische Texte über Elternschaft, wenn sie jene tiefsten Gefühlen oder Ambivalenzen erkunden, denen zu begegnen uns schwerfällt – den schmalen Grenzen zwischen Liebe und Vereinnahmung, Glück und Bedrängnis, Freiraum und Vernachlässigung. Dazu zählen auch Texte, die wie Maren Wursters „Papa stirbt, Mama auch“ Elternschaft gewissermaßen vom Ende her erzählen: Was bleibt? Was erinnern wir Kinder von dieser Elternschaft – und wie prägt sie wiederum unsere eigene?

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft, und wieso kommt Vaterschaft als Thema ungleich seltener vor?
Hella Dietz: In gewisser Weise spiegelt sich in der Dominanz der Mutterschaft ja durchaus die Realität: Elternschaft wird zwar in der Theorie und in manchen urbanen Milieus gleichberechtigt gedacht, im Alltag aber weit stärker von Müttern verantwortet, Sorgearbeit wird (noch immer) häufiger für Frauen zu einer „zweiten Schicht“ (Arlie Hochschild), die gesellschaftlichen Erwartungen richten sich stärker auf Mütter als auf Väter, auch alleinerziehend sind in der großen Mehrzahl die Mütter. Diese Ausgangssituation zeigt sich in den Themen: den Erkundungen abwesender Väter, den Auseinandersetzungen mit Erwartungen an Mütter (etwa in „Ich, eine schlechte Mutter“ von Marguerite Andersen) oder mit Kinderlosigkeit. Sie erklärt, warum für Mütter die schwierigen Voraussetzungen des Schreibens ein wiederkehrendes Thema bleiben, während Väter häufiger betonen (können), dass Kinder keineswegs Kreativitätsbremsen seien. Zugleich ändert sich einiges. Elternschaft wird seit einigen Jahren vermehrt in autofiktionalen Formaten verhandelt – auch von Vätern. Und je mehr auch Vaterschaft als „Erfahrung von biographiestrukturierender Kraft“ (Hans Joas) erlebt wird, desto eher wird sich das Verhältnis auf lange Sicht ausgleichen.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Hella Dietz: Wenn wir auf die gesellschaftliche Realität, die unterschiedlichen Erwartungen und den vielzitierten Rat Reich-Ranickis an Judith Herrmann blicken: ja. Aber andererseits sind Väter und Mütter ja zwei höchst heterogene Gruppen, die Elternschaft ganz unterschiedlich und keineswegs entlang dieser Zuordnungen erleben – auch engagierte Väter müssen ihr Schreiben mit dem Alltag des Kindes in Einklang bringen, wie beispielsweise Jochen Schmidt in „Zuckersand“ beschreibt. Wichtiger scheinen mir gute Rahmenbedingungen, ein modernes Äquivalent des vielbeschworenen Dorfes, die gutes Schreiben ermöglichen.

Können Sie ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Hella Dietz: Gabriele von Arnims „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“.

Dr. Hella Dietz lebt als Soziologin, Autorin und Beraterin in Berlin. Ihre Kinder kamen 2008 und 2013 zur Welt.

Brandbekämpfung

Mein Sohn mag die Polizei, jeder vorbeirauschende Einsatzwagen wird von ihm registriert. Auch Rettungswagen stehen hoch im Kurs, sobald das Martinshorn in unserer Straße ertönt, flitzt er zum Fenster und klettert auf das Fensterbrett. Allein die Brandbekämpfung weiß ihn noch mehr zu begeistern. Mein Sohn ist Feuerwehr-Fan – so weit, so unspektakulär.
Letztens waren wir auf dem nordsächsischen Land, das Wetter war schlecht, das kulturelle Angebot rar. Geöffnet hatte allein das örtliche Feuerwehrmuseum, es war kein Problem, meinen Sohn zu einem Besuch zu überreden. Misstrauisch wurde ich bereits, als der ehrenamtlich arbeitende Museumsvorsteher uns unmaskiert entgegentrat und auf meine Frage, ob ich eine Mundbedeckung aufsetzen solle, knapp erwiderte: „Wegen mir nicht.“ Nun, dachte ich, er ist ja sozusagen ein Fachmann für Aerosole, er weiß, wohin der Rauch zieht, er wird die Luftzirkulation in seiner Ausstellungshalle überblicken können.
Im Innern der alten Feuerwache erwarteten uns Schläuche, Spritzen und Einsatzwagen, mein Sohn jagte von Exponat zu Exponat. Mir dagegen fiel mehr und mehr der Fokus auf die „Feuerschutzpolizei“ aus dem Dritten Reich auf, mir fiel das Schild an der Treppe auf, das den Weg zum als „Führerhauptquartier“ bezeichneten Museumsbüro wies. Weitere eindeutige Exponate gab es im Garten zu sehen – sie hatten allerdings mehr mit Brandstiftung denn mit Feuerbekämpfung zu tun. Mein Sohn ist Feuerwehr-Fan, und ich gab mir alle Mühe, ihn so schnell wie möglich aus dem Museum zu bugsieren.
Am Abend telefonierte ich nach langer Zeit wieder einmal mit meinem Vater. Ich erfuhr, dass er sich zwar spritzen lassen habe, aber nicht an die Impfung glaube. Danach beschwerte er sich, dass er nicht in den Urlaub jetten könne wegen der Brände am Mittelmeer. Ich dachte an das Löschflugzeug, das am Vortag in die Flammen gestürzt war. Ich dachte an meinen Sohn, der nebenan unter seiner Feuerwehrdecke schlief. Ich freute mich darauf, dass wir uns bald auf Augenhöhe begegnen würden – und ich hoffte, dass die Welt dann eine andere, eine bessere wäre.