in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch

Woher kommt er, dieser Kinderwunsch? Wann trat er zum ersten Mal auf? Ist er egoistisch, ein Mittel der Selbstverwirklichung? Oder eher ein Ring uns zu knechten in alle Ewigkeit? Kann man auch ohne ihn Kinder bekommen? Und wieso bleibt er – trotz allem – lebendig, dieser Wunsch? Oft auch nach dem ersten Kind? Unter anderem diesen Fragen stellen sich die Autor*innen Clemens Böckmann, Dmitrij Gawrisch, Barbara Peveling, Slata Roschal, Marina Skalova, Silke Sutcliffe, Laura Vogt, Julia Weber und Sebastian Weirauch in der vorliegenden Reihe. Mit einer Vielzahl von Perspektiven versperren sie sich jeglicher einfachen Antwort. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Leid und Glück von Elternschaft nicht rationalisierbar sind, nicht vermeidbar oder planbar. Sie treten immer überraschend auf.

Wovon wir träumen von Sebastian Weirauch
Wer sonst von Slata Roschal
Ei von Julia Weber
Doch warum nur gebären wir Kinder … von Clemens Böckmann
Ausgewandert von Silke Sutcliffe

Kinder & keine Kinder

Es gibt rationale Argumente dafür, keine Kinder zu haben.
Es gibt kaum rationale Argumente dafür, Kinder zu haben.
Ich habe sie trotzdem, die Kinder.
„Warum?“, fragte mich K. gestern, „warum Kinder?“
Ich: …
K: Hast du es je bereut?
Ich: …
K: Würdest du es dir mit dem Wissen von heute wieder wünschen, Kinder zu haben?
Ich: Wenn ich meine beiden betrachte, als ganz spezifische Menschen, dann denke ich schon, ja, dann würde ich mir genau sie wieder wünschen.
K: Glaubst du, deine Kinder hätten sich selbst dafür entschieden, in diese Welt hinein geboren zu werden?
Ich: Frag‘ sie in fünfundzwanzig Jahren und in fünfzig nochmals.
K: Lebst du gern in dieser Welt?
Ich: Ich lebe gern. In dieser Welt? Schwer zu sagen.
K: Glaubst du, deine Kinder werden selbst mal Kinder haben?
Ich: Mein Fünfjähriger sagte letztens, er wolle keine Kinder. Ich fand das eindrücklich. Und verstehe es auch. Irgendwie.
K: Hast du ihn nach dem Warum gefragt?
Ich: Hätte ich das tun sollen?

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Ausgewandert

Wir sind ausgewandert.
Ich würde nicht sagen überstürzt oder über Nacht.
Ich würde nicht sagen: Nacht und Nebel. Wir waren vorbereitet, verdammt.
Monatelang, was sage ich, jahrelang diese Reiseberichte.
Wir kannten jede Doku, jeden Bildband, jede Klimatabelle.
Und ich streite ja auch nicht ab, dass wir es schön haben hier.
Ich meine: Das Haus. Ich meine: Den Garten. Ich meine: Wir – Direkt am Meer.
Wer träumt nicht davon? Haben wir geträumt? Aber hallo!
Klar, bisschen viel Sand manchmal. Sand auf dem Teller, Sand im Bett und manchmal ist der Sand so heiß, dass man nicht mal drauf laufen kann.
Aber hey – wir leben den Traum. Und der Traum ist nicht schlecht, das heißt,
wenn wir zum Schlafen kommen zwischen Salz und Sand, ist der Traum nicht schlecht.
Außerdem schmeckt uns der Kaffee besser mit weniger Schlaf.
Oder: Wegen Blick aufs Meer.
Wir sind ausgewandert ins Land unseres Kindes.
Ich meine: Das Land, das unser Kind ist.
Haben wir Heimweh? Nach uns selbst? Wir doch nicht. Gar keine Frage.

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Doch warum nur gebären wir Kinder …

… warum nähren wir Kinder, wenn wir sie hernach, des Lebens willen, trösten müssen?
Giacomo Leopardi: Canti

In der ersten Woche merke ich nichts. In der zweiten auch nicht. In der vierten Woche glaube ich, dass ich glaube, dass was ist. Ich weiß nicht, was ein Wunsch ist, weil mir Leben so gefällt.
Ab der 18. Woche steigen Bilder empor. Mir wird Zukunft präsentiert, wie sie sein könnte, sollte, müsste. Auf keinem der Bilder kann ich mich erkennen. Ich bekomme keine Kinder, trage Sorge allenfalls.
Zwischen der 23. und 28. Woche denke ich, irgendwann wird sich ein Bild einstellen. Ich entwerfe mich als Gegenentwurf.
In der 30. Woche stelle ich mir vor, wie was wäre, wenn es wäre. Und ich kann nur eines wissen – dass ich nichts weiß. Also frage ich irgendwen und ende doch damit dann bald.
In der 32. Woche lass ich alles liegen und schaue fern. Erinnerung gräbt. Ich treffe Andere, die heißen wie ich. Ich war, ich bin, ich werde.
In der 55. Woche weiß ich so viel wie am Anfang. Kann ich mir etwas wünschen, wovon ich nichts weiß? Ist wünschen immer auf jemand anderen bezogen? Wünschen fängt beim Sprechen an?
In der 83. Woche denke ich mir, dass alles ganz schön kompliziert ist. Wo soll das bloß hinführen? Genau hierher. Und ganz woandershin.

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Ei

Eines Tages trat ich aus dem Haus und wünschte mir ein Kind. Ich sah in die Sonne, direkt in die Sonne hinein und dachte, ich brauche mich wieder mehr als Haus, ich brauche ein Kind, das in diesem Haus mit mir wohnen kann. Keine Reisen in das ländliche Rumänien, keine Kunstprojekte ohne Geld und mit vielen selbstgedrehten Zigaretten, keine aufreibenden Nächte, keinen Kater danach, neben mir im Bett liegend am Morgen, der nach Gin riecht. Ich hatte dieses Bild in meinem Kopf, ich mit kugelrundem Bauch, ein Kleid mit nettem Muster tragend, es ist Sommer und ich falte die Hände auf dem kugelrunden Bauch und ich gehe still und in mir ruhend über einen Kiesweg hinweg dem Institut entgegen, an dem ich studiere. Immer nur dieses eine Bild. Der Bauch, ich, das Muster auf dem Kleid und die Finger am Bauch und das Kies, das Geräusch der Kieselsteine unter meinen Füssen. Dann wurde ich schwanger; und ich fiel aus mir heraus, lag wie ein ausgelaufenes Ei am Boden.

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Wer sonst

Wenige Dinge nur habe ich aus purer Freude gemacht oder aus einem einfachen, instinktiven, dringenden Wunsch heraus. Ein Kind zu bekommen gehörte zu diesen Dingen, die sich nicht instrumentalisieren oder pragmatisch mit Vor- und Nachteilen angehen ließen. Das heißt, es ließe sich natürlich eins bekommen, um in die Altersvorsorge zu investieren, um eigene Komplexe daran abzuarbeiten, diktatorische Neigungen auszuleben, aber sowas kam uns nie in den Sinn. Ich weiß nicht, warum ich, warum wir ein Kind wollten, aber, mal ehrlich, wer sonst, wenn nicht wir.

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Wovon wir träumen

Früher dachte ich, unser Kinderwunsch entspringe einer gutartigen Quelle. Als Paar fröne man den Wonnen des gemeinsamen Egoismus. Mit Kind komme die Zeit der nicht immer gleich verteilten Verantwortung. Mittlerweile jedoch glaube ich, dass unser anhaltender Kinderwunsch auf etwas Tieferes zurückgeht; auf den Drang, die anderen Bewohner dieses Planeten allmählich mit Duplikaten unserer selbst zu ersetzen. Mag es statistisch auch noch so aussichtslos erscheinen – wie wenn Tempelpriester auf bessere Ernten in kommenden Mondzyklen hoffen, weil sie mit Obsidiandolchen Herzen herausschneiden. Doch wir glauben daran. Und wir träumen in der Nacht, wenn unser Kind im Schlaf zuckt, von einer uns im höchsten Maße spiegelbildlichen Erdbevölkerung.

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Rarely Asked Questions: Katharina Picandet

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Katharina Picandet: Literarisch ist es mit der Elternschaft oder Familie vielleicht wie beim guten Sozialkrimi: Oft zeigt sich in den konkreten einzelnen Fällen sehr anschaulich, woran es in der Gesellschaft im Ganzen fehlt, wo die Probleme liegen. Kinder zu bekommen oder nicht, mag eine individuelle Entscheidung sein, aber die Konsequenzen sind immer gesamtgesellschaftlich: Welche Werte vermitteln wir der nächsten Generation, woher kommen die eigenen moralischen Vorstellungen, wie kann ich verwirklichen, was ich mir wünsche, wo liegen die Konfliktlinien, innerhalb der Familie und außerhalb, usw. usf. Und weil nun mal jede*r Familie hat, ob man nun Eltern hat oder ist oder beides, ist das so ein unmittelbar nachvollziehbares Sujet mit hohem Identifikationspotenzial – und nahezu grenzenlosen literarischen Ausgestaltungsmöglichkeiten.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Katharina Picandet: Von arbeitenden, also auch schreibenden Frauen wird tendenziell wohl eher erwartet, dass sie Kinder und Arbeit unter einen Hut kriegen und im Zweifel eher die Arbeit zurückstecken als die Kinder. Ich glaube nicht, dass männliche Schriftsteller oft gefragt werden, wie sie die Doppelbelastung denn nur organisiert kriegen. Es gibt ein schönes Interview mit Nathacha Appanah, in dem sie sagt, wenn schreibende Väter auf genau diese Frage antworten, sie hätten „großes Glück“ gehabt, sei das in der Regel nur eine schöne Umschreibung für „Ich habe eine wunderbare Frau“.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Katharina Picandet: Ich glaube, der Literaturbetrieb gehört sogar schon zu den familienfreundlicheren Branchen, immerhin arbeiten dort ja mehrheitlich Frauen. Aber hier gilt wie in allen Branchen: Solange gesellschaftlich erwartet wird, dass „wirklich engagierte“ Menschen 24/7 arbeiten können und sollen; solange der fitte, agile Allrounder das bewunderte Ideal darstellt und man auf das Erreichen der Deadline um 2.00 Uhr nachts noch stolz ist, weil man unter dem Zeitdruck nicht zusammengebrochen ist – solange nicht stattdessen gemeinschaftliches Arbeiten, geteilte Verantwortung, Priorisierung von Fürsorge in einer Gesellschaft auch kulturell als wünschenswert durchgesetzt sind, solange bleibt auch ein Betrieb mit Halbzeitjobs, Flexibilität, Kinderkrippe, verständnisvollen Kollegen und Vorgesetzen etc. pp. eine einsame Insel der Glückseligen. Schön – aber reicht das?

Katharina Picandet, seit 20 Jahren im Kollektiv der Edition Nautilus, Hamburg. Ihre Kinder kamen 2003, 2005 und 2009 zur Welt.

Traum II

Anne träumt: Sie öffnet den Kühlschrank, holt Käse, Salami, Tomaten heraus. Im Kinderzimmer surrt schon wieder das ferngesteuerte Auto, Anne hasst dieses Geräusch. Als sie die Butterdose auf den Tisch stellt, rutscht der Deckel herunter. Er fällt auf den Stuhl und von dort auf die Fliesen, und es ist seltsam leise, wie er in drei fast gleich große Teile zerbricht.
Anne will sich bücken, verschiebt es aber auf später. Stattdessen nimmt sie das Brot.
„Ich“, hört sie Liam im Kinderzimmer sagen.
„Kriegst du aber nicht“, sagt Junis.
„Ich“, beharrt Liam.
„Noch eine Minute“, ruft Anne. „Dann kriegt Liam die Fernbedienung. Alles klar, Junis?“
Im Kinderzimmer knallt etwas, Liam schreit, und Anne rutscht mit dem Brotmesser ab. Der Schnitt ist tief, tut aber nicht weh. Blut tropft auf das Brett, Anne wischt es mit dem Ärmel weg. Sie schneidet weiter, wirft die blutigen Scheiben in den Brotkorb. Sie will Milch eingießen, bekommt den Tetrapak mit der verletzten Hand aber nicht richtig zu fassen. Er fällt um, die Milch läuft auf den Boden. Annes Socken saugen sich voll.
„Eine Minute ist um“, ruft sie. „Liam ist jetzt dran, Junis, okay?“
Sie nimmt drei Teller aus dem Regal, zwei davon rutschen runter. Den dritten, vierten, fünften stellt sie auf den Tisch. Dass sie in eine Scherbe getreten ist, merkt sie nur daran, dass sich die Milch auf dem Fußboden rosa färbt. Sie fährt sich durch die Haare, etwas klebt darin, Butter oder noch mehr Blut oder vielleicht sogar etwas, was sie von draußen mit hereingebracht hat. Bei der Vorstellung muss sie lächeln, und als sie zwei Finger in den Frischkäse taucht und sich damit die Wangen schminkt, lacht sie laut.
„Abendessen ist fertig!“, ruft sie. „Liam? Junis? Kommt ihr bitte?“