Other Writers trifft Café Entropy: Sandra Gugić im Café Strauss, Berlin

Foto: Alain Barbero

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Wien gelebt. Und wenn ich heute, fern meiner hassgeliebten Stadt, etwas vermisse, sind es die alten Wiener Cafés. Das Café war immer der Ort, an dem ich am besten nachdenken konnte, für mich allein und doch unter Menschen, eingebettet in geschäftiges Hintergrundrauschen. Kinder sind dort eigentlich nicht vorgesehen, wenn, dann als geduldete Ausnahme. Auch in meinem Leben habe ich ein Kind lange nicht vorgesehen, das haben wir gemeinsam entschieden, bis zu einem gewissen Punkt, an dem ich mich anders entschieden habe. Nur die Möglichkeit von Veränderung und Offenheit ist das, was Menschen wach und lebendig hält, oder? Auch Kaffeehauskultur verändert sich, ich erinnere mich an das Kussverbot im Wiener Café Prückel und dessen kollektiver Verweigerung – als zwei lesbische Frauen des Cafés verwiesen wurden, gab eine Demo aus küssenden Paaren, Queers und Allies, eine eindeutige Antwort. Das Café also auch als eine Bastion des Spießertums und Touristenpilgerstätte? Wem gehören die Kaffeehäuser? Welche Regeln sollen dort gelten? Und wie ist das mit der Moral? Und mit den Kindern? Der Sänger Georg Danzer lässt einen Flitzer im Wiener Traditionscafé Hawelka Platz nehmen und singt: „Mach ma hoit a Ausnahm’ / Sei ma heut net grausam / Weu ein Pro-Milieu-Lokal / Scheißt auf Spießbürgermoral / Jö schau, so a Sau, Jössas na / Wos macht a Nackerter im Hawelka?“
Das Kaffeehaus gehört der Literatur, den Schreibenden, das Kaffeehaus lebt von Geschichten. Wenn mein Kleinkind mit mir am Tisch im Café sitzt, kann ich nicht sagen, was im nächsten Augenblick passieren wird. Wird es sich mit großen Augen umschauen, beobachten und schweigen, wird es alles kommentieren, fragen oder singen, wird es verschwörerisch mit dem Zuckerstreuer flüstern? Wird das Kind einen Stift verlangen, eine Serviette und etwas kritzeln, das ein Wort sein könnte, ein Anfang.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Sandra Gugić: Das Café ist für mich vorrangig ein analoger Arbeitsort, an den ich Ausdrucke oder Notizblock mitbringe, nur ganz selten meinen Laptop. Seit ich Mutter bin, ist meine Kaffeehauszeit nicht mehr Alltag, sondern mehr Ausnahme geworden. Jedes Zeitfenster allein ist kostbar.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Sandra Gugić: Mit meinem Kind bin ich selten im Café, und wenn doch, sprechen wir uns vorher ab, ob es gerade passt. Wenn ja, kann es ein großer gemeinsamer Spaß sein, der, wie alle Kind-Momente oder kindlichen Gefühle, auch schnell ins Drama kippen kann. Aber ist nicht gerade das Café eigentlich ein guter Ort für ein gepflegtes Drama? Es braucht auf jeden Fall Gelassenheit, Kinder zu haben, und erst recht, sie mit ins Café zu nehmen.

Eine Kooperation mit Café Entropy.

the scheitern

Ich stehe mit dem Einkaufswagen und dem langen, vollgeschmierten Zettel vorm Supermarkt und es regnet und ich gratuliere noch schnell jemandem bei Twitter zum erschienenen Buch. Manchmal gratuliere ich uns insgesamt: Wir haben es hier ja alle irgendwie geschafft. Wir haben Opfer gebracht, was auf diesem Blog heißt: Care von Kindern oder die für uns wilde Kombination aus Sorgen und Schreiben.
Ich deute unsere Texte als Erfolge, als das Glück, die Möglichkeit gehabt zu haben, Einfälle nebst Elternschaft zu erheben: zu wenig Geld, Mental Load, under pressure sein oder ohne Schreibtisch. Vieles, was NICHT zu lesen war auf unseren Bildschirmen oder gedruckt, die Geschichten des Misserfolgs, des Scheiterns, ist ja versandet. Ist irgendwo liegengeblieben, wurde abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Viele haben’s nicht geschafft. Es gab zwar supergute Ideen, aber es gibt keinen Text.

Sich die Tatsache einzugestehen, dass gerade nichts geht, ist schon für ein paar Tage schlimm und man schämt sich, kaum nachvollziehbar, dafür vor sich selbst. Mit Kindern maximiert sich die Wahrscheinlichkeit, in diese Position zu geraten. Bei mir zeigt sich das so:
In den Sozialen Medien ist kaum Zeit zu reagieren, um spannenden Ereignissen zu folgen wie Diskussionen oder Lesungen zu verdammt nochmal genau dem Thema, zu dem ich eigentlich gerade recherchiere. Neulich meinte jemand, mein Twitteraccount sei unzuverlässig, und ist mir entfolgt. Ja ja, es gibt Schlimmeres.
Als nächstes wächst der Lesestapel. Schreiben heißt Lesen, hat mal jemand gesagt. Für eine Weile kann ich das noch müde leugnen. Dass es irgendwie stimmt, merke ich, wenn sowieso schon wenig Zeit da ist und der Modus lahmt, ich eh nicht richtig into bin.
Dann das mit dem begonnenen Dokument, das sich am Anfang so würdig angefühlt hat, jetzt aber schon seit zwei Wochen von mir weg liegt und wahrscheinlich kaum noch denkbar ist. Und hier wird es langsam ernst. Viele Texte reißen ab, und wenn ich sie öffne, legt sich die Scham auch über den wirren Kram, den ich da geschrieben habe. Bei kontinuierlicher Textarbeit fällt dieses Gefühl weg, beim Arbeiten in kleinen Schritten wird stetig ausgemistet.
Hin und wieder liegt das Postfach für ein paar Tage brach. Die schnelle Antwort schreibe ich dann einen Tag zu spät. Ich habe keine Lust, mich ständig bei anderen für sowas zu entschuldigen.

Es fühlt sich an, als wäre man in seinem Tun als Schreiber*in gerade krank. Dabei arbeitet man auf Hochtouren dafür, dass die Maschine läuft, und/oder lenkt seine Kraft in einen anderen Beruf, einen, der nicht wegfallen darf.
Viele Eltern schreiben an der Kante entlang. Wie knapp die Sache wirklich ausgeht, wie weit der Text schon weg von der*dem Autor*in ist, sobald er einmal erscheint, erfährt als Leser*in dann schließlich niemand.
Wir sollten uns noch öfter gratulieren.

Same Work But Different: Fabian Schwitter

Welchen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Fabian Schwitter: Das Herumturnen auf den Tummelfeldern des Betriebs habe ich aufgrund der Elternschaft stark reduziert. Mit der Entscheidung, die Care-Arbeit paritätisch mit der Mutter zu teilen, sind meine zeitlichen Möglichkeiten eingeschränkt. Hinzu kam mein Umzug nach Leipzig, sodass ich kaum mehr über ein Arbeitsnetzwerk verfüge, wie ich es früher einmal hatte. Diese Zusammenhänge betreffen zwar nicht das Schreiben unmittelbar. Sie sind dennoch wesentlich für ein literarisches Leben, das einen Lebensunterhalt anstrebt.

Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest Du es beschreiben?
Fabian Schwitter: Lustigerweise ist die Geschichte der fünfzeiler-Bände auf das Engste mit der Kita verbunden. Die Bücher sähen nicht aus, wie sie aussehen, wäre mir in der Kita im Frühling 2019 nicht die Verlagsherstellerin Franziska Reichert begegnet. Die Details – denn aus dieser Begegnung ist mit dem Kraken Verlag ein weiteres Projekt gewachsen – stehen hier. Die Bücher setzen sich aus den fünfzeilern als Elementarteilchen zusammen und haben weniger ein Thema als eine Struktur. Das Anschauen ist ebenso wichtig wie das Lesen. Leitend für die Gestaltung von tausendundein / fünfzeiler war jedoch der Wellen-Teilchen-Dualismus des Lichts. Gruppen von neun fünfzeilern bewegen sich auf den Seiten runter und rauf, sodass die Gruppen als Einzelteile, das Buch insgesamt aber als Welle erscheint. Innerhalb dieser Struktur finden sich – der Seitenzahl entsprechend – 110 verschiedene Themen in unterschiedlichen Facetten wie ein Mosaik.

Welche*n other writer würdest Du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest Du mit ihm*ihr sprechen?
Fabian Schwitter: Seit eh und je war mir das lokale Schaffen wichtig. Es ist zwar interessant, mit allerlei spannenden Menschen in aller Welt in Kontakt zu stehen. Lieber ist es mir aber, wenn die Möglichkeit, sich tatsächlich auf dem Spielplatz zu begegnen, gegeben ist. So freue ich mich über Kontakte in Leipzig. Clemens Böckmann habe ich einmal auf einen Kaffee getroffen. Mit Sibylla Vričić Hausmann war ich einmal in einer größeren Runde nach einer Lesung auf ein Bier. Katharina Bendixen habe ich einmal von Weitem gesehen. Und seit einer Lesung weiß ich, dass Janin Wölke im Eisenbahnstraßen-Viertel in Leipzig wohnt …

Der Gedichtband tausendundein / fünfzeiler erschien im Herbst 2021 in der Edition Howeg.

Das Känguru ist wieder da

Es ist Donnerstag, es ist Montag, es ist Zeit vergangen, so viel Zeit, dass ich mittlerweile nicht mehr klein schreibe, sondern sich die Orthographie, die Visualität meines Schreibens geändert hat, woran das liegt, weiß ich nicht so genau, überhaupt, weiß ich wenig dieser Tage, so vieles ändert sich,
gleich bleibt, wiederkehrend, dass ich in der Früh jetzt als Erstes die Zahlen nachsehe, die steigenden Werte, zu verstehen versuche, was sie bedeuten, während ich wieder in der Küche stehe, Kaffee aufgieße, auch das bleibt, die Kanne, der Filter, der Geruch, das Geräusch von Wasser, wie es tropft, und das Känguru ist wieder da, einfach so, müde sieht es aus, ein wenig grau ist es geworden, um die Schnauze, und ich frage, ob es auch Kaffee möchte, es nickt, während die Kinder durch die Küche gehen, sich an den Tisch setzen, Kaffee trinken, sich ein Glas Wasser nehmen, ein Stück Toast essen,
und dann aufbrechen, ein Kind geht in die Schule, das andere an seinen PC, denn die Welt zeigt sich bruchstückhaft wieder im Online-Modus, und ich sehe mich selbst, wie ich dem Känguru Kaffee einschenke, und dann mir, die zwei Tassen in die Hand nehme, zur Couch gehe und mich neben’s Känguru setze.
Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, nach all der Zeit, denn sonst schreibe ich ja. Ich schreibe Postkarten, das mache ich jetzt wieder, jeden Tag, ich schreibe manchmal auch Briefe, überhaupt, ich schreibe beim Sprechen, ich schreibe dann, wenn ich ins Auto steige, wenn ich einkaufe, währenddessen überlege, was ich kochen werde, was wer mag, und ja,
ich sehe zum Känguru, ich weiß, dass es Pfannkuchen mag, aber das wird nichts, es braucht mich gar nicht zu fragen, keine Pfanne oder sonst irgendetwas aus seinem Beutel zu holen, mich auch nicht anzugrinsen, das bringt alles nichts, ich kann keine Pfannkuchen, überhaupt kann ich nicht backen, zumindest nicht besonders gut, schon immer ist das so, und das wird wohl so bleiben, auch dieses darin wohnende, seltsam irrationale Schuldgefühl, keine gute Mutter zu sein, woher das kommt, frage ich nicht mehr, ich nehme das jetzt so hin, meistens,
schiebe das Bild zur Seite, schiebe es dem Känguru zu, meine Angst, anders lässt sich das nicht nennen, und bevor es etwas sagen kann, erzähle ich ihm, von diesem Film, The Hours, wie ich ihn das erste Mal gesehen habe, und wie ich hineingefallen bin, in diesen Film, aufgesogen von Julianne Moore und wie sie diese Frau spielt, die nicht backen kann, und ich werde nie dieses Gefühl vergessen, wie ich ihr und mir zugesehen habe, diese Verzweiflung angesichts der Zutaten, die nicht in ein richtiges Mischungsverhältnis wollen, die unglückliche Konsistenz des Teigs, als ob es der eigene Körper wäre, der einem abhandenkommt, sich entzieht,
und bei jedem Kuchen, der mir misslingt, habe ich Angst, dass ich mich irgendwann an einem anderen Ort dieser Welt in einer Bibliothek wiederfinde, meine Familie einfach so verlassen habe, so wie in The Hours, und manchmal bin ich in Sorge, dass ich mir genau das wünsche, dass ich das großartig fände, einfach in eine Bibliothek zu ziehen, zwischen den Büchern zu wohnen, dort zu schreiben, und das Känguru nickt jetzt, es holt die Pfanne aus seinem Beutel, steht auf und geht zum Herd. Ich sehe ihm zu, wie es Pfannkuchen macht, wie es einen Satz nach dem andern von mir im Teig einrührt, aufschlägt, aufschäumt, ihn gehen lässt, wie es das einfach so macht, wie ein Text daraus wird, wie gut das tut, und ich bin froh, dass das Känguru wieder da ist.

Nullerjahre

„Keiner hat dich gezwungen, ein Kind zu bekommen.“
(Quelle unbekannt)

Als ich noch eine alleinerziehende Mutter war, habe ich nie darüber geschrieben, wie ich Elternschaft und Schreiben unter einen Hut bekomme. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen. Doch – einmal! Ich sollte einen Artikel für eine pädagogische Zeitschrift schreiben. Weil ich alleinerziehend war, sollte ich Erziehungstipps für Alleinerziehende geben. Ich brauchte das Geld, also begann ich zu schreiben und stellte fest, dass ich keine Tipps für Alleinerziehende hatte. Ich stellte fest, dass ich eher wenig über die Situation Alleinerziehender wusste. Ich wusste eher wenig über meine eigene Situation. Für den Artikel forderte ich vom Statistischen Bundesamt Statistiken an über die Situation von Alleinerziehenden; es gab keine. Nur dass es vor allem Frauen sind, die alleinerziehend sind, ließ sich herausfinden, und dass ein hoher Prozentsatz Alleinerziehender von Armut betroffen ist. Die finanzielle Situation Alleinerziehender führe dazu, so recherchierte ich weiter, dass sie schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen, dadurch oft noch mehr arbeiten, dadurch noch weniger Zeit für das Kind haben. Oder sie beziehen Hartz IV und lassen sich permanent demoralisieren. All dies führe am Ende auch zu permanenter Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse. Das kannte ich. Ich nannte es chronischen Sexmangel. Ich beendete den Artikel mit der Empfehlung, die gesellschaftliche und finanzielle Situation von Alleinerziehenden drastisch zu verbessern. Der Beitrag wurde von der Redaktion abgelehnt, er böte zu wenig pädagogischen Input.
Ich habe nie über diese Zeit als Alleinerziehende und Schriftstellerin geschrieben. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ich habe mich noch nicht einmal als Schriftstellerin empfunden. Das lag daran, dass ich auch als Schriftstellerin nicht richtig funktionierte. Immer wieder wurde mir gesagt, ich würde zu wenig emotional schreiben. Meine Figuren würden zu wenig leiden, und wenn, dann litten sie unter dem Falschen. Ich sei nicht nah genug dran an ihren Gefühlen. Doch meine Heldinnen empfanden einfach weniger als andere, im Grunde arbeiteten sie daran, gar nichts zu empfinden. Sie wollten nichts über sich selbst wissen. Sie hatten keine Ziele außer den nächsten Tag zu überstehen. Sie sehnten sich nach Sex, hatten flüchtige Beziehungen und tranken gerne Bier. Sie verliebten sich nicht in schwierige Männer, sie waren selbst schwierig. Sie waren Betrügerinnen oder hatten Jobs, die es gar nicht gab. Menschen, die meine Geschichten lasen, konnten sich mit meinen Figuren nicht identifizieren. Niemand wollte blöde Jobs oder flüchtige Beziehungen.
Ich schrieb trotzdem weiter und manchmal gewann ich einen Preis, weil irgendjemand verstanden hatte, um was es eigentlich ging. Mein Kind wurde größer, meine Jobs wurden besser, und ich hatte auch wieder öfter Sex. Als das Kind erwachsen war, drehte sich das Blatt. Mir wurde ein Residenzstipendium angeboten und ich musste es nicht ablehnen. Endlich konnte ich wieder reisen. Ich bewarb mich auf weitere Aufenthaltsstipendien, bekam Geld, Essen oder eine Wohnung dafür, dass ich Schriftstellerin war und Figuren erfand, mit denen sich niemand identifizieren konnte. Ich schrieb über das Fremdsein im eigenen Zuhause, im eigenen Körper, über sprachlos sein und sprechen lernen. Meine Romane wurden veröffentlicht und in Rezensionen besprochen. Mein Kind freute sich, dass aus seiner Mutter doch noch etwas zu werden schien. Elternschaft und Schreiben standen sich nicht mehr gegenseitig im Weg. Ich versuchte, die Nullerjahre zu vergessen, meine persönlichen Nullerjahre. Und nach und nach vergaß ich, wie ich mich gefühlt hatte in einer Welt, die nur mit denen solidarisch ist, mit denen sie sich identifizieren kann.
Dann kam Corona. Ich las auf Twitter von der Verzweiflung der Eltern, der Verzweiflung der Mütter, der Verzweiflung der Alleinerziehenden. Ich konnte das erste Mal so etwas wie Mitgefühl mit meinem vergangenen Ich empfinden. Jemand schrieb während des Lockdowns, man würde mutterseelenallein gelassen, ein Ausdruck, den auch ich benutzt hatte in dem Beitrag, der nie veröffentlicht wurde. Ich hatte mein Déjà-vu. Es hat sich in den letzten zwanzig Jahren offenbar nichts geändert –  und doch sehr viel. Mutter-Bashing ist nicht mehr hip. Armut von Alleinerziehenden ist jetzt ein Thema. Es gibt den Begriff Care-Arbeit. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sprechen über ihr Elternsein, über Sexismus, über familienfeindliche Bedingungen im Literaturbetrieb. Es gibt diesen Blog. Und immerhin darf Verzweiflung jetzt empfunden werden.

Verschwinden

„Das ist ein schwerer Tag“, sagt das große Kind, als es die Entbindungsstation verlässt, in der es zum ersten Mal seinen kleinen Bruder gesehen hat. „Wie heißt der Kleine nochmal? Ich habe den Namen vergessen.“

„Ich komme gleich“, sage ich zum großen Kind. „Ich stille gerade.“

„Du bist meine Mama“, sagt das große Kind. „Deine Mama ist Oma Eva. Oma Evas Mama ist Uroma Irmgard. Die ist tot, genau wie Uropa Heinz.“

„Aber im Kindergarten sind doch Kinder, mit denen du spielen kannst“, sage ich zum großen Kind. „Dort gibt es so viel Spielzeug, das haben wir hier gar nicht alles, willst du wirklich nicht mehr hin?“

„Kann man ein Messer abwehren?“, fragt das große Kind. „Man muss den Arm ausstrecken, hat Ben gesagt, stimmt das?“

„Ich bleibe deine Mama“, sage ich zum großen Kind. „Ich bin für immer deine Mama, fest versprochen.“

„Nicht dass ich mit ablaufe“, sagt das große Kind, nachdem es den Badewannenstöpsel gezogen hat. Da steht es, bis zu den Knöcheln im Schaum, und schaut zu, wie das Wasser nach und nach verschwindet.

Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.

Für einen Monat weg …

Für einen Monat weg, einen ganzen, das erste Mal seit zehn Jahren, seit ich schwanger, hatte noch nie eine ganze Wohnung für mich allein, drei Zimmer und sechs Betten, in jedem Bett fünf Mal schlafen, staubsaugen höchstens ab und zu, Müll rausbringen, aber sonst nichts, wirklich gar nichts, wenn ich alles schaffe, was ich will, schreibe ich hier einen Roman zu Ende und einen Lyrikband und beginne einen neuen und habe alle Notizen und Entwürfe sortiert und sieben Bücher gelesen. Ich wache auf, wann ich will, gehe schlafen, wann ich möchte, um die gleiche Zeit wie sonst zwar, aber mit einem anderen Gefühl, ich sitze den ganzen Tag vor dem Laptop, an einem eigenen Tisch, schaue auf die Berge und trinke Bier und schleiche abends raus, wenn der Kühlschrank leer wird, der Wein hier ist schlecht, aber das Bier, das ist ganz in Ordnung, die Flaschen stapeln sich in der Küche. In der Apotheke eine Duftkerze für sechzehn Euro, umgerechnet, Sandalwood Macadamia, im Lebensmittelladen eine Gesichtsmaske Nivea, Grüner Tee, ich schäme mich, weil es mir gut geht, überlege, früher abzureisen, den Koffer zu packen, reiße mich zusammen, gehe nochmal die Textentwürfe durch. Am letzten Freitag dann gedeckter Tisch und Kerze, Kinderfrüchtetee ohne künstliches Aroma, belegte Brote, geschnittene Pflaumen, Äpfel, und ich dusche zum dritten Mal und ziehe mich um wie für einen Empfang oder eine Trauerfeier. Wenn sie schon auf dem Weg, dann, bei einem Unfall, diese Straßen hier, bergauf, bergab, verrückte Überholer in den Kurven, oder einfach Müdigkeit und Kurzschlaf, oder, oder, und ich sitze hier in der Küche und spüre, dass etwas passiert sein könnte, bin ich dann schuld daran und meine verflixte Residenz und das Talent, ständig allen Umstände zu bereiten, Gefahren, lebensbedrohliche Gefahren zu verursachen vielleicht …

Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.

Keine Trennung

Und dann habe ich D. kennengelernt, er ist quasi in dieses eine staubige Zimmer gestolpert, das ich eben angefangen hatte aufzuräumen, Dinge zu sortieren, Staubflocken zusammenzufegen, die alte Tapete von den Wänden zu reißen. Kurz darauf hat mich eine Freundin gefragt: „Hast du dich auf D. eingelassen, weil es dir auf einmal zu eng wurde, mit Wohnung auf dem Land und zweitem Kind?“ Und ich hatte geantwortet: „Nein, so ist das nicht“; und das sehe ich heute noch genauso, drei Jahre später. Drei Jahre, in denen ich kommuniziert habe, sehr viel kommuniziert, geredet, mich auseinandergesetzt, mit Konzepten, Theorien, und mit Gefühlen; mit dem Schreiben und dem Brotjob, mit dem Leben überhaupt; zudem: Umzug aufs Land, die Geburt meines zweiten Kindes, die Beziehung zu P. pflegen, und auch die zu D., und die zu all den anderen Menschen, zu meinen Kindern, zu Freundinnen, Nachbar:innen, und auch die zu der Mutter von P., die mir sagte, ich würde P. nicht lieben. Aber was heißt das überhaupt, jemanden lieben? Mein Ansatz von Antwort: Liebe heißt, einen Menschen zu sehen, mit all seiner Schönheit und all seinem Schmerz. Nicht die Mutter von P., aber andere Leute wollen wissen: „Dann sind P. und du jetzt also kein Paar mehr?“ P. und ich leben in einer gemeinsamen Wohnung, wir haben zwei Kinder, wir sind in einer Beziehung, sind ein Team, ein Paar. „Aber das ist keine Liebesbeziehung mehr, oder?“ Doch, eine Art von, sage ich, und frage: „Was ist der Unterschied zwischen Liebe und Freundschaft, also, wo ziehst du die Grenze?“ Ich weiß selber nicht, wo ich sie ziehe; muss ich denn? Was ich weiß: Da ist jetzt D. in meinem Leben und auch P. ist noch immer in meinem Leben und da sind die Kinder in meinem Leben und die Freundinnen und noch so viele mehr, und ich liebe sie ja alle, und ich liebe auch die Entwicklung, die wir in den letzten drei Jahren durchgemacht haben, es war nicht einfach, aber es war wichtig, für P. und D. und mich.

Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.

Menschen sehen sich als autonome Wesen …

Menschen sehen sich als autonome Wesen, aber sie sehen sich auch eingebettet in größere Zusammenhänge, Familie, Freunde, Gesellschaft, Natur. Autonom bedeutet notwendigerweise immer auch getrennt. Hier bin ich mit meinen Entscheidungen, da sind die anderen.
Trennung passiert nicht erst, wenn Menschen getrennte Wege gehen, Trennung entsteht schon aufgrund der Autonomie. Oder aufgrund von Konzepten, die man verfolgt. Bestrafung ist so ein Konzept: Wenn du nicht nach den Regeln hier spielst, müssen wir dich leider für eine bestimmte Zeit ausschließen, trennen von der Gruppe. Oder dich ausschließen aus unserer Aufmerksamkeit. Schuld ist auch so ein Konzept: Du hast dich falsch verhalten, das liegt in deiner Verantwortung und leitet sich nicht aus einem komplexen Gesamtzusammenhang ab, auf den du nur bedingt Einfluss hast. Aber auch Lob kann ein trennendes Konzept sein, das nicht auf Augenhöhe arbeitet. Diese Konzepte sind statisch.
Und es gibt dynamische Konzepte, die verbindend wirken, wie zum Beispiel Spielen, Sprechen, Zuhören, Musizieren: Ich erfahre mich im Austausch mit dir.
Es geht nicht um dynamisch oder statisch, richtig oder falsch, oder besser oder schlechter. Das geht es fast nie. Es geht einfach darum, welchen Konzepten man mehr Raum geben möchte in seinem Leben.

Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.

Trennen im Gesicht

Es war einmal

im//Hof streiten sich Katzen,
/welche Farbe heute?/
/welches Licht?/
auf der Couch schläft eine Frau und/neben ihr/und 9500 km
entfernt ist eine wach.

Neben ihr ist die Distanz.
/Neben/mir ist es Nacht. Ich kann nicht mehr dazu berichten.
Ich schlafe auf der Couch,
9500 km tief.

eins war eins ich
von Viele gesprochen als: du
dann schob ich meine Gesichter auseinander.

/Trennung/schreibe ich
/ist das Aufscheinen von Zugehörigkeit/
gestern und morgen

Während ich schreibe
wartest du auf deine Tränen

///Heraufbeschwören von Gefühlen /

Ich trenne mich endlich
und alles verschwindet.

Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.