To-Do-Liste (KW 42)

  • neue Halbschuhe für L (32 oder 33?), evtl. auch zwei neue Hosen
  • Rewe-Bestellung
  • Biokiste
  • Bauanleitung für Flügel
  • Jakob, Theo => Schulanfangsgeschenke?
  • Holzleim oder Montagekleber  Baumarkt?
  • Korkpapier
  • mind. 1x joggen
  • Freifläche recherchieren (Volkspark/Clara-Park)
  • Wettervorhersage?
  • Sa Abend: L zu Oma + Opa, Abschiedsgeschenk? Abschiedsbrief?
  • Flügel ankleben, Anlauf nehmen, losfliegen

Take Care: Andrea Karimé & Barbara Peveling (IV)

Liebe Andrea,

jetzt ist der Ramadan schon wieder vorbei und ich möchte Dir zum Abschied noch aus meiner Lektüre vom Rand schreiben: Mohamed Mbougar Sarr, der letztes Jahr den Prix Goncourt erhielt – und kannst Du Dir vorstellen, dass ein*e diverse Autor*in ohne Staatsbürgerschaft den deutschen Buchpreis erhält? –, Sarr jedenfalls schreibt Un grand livre n´a pas de sujet et ne parle de rien, il cherche seulement à dire ou découvrir quelque chose, mais ce seulement est déjà tout, est ce quelque chose est déjà tou. – Ein großes Buch hat kein Thema und spricht über nichts, es versucht nur, etwas zu sagen oder zu entdecken, aber dieses nur ist bereits alles, und dieses etwas ist bereits genug.
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Kommt man mit Kindern überhaupt zum Schreiben?

… eine Frage, die mir so oder so ähnlich schon häufig zu Ohren gekommen ist. Und sie befremdet mich jedes Mal aufs Neue. Ich habe nie besser geschrieben als nach der Geburt meines ersten Sohnes. Kinder strukturieren den Tag. Kinder fokussieren. Kinder verhindern den Exzess. All die Schlupflöcher im Arbeitsprozess sind gestopft, meine Wahrnehmung von Zeit hat sich grundlegend gewandelt. Kommt man mit Kindern überhaupt zum Schreiben? Von der Elternzeit einmal abgesehen, stehen jedem Elternteil, sofern die Kinderbetreuung gewährleistet ist, doch wieder volle Arbeitstage zur Verfügung. Inwiefern sollen Kinder also den Akt des Schreibens behindern? Die Fragestellung intendiert bereits, wie sie zu beantworten ist. Denn um Kinder kümmert man sich in der Regel in den Morgenstunden, an den Nachmittagen und am Wochenende – also außerhalb der gängigen Arbeitszeiten. Genau dort aber wird mit der Frage jedoch das Schreiben eingetaktet: in der Freizeit und den Ruhephasen. Meine Antwort lautet darum stets: Nicht Kinder halten mich vom Schreiben ab, sondern Lohnarbeit, die Ausbeutung meiner Arbeitskraft. Und dass diese Einsicht nicht sonderlich verbreitet ist, scheint mir im Zusammenhang mit der vorherrschenden Ideologie unserer Zeit zu stehen. Wer keine Arbeit findet, der gibt sich keine Mühe. Wer unglücklich ist, der muss sein wahres Ich entdecken. Und wer wirklich schreiben möchte … Statt im Verbund für die Verbesserung der ökonomischen Situation von Autor*innen zu kämpfen oder sich, mit der zur Verfügung stehenden Wortmacht, für eine gerechtere Gesellschaft einzusetzen, wird das eigene Leben auf den Schreibtisch beschnitten – natürlich wird der Verzicht zugunsten der Kunst mit großer Geste als selbst gewählt gefeiert –, und ein angebissener Apfel pulsiert als passable Pointe auf den Laptoprücken.

Take Care: Andrea Karimé & Barbara Peveling (III)

Habibi, Andrea!

Vielleicht, liebe Andrea, ist es der Frieden mit sich selbst, den wir erst einmal schließen müssen.
Wo anfangen und wie?
Das habe ich mich die letzten Tage gefragt, nachdem ich Deine Zeilen gelesen haben.
Wenn ich auf diesen Krieg in der Ukraine blicke, dann muss ich mir selbst eingestehen, dass ich nichts von dieser Welt verstanden habe. Vor sieben Jahren, als aus Syrien zu uns eine Welle grausamer Bilder flutete, habe ich einen Text auf Social Media geschrieben „Grenzer zum Grenzen ficken“. Der Text hat dann den Wettbewerb von dem Literaturmagazin „Fettliebe“ gewonnen. Wenn ich mir die Ränder der Welt so anschaue, so denke ich, es ist doch das Beste, was einem passieren kann, wenn man für und über genau diese Ränder schreibt. Oder, was meinst Du?
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Rarely Asked Questions: Viele Fragen, wenig Antworten

So viele Fragen waren es gar nicht, die wir − Eva Brunner und Sebastian Weirauch − über fünfzig Kulturinstitutionen mit Literaturstipendien per Mail gestellt haben. Sieben freundliche, offen gestellte Fragen, bei denen keine Institution ihr Gesicht verlieren sollte. Wir wollten zum Beispiel wissen, ob Autor*innenschaft und Elternschaft − als Gleichzeitigkeit oder aber als Konflikt − eine Rolle bei den Stipendiat*innen spielen oder inwieweit es Fördermöglichkeiten für Autor*innen gibt, die auch Eltern sind bzw. „Care-Arbeit“ leisten. In diese Frage bauten wir eine Reihe von hilfreichen Maßnahmen als Beispiel ein (Unterbringung und Betreuung der Kinder, Lockerung der Residenzpflicht usw.). Wir ahnten, dass es wenig Rücklauf auf die Befragung geben würde, obwohl sie eine Chance der Selbstdarstellung auf dem Blog bot, wir hofften, dass sich das Thema und die Vorschläge alleine durch die Lektüre der Fragen ein kleines Stückchen weiter ins Bewusstsein schieben würde.
Gründe, nicht zu antworten, gibt es natürlich einige. Fehlende Zeit und Lust, sich nicht aus dem Fenster lehnen wollen, das Unbehagen zu wissen, dass Kulturförderung nicht per se gut ist, sondern bestehende Ungleichheiten, Marginalisierungen von Stimmen auch reproduzieren und verstärken kann.
Letztlich können wir über die geringe Resonanz nur spekulieren. Desinteresse wird es wohl nicht gewesen sein. Vielleicht ist man sich in den einzelnen Institutionen der Konflikte von Autor*innenschaft und Elternschaft bewusst und vielleicht will man ja in einzelnen Fällen auch unterstützend wirken – nur eben unterhalb des Radars, unausgesprochen und das heißt zugleich auch: unverbindlich. Möglicherweise aus der Befürchtung heraus, sonst Präzedenzfälle oder Verpflichtungen zu schaffen, aus denen dauerhafte, zusätzliche Kosten erwachsen. Kosten, die dann auch andere öffentlich geförderte Institutionen tragen müssten. Aber bekanntermaßen herrscht eine lebhafte Konkurrenz um Gelder auch auf der Ebene der Kulturpolitik, gerade in krisenhaften Zeiten, und auch private Förderer wachsen nicht gerade auf Bäumen. Alles Faktoren, die wenn nicht einen Backlash, so doch einen Konservativismus befördern, der vor derartigen Innovationen zurückschreckt.
Neben einem ausgefüllten Interview erhielten wir einen Veranstaltungshinweis, eine Romanempfehlung und den Verweis auf eine Studie im Auftrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia zum Geschlechterverhältnis im Schweizer Kulturbetrieb. Die Studie zeigt, dass noch viel zu tun ist, und empfiehlt weitere Studien, die unter anderem der Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärker nachgehen.
Immerhin überhaupt eine Resonanz, ein paar Funken, ein Aufglimmen. Auf dass sich die vielen Stimmen und Bemühungen gegenseitig befeuern, immer dichtere Netze entstehen, an denen von unten, aber auch zentral von oben gewebt wird, solange bis eine neue faire Ordnung hergestellt ist und Kinder und Autor*innenschaft sich nicht länger im Weg stehen.

Rarely Asked Questions: Villa Aurora

Eva Brunner und Sebastian Weirauch haben versucht, für „Other Writers need to concentrate“ mit deutschsprachigen Kultur- und Förderinstitutionen Interviews zum Thema Autor*innenschaft und Elternschaft zu führen. Von den über fünfzig angeschriebenen Institutionen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, den USA und der Türkei kam allerdings fast gar keine Resonanz. Ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass diese Themen heikler sind als viele denken?
Umso erfreulicher, dass die Direktorin der Villa Aurora in Kalifornien (USA), Dr. Claudia Gordon, sich die Mühe gemacht hat, unsere Fragen zu beantworten.

Können Sie kurz sich selbst und die Institution, die Sie vertreten, vorstellen?
Die Villa Aurora fördert als Künstler:innenresidenz und als Ort internationaler Kulturbegegnungen den deutsch-amerikanischen Kulturaustausch. Als Haus der Erinnerung hält sie das Andenken an die Künstler:innen und Intellektuellen wach, die in Kalifornien während der Zeit des Nationalsozialismus Zuflucht fanden und einen bedeutenden Einfluss auf das Kulturleben an der amerikanischen Westküste hatten.

Welche literarischen Förderprogramme gibt es bei Ihnen und wie sind sie im Einzelnen ausgerichtet?
Die Villa Aurora vergibt jährlich drei dreimonatige Stipendienaufenthalte in der Sparte Literatur. Bewerben können sich Künstler:innen, die bereits mit Werken oder Publikationen an die Öffentlichkeit getreten sind: Voraussetzung ist die Veröffentlichung eines Buches. Die Stipendiat:innen erhalten Unterstützung bei der Umsetzung geplanter Vorhaben und begleitender Recherchen sowie bei der Vernetzung mit Partnern:innen und Institutionen.

Inwiefern würden Sie sagen, spielen Autor*innenschaft und Elternschaft – als Gleichzeitigkeit oder aber als Konflikt − eine Rolle bei Ihren Stipendiat*innen?
VATMH (Villa Aurora & Thomas Mann House) erhält zuweilen Anfragen von Bewerber:innen, die Schwierigkeiten haben, den Stipendienaufenthalt mit der Betreuung ihrer Kinder in Einklang zu bringen. Dies gilt für Künstler:innen aller Sparten. Viele Stipendiat:innen entscheiden sich trotz der Begrenzung von Besuchszeiträumen für den Antritt des Stipendiums. In der Regel handelt es sich hierbei um Männer. In Sonderfällen, zum Beispiel wenn das lokal vorgegebene Bewohner:innenlimit aufgrund der Auslastungssituation nicht überschritten wird (Vgl. unten „CUP“), konnte die Mitnahme von Familienmitgliedern ermöglicht werden.

Inwieweit gibt es bei Ihnen Fördermöglichkeiten für Autor*innen, die auch Eltern sind bzw. „Care-Arbeit“ leisten? Gibt es z.B. Möglichkeiten zur Unterbringung von Kindern, zur Reisekostenübernahme für Kinder oder Möglichkeiten, Betreuungsangebote vor Ort zu nutzen (Kindergärten, Schule)? Oder aber gibt es flexiblere Stipendiatszeiträume, Lockerungen der Residenzpflicht oder digitale Angebote, die es erlauben, Autor*innen- und Elternschaft vereinbarer zu gestalten?
Die Villa Aurora hat eine Übereinkunft mit der Stadt Los Angeles, die das Betreiben einer Residenz inklusiver öffentlicher Programme in einem Wohngebiet ermöglicht. Diese Conditional Use Permit (CUP) legt unter anderem die Anzahl der Bewohner:innen im Haus fest. Künstler:innen steht außerdem ein eigenes Schlafzimmer mit Bad zur Verfügung, sämtliche andere Räume (inklusive der Arbeitsbereiche) werden aber gemeinsam bewohnt. Seit das Residenzprogramm nach der pandemiebedingten Pause wieder aufgenommen wurde, ist das Haus fast durchgängig voll belegt. Wir möchten also Künstler:innen ermutigen, die Frage nach der Möglichkeit eines Familienaufenthaltes zu stellen, und sind bemüht, Lösungen zu finden, können aber langfristige Aufenthalte von Familienmitgliedern nicht in allen Fällen garantieren. Besuch ist auf die Dauer von zwei Wochen begrenzt. Aus Personal- und Finanzierungsgründen kann VATMH die Betreuung von Kindern nicht übernehmen bzw. organisieren. Bei der Suche nach geeigneten externen Unterkünften ist VATMH gerne behilflich. VATMH gewährt Kindergeld, jedoch keine Zuschüsse für die Anmietung von zusätzlichem Wohnraum für Familienmitglieder. Eine Lockerung der Residenzflicht oder Umwandlung in Digitalstipendien zugunsten familiärer Care-Aufgaben ist im Falle eines deutschen Aufenthaltsstipendiums in den USA nicht zielführend. Die Regeln zur Auszahlung von Stipendien sind von der fördernden Institution, in diesem Fall dem Auswärtigen Amt, vorgegeben.

Welche Formen der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Themengebiet Autor*innenschaft und Elternschaft würden Ihnen lohnenswert erscheinen? Haben Sie vielleicht einen Lektüre- oder Filmtipp? Oder fallen Ihnen Autor*innen und Werke aus Ihren Programmen ein, die sich mit dem Thema befassen?
Bernadette Conrad, Die kleinste Familie der Welt (2016), Bettina Wilpert, Marc Fromm.

Was ist Ihre Prognose: Inwiefern werden Autor*innenschaft und Elternschaft in der künstlerischen Förderlandschaft in Deutschland, im deutschsprachigen Raum oder auch international in Zukunft eine Rolle spielen?
Mit zunehmendem Bewusstsein der besonderen Abhängigkeit von Künstler:innen von Stipendien wird auch die Unvereinbarkeit mancher Residenzprogramme mit Care-Aufgaben stärker ins Bewusstsein der Institutionen und der Öffentlichkeit bringen. Die Regelungen der Villa Aurora zur Familienunterbringung werden derzeit evaluiert.

Take Care: Andrea Karimé & Barbara Peveling (II)

Liebe Andrea,

deine Erzählung über die Angst, nicht nach Hause zu kommen, hat mich sehr berührt. Und nachdenklich gemacht. Beim Lesen habe ich in mich gehorcht, ob sie auch in mir wohnt, diese Angst. Dabei habe ich entdeckt, dass meine größte Sorge, die ist, dass ein geliebter Mensch nicht zurückkommen könnte. Eine Umkehrung deiner Angst also?
Der Moment, als meine Mutter ins Zimmer trat und sagte, Papa ist tot, ist für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Mein Vater hatte versprochen, sein Jagdgewehr zu verkaufen. Stattdessen hatte er es im Haus versteckt. Er litt schon lange an Depressionen.
Ich war sieben Jahre alt.
Die Angst und ihre Gewalt haben mich seither immer begleitet. Denn der Kreislauf der häuslichen Gewalt beginnt eigentlich meistens mit der Angst des Mannes.
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Other Writers trifft Café Entropy: Katharina Bendixen im Museumscafé Götz, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

mama kann ich eine saftschorle ich will eine saftschorle hast du gehört dass ich eine saftschorle will na gut ich hätte bitte gerne eine saftschorle das war mit bitte warum nur eine kleine ich will eine große nein ich kriege keine bauchschmerzen ich kann hundert gläser austrinken tausend gläser kann ich austrinken was ist das eigentlich zucker wie im kuchen meinst du darf ich kosten okay ich sehe was was du nicht siehst wann kommt meine saftschorle und das ist grün nein nein nein die kerze auf dem tisch ich geh mal nach vorn zum kuchen ich gucke nur versprochen mama du magst doch schokokuchen du kriegst ein stück schokokuchen und ich kriege einen monsterkeks ja schon gut darf ich wenigstens eine tüte zucker aufreißen ich sehe was was du nicht siehst und das ist langweilig nein nein nein nein hier ist es langweilig nur einen finger voll zucker das war nicht ich das war der stuhl der stuhl ist von allein umgekippt wann kommt denn nun meine saftschorle und wenn ich den zucker dann wegwerfe wenn zucker so ungesund ist ist es doch gut wenn ich ihn wegwerfe ich geh noch mal nach vorn der weiße kuchen sieht auch lecker aus ja schon gut ich sehe was was du nicht siehst und das ist rot nein nein nein ist das für uns danke mama ich kann blasen mama ich kann schlürfen mama okay ich verrate dir was ich rotes gesehen habe eine wolke mit einem wal davor der als feuerwehrmann verkleidet ist siehst du ihn nicht da oben

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
In Cafés geschrieben habe ich so gut wie nie. Aber bevor meine Kinder zur Welt kamen, habe ich manchmal in Cafés gelesen, und natürlich habe ich mich viel öfter mit Freund*innen auf einen Kaffee getroffen. Tagsüber mit einer Freundin einen Kaffee trinken oder im Café lesen: Beides fühlt sich derzeit – im durchgetakteten, stets effizienten Elternmodus, leider! – wie ein absoluter Luxus an. Ist es ja auch: ein Luxus, den ich mir wahrscheinlich öfter gönnen sollte.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Als sie noch Babys waren, saßen sie auf meinem Schoß, schauten sich um und lautierten immer mal ins Gespräch hinein. Das hat gut geklappt. Inzwischen wollen sie in Cafés meine ungeteilte Aufmerksamkeit, große Fruchtsäfte mit Strohhalm und irgendein Essen, das nicht auf der Karte steht. Und die meisten Cafés (und deren Gäste) tun sich schwer daran, sich auf diese unmittelbaren Wünsche einzustellen. Deswegen gehe ich mit den Kindern nur im eher seltenen Zustand der absoluten Entspannung ins Café. Aber wenn wirklich alle entspannt sind, dann kann es im Café sehr schön und lustig werden, und manchmal entstehen dann Momente, die mich für Wochen durch den Alltag tragen.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Andrea Karimé & Barbara Peveling (I)

Liebe Andrea,

„Die Scham ein Mädchen zu sein“, dieser Satz von Dir aus Deinem erzählerischen Essay „Granatapfellicht. Scham Rasse Geschlecht. Das goldene Kamel“ ist mir in Erinnerung geblieben. Eigentlich habe ich es auch so empfunden habe, als zweitgeborenes Mädchen, dass meinem Vater der Sohn fehlte. In der westdeutschen Provinz der 80er war es schon in Ordnung, als Erstgeborenes ein Mädchen zu haben, aber das zweite oder auch dritte sollte dann doch bitte ein Junge sein. Denn ein männlicher Nachkomme zeugt von Virilität, ein Mädchen hingegen nur von Schwäche, Kontrollverlust. Und so habe ich mir als Kind große Mühe gegeben, der Junge in der Familie zu sein: Ich war wild, unbändig, widerspenstig und laut. Später habe ich mein Verhalten in der Kindheit oft als Feminismus interpretiert, weil ich so gerne Robin Hood spielte, mit mir selbst in der Hauptrolle. Aber das war eine Fehlinterpretation, es war nur eine weitere Form der Anpassung, um diese eine soziale Rolle zu bedienen, die in unserer Familie eine Leerstelle war und die ich zu füllen mich bemühte, indem ich gesellschaftliche Klischees bediente: ein Junge zu sein, laut und wild.
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Mütter, die gehen (III): Zeit für ein Zeichen

Seit vor vier Monaten der zweite Text in der Reihe „Mütter, die gehen“ erschien, habe ich viele Gespräche über Mutterschaft und Elternschaft geführt, fand mich notierend, recherchierend, schreibend, beobachtend wieder.
Was mir im Austausch innerhalb von Freundinnenschaften überwiegend begegnet, wofür auch ich sensibler geworden bin, sind die Umstände, unter denen Mutterschaft stattfindet – in einer Paarbeziehung, nach einer Trennung, inmitten von vielen Auseinandersetzungen. Ich spreche mit Frauen, Müttern, Freundinnen über nachgeburtliche mentale und körperliche Verfassungen und den Anteil struktureller Ursachen daran. Wir reden über Abwertungen unserer Familien- und Sorgearbeit vom lohnarbeitenden anderen Elternteil – über fehlendes Verständnis, über die Kämpfe innerhalb von Partnerschaften hinsichtlich Kinderzeiten, Arbeitszeiten, freien Zeiten. Wir sprechen über Schuldzuweisungen, mit denen wir als Mütter nach einer Trennung und der Forderung nach einem Wechselmodell umgehen müssen, ebenso wie über die Wechsel, die kinderlose und die kinderreiche Zeit und die damit einhergehenden emotionalen Zustände und Aushandlungen mit uns. Thema ist auch die oft schwierige Beziehung von Müttern zu ihren Töchtern vice versa.
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