Take Care: Andrea Karimé & Barbara Peveling (I)

Liebe Andrea,

„Die Scham ein Mädchen zu sein“, dieser Satz von Dir aus Deinem erzählerischen Essay „Granatapfellicht. Scham Rasse Geschlecht. Das goldene Kamel“ ist mir in Erinnerung geblieben. Eigentlich habe ich es auch so empfunden habe, als zweitgeborenes Mädchen, dass meinem Vater der Sohn fehlte. In der westdeutschen Provinz der 80er war es schon in Ordnung, als Erstgeborenes ein Mädchen zu haben, aber das zweite oder auch dritte sollte dann doch bitte ein Junge sein. Denn ein männlicher Nachkomme zeugt von Virilität, ein Mädchen hingegen nur von Schwäche, Kontrollverlust. Und so habe ich mir als Kind große Mühe gegeben, der Junge in der Familie zu sein: Ich war wild, unbändig, widerspenstig und laut. Später habe ich mein Verhalten in der Kindheit oft als Feminismus interpretiert, weil ich so gerne Robin Hood spielte, mit mir selbst in der Hauptrolle. Aber das war eine Fehlinterpretation, es war nur eine weitere Form der Anpassung, um diese eine soziale Rolle zu bedienen, die in unserer Familie eine Leerstelle war und die ich zu füllen mich bemühte, indem ich gesellschaftliche Klischees bediente: ein Junge zu sein, laut und wild.
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Mütter, die gehen (III): Zeit für ein Zeichen

Seit vor vier Monaten der zweite Text in der Reihe „Mütter, die gehen“ erschien, habe ich viele Gespräche über Mutterschaft und Elternschaft geführt, fand mich notierend, recherchierend, schreibend, beobachtend wieder.
Was mir im Austausch innerhalb von Freundinnenschaften überwiegend begegnet, wofür auch ich sensibler geworden bin, sind die Umstände, unter denen Mutterschaft stattfindet – in einer Paarbeziehung, nach einer Trennung, inmitten von vielen Auseinandersetzungen. Ich spreche mit Frauen, Müttern, Freundinnen über nachgeburtliche mentale und körperliche Verfassungen und den Anteil struktureller Ursachen daran. Wir reden über Abwertungen unserer Familien- und Sorgearbeit vom lohnarbeitenden anderen Elternteil – über fehlendes Verständnis, über die Kämpfe innerhalb von Partnerschaften hinsichtlich Kinderzeiten, Arbeitszeiten, freien Zeiten. Wir sprechen über Schuldzuweisungen, mit denen wir als Mütter nach einer Trennung und der Forderung nach einem Wechselmodell umgehen müssen, ebenso wie über die Wechsel, die kinderlose und die kinderreiche Zeit und die damit einhergehenden emotionalen Zustände und Aushandlungen mit uns. Thema ist auch die oft schwierige Beziehung von Müttern zu ihren Töchtern vice versa.
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Sounds Different: Daniella Strasfogel

An einem nasskalten Sonntagmorgen: Ein Theater am Ufer der Spree. Seine große schwarze Bühne, im Zuschauerraum steigen die Sitzreihen steil auf.
Kinder, Familien, die sich gegenseitig begrüßen und den Zuschauerraum mit Lachen, Rennen und Aufregung füllen. Kindliche Fragen, die in die Stille geworfen werden und in der grellen Atmosphäre der Neonröhren widerhallen.
Kinder, Familien, die aufgeregt ihre Plätze auswählen – vor allem in den vorderen Reihen. Und dann einige Einzelpersonen, die es vorziehen, sich weiter oben niederzulassen, oder noch zögern, sich hinzusetzen.
Viele junge Zuschauer plötzlich schuhfrei, hüpfend.
Klappsitze öffnen und schließen sich, klappern im Rhythmus der ungeduldigen Beinchen. Snacks werden aus Rucksäcken geholt, Papier und Plastik rascheln.
„Ich habe Durst!“
„Hunger!!“
„Wann fängt’s an?“
„Mir ist laaaaangweilig…“
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Over and out

Auf unserer Anrichte steht sie. Hinter Nussknacker und Nikolausteller, links und rechts gestützt von Vorratsgläsern mit Mehl und Zucker: deine Schultüte. Längst ist sie leer. In den Windungen der blauen Wellpappe hat sich der Staub des ersten Schuljahres gesammelt. Ich hätte meine Sache besser machen können. Ich habe die Umschlagfarben verwechselt und den Malkittel so lange vergessen, bis deine Kleider bunt gefleckt waren. Trotzdem haben sich Schreiblernhaus und verstärkte Grundlinie in deinem Heft in Lineatur zwei verwandelt. Plötzlich kannst du lesen und schreiben.
Die Glitzersteine, die deine Schultüte zieren, haben kaum an Glanz verloren und das Einhorn mit der bunten Tonpapiermähne schaut mich erwartungsvoll an.
Du willst heute alleine in die Schule laufen.
Ich überlege.
Einhörnern sagt man Unsterblichkeit nach, solange sie ihren magischen Wald nicht verlassen, in dem ewiger Frühling herrscht.
„Ich kann mit dem Walkie-Talkie Bescheid funken, wenn ich da bin“, sagst du. „Ich habe mir Codenamen überlegt.“
Ich überlege. Das Einhorn ist stark. Es besiegt sogar Löwen.
Schließlich nicke ich.

„Come in Magic Forrest, come in.“
„Magic Forrest here. Go ahead, unicorn7.“
„Ich bin angekommen. Over.“
„Du bist angekommen. Over and out.“

Kreissaal

Während du dich
in deinen Wehen verfängst
fangen sich deine Hände
in meinen Locken

und den Schmerz den
du spürst wenn sich
dein Bauch zusammenzieht
überschneidet den Druck
deiner Hände auf meinem
Rücken

während deine PDA
keinen Durchgang findet
dich zu betäuben
entblätterst du mein
Laub in dem ich
jahrelang drin
schlummerte

dein Muttermund
öffnet sich um zu
gebären
mein Mund schließt
sich um in deinen
Armen neu
geboren zu werden
geborgen aus dem
Mulch der letzten
Jahre

während du in
der Badewanne
schlummerst
vor Erschöpfung des
Schmerzes
schmiegen sich unsere
Körper im Kreissaal
in Nachtwachen
zu einem dampfenden
Hügel

wo fängt die Geburt an
und
wo hört sie auf?

während man dir
den Bauch aufschlitzt
um die Frucht zu holen
reife ich in der Sonne
deiner Erinnerung.
Träume von unseren
badenden Nacktkörpern
im See
zünde das Holz
an um dich in
mir zu wärmen
spüre den Duft der
Wiese auf deiner Haut
suche die Grenzen deiner
Lieblichkeit

der Mondschein badet
dich
mein Haar dein
Tuch

dein Schreien verstummt
das Kind an deiner
Brust
die ihn mal berauschte.

Das Gedicht erschien in dem Band Un-Liebesgedichte & Un-Love Poems. Eine Korrespondenz (gemeinsam mit Alexander Carberry), Februar 2022, Edition Delta.

Other Writers trifft Café Entropy: Delphine de Stoutz (und Mathilde Ramadier) im Würgeengel, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Wann war das?
An einem Freitag im September, glaube ich.
Was haben wir dort gemacht?
Eine Auszeit zwischen zwei wichtigen Dingen. Ein möglicher Ort zum Warten.
Es war damals nicht geplant.
Nein.
Worüber haben wir gesprochen?
Du hast mir die üblichen Fragen gestellt, über die Schule, meine Freundinnen, ob ich Hunger habe.
Dann hast du aufgehört, mir zu antworten.
Danach suchte ich die Worte tief in meinem Hals, wie ein Aufstoßen im Magen, ich musste sie nach oben bringen.
Ich erinnere mich an eine erdrückende Stille, eingebettet in den Lärm des Gläserklirrens und der Gespräche der anderen Gäste.
Ich weiß noch, dass ich mir sagte: „Jetzt ist es soweit.“
Wie habe ich reagiert?
Zuerst hast du nichts gesagt. Dann hast du einen Schluck von deiner Schorle genommen und mich, ohne mich anzusehen, gefragt, warum ich mich ausgerechnet dafür entschieden habe, ein Junge zu sein. Warum es mir nicht mehr gefiel, zwischen den Geschlechtern zu leben. Dass du nicht wüsstest, wie man mit Jungen umgeht, dass du nie einen Jungen gewollt hast und dass das kein leeres Gerede wäre.
Hat dich das verletzt?
Nein. Seltsamerweise verstand ich es.
Dann habe ich dich angeschaut.
Und was hast du gesehen?
Dass du deine Haltung korrigiert hattest, dass du gerade standst, dass deine Haarsträhne hinter dein Ohr geschoben war und nicht mehr vor deinem Auge hing, dass du seit 12 Jahren vor mir standst und ich dich nicht sah. Ich sah, dass ich dich erkannte.
In diesem Café lernten wir uns endlich kennen.
Ja.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Bis ich Kinder hatte, war ich leidenschaftlich verliebt in Cafés. Ich besuche Cafés am liebsten allein. Ich beobachte und beobachte mich selbst, sammle Gedanken, verwandle andere Gäste in potenzielle fiktionale Figuren und erfinde auch für mich selbst Rollen. Dann kamen die Kinder und die Cafés wurden zum Ort der Blicke, die auf mich und meinen allzu lauten und ungeschickten Nachwuchs gerichtet waren. Ich versuchte zwar, mich in angeblich geeignete Orte, die Eltern-Kind-Cafés, zu flüchten, aber das war noch schlimmer, denn dort wurde ich nicht nur beobachtet, sondern auch verurteilt, genauso wie ich andere verurteilte. Was hatte ich in die Vesperdose gepackt, war es gesund genug? War mein Kind schuld an dem blauen Auge des kleinen Rotschopfs, der gerade meinen koffein-, laktose- und genussfreien Kaffee für 5 Euro verschüttet hatte? Jede Minute, die ich in diesen übelriechenden und ohrenbetäubenden Räumen verbrachte, war eine Tortur. Und es war ganz natürlich, dass ich nicht mehr in Cafés ging, zumindest nicht mit meinen Kindern.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Jetzt, da meine Kinder größer sind, beginne ich wieder, mit ihnen ins „Bistro“ zu gehen, wie man in Frankreich sagt. Denn in der Tat ist es für mich in Frankreich einfacher oder natürlicher als in Berlin, mit ihnen ins Café zu gehen. Ich genieße diese Momente, in denen wir uns Zeit nehmen, um Bilanz zu ziehen, ohne Druck oder besondere Erwartungen. Im Café schützt uns der Lärm der anderen, und oft lösen sich dort die Zungen, um ein wenig von sich selbst zu erzählen.

Aus dem Französischen von Barbara Peveling.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.