Der Wasserlauf

Hallo Papa! Heute zeige ich dir den Wasserlauf!, sagt A. zu Beginn des Videos, das sie mir während einer Woche schickt, in der wir uns nicht sehen werden. Dann fängt sie an zu trinken, mit zwei Strohhalmen gleichzeitig, aus zwei vollen, großen Wassergläsern. Sie trinkt und trinkt, anfangs mit großer Begeisterung, später mit zunehmender Verzweiflung, schließlich kämpft sie damit, dass sie sich wahrscheinlich doch zu viel vorgenommen hat. Woher sie das Wort „Wasserlauf“ hat, weiß ich nicht, und was das, was sie da tut, mit einem Lauf zu tun hat, kann ich mir auch nicht erklären. Aber „Wasserlauf“ wird für die nächsten Tage ein kleines Lieblingswort von mir, und auch wenn ich sie für ihre Bauchschmerzen und Übelkeit bedaure, die sich schon am Ende des Videos zeigen, trage ich ihren Mut und ihre Verwegenheit in dieser Woche mit mir herum und bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie diesen Anflug kindlichen Wahnsinns ausgerechnet mit mir teilen wollte.

Haltet euch bereit (II): Ein guter Hahn legt auch mal ein Ei

Illustration: Caroline Winkler

Herr Hahn hatte, seinem Namen zum Trotz, keinen Erfolg bei den Frauen. Er war im besten Alter, lebte aber allein, und langsam musste er davon ausgehen, dass sich sein Wunsch nach Familie nicht erfüllen würde.
Es gab eigentlich keinen Grund dafür. Er hatte einen vernünftigen Beruf, in dem er genügend Geld verdiente. Er wohnte in einer großzügigen Dreizimmerwohnung mit Rasen hinterm Haus. Er konnte kochen und mochte Tiere, er war eine gute Gesellschaft, sah auch nicht schlecht aus, sah normal aus. Vielleicht lag es daran: Er war, in allen Bereichen, ein wenig zu normal.
Es kam ihm deshalb nicht ungewöhnlich vor, als er mit Ende dreißig das eine oder andere Kilo zunahm. Er hörte mit dem Rauchen auf, der Gesundheit wegen. Instinktiv beschloss er, auch keinen Alkohol mehr zu trinken, er vermisste das Bier am Abend nicht. Stattdessen überkam ihn nun manchmal ein unstillbarer Appetit auf rote Beete. Herr Hahn schlief länger, trank nach dem Aufstehen koffeinfreien Kaffee. Er nahm mehr und mehr zu, doch es störte ihn nicht, er fühlte sich angekommen.
Was wirklich vorging, verstand er erst, als er anfing, Folsäure einzunehmen. Überrascht hielt er eine Hand vor den Mund. Dann stellte er sich vor den Spiegel und legte dieselbe Hand auf den prallen, runden Bauch.

Haltet Euch bereit ist ein Gemeinschaftsprojekt von Franziska Gerstenberg (Text) und Caroline Winkler (Illustration), das aus rund 20 gemeinsamen Arbeiten besteht. Other Writers Need to Concentrate publiziert eine Auswahl.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (III)

Liebe Martina,

in deinem Brief sprichst du ein Thema kritisch an, das für Other Writers zentral ist: Das „Nachdenken über Aspekte der Kunstausübung“ – wie du es so genial nennst. Eigentlich ist das ja der Kern des Blogs: Unter welchen Umständen schreibe ich? Warum geht das so schwer zusammen, das Schreiben und Kinder großziehen? Pragmatismus ist bei diesen Fragen ganz sicher der richtige Ansatz, wenn es um konkrete Fälle, um die Ausrichtung des eigenen Arbeitsalltags geht. Ja, das ist es, das muss ich ganz ehrlich sagen, was mich auch ein bisschen Distanz halten lässt zu Projekten, die strukturelle Schwierigkeiten dokumentieren, wie eben unser Blog. Weil das – ehrliche und voll gerechtfertigte – Lamento eben auch entmutigen kann. Und irgendwie muss ich ja mit meinem Leben und mit meinem Schreiben zurande kommen. Reflexion hat auch Grenzen, es muss sich was ändern. Und wenn es erstmal nur Lösungen im Kleinen sind, sie müssen her, jetzt. (Und dann, an gewissen Punkten, immer für eine Weile, gibt es noch den „Zustand der Akzeptanz“ – der auch Energien freisetzen kann. Aufhören zu kämpfen. Eigenes Ding machen. Sich nicht verzetteln.) Ein uraltes Problem. Reden über Probleme ist unverzichtbar, aber es gibt auch Grenzen des Redens. Es gibt auch Gespräche, die verpuffen, weil sie dann doch nichts zu verändern vermögen. Oder die schlimmstenfalls sogar so viel Energie rauben, dass es danach erst recht an Tatkraft fehlt.

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Sounds Different: Malika Alaoui

An einem dunklen Berliner Nachmittag empfängt mich Malika Alaoui in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen Obst und Kaffee, auf dem Arm trägt sie ein achtmonatiges Kind, das mich aus großen dunklen Augen mustert. In ihrem Blick entdecke ich die typische Erschöpfung der ersten Jahre des Mutterseins und der (sehr) schlechten Nächte. In ihm nehme ich auch einen neuen Ausdruck wahr, den ich von ihr nicht kenne. Entspannung? Reifung? Bewusstsein? Wahrscheinlich alles zusammen.
Die Bühne, das Musikmachen und die musikalische Zusammenarbeit mit anderen Musiker:innen sind seit ihrer frühesten Kindheit ein zentraler Bestandteil von Malikas Leben. Wenn sie mir von ihrem Werdegang erzählt, habe ich das Gefühl, ein Bühnenwunder vor mir zu haben; jemanden, der nicht leben kann, ohne Musik und Emotionen mit dem Publikum zu teilen. Sie ist in erster Linie Sängerin, aber auch Tänzerin, Songwriterin und Projektinitiatorin und interessiert sich für alle Formen der darstellenden Kunst. „Selbst in Zeiten von Covid und Lockdown“, erzählt sie mir mit leuchtenden Augen, „habe ich es geschafft, wenigstens ein paar Mal aufzutreten.“

Bevor sie Mutter wurde, hetzte Malika Alaoui von einem Konzert zum nächsten, von der Berliner Jazzszene gefragt, aber auch von zahlreichen Weltmusik- und Zirkusprojekten, Masterclasses, und dies europa- und weltweit. Wie sieht es heute aus? Sie und ihr Lebensgefährte haben die Entscheidung getroffen, ihr Kind nicht vor seinem ersten Geburtstag in die Kita zu schicken. Malika erinnert sich daran, dass sie sich vor der Geburt überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte und dass sie, als das Kind da war, weder Zeit noch Energie hatte, sich mit der Frage zu beschäftigen. „Außerdem hätte ich ihn nicht jeden Tag in die Betreuung geben können „, fügt sie hinzu. Wir waren ja in Corona-Zeiten; auch dies habe sie nicht dazu besonders ermutigt. „Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, während dieser Zeit nichts von meinen künstlerischen Verpflichtungen abzusagen“, sagt sie weiter. Hut ab!, denke ich. Sie erzählt weiter, dass sie sogar regelmäßig – mit ihrem Säugling im Publikum – auf der Bühne stehen und weiterhin an Aufnahmen mitarbeiten konnte. „Ich hatte vor, wenn ich ein Kind bekommen würde, es vollständig in mein musikalisches Leben zu integrieren, und deshalb war ich gerührt, als ich sah, dass es gut funktioniert“, sagt sie und schaukelt sanft ihr Baby.

Erstmal klingt es ziemlich gut, wie sich bei ihr alles einpendelt, denke ich nicht ohne Neid – denn ich empfand dieses erste Jahr damals wie ein einziges Chaos. Dennoch ist die Musikbranche noch nicht sensibilisiert für diese Fragen. Die Betreuung von Künstler:innen, die mit einem Kind oder Säugling auf Tournee gehen, ist nach wie vor rudimentär oder schlecht organisiert, Kinderbetreuung wird kaum bzw. gar nicht finanziell unterstützt. Es liegt an den Künstler:innen, zu kämpfen und von Fall zu Fall bessere Bedingungen einzufordern, wie Malika es macht, auch auf die Gefahr hin, die Arbeitsatmosphäre mit bestimmten Kulturstätten oder Institutionen zu verschlechtern. Malika sagt noch, sie sei froh, einen Partner zu haben, der sich engagiert und ihre beruflichen Anforderungen versteht. Auch wenn sie die Hauptlast der Betreuung des Kindes trägt, konnte sie dank seiner Hilfe und Begleitung auf Tourneen ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Am schlimmsten ist der Schlafmangel. Bis vor kurzem wachte ihr Baby nachts unzählige Male auf. Und auch die Tage sind kurz. Malika nutzt jede freie Sekunde, um zu proben, zu singen, Aufnahmen zu machen und berufliche E-Mails zu beantworten. Eine Stunde hier, zwei Stunden dort. Nachdem das Baby ins Bett gebracht wurde, sitzt sie noch lange an den Aufnahmen, die sie fertigstellen muss. Mit oder ohne Konzentration, mit oder ohne Muse, es ist hier egal, die kostbare Zeit muss genutzt werden. Manchmal frustriert sie das Gefühl, ihrem künstlerischen Anspruch nicht hundertprozentig gerecht werden zu können. Teufelskreis der Überforderung… Letztens hat sie festgestellt, dass sie für sich selbst so gut wie keine Erholungszeit nimmt.

Ja, das wird sich alles wieder einrenken. Wenn es älter werden wird, wird dieses kleine Kind mit dem intensiven Blick selbstständiger werden und seine Eltern werden nach und nach ihr eigenes Leben wieder in den Griff bekommen. Malika Alaoui wird wieder persönliche Projekte initiieren und mit anderen Künstler:innen zusammenarbeiten können. Sie wird wieder mit oder ohne ihren Sohn auf Tournee gehen und weiterhin ihre Karriere als Bühnenfrau verfolgen. Aber sind diese schwierigen ersten Elternschaftsjahre ein unabwendbares Schicksal? Ich kann nicht anders, als zu hoffen, dass den Müttern und Vätern nach uns während ihres Starts in das Elternleben von der Musikszene mehr Unterstützung und mehr Verständnis zuteilwird. Für unsere Entfaltung, die unserer Kinder und die unserer Kunst.

Mehr zur Arbeit von Malika Alaoui unter www.malika-alaoui.com. Hörempfehlung: Auszug aus ihrer Performance „NOW“.

Other Writers trifft Café Entropy: Barbara Rieger im Wirr (Bar & Restaurant), Wien

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

wir wie Verbrecher*innen
kehren an Tatorte zurück
Europa Espresso Alt Wien Anno
WIRR wie die Zeit sich in
neue Einheiten teilt mit dir
im Phil im Podium wie
jemand sagt „nur wer sich
um Kinder gekümmert hat,
hat das Leben wirklich verstanden“
wie Zwischenapplaus
wir wie eine Familie
vertauschen Bunkerei und Moserei
„ein großer Turm“ sagst du und sammelst
Steine während immer irgendwo
während immer auch in mir ein
KRIEG und wir mit Luxusproblemen
bestellen Verlängerten Melange
und Milchschaum für dich
und für eine Zeiteinheit ist
alles gut

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Am Land, wo ich derzeit lebe, gibt es das kinderfreundliche Café „treibgut“. Oft gehe ich alleine hin, um dort zu arbeiten, oft auch mit meinem Kind. Für uns beide ist es ein Kraftort, ein Ort zum Runterkommen und Auftanken.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Mit Kind schreibe ich nicht, beobachte weniger und wische dafür mehr Tropfen und Krümel vom Tisch.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (II)

Liebe Martina,

ich habe mich so gefreut, deinen Brief zu erhalten! Ich schätze deine eher positive, optimistische Perspektive auf das Care-Thema sehr und finde es wichtig, dass wir uns hier im Blog über gelungene Modelle der schriftstellerischen Mutterschaft oder des mütterlichen Schriftstellerinnentums austauschen. (Du siehst schon, mir fällt es auch schwer, die richtige Bezeichnung zu finden. Am liebsten mag ich momentan die offene englische Wendung „Writing with Care“.) Das ist es ja, worum es am Ende geht. Zu zeigen, dass Kinder aufziehen und künstlerisch arbeiten sich nicht gegenseitig verbieten, sondern dass diese Kombination verbreitet ist und zudem wunderschön und konstruktiv sein kann. Für Personen jeglichen Geschlechts. Dass das aber durch äußere Strukturen wahrgenommen, unterstützt und gefördert werden muss. Das Lebensglück von vielen kleinen und großen Menschen hängt schließlich daran. Dass deine Kinder dir sagen, sie hatten eine glückliche Kindheit, ist wunderbar! Ein größeres, tolleres Kompliment kann ich mir als Mutter (oder Elternteil) kaum vorstellen. Und auch du hast dich selbst „glücklich“ gemacht, indem du die Kunst parallel zur Mutterschaft mit vollem Ernst betrieben hast. Natürlich wäre es auch für die Kinder falsch gewesen, hättest du dir „ihnen zuliebe“, einer vermeintlichen „Stabilität“ zuliebe, einen Job gesucht. Es wäre falsch gewesen, weil es dir dann schlecht gegangen wäre. Bei mir selbst fällt mir ja immer wieder auf, wieviel zugewandter und kreativer ich im Umgang mit meinen Kindern bin, wenn es mir gut geht.

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Mütter, die gehen (I)

Ich bin 38, Mutter von drei Kindern und gegangen. 2015 verließ ich unser Haus auf dem Land, um im 50 km entfernten Ort ein künstlerisches Studium, zu beginnen.
Die darauf folgende Zeit war geprägt von Gewissensbissen, Vorwürfen, Unverständnis und – unfassbarer Entfaltung. Eine nicht gekannte Freiheit, mit der ich nach und nach lernte, umzugehen und sie zu nutzen.
Zunächst pendelte ich an den Montagen hin, freitags zurück, um die Wochenenden im Haus mit meinen Kindern und meinem Partner zu verbringen. Nachdem wir unsere Paarbeziehung ein halbes Jahr später beendeten, entschied ich mich auszuziehen und meinen Lebensmittelpunkt in den Studienort zu verlagern. Meine Kinder holte ich alle zwei Wochen an den Wochenenden sowie in der Hälfte der Ferien zu mir. Ich weiß nicht mehr, wie wir das im Detail organisiert haben – ich hatte anfangs nur ein WG-Zimmer, erst später zwei, – aber es ging. Und ich würde es wieder so machen. Heute lebe ich mit meinen Kindern im Wochenwechsel in Leipzig. Wir sind glücklich. Uns geht es gut. Und währenddessen sind wir in regelmäßigen Austausch über das Modell, welches wir leben.
Als Mutter zu gehen ist ein sensibles und schwieriges Thema, umso wichtiger, endlich in einen offenen Dialog darüber zu kommen, zu diskutieren, zu debattieren. Nicht jeder Frau ist es vergönnt, frei und bei vollem Bewusstsein für sich selbst zu entscheiden: Ja, ich will ein Kind, jetzt, in diesem Lebensabschnitt, mit genau dieser Person und mit allem, was dazu gehört. Abgesehen davon ist es bei der Entscheidung für ein Leben mit Kindern schlichtweg unmöglich, jegliche Konsequenzen mitzudenken. Auch wenn einige meiner Mitmenschen behaupten, dass ihnen das nicht passieren könnte. Nein. So etwas lässt sich nicht kontrollieren, geschweige denn vorausschauend kalkulieren. Du entscheidest dich für ein Kind, als Frau, als weiblich sozialisiertes Wesen, als Mutter, ja. Aber welchen Einschnitt es im Detail in die Beziehung zum anderen Elternteil bedeutet, wie sich diese Entscheidung tatsächlich auf dein Leben auswirkt, anfühlt, wie und ob du damit umgehst, das kann nicht mit einem Das hättest du vorher wissen müssen. abgetan werden.
Du hast dich doch dafür entschieden! Ja, wofür eigentlich?
Da musst du jetzt eben durch. Ach ja? Muss ich das?
Da musst du jetzt Verantwortung übernehmen! Ja, mache ich. Habe ich. Auf meine Art und Weise.
Und zwar indem ich als Mutter offen kommuniziere, dass ich mit der klassischen Kleinfamilie nicht mehr einverstanden bin, nachdem ich es mehrere Jahre probiert habe. Dass es mich krank macht, in einem Haus auf dem Dorf mit Mann und Kindern zu leben, ohne unter unserem Dach weitere Formen von Zusammenleben und Gemeinschaft erfahren zu dürfen.
Sei doch einfach mal glücklich!
Du solltest dankbar sein.
Aha. Sagen mir Menschen, die weder in meiner Situation noch in meiner Haut stecken.
Ja, richtig, ich brauche zum Glücklichsein mehr als meine Mutterschaft.
Und ja, bin ich. Dankbar dafür, dass ich noch mehr vom Leben erfahren möchte als Muttersein und Teilzeitjob.
Bis ich das erkannte und im nächsten Schritt den Mut hatte, das zu kommunizieren, vor meinem Partner und seiner Familie, die in unmittelbarer Nähe wohnte, schließlich auch vor mir selbst und der Gesellschaft, verging viel Zeit. Jahrelang wusste ich lediglich, es stimmt etwas nicht, das ist nicht das Leben, was ich leben möchte. Ich sehnte mich nach geistigen und körperlichen Freiräumen, nach einer anderen Aufgabe, aber vor allem nach Austausch und Verständnis für meine Gefühle und Gedanken als Mutter und Mensch.
Ich habe meine Kinder nicht zurückgelassen. Ich habe mich dafür entschieden, nicht mehr mit meinem Partner und in dieser Familie zu leben. Aber ich habe mich nie gegen meine Kinder entschieden. Mit der daraus entstehenden Reihe Mütter, die gehen möchte ich in einen Dialog kommen mit Frauen, die Ähnliches in ihren Biografien schreiben und darüber berichten, lesen, hören, wie es ist als Mutter, den Schritt zu gehen, aus der klassischen Kleinfamilie herauszutreten, ohne die Hauptfürsorge für die gemeinsamen Kinder mitzunehmen.

Ein Beitrag aus der Reihe Mütter, die gehen.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (I)

Liebe Sibylla,

wir haben schon so lang vor, uns über Schreiben und Kinder austauschen – ach nein, das ist falsch ausgedrückt. Wie sag ich eigentlich dazu – Schreiben mit Kindern? Oder Schreiben als Eltern? Weil meine beiden Töchter schon erwachsen sind (20 und 22 Jahre alt), scheine ich kein Gefühl mehr für einen passenden Begriff zu haben. Irgendwie denke ich bei “Schreiben mit Kindern” immer an kleine Kinder. Der Begriff “Kind” hat ja diese beiden Bedeutungen, einmal das (kleine) Kind, einmal – in einem übertragenen Sinn – die Verwandtschaftsbezeichnung. Meine Mutter sagt manchmal zu mir, dass ich immer noch ihr Kind sei. Da hat sie irgendwie recht. Auf das Schreiben mit erwachsenen Kindern kommen wir ja vielleicht noch später zu sprechen. Zuerst erzähle ich dir aber was aus der Perspektive von früher, als ich Mutter wurde bzw. als ich kleine Kinder hatte.

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Orangenhaut

II
Eine Woche später sitze ich auf der Terrasse und stille das Kind. Der Rock ist verrutscht und morgendliche Sonnenstrahlen fallen auf meine entblößten Schenkel, beleuchten Dellen, Dehnungsstreifen und Muttermale auf milchigweißer Haut, als der Lieferwagen um die Ecke biegt und mit quietschenden Bremsen in meiner Einfahrt hält. Ich hebe den Kopf, streiche die frisch gewaschenen Haare aus dem Gesicht, während der Junge die Fahrertür öffnet und gelenkig aus seiner Kabine klettert. Das Kind hat fertig getrunken, öffnet die Lippen und meine leckende Brustwarze rutscht aus seinem Mund hinaus, und ich setze es auf den Boden, richte mich auf und sage, ohne das Stück Brust unter meiner Bluse zu verstecken: „Die Orangen haben unglaublich geschmeckt.“ Der Junge hat meinen nackten Busen entdeckt, versucht wegzusehen, schafft es nicht und lächelt gequält. „Wollen Sie mehr?“ „Natürlich“, flüstere ich. Er zerrt einen Sack von der Ladefläche und legt ihn mir zu Füßen und mit fahrigen Händen zerreiße ich das Netz, sehe den Zitrusfrüchten zu, wie sie über die Stufen kullern, sich auf meiner Terrasse ergießen, greife gierig nach einer Frucht, umfasse ihr ledriges Rund und reiß sie in der Mitte entzwei, versenke die Zähne im süßen Fleisch. „Köstlich“, stöhne ich, während mir der klebrige Saft aus dem Mund läuft, „deine Orangen machen süchtig!“

III
Das Kind schläft in seinem Bettchen und ich stehe in der Küche und presse die letzten hart gewordenen Orangen zu Saft, als ich das Tuckern des Motors in der Einfahrt vernehme. „Komm rein“, ruf ich ihm entgegen und dann höre ich ihn eintreten, zögernd, mit unsicheren Schritten. Ich deute ihm, den Sack Orangen auf den Esstisch zu legen, verschlinge mit meinen Blicken seine lange, jugendliche Gestalt, die sich nur schwankend auf den Beinen hält, ein frischer Trieb im schnellwüchsigen Eukalyptuswald, bevor ich „Gracias“, flüstere und ihn, ohne ein weiteres Wort der Warnung, an mich ziehe. Er keucht vor Überraschung und dann taumeln wir durch die Küche, zwei ineinander verknäuelte Körper, ohne Anfang und Ende, stoßen an Stühle und reißen die Gardinen von den Stangen, bis wir strauchelnd auf dem Esstisch landen, Orangen unter dem Gewicht unserer Körper schmatzend, Säfte verspritzend, zerplatzen, und ihr süßer Duft vermischt sich mit dem herben Geruch seiner Achseln, während er mit jedem Stoß tiefer dringt, fast schon von selbst verschwindet, bis sich nur noch sein Kopf unter dem sanften Druck meiner Hände in mich schiebt – ein verblüffter Ausdruck der Entzückung liegt in seinem Gesicht, als er dorthin geht, wo er einmal hergekommen ist.

Auszug aus einem längeren Text.

Other Artists: Clara Alisch

Clara Alisch (geb. 1986 in Münster) schloss ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg im Bereich der Zeitbezogenen Medien bei Prof. Matt Mullican und Prof. Michaela Melián 2021 mit dem Master of Fine Arts ab und absolviert derzeit einen Ergänzungsmaster im Bereich der Kunstwissenschaften, Medien und Ordnungen der (Un-)Sichtbarkeit in Kunst und Visueller Kultur an der Universität Bremen. Alisch arbeitet an Schnittstellen künstlerischer, politischer und wissenschaftlicher Diskurse über (Un-)Sichtbarkeitsverhältnisse, feministische Raumpraxen und kollektive Handlungstrategien. Sie befasst sich vor allem mit dem Sachverhalt von unbezahlter und somit unsichtbarerer Reproduktionsarbeit und lotet utopische sowie spekulative Potenziale für diesbezügliche andere (sozio)kulturelle Erzählungen aus.

Clara Alischs multimediale Videoinstallation „Lactoland“ aus dem Jahr 2021 besteht aus einer soundbegleiteten Videoarbeit, einem Bonbonglas, das für die Ausstellungsbesucher*innen frei zugänglich ist, und einem beweglichen Paravent. Das Video, als die Installation dominierendes Element, zeigt eine Milch abpumpende Frau in Arbeitskleidung, die sich in einer an eine Produktionshalle erinnernden Umgebung befindet, sowie folgend eine weitere „Milcharbeiterin“, die aus der gewonnenen Milch Bonbons herstellt – eben jene Bonbons, die den Betrachtenden der Installation im Ausstellungsraum dargeboten werden. Als Sicht- wie Spritzschutz fungierend bildet schließlich der im Video und auch in der Ausstellungsinstallation genutzte Paravent ein funktionales und außerdem Intimität gewährendes raumteilendes Element.
Im Detail wie in Gänze betrachtet ist „Lactoland“ vieles zugleich: eine provokante Unternehmensidee in gleichem Maße wie die subversive Aufforderung, einem gemeinschaftlichen Milchsee und damit der übergreifenden Versorgung der Kinder zuzuarbeiten. Der Versuch, der sogenannten „Muttermilch“ – über den Umweg eines Bonbons als für alle faßbares Produkt – wieder einen Wert beizumessen und damit auch dem Arbeitsprozess der Milchproduktion, der jener produktorientierten Wertbildung vorausgeht, zu Sichtbarkeit zu verhelfen. Clara Alischs Arbeit verweist außerdem auf die Geschichte der Frauenmilch, die mit ihrer Umdeutung zur „Muttermilch“ die stillenden Frauen in die Grenzen des eigenen Heims verwies, derer diese sich weit später, u.a. mithilfe des Griffs zur Milchpumpe, wieder zu entledigen versuch(t)en. Die realen räumlichen Grenzen des Heims, jene des Innens und Außens sowie die soziale Separation der sich zurückziehend Stillenden werden durch Alisch auf besondere Art und Weise auch mittels der in der Ausstellungssituation dargebotenen (tatsächlich nur fiktiv aus Frauenmilch gewonnenen) Bonbons thematisiert: Hier bewegt sich die Körperflüssigkeit Brustmilch als weiterverarbeitetes Produkt in den öffentlichen Raum – vom Familiären ins Gesellschaftliche –, wird Objekt, greifbar und sichtbar, das verborgene Feld des intimen Kontakts zwischen Mutter und Kind verlassend. Neben der Anregung, die eigene Haltung zu dem dem Produkt anhaftenden Ekel zu überdenken, ist die dargebotene Süßigkeit vor allem eine Einladung, teilzuhaben am Prozess des Nachdenkens über (und Vollziehens von) alltäglicher Sorgearbeit durch die Brusternährung.

„Lactoland“ wird vom 29.09 bis 03.10. 2022 im Rahmen der Auszeichnung mit dem Preis RUNDGANG 50HERTZ 2022 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin ausgestellt. Hierzu erfolgt im Juni 2022 außerdem ein Onlineevent mit Video- und Katalogpräsentation zum Projekt (weitere Informationen hierzu in Kürze unter https://rundgang50hertz.de).

Im November 2022 wird „Lactoland“ zudem in einer Gruppenausstellung zum Thema Mutterschaft im Syker Vorwerk – Zentrum für Zeitgenössische Kunst bei Bremen zu sehen sein.