Take Care: Clemens Böckmann & Sarah Diehl (III)

Liebe Sarah,

als ich letzte Woche deinen Brief zum ersten Mal gelesen habe, hat es mich doch ziemlich umgeworfen. Die letzten sechs Monate gab es bei mir sehr grundlegende Veränderungen und vieles, wovon du schreibst, tanzt geradezu vor meinen Augen.

Die Beziehung zur Mutter von meinem Kind wurde beendet. Wir wohnen nach wie vor sehr nah beieinander und die Aufteilung und Absprachen funktionieren jetzt besser als zuvor. Es ist für uns beide eine Herausforderung, aber die Trennung hat dazu geführt, die Aufteilung der Sorge-Arbeit mit dem Kind klarer zu strukturieren. Dadurch gelingt es gerade besser, die Ebenen zu trennen, und Probleme, die es als Paar gab, können wir mit Abstand und in Abstand zu unserem Alltag klären, besprechen, vertagen, aushalten oder aufarbeiten. Viele Versuche, vorher Sorge-Arbeit so klar zu benennen und aufzuteilen, haben leider nicht geklappt. Erst jetzt, in der Distanz und in der Bestimmung klarer Zuständigkeiten und Grenzen, gelingt es uns viel besser, die unterschiedlichen Ebenen von Konflikten und Aushandlungen zu trennen.

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geh aus mein herz und werde irreal

im traum vom permanenten playdoTM. doch:

dieses vermissen hat sad to say nichts irreales
mein aufziehen. immer wieder stolpern
hin und her
jemand sollte dieses herumreißen dokumentieren:
ich?

sonntagabend kommt zu schnell aber so ist der deal
der kleineren regenrinne
saugen leerer kinderzimmer und im sommer
die sonne schießt kompromisse in euren room

geh aus mein herz und werde irreal
ich möcht einen morgen erreichen
ein ziel allein im dauerhaften lego
real: es fällt ein staub aufs raumschiff
die tiere aus gummi das glas mit irgendwas abgenagtem

entferne t9. tippe iwas und mache irreal:
die hoffnung, der glaube
an den text und eine abgekaute flucht
wenn ich mich morgen mit allen mir zur verfügung
stehenden mitteln in den tag reiße

Das Gedicht erschien in dem Band so stelle ich mir den gesang von erst kürzlich mutierten finken vor (parasitenpresse 2022).

Take Care: Clemens Böckmann & Sarah Diehl (II)

Liebe Sarah,

Danke für deine Antwort.

Ich will versuchen ein paar Sachen zu sammeln:

Warum ich gerade dich ausgesucht habe? Weil ich mich gefragt habe, ob sich dein Verhältnis zu Elternschaft im Laufe der Jahre nochmal verändert hat? Und weil ich mich – natürlich auch in Anlehnung an „Die Uhr, die nicht tickt“ – gefragt habe, wie sich manche, sehr persönliche Entscheidungen im Laufe der Jahre verhalten. Gleichzeitig schrecke ich davor zurück, gesellschaftliche Zusammenhänge auf persönliche Entscheidungen herunter zu brechen. Nichts gilt es mehr zu verteidigen (wohl eher erstmals zu erkämpfen), dass alle ihr Leben so leben können, wie sie es für richtig halten. Und ein zentrales Moment bleibt dabei wohl die Entscheidungen der anderen zu akzeptieren.

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Haltet euch bereit (IV): Kampfläufer

Illustration: Caroline Winkler

Wenn das Kind Kampfläufer sagt, meint es nicht den Vogel. Ein Kampfläufer ist ein Angriffsfahrzeug, das sich auf beinähnlichen Pylonen fortbewegt. Pylonen sind Säulen oder Stützen. Der bekannteste und gefürchtetste Kampfläufer ist der AT-AT, das steht für Allterrain-Angriffstransporter. Der AT-AT wird auch Imperialer Läufer genannt, weil er vom Galaktischen Imperium eingesetzt wird, sagt das Kind.
Das Kind kennt sich aus. Es sagt: Durch die vier Beine kann sich der stark gepanzerte AT-AT auf nahezu jeglichem Gelände fortbewegen. Der Kampfläufer transportiert in seinem Inneren ganze Truppenverbände. Die Bordwaffen bringen allen Feinden Tod und Vernichtung.
Ich liebe das Kind. Es hat neun Monate in mir gewohnt und neun Jahre mit mir zusammen in einer Wohnung. Als ich schwanger war, bin ich viel hinausgefahren aus dieser Wohnung. Beim Spazierengehen habe ich stundenlang Tiere beobachtet, die Hand auf den Bauch gelegt, geatmet. Ich habe Ausschau gehalten nach seltenen Vögeln, obwohl es meist nur Spatzen gab.
Zu beiden Seiten des Kopfes sind Blasterkanonen mittlerer Reichweite montiert, welche sich 360 Grad drehen lassen sowie bis zu 20 Grad geschwenkt werden können. Gespeist aus einem Fusionsreaktor kann der Antriebsmotor den Walker auf eine Geschwindigkeit von 60 km/h beschleunigen. Zum ersten Mal kamen die Prototypen des AT-AT während der Klonkriege in der Schlacht von Jabiim im Jahr 21 VSY zum Einsatz. Sagt das Kind.
Das Kind ist mir fremd, sehr fremd.

Haltet Euch bereit ist ein Gemeinschaftsprojekt von Franziska Gerstenberg (Text) und Caroline Winkler (Illustration), das aus rund 20 gemeinsamen Arbeiten besteht. Other Writers Need to Concentrate publiziert eine Auswahl.

Take Care: Clemens Böckmann & Sarah Diehl (I)

Liebe Sarah Diehl,

mein Name ist Clemens Böckmann und ich lebe und arbeite als Autor und Herausgeber in Leipzig. Seit 2020 schreibe ich auf dem Blog Other Writers Need to Concentrate (other-writers.de). Das Blog wurde gegründet, um auf die Schwierigkeiten künstlerischen Arbeitens als Eltern/Mutter/Vater aufmerksam zu machen. Anfang des Jahres wurde eine neue Reihe etabliert: In Briefwechseln unterhalten sich Autor:innen der other-writers mit anderen Autor:innen über ihre Situation, ihren Umgang mit den Herausforderungen von Care-Arbeit und, womöglich, zum Austausch möglicher Gegenstrategien. Es gibt keine spezifische Festlegung der Themen. Worüber gesprochen bzw. geschrieben wird, liegt vollständig bei den entsprechenden Autor:innen. Wenn du daran Interesse hast, würde ich gerne mit dir einen Briefwechsel beginnen.

Liebe Grüße

Clemens Böckmann

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Other Artists: Franziska Opel

Franziska Opel, MOTHER, 2021, Pinnadeln auf Jeans, geöst, 22 x 15 cm, in nummerierter und signierter Box

Franziska Opel (geb. 1984, in Hamburg lebend) ist Künstlerin und seit 2020 Mutter. Opel nutzt Zeichen und Sprache als visuelle Elemente, mittels derer sie das Benannte decodiert, verschiebt und modifiziert. Innerhalb ihrer multimedialen Installationen kommt den häufig mit großer Makellosigkeit eingebrachten und verarbeiten Materialien eine besonders wichtige Rolle zu. Das jeweilige Objekt wird hierdurch fetischisiert, Macht- und Genderkonstrukte werden vorgeführt und in Frage gestellt.
Franziska Opels Arbeit „MOTHER“ erschien im Jahr 2021 als Jahresgabe für den Hamburger Kunstverein. Das Multiple besteht aus sechs Anstecknadeln, die das Wort „MOTHER“ Buchstabe für Buchstabe zeigen. Die Pinnadeln referenzieren Clubinsignien, Ehrenzeichen, Orden oder Medaillen und damit Erkennungs- und Statussymbole, die herkömmlicherweise einem vorwiegend männlich besetzten Kontext entstammen. Artig, stolz und wohlorganisiert stecken die mit geometrisch strengen Glyphen versehenen Nadeln in jenem blauen Denim-Baumwollstoff, der ursprünglich in der Arbeiterkleidung der Unterschicht verarbeitet, über einen kurzen Zeitraum als Mittel der Provokation und des Protests genutzt wurde und nun die omnipräsente und angepasste Uniform eines etwas informelleren Alltags darstellt. Die spitzen, offenen Enden der Anstecknadeln bergen die Gefahr, sich zu verletzen. Gleichzeitig bietet sich dem Betrachter hier die Möglichkeit, die Bedeutung des ursprünglich Gegebenen durch das Entfernen oder Austauschen einzelner Pins zu verändern und eine erneute Kontextverschiebung vorzunehmen.
In den Kontext des Weiblichen, der Mutterschaft transferiert, wirbelt Opels Multiple eine Vielzahl von Gedanken, Assoziationen und Fragen auf: Wie steht es mit der Anerkennung? Wofür genau? Reicht die Anerkennung oder geht es eigentlich um Handfesteres? Sind die Pins Insignien oder Schmuckstücke? Bestimmt die geschlechtliche Identität des Tragenden jene Zuordnung? Wer verleiht die Auszeichnungen? Wer bringt sie an? Das gab es historisch doch bereits, die im Orden sichtbar gemachte Würdigung von gänzlich auf das Muttersein reduzierten Frauen … Kennzeichnen die Anstecknadeln ein Positivum oder einen Makel? Wie öffentlich möchte ich meine Mutterschaft überhaupt handhaben? Wer ist Mitglied in meinem Club? Ist es die Mutter selbst, die sich an den offenen Spitzen der Anstecknadeln verletzt? Oder sind es jene, die am Begriff hantieren?

Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (III)

Und der plötzliche Säuglingstod und der bellende Husten beim falschen Krupp, Hand-Mund-Fuß-Krankheit und Magen-Darm und nächtliche Fieberkrämpfe. Ich habe keine Angst vor dem Tod gehabt, bevor mein Sohn zur Welt kam, jetzt denke ich jeden Tag daran, dass ihm etwas zustoßen könnte, im Schlaf, im Spiel, nach einer Impfung, ohne eine Impfung, im Stuhlkreis, auf dem Pausenhof, beim Mittagessen im Hort, auf zahlreiche, wahrscheinliche Weisen, er hat sich in den letzten Jahren mehrmals einen Zahn gebrochen, die Hand aufgeschlitzt, einmal stand er morgens auf mit einer Wunde auf dem Gesicht und wusste nicht, was und wie. Und, wie zynisch es auch klingen mag, seit ich ein Kind habe, ist mir bewusst, dass frühe Abtreibung ein Recht für alle sein sollte, nicht, weil ich es bereue, sondern weil ich jetzt weiß, welche Arbeit ein Kind bedeutet, welche Angst, und dass es möglich sein muss, sich dieser riesigen Verantwortung zu entziehen.

Slata, 13.04.22

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Wellenschlag

Sie hat gegessen. Das ist es nicht
aber Panik
weckte sie und jetzt
braucht sie mich, um sie
zurückzuatmen

in den Schlaf.
Ich lege mein Gesicht neben ihres. Tief ein
Tief aus.

Ebbe und Flut

Ihr Mund pulsiert
Sie kaut an ihrem Daumen, lernend

mit nackten Bäuchen sind wir gestrandet,
auf unseren Seiten des Betts

schliesse ich meine Augen
damit sie mich spiegelt
in den dunklen Buchten des Schlafs
meeren wir zusammen, sie und ich

endlich
sind wir beide
ruhig.

Übersetzung von Anna Ospelt.

Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (II)

Stimmt, noch nie hab ich mich schneller in Bücher gestützt (und wieder raus) als jetzt, als würde man beim schnellen Autofahren hinten verwirrt die Hand in den Fahrtwind halten und wie nebenbei versuchen, paar Löwenzahnsamen zu fangen. Paar bleiben kleben! Beim nochmal Lesen unseres bisherigen Wechsels fallen mir zwei Sachen auf. Einmal macht es mir nämlich ein schlechtes Gewissen, „Kreischen“ geschrieben zu haben, wo eher „Quietschen“ gemeint war, einfach weil Laute von Babys sowas wunderbar Heraushüpfendes haben, was Trampolin Testendes, aber auch Angst, Wut, kleine Verzweiflungen natürlich. Und so ist es eben: froh werden und staunen an jedem neuen Eck Welt, und nicht vergessen, ich spreche nicht nur von mir, sondern über jemand anderes, (Schreiben schon auch als zu bezweifelnder Machtakt) der noch nicht zurückschreiben kann, der wie eine Folie von außen (von mir) über seine kleinen Handlungen gelegt bekommt schon jetzt, die er bzw. sie nicht will vielleicht. Nicht wollen wird? Wie Fotos, die ich von ihm postete, die ich aber nicht poste … Weil das, was wir mit den Informationen über das Leben von jemandem anderes anfangen, wirkt ja nicht nur auf uns, sondern auch immer auf sie zurück. Und trotzdem sollte man darüber sprechen. Aber ich versuch es jetzt mehr von der Sicht bei mir zu behalten. Und das andere: es gibt solche Wörter, die legen einem schon beim Sagen ein Gähnen in Mund, wie „Krabbelgruppe“, „Elternbeirat“, „Mütter im Briefwechsel“. Das kann ich gut verstehen: selbes Gähnen überkam mich früher oft beim Ansprechen dieser Sachen, ich wollte nicht weiter zuhören…, öffnete den Mund mit dem Wort in Stellung: Verantwortung, Langeweile, Immer-Selbes, Nichtausflippen dürfen… und jetzt beim Spiel? Ich steige ein ins Gähnen, die Zähne hoch, dem Speichel nach ins Innere Rot.

Nora, 05.03.22

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