Other Artists: Franziska Opel

Franziska Opel, MOTHER, 2021, Pinnadeln auf Jeans, geöst, 22 x 15 cm, in nummerierter und signierter Box

Franziska Opel (geb. 1984, in Hamburg lebend) ist Künstlerin und seit 2020 Mutter. Opel nutzt Zeichen und Sprache als visuelle Elemente, mittels derer sie das Benannte decodiert, verschiebt und modifiziert. Innerhalb ihrer multimedialen Installationen kommt den häufig mit großer Makellosigkeit eingebrachten und verarbeiten Materialien eine besonders wichtige Rolle zu. Das jeweilige Objekt wird hierdurch fetischisiert, Macht- und Genderkonstrukte werden vorgeführt und in Frage gestellt.
Franziska Opels Arbeit „MOTHER“ erschien im Jahr 2021 als Jahresgabe für den Hamburger Kunstverein. Das Multiple besteht aus sechs Anstecknadeln, die das Wort „MOTHER“ Buchstabe für Buchstabe zeigen. Die Pinnadeln referenzieren Clubinsignien, Ehrenzeichen, Orden oder Medaillen und damit Erkennungs- und Statussymbole, die herkömmlicherweise einem vorwiegend männlich besetzten Kontext entstammen. Artig, stolz und wohlorganisiert stecken die mit geometrisch strengen Glyphen versehenen Nadeln in jenem blauen Denim-Baumwollstoff, der ursprünglich in der Arbeiterkleidung der Unterschicht verarbeitet, über einen kurzen Zeitraum als Mittel der Provokation und des Protests genutzt wurde und nun die omnipräsente und angepasste Uniform eines etwas informelleren Alltags darstellt. Die spitzen, offenen Enden der Anstecknadeln bergen die Gefahr, sich zu verletzen. Gleichzeitig bietet sich dem Betrachter hier die Möglichkeit, die Bedeutung des ursprünglich Gegebenen durch das Entfernen oder Austauschen einzelner Pins zu verändern und eine erneute Kontextverschiebung vorzunehmen.
In den Kontext des Weiblichen, der Mutterschaft transferiert, wirbelt Opels Multiple eine Vielzahl von Gedanken, Assoziationen und Fragen auf: Wie steht es mit der Anerkennung? Wofür genau? Reicht die Anerkennung oder geht es eigentlich um Handfesteres? Sind die Pins Insignien oder Schmuckstücke? Bestimmt die geschlechtliche Identität des Tragenden jene Zuordnung? Wer verleiht die Auszeichnungen? Wer bringt sie an? Das gab es historisch doch bereits, die im Orden sichtbar gemachte Würdigung von gänzlich auf das Muttersein reduzierten Frauen … Kennzeichnen die Anstecknadeln ein Positivum oder einen Makel? Wie öffentlich möchte ich meine Mutterschaft überhaupt handhaben? Wer ist Mitglied in meinem Club? Ist es die Mutter selbst, die sich an den offenen Spitzen der Anstecknadeln verletzt? Oder sind es jene, die am Begriff hantieren?

Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (III)

Und der plötzliche Säuglingstod und der bellende Husten beim falschen Krupp, Hand-Mund-Fuß-Krankheit und Magen-Darm und nächtliche Fieberkrämpfe. Ich habe keine Angst vor dem Tod gehabt, bevor mein Sohn zur Welt kam, jetzt denke ich jeden Tag daran, dass ihm etwas zustoßen könnte, im Schlaf, im Spiel, nach einer Impfung, ohne eine Impfung, im Stuhlkreis, auf dem Pausenhof, beim Mittagessen im Hort, auf zahlreiche, wahrscheinliche Weisen, er hat sich in den letzten Jahren mehrmals einen Zahn gebrochen, die Hand aufgeschlitzt, einmal stand er morgens auf mit einer Wunde auf dem Gesicht und wusste nicht, was und wie. Und, wie zynisch es auch klingen mag, seit ich ein Kind habe, ist mir bewusst, dass frühe Abtreibung ein Recht für alle sein sollte, nicht, weil ich es bereue, sondern weil ich jetzt weiß, welche Arbeit ein Kind bedeutet, welche Angst, und dass es möglich sein muss, sich dieser riesigen Verantwortung zu entziehen.

Slata, 13.04.22

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Wellenschlag

Sie hat gegessen. Das ist es nicht
aber Panik
weckte sie und jetzt
braucht sie mich, um sie
zurückzuatmen

in den Schlaf.
Ich lege mein Gesicht neben ihres. Tief ein
Tief aus.

Ebbe und Flut

Ihr Mund pulsiert
Sie kaut an ihrem Daumen, lernend

mit nackten Bäuchen sind wir gestrandet,
auf unseren Seiten des Betts

schliesse ich meine Augen
damit sie mich spiegelt
in den dunklen Buchten des Schlafs
meeren wir zusammen, sie und ich

endlich
sind wir beide
ruhig.

Übersetzung von Anna Ospelt.

Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (II)

Stimmt, noch nie hab ich mich schneller in Bücher gestützt (und wieder raus) als jetzt, als würde man beim schnellen Autofahren hinten verwirrt die Hand in den Fahrtwind halten und wie nebenbei versuchen, paar Löwenzahnsamen zu fangen. Paar bleiben kleben! Beim nochmal Lesen unseres bisherigen Wechsels fallen mir zwei Sachen auf. Einmal macht es mir nämlich ein schlechtes Gewissen, „Kreischen“ geschrieben zu haben, wo eher „Quietschen“ gemeint war, einfach weil Laute von Babys sowas wunderbar Heraushüpfendes haben, was Trampolin Testendes, aber auch Angst, Wut, kleine Verzweiflungen natürlich. Und so ist es eben: froh werden und staunen an jedem neuen Eck Welt, und nicht vergessen, ich spreche nicht nur von mir, sondern über jemand anderes, (Schreiben schon auch als zu bezweifelnder Machtakt) der noch nicht zurückschreiben kann, der wie eine Folie von außen (von mir) über seine kleinen Handlungen gelegt bekommt schon jetzt, die er bzw. sie nicht will vielleicht. Nicht wollen wird? Wie Fotos, die ich von ihm postete, die ich aber nicht poste … Weil das, was wir mit den Informationen über das Leben von jemandem anderes anfangen, wirkt ja nicht nur auf uns, sondern auch immer auf sie zurück. Und trotzdem sollte man darüber sprechen. Aber ich versuch es jetzt mehr von der Sicht bei mir zu behalten. Und das andere: es gibt solche Wörter, die legen einem schon beim Sagen ein Gähnen in Mund, wie „Krabbelgruppe“, „Elternbeirat“, „Mütter im Briefwechsel“. Das kann ich gut verstehen: selbes Gähnen überkam mich früher oft beim Ansprechen dieser Sachen, ich wollte nicht weiter zuhören…, öffnete den Mund mit dem Wort in Stellung: Verantwortung, Langeweile, Immer-Selbes, Nichtausflippen dürfen… und jetzt beim Spiel? Ich steige ein ins Gähnen, die Zähne hoch, dem Speichel nach ins Innere Rot.

Nora, 05.03.22

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Other Writers trifft Café Entropy: Simone Scharbert im Köttinger Dorfladen, Erftstadt

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Erinnerungsblitzen, Gegenwartslugen. Im Café. Wie ich dort sitze. Wie ich dort stehe. Je nachdem. Hinter oder vor der Theke. Noch lieber hinter der Theke. Seit Jahren. Jahrzehnten. Mit Unterbrechungen. Natürlich. Verbindungen. Damals, schwanger. Hinter der Theke. So ein schönes Gefühl. Mit dem Kind im Bauch unter Menschen. Ein Wort, eine Frage, einen Blick in der Hand. Meine Vergangenheit auch. Steht dort. Immer noch. In Bars, Kneipen, Cafés. An unterschiedlichsten Orten. Zu unterschiedlichsten Zeiten. Nachts, wenn man die Stadt dann kurz für sich allein hatte. Morgens, wenn der Raum noch nicht weiß, wer alles in ihm sitzen wird, welche Gespräche zu hören sein werden. All das, um das Studium, die Promotion, den Lebensunterhalt mitzufinanzieren. Immer inmitten von wunderbaren Menschen. Begegnungen. Den unterschiedlichsten Sprachen, Verliebtheiten auch. Elfriede Gerstls „wer ist denn schon zuhause bei sich“ im Kopf, im Körper, auch das. Im Café. Manchmal hinter, manchmal vor der Theke.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Immer die gleiche Bedeutung: Orte, die ich mag. Die mir so wichtig sind. Manchmal, um dort allein unter Menschen schreiben zu können. Manchmal, um einfach mit Menschen zu sein. Oder mit meinen Kindern. Damals, als sie noch klein waren. Die oftmals den Blick geändert haben, wie laut, wie hektisch etwas sein kann. Wie wenig Platz auch für einen Kinderwagen, ein Spielzeug oder zum Rumlaufen. Wie ruhig, wie schön aber manchmal auch gemeinsame Zeit an so einem Ort sein kann.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder mit dabei sind?
Oh. Ich muss retrospektiv antworten. Früher war ich oft froh, wenn sie dabei waren. Weil ich es sehr mochte, mit ihnen unterwegs zu sein. Gemeinsam zu sitzen und zu sehen, was um einen, um uns passiert. Diese körperliche Verbundenheit auch. Und jetzt bin ich froh, wenn sie vorbeikommen. Wenn sie in unserem Lädchen-Projekt nach der Schule oder einfach so aufschlagen. Mittagessen. Erzählen. Etwas fragen. Oder einfach nur mit sich selbst sind, während ich arbeite, die anderen Leute bediene. Schön ist das zu sehen, wie sie dort sitzen. Einem entwachsen, die Welt auf ihre eigene Art und Weise mitgestalten.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (I)

Mütter im Briefwechsel, das klingt seltsam, schon fast ein Oxymoron, also vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Mutter und Tochter, die wiederum Mutter geworden, also um Mütter, die nicht im mütterlichen Verhältnis zueinanderstehen, selbst dann. Mütter haben wenig Zeit füreinander, weil sie überhaupt wenig Zeit haben oder genug beschäftigt sind damit, alles andere einigermaßen zu schaffen, es bilden sich ab und zu pragmatische Bekanntschaften auf Spielplätzen, über die Krippe, die Kita, den Hort, um die Freundschaften des eigenen Kindes zu pflegen, Babysitter zu organisieren, Erfahrungen, Beschwerden auszutauschen, aber dass Mütter einfach so einander schreiben …
Es ist schon surreal, was wir da machen.

Slata, 15.02.22

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Same Work But Different: Sebastian Schmidt

Welchen inhaltlichen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf dein Buch?
Sebastian Schmidt: Ein großes Thema ist für mich der Umgang mit Vaterschaft auch während der Abwesenheit eines Teils meiner Kinder. Die beiden Älteren (sie sind 10 und 13) leben nur etwa ein Drittel des Jahres bei mir und meiner Partnerin und ihrer kleinen Schwester, die andere Zeit bei ihrer Mutter. Ich vermisse sie dann oft sehr. Es fällt mir immer schwer, das treffend zu beschreiben im Gespräch mit anderen oder als Text. Beim Schreiben von Gedichten ist das eher möglich, weil einige Grenzen standardisierter Kommunikation aufgehoben sind und alles einer anderen Logik folgt. Ich versuche auch in meinem Buch die Frage nach Vaterschaft mit unterschiedlichen Ausgangspositionen – zwei Kinder sind wechselnd anwesend, ein Kind wohnt dauerhaft hier – zu verhandeln. Aber auch die Geburt meiner Tochter habe ich versucht, mit Hilfe von lyrischem Text auszudrücken .

Hatte deine Vaterschaft auch Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit?
Sebastian Schmidt: Ein großer Teil des Buches ist morgens entstanden. Nach dem Aufstehen, wenn alle noch schlafen, habe ich oft Ideen. Chris Kraus schreibt in anderem Zusammenhang über Kathy Acker, der Morgen sei eine Zeit „that wouldn’t impinge on her writing and her morning dream-drift she channeled into her work“. Außerdem haben es die kurzen Texte zugelassen, sich meist ohne großes Einlesen an eine Bearbeitung zu setzen, wenn sich ein Zeitfenster aufgetan hat, eine halbe Stunde oder mehr.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert?
Sebastian Schmidt: Wir waren am Tag der Veröffentlichung gerade alle über eine Magen-Darm-Infektion hinweg. Als ich zuvor die Info bekommen hatte, dass die Belegexemplare losgeschickt worden waren, ging es mir besonders schlecht, ich hatte die Nachricht tatsächlich vor dem Klo kniend gelesen. Bisher gab es nur eine familiäre Party zur Veröffentlichung, die sah so aus: Meine Partnerin hat mit unserer Tochter eine Girlande gebastelt, Zeug für einen super (alkoholfreien) Cocktail besorgt. Meine beiden Älteren waren da und wir saßen auf der Couch, die Kleine im Bett. Genau im Moment des Anstoßens erbrach sich die Kleine über das Babyphone zu uns herüber und meine Partnerin und ich rannten los, Kind trösten, Sachen frisch beziehen, Zeug auswaschen. Just another kind of party.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?
Sebastian Schmidt: Noch nicht, aber ich sehe es kommen im Hinblick auf ein paar Lesungen, die anstehen. Das ist gerade alles noch unklar.

Sebastian Schmidts Gedichtband so stelle ich mir den gesang von erst kürzlich mutierten finken vor erschien im April 2022 in der parasitenpresse.

Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (III)

Liebe Jenny,

entschuldige, dass meine Antwort eine Weile auf sich warten ließ. Es war ein in vielerlei Hinsicht intensiver Monat, in dem unter anderem mein Debütroman erschienen ist. Heute und morgen Abend werde ich in der Schweiz daraus lesen. Aber noch ist Vormittag, ich sitze am Flughafengate und warte auf das Boarding meines Fluges nach Zürich. Seit über drei Jahren bin ich nicht mehr geflogen. Ich fühle mich fremd und ein wenig deplatziert, mir fehlt die Routine.

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Ich muss ein Maulwurf sein

„Wenn du da ein Loch schaufelst, kommst’ bei die Maori in Neuseeland wieder raus“, meinte mein Uropa, der Prophet, als ich noch ein Kind in den Tiroler Bergen war. Ich betrachte die Reliefkarte meiner rechten Hand, die fünf Landzungen mit den rotlackierten Nägeln. Meine Hände sind zart. Und doch muss ich ein Maulwurf sein. Oder warum sonst erzählt der silberfarbene Wall meines Eherings, dass ich bei die Maori in Neuseeland wieder rausgekommen bin?
Mein Mann führt die Erinnerung an seine Vorfahren auf seinem Körper mit sich wie einen eingravierten Pass. Ta Moko. Verschlungene Gemälde aus Tinte und Blut, die eine ganz bestimmte Geschichte erzählen. Seine. Auch das Meer ist darauf verzeichnet. Wasser fließt in dunkelblauen Schnörkeln unter seiner Haut. Ich trage einen Gebirgszug auf der Zunge, ein ganzes aufgefaltetes Massiv. Seine scharfen Kanten sind im Alltag gut versteckt. Doch immer wieder herrscht Steinschlag hinter meinen Zähnen. Bei Wut, bei Hunger oder Durst. Dann brülle ich kehlige Laute. Ich esse ein Gutti, trinke ein Kracherl oder leere einen Pfiff.
Wenn meine Tochter Treppe meint, sagt sie Dräppe. Wenn sie durstig ist, sagt sie: „Mama, bitte ein Gedränk.“ Kracherl sagt sie praktisch nie. Neulich haben wir einen Maulwurf gesehen, auf den Steinfliesen unter der Dräppe. Der Kater hatte ihn im Maul und dort aus Versehen gedroppt. Dieses Wunderwerk von einem Tier – samtenes Fell, Schaufelhände, winziges rotes Näschen – hat uns beide tief berührt. Es begann auf der Stelle zu graben.

Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (II)

Liebe Jenny,

sehr eindrücklich, deine Schilderung der Szene im Supermarkt. Man spürt, dass du Situationen wie diese gut kennst, während ich, als ich den Vater mit seiner Tochter im Café beschrieb, lediglich passive Beobachterin war. Selbstironie, Überforderung, Wut – ich kann mir vorstellen, dass der Grat zwischen alldem häufig schmal ist. Du schreibst, dass du erleichtert bist, dein Kind zumindest bei deinem Partner gut aufgehoben zu wissen. Bist du da nicht ziemlich streng mit dir? Ich könnte mir vorstellen, dass er umgekehrt ganz ähnlich denkt. Woher kommen diese hohen Ansprüche an dich, was meinst du? Bist du in Bereichen, die nicht deine Mutterschaft betreffen – in deiner Kunst etwa –, genauso selbstkritisch?

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