Die unberechenbare Überraschung – Geschichten von Lorenz und Haldor Just

Es war einmal eine riesige Burg an einem riesigen See, und in diesem See schwamm jeden Tag eine große, große Qualle, und diese Qualle jagte jeden Tag einen Fisch. Eines Tages lief ein Ritter direkt an der Qualle, die gerade Luft geholt hatte, vorbei und erstach sie mit seinem Schwert. Aber was war das? Aus der toten Qualle kam ein Zombie und verwandelte sich in eine Eidechse, der blitzschnell Flossen wuchsen, und sie schwamm durch den See in einen Fluss und den Fluss entlang bis ins Meer. Und der Ritter ging in seine Burg.Da freute sich der Fisch, der von der großen, großen Qualle jeden Tag gejagt worden war, denn nun hatte er endlich seine Ruhe und den gesamten See für sich allein. Als sich der Ritter am nächsten Morgen auf seinem Spaziergang um den See befand, schwamm der Fisch zum Ufer und sagte: „Vielen Dank, lieber Ritter, dass du mich von der großen, großen Qualle befreit hast.“
Der Ritter aber verstand nicht, was der Fisch da sagte, er sah nur den großen Fisch, und dachte sich: „Was für ein Leckerbissen“, zückte sein Schwert und wollte den Fisch totschlagen. Da aber verwandelte sich der Fisch vor lauter Schrecken und Angst in ein gewaltiges Seeungeheuer und fraß den Ritter mit einem einzigen Haps auf. Und eine riesige Ritterarmee lief zu dem Seeungeheuer hin und schlug ihm alle Tentakel ab, die es hatte. Da sank der schwere Körper des Ungeheuers bis auf den Grund des Sees, wo er liegen blieb. Und in diesem Körper saß der Ritter und fragte sich verzweifelt, ob er je wieder das Licht der Welt erblicken würde.

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Es gab eine kleine, weltliche Landschaft und in dieser Landschaft wohnten drei neugierige, achtjährige Kinder. Plötzlich kam ein Fahrrad angefahren und auf diesem Fahrrad saß ein dunkelgrün gekleideter Mann und dieser Mann hatte auf dem Gepäckträger einen Rucksack und der Rucksack war offen und aus diesem Rucksack fielen viele Karten und Brecheisen. Der Mann kletterte zum Baumhaus hinauf, das den drei Kindern gehörte. Sie kletterten sofort den Notausgang hinunter, dafür mussten sie durch ein Fenster auf eine als Waldboden getarnte Matte springen. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern weg.
Der Mann in den schwarzgrünen Kleidern hatte die Kinder aus dem Fenster stoßen wollen, nun stand er unverrichteter Dinge im Baumhaus und blickte zum offenen Fenster hinaus.

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Ein Detektiv in Ägypten verfolgte eine lange Kette von Spuren: Er lief von einem Fußabdruck zu einer Blutspur zu einem roten Haar, das auf einem blauen Kopfkissen lag, zu einer geheimen Botschaft, die in Zauberschrift an eine schwarze Wand geschrieben war, er öffnete eine verbotene Tür, er sammelte Tausende von Fingerabdrücken, er blickte den verdächtigen Menschen tief in ihre Augen, bis er wusste, wer der Mörder war.

Other Artists: Henrieke Ribbe

Henrieke Ribbe (geb. 1979 in Hannover) hat an der Hochschule für bildende Künste Hamburg Freie Kunst studiert und ist seit 2004 Mitglied der Künstlerinnengruppe 3 Hamburger Frauen. Mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann lebt sie in Berlin.
In ihrer aus großformatigen Standesportraits bestehenden Arbeit „Der kaukasische Kreidekreis – Working Moms“, die sie u.a. 2019 im Hamburger Ausstellungsraum Westwerk vorstellte, portraitierte sie Künstlerkolleginnen mit ihren Kindern. Sie beschäftigt sich damit mit einem auch in der bildenden Kunst zwar brandaktuellen, aber nach wie vor weitestgehend tabuisierten und verdrängten Thema: der Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Karriere. „Aus Sicht des Kunstmarktes“, schreibt Henrieke Ribbe, „scheint die Entscheidung für Kinder gleichbedeutend mit der Entscheidung gegen eine erfolgreiche Laufbahn als Künstlerin zu sein.“ Für Ribbe, der die Arbeit am kaukasischen Kreidekreis auch der „Reflexion von Aspekten der eigenen Biografie“ diente, bedeutet die Darstellung ihrer Kolleginnen – lebensgroß in Öl fixiert, mit stolzem, herausfordernden Blick und durchweg selbstbewusst auftretend – einen Akt der Solidarität. Die bildliche Aufreihung der namhaften wie unbekannten Künstlerinnen in ihrer Rolle als Mutter führt den Betrachter*innen die Diskrepanz, die die Lebensrealität jener Frauen begleitet, unnachgiebig vor Augen: „Während es für alle diese Frauen bereits völlig normal ist, gleichzeitig Kinder zu erziehen und Kunst zu machen, wird dies von außen kaum wahrgenommen und fehlt vollkommen im Sprechen über Kunst.“

Heute gehen meine Kinder …

… zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder in die Schule. Sechs Monate, in denen ich alles war. Von der Lehrerin über Lernbegleiterin, Krankenschwester, Freizeitgruppe bis zur Mutter, dies vor allem. In der Nacht liege ich wach und überlege, ob ich meine Kinder wohl auch bekommen hätte, wenn mir vorher klar gewesen wäre, dass die Gesellschaft mich bei der ersten großen Krise allein mit ihnen lässt. Ich muss an meine Texte für Aufträge denken, die in dieser Zeit entstanden sind und an denen ich eigentlich lieber noch viel länger gearbeitet hätte. Ich versuche nicht an den Roman zu denken, an dem ich viel zu wenig geschrieben habe. Ich tröste mich mit dem Interview, bei dem ich die Kinder mit Currywurst abgefüttert habe, damit sie mich mit dem Journalisten reden lassen und der dann sogar die Rechnung übernommen hat. Ich liege still und versuche nochmal einzuschlafen.
Der Schlaf kommt nicht, aber die Antwort kommt mit dem Atmen und sie ist ja. Ein ja für diese Nacht und jede andere, diese vielen, unzähligen, die waren und noch sein werden, in denen wachen, nicht schlafen, sich verlassen fühlen, Angst haben auch den Takt angeben, als wären sie Zeitmesser einer Ewigkeit. Diese vielen Stunden, in denen ich in die Dunkelheit starre, eingraviert in mein Gedächtnis, die mich umfängt, von Anfang an. Und der Glaube daran, dass immer jemand bei mir sein wird. Und so werde ich nicht aufhören, für die Kinder zu sorgen und trotzdem weiter zu schreiben, darüber und über alles andere auch, solange ich bin.

Anekdoten aus Schöppingen

Wir erreichen das Künstlerdorf am späten Nachmittag. Es dämmert bereits, in der hauseigenen Bibliothek brennt schon Licht. Ein junger Mann hat seinen Arbeitsplatz hinter einer bodentiefen Glasscheibe eingerichtet. Illuminiert von der Schreibtischlampe sitzt er wie in einem Schaufenster. Er sieht, dass wir auf den Eingang zusteuern, steht auf und öffnet die Tür. Er erklärt uns, wie wir an die Schlüssel kommen. „Wir treffen uns abends im Kaminzimmer.“, sagt er. „Kommt doch vorbei. So gegen elf.“ „Klingt gut“, sage ich, wohl wissend, dass das nicht passieren wird. Unsere Tage beginnen zwischen fünf und sechs, und um 23 Uhr liegen wir längst im Bett.
Ich habe dem Künstlerdorf vorab mitgeteilt, dass ich mit Anhang anreisen würde, und so hat man uns eine große Wohnung freigehalten. Sogar ein Kinderbett finden wir darin. Ich darf einen weiteren Schreibtisch in die Bibliothek stellen und mir dort einen Arbeitsplatz einrichten. Den Autor, der im Schaufenster arbeitet, bekomme ich nur selten zu Gesicht. Und an Arbeit ist in den ersten Tagen sowieso nicht zu denken. Erst einmal: Babybadewanne kaufen. Spielplätze finden. Einen Rhythmus etablieren, der uns allen entspricht. Und: einen Infekt überstehen. Die zweite Nacht in Schöppingen endet nach drei Stunden. Der Kleine sitzt im Bett und übergibt sich. Im Schlafanzug eile ich zu den Gemeinschaftsräumen, um frische Bettwäsche zu besorgen. Auf dem Weg lerne ich die anderen Stipendiaten kennen. Sie sitzen vor dem Kamin, rauchen, trinken, unterhalten sich. Ich grüße und wühle in den Schränken nach Bezügen und Laken.
Während meine Frau und ich uns zwischen Laptop und Spieledecke abwechseln, verpassen wir so gut wie jede gemeinschaftliche Aktivität. Den allabendlichen Treff im Kaminzimmer. Die nächtlichen Besuche in den wenigen Bars des Ortes. Die wöchentlichen halb ironisch gemeinten, halb sportlichen Ausflüge auf die Kegelbahn. Den von reichlich Stroopwafels und ähnlichen Substanzen flankierten Trip ins deutsch-niederländische Grenzgebiet. Dass ich aufs Nachtleben verzichte, macht mir nicht zu schaffen, ich habe mich längst damit abgefunden. Aber die Erkenntnis, dass ein nicht zu verachtender Aspekt des Stipendiums an mir vorbeigeht – der Austausch mit anderen Autoren –, stimmt traurig.
An einem Wochenende verbringen wir mehr Zeit als sonst mit einem Mitstipendiaten – er hat Besuch von seiner Frau und den drei kleinen Kindern. Sie kümmert sich sechs Monate lang alleine um die drei, während der Vater Kunst macht. Er ist ein aufstrebender Komponist und seine Auftragsarbeiten entstehen im Akkord, ausufernde Schaffensperioden wechseln mit Phasen großer Erschöpfung. Er ist ein Künstler, wie er im Buche steht, berufen dazu, sich für die Musik zu verzehren – und ein Vater, den eine zweistündige Autofahrt von seiner Familie trennt.
Wir können die anderen zu einem Kaffee- und Kuchentreff am Nachmittag überreden, manchmal treffen wir uns auch schon vor 23 Uhr. Das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören, bleibt. Ich kann nicht sagen, ob es von den anderen ausgeht oder ob ich selbst es mir einrede.
Dann kommt der letzte Abend. Die Stipendiaten grillen, Treffpunkt achtzehn Uhr – wieder eine Ausnahme für uns. Wie die anderen Künstler reisen wir am nächsten Tag ab. Viele unserer Mitstreiter müssen früh fort, sie haben noch einiges zu erledigen. Wir bleiben sitzen, bis zur Feuerstelle reicht der Empfang des Babyfons und unsere Koffer sind längst gepackt. Irgendwann gehe ich eine letzte Runde um das Haus. Das bodentiefe Fenster der Bibliothek ist erleuchtet, der Schreibtisch verwaist. Aber es ist ja auch schon spät.

postkarten ans känguru

es ist donnerstagabend und diesmal weiß ich es so genau, weil alles jetzt immer ein wenig anders ist. ernster. schwerer. nicht viel, aber bemerkbar. deutlich. es fängt morgens an: ich stehe auf, mache kaffee, brote für die kinder. beinahe hätte ich vergessen, wie das geht. wie es sich anfühlt. halbverschlafen in der küche zu stehen. mit sätzen, die noch oder schon in mir stecken. die ich geschrieben habe oder schreiben werde. die ich irgendwo schnell hingekritzelt habe, in bücher, auf zeitungen, notizhefte, damit ich sie nicht vergesse. damit das bild bleibt. und einmal mehr wird mir klar, wie sehr ich im schreiben mit konkreten bildern arbeite. und was das für eine bildreiche zeit ist, in der wir leben. und ob mein kopf dafür ausreichen wird, all das zu sammeln, zu verarbeiten, das beschäftigt mich. auch, wie all die andern das machen. um uns, überhaupt, alle andern. ich frage die kinder, ob sie ihre masken haben. jeden morgen. sie nicken, ich nicke, nehme sie in den arm. stelle mir vor, wie sie gleich im klassenraum sitzen werden. nebeneinander. mehr als 25 kinder. eine maske neben der andern. wie im betonkasten die hitze aufziehen wird, die fenster, dünn, alt, aus den 70ern, nichts dagegensetzen werden. wie ihre stimmen in der maske hängen bleiben, leiser werden. dass eine stunde jetzt manchmal nur die hälfte dauert, auch daran denke ich. dass wir die zeit einfach teilen, so wie wir gerade so vieles teilen. bewusst. unbewusst.
ich würde mich gern kurz ans känguru lehnen. ein schnapspralinchen in mich werfen, einen witz dazu, irgendetwas. oder mit seinem boxsack durch den tag schaukeln, auch das wäre gut. aber das känguru ist nicht mehr da. es ist ausgezogen, die couch ein ruhiger ort geworden. immer noch eine insel, aber anders. die länder um uns ändern sich. land of stories. quality land. immer noch sitzt ein kichern mit auf der couch, manchmal ein kurzes, befreiendes auflachen, manchmal aber eben auch nicht. dazwischen: heinrich von kleist mit seiner marquise von o … und manchmal fragt juli, wie das werden wird. ihr abitur. jetzt, in diesen zeiten. und keiner von uns, der eine antwort weiß.
und ich, die ich fürs neue projekt über wahnsinn und gesellschaft lese, in neuen begriffslandschaften unterwegs bin, aufenthalt in einem irren haus, mich manchmal in diesen vielen geschichten verliere, nach einem rand suche, nach dem rand des eigenen körpers, dem rand des tages, wenn nur jeder Mensch jemanden hat, der nach ihm sieht, auch das lese ich, lese es bei helga m. novak, die mir eine liebe begleitung wird, die schraffur ihrer sprache, geselliges beisammensein, und ich schreibe jetzt postkarten, so enden die tage, meistens, schreibe postkarten an mich, ans innere, ans äußere, an meine eltern, an freunde, ans literaturhaus, ich fahre durch eine Postkarte, lese ich bei friederike mayröcker, du hast immer etwas zu liebkosen das bringt Glück, Derrida, hm,
und es ist donnerstagabend und diesmal weiß ich es so genau, weil alles jetzt immer ein wenig anders ist. ernster. schwerer. nicht viel, aber bemerkbar. und weil ich ans känguru schreibe. einfach so. dass noch platz sei. hier auf der couch, neben der marquise von o …, zwischen uns.

Luftholen

Einmal kurz auftauchen und nach Luft schnappen, für einige Augenblicke die Arme ausbreiten und sich treiben lassen, den Blick in den Himmel gerichtet, wolkenlos ist er und von einer Intensität, wie es mir seit Monaten nicht mehr aufgefallen ist. Ruhig und gleichmäßig atmen. Seit Monaten bin ich das erste Mal wieder in der Lage, einige Stunden konzentriert zu arbeiten, zu schreiben, ein merkwürdiges Gefühl nach diesem Frühjahr im Ausnahmezustand, nach einem Sommer voller Auf und Abs.
Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch und schaue in den Himmel, nur ein paar Wolkenfetzen, keine Flugzeuge. Ja, ein bisschen fühlt es sich an wie vor einem Jahr, als noch niemand etwas ahnte, als es immer so weiterzugehen schien mit dem Wachsen und Ausbreiten und Vermehren und Ausschwärmen, ein bisschen ist es jetzt so wie damals, als ich am Schreibtisch saß und am neuen Roman arbeitete und mir nicht vorstellen konnte, dass es so etwas geben könnte wie diese große Stille, das einmalige, tiefe Luftholen vor dem Abtauchen.
Jetzt sitze ich wieder am Schreibtisch, jetzt ist der Himmel wolkenlos und die Katze räkelt sich in den Sonnenflecken auf der Terrasse, aber trotzdem ist etwas anders. Da hat sich eine Müdigkeit im Körper eingenistet, eine Erschöpfung, die tief unter der Haut sitzt, denn er musste weiter funktionieren, dieser Körper, der Kopf, alles musste irgendwie weitergehen, Tag für Tag, Woche für Woche, plötzlich vier, fünf Körper in einem, hineingepresst, zusammengedrückt, kaum noch Luft zum Atmen, kaum noch ein Gefühl in den Fingern.
Jetzt Luft schnappen, soviel wie nur irgend geht, die Lungen vollsaugen. Die Ungewissheit, wie lange sie reichen wird, macht mich reizbar, launisch. Ich habe keine Lust mehr zu tauchen. Ich will oben bleiben, die Arme ausgebreitet, den Blick in den Himmel, keine Wolke dort oben.

Von Niemandem

Auf dem großen Spielplatz sind zwei etwa fünfjährige Mädchen auf der Nestschaukel. Ein ungefähr gleichaltriger Junge mit einem gut 2 Meter langem viel verzweigten Ast in der Hand steht vor der Schaukel und schlägt jedes Mal, wenn sie in seiner Richtung in die Höhe schwingt, auf den Rand der Schaukel. Ziemlich feste. Die Zweige ragen beim Schlag in die Schaukel hinein.
Eines der Mädchen sagt beim zweiten Schlag, er soll das lassen. Ich frage mich, wo die Eltern sind. Die von dem Mädchen und die von dem Jungen. Offensichtlich nicht präsent. Ich frage mich, ob ich einschreiten soll. Zögere kurz. Sage mir dann: Bei Erwachsenen würde ich ja auch etwas sagen in einer Situation, wo einer dem anderen wehtun könnte.
Also stehe ich von der Bank auf, mache ein paar Schritte auf drei zu und sage:
– Lässt du das das bitte mit dem Stock. Das ist gefährlich.
Der Junge hält inne. Sieht mich an. Unbeeindruckt.
– Du weißt gar nicht, wer ich bin, sagt er.
– Stimmt, sage ich.
– Dann kannst du mir auch nicht sagen, was ich tun soll.
– Doch, sage ich. Das kann ich. Weil das gefährlich, was du da tust.
Er sieht mich weiterhin an. Direkt in die Augen. Dann sagt er:
– Du bist nur ein Popo.
Die Mädchen lachen. Er lacht auch. Er hat aber aufgehört zu schlagen. Ich bleibe noch kurz stehen, dann setze ich mich wieder.
Das versuche ich meinen Kindern beizubringen. Keiner kann dir etwas sagen. Niemand außer Lehrern, Erziehern, Eltern von Freunden haben das Recht, dir etwas zu verbieten. Lass dich nicht beeindrucken von Fremden, die dich maßregeln wollen. Wenn die was zu sagen haben, sollen die zu mir kommen.
Vielleicht haben die Eltern des Jungen das besser vermittelt, als ich das bei meinen Kindern geschafft habe. Ich habe Respekt davor.
Aber natürlich gehe ich nächstes Mal wieder dazwischen.

Ich habe lange …

… keinen Blogbeitrag verfasst. Ich war nicht untätig. Ich habe versucht zu verstehen, was es bedeutet, einen zweiten Roman zu veröffentlichen. Ich habe am Anfang eines dritten Romans geschrieben, Figuren entwickelt, den Plot erweitert. Ich habe meine Tochter abgestillt und mein Sohn ist in den Kindergarten eingetreten. Ich habe für Geld gearbeitet, als Schriftdolmetscherin, als Mentorin, an Aufträgen. Wir sind verreist, mal zu viert, mal zu fünft, mal alleine: an den Bodensee, ins Saarland, ins Engadin, ins Rheintal; immer nur ganz kurz. Mein Schreibplatz hat sich verändert, und mein Atelier befindet sich nun im Dorf, in dem ich lebe. Immer mehr spielt sich im Dorf ab, in dem ich lebe. Das Beerenpflücken, die Brotjobs, das Küssen, das Schreiben. Manchmal vermisse ich die Stadt, dann fahre ich hin mit dem Zug, gehe durch die Strassen und bin mir nicht sicher, was ich dort suche. Einkaufsläden? Andere Leute? Etwas ganz und gar Neues? Etwas Altes? Noch mehr Fülle? Er ist nicht eintönig, mein Alltag, aber da sind viele Bedingungen. Der Kindergarten beginnt um 8.50 Uhr. Das Mittagessen sollte bereit sein, wenn mein Sohn nach Hause kommt, der Hunger ist dann gross. Meine Tochter will nicht immer mich, aber wenn ich da bin, möchte sie mich ungern aus den Augen verlieren. Dabei gehe ich doch so gerne schnell durch die Wohnung und mal kurz in den Garten hinter dem Haus und dann für einen Abstecher zum Apfelbaum vor dem Haus; nur einen klitzekleinen Moment alleine sein und meinem Tempo folgen! Die Bedingungen sind wie Pfähle, die mein Leben strukturieren.
Der neue Romantext dagegen ist eine Wolke. Er ist immer da, aber meist drängt er sich auf eine unscheinbare Art auf. Selten Regen, selten Schnee. Ich hebe oft den Kopf, manchmal in den dümmsten Momenten, dann will ich schreiben, aber meine Tochter liegt in meinen Armen oder im Kochtopf blubbert’s. Und in anderen Momenten sitze ich dann tatsächlich im Atelier, aber die Sonne scheint, die Wolke hat sich verzogen, und ich starre auf die Autogarage im Gebäude gegenüber, die knallorangen Türen und die Fensterscheiben, die das Licht reflektieren. Das ist also mein Zeitfenster: drei Stunden schreiben. Das ist kurz.
Aber hey, es geht mir gut. Der Vater schaut so oft zu den Kindern wie ich, und auch andere Menschen. Ich kann schreiben. Ich mache Geldarbeit, die mir meistens gefällt. Der Schweizer Staat hat mir sogar etwas Geld gegeben, weil meine Lesungen ausfielen. Und ich will sie ja, die Fülle, will das Schreiben und die Kinder und alles andere auch. Manchmal muss ich mich büscheln, so sagt man in der Schweiz. Mich ein wenig schütteln, Dinge fallenlassen, neu zusammensetzen. Mich wieder konzentrieren. Auf den neuen Roman. Auf die Kinder. Auf das Auch-Mal-Nichts-Tun.

Es stapelt sich

„So, und jetzt gehen wir mal durch die Stapel, die Sie mitgebracht haben, ja? Also, ich meine: Wir gehen sie jetzt richtig durch. Schauen wir, was Sie so dabei haben, wie das bei Ihnen aussieht“, sagt die Frau vom Aufräumseminar. Wir sind zu fünft, und alle scheinen bisschen normal und bisschen verrückt, die übliche Mischung. Unsere Aufgabe im Vorfeld war, einfach „irgendeinen Stapel bei Ihnen zu Hause zu schnappen“ (ja: zu schnappen) und in das Seminar mitzubringen. Dann würden wir jeden Stapel durchsehen und versuchen, ihn „auseinanderzunehmen und zu reduzieren. Ballastbefreiung nenn ich das immer“, sagt die Leiterin und kichert.
Okay, ich habe einen richtig großen Stapel mit; ich hab den größten. Eine hat gar keinen mit („Ich habe da schon so ein System, das -“, ich hab nicht zugehört), die anderen ziemlich kleine. Ich verdächtige sie, vorher ihre Stapel sortiert zu haben. Manche schauen so schuldbewusst.
„So, dann fangen wir mal mit Ihnen an, Frau I.“, zwitschert die Seminarleiterin.
„Beginnen wir damit, dass ich jedes Blatt, oder, äh, Objekt in Ihrem Fall, in die Luft halte, so dass es alle sehen, und dann sortieren wir, was Sie behalten sollten und was nicht. Also, das hier ist …“
„Jo, das ist ein Rossmann-Gutschein, also, genauer gesagt, sind es drei, weil ich sie aus einer Papiertonne gefischt habe, da guckten sie so raus, und unser Kind liebt diese -“
„Gut, Frau I., also das legen wir hier zur Seite, auf den Behalt-ich-Stapel, also das ist ja bares Geld, solche Coupons, da bin ich ja fast neidisch“, und sie kichert wieder und ich mag das nicht, weil kichernde Seminarleiterinnen so ein blödes Klischee sind.
„Machen wir weiter, das hier: Ein Schreiben von der Rentenversicherung, und das hier: ein Teebeutel mit Moomin-Motiv.“
„Den hat mir Su geschenkt!
„Und das hier: Bunte Umschläge, ein Der-kleine-ICE-Kartenspiel, eine Broschüre des Residenz-Verlags-“
„Da veröffentlicht meine Freundin ihren ersten Roman.“
„Dann sehe ich hier: Kopien mehrerer Texte zu Max Horkheimers Biographie – warum interessiert Sie das überhaupt?, sehr viele Quittungen, altes Geschenkpapier, Zettel mit Wortfetzen, noch mehr Zettel mit Wortfetzen, bunte geknüllte Blätter, auf denen ein bisschen was gemalt ist, die aber auch ausgeschnitten sind, in der Mitte -“
„Da haben wir so was gebastelt, das geht so: Sie nehmen -“
„Frau I., Sie müssen schweigen, solange wir das hier durchgehen. Hier ist also noch ein Buch von Frigga Haug, lustiger Name, aber auch eine Kinderzeichnung und dann so ein in ein Tütchen abgepacktes Riemchen oder so.“
„Ja. Ich schweige ja schon, aber das ist dieses Teil da von dieser Tasche, total praktisch, die kann man, wenn man zum Kindersport geht …“
Alle gucken etwas betreten, aber ich weiß nicht, warum.
Die Frau vom Aufräumseminar holt Luft, schaut mich mit ihrem „direkten Blick“ an, den sie sicher lange eingeübt hat mit ihrer Supervisorin, und sagt: „Frau I., Sie sind doch offenbar eine gebildete Person, Ihren ganzen schlauen Büchern hier nach zu urteilen. Dann kennen Sie ja sicher den Leitsatz: Das äußere Chaos spiegelt das innere; oder: Ihr Zimmer ist Ihre Seele.“
„Ich hab kein Zimmer.“
Wieder sind alle peinlich berührt, und wieder weiß ich nicht warum. So schräg ist es doch nicht, kein eigenes Zimmer zu haben, oder? Das sind doch bestimmt alles Wessis von 68er-Eltern, die hatten sicher „Offenes Wohnen“ und keine Türen und so. Oder? Oder nicht?
„Also, Frau I. Das geht auch ohne eigenes Zimmer, irgendwo werden Sie schließlich wohnen“, und sie ist fast ein wenig wütend, als würde sie anfangen zu bezweifeln, ob ich überhaupt ein Dach über dem Kopf habe, und ich fange an, diese ihre Einstellung entlang von Vorannahmen über Menschen zu analysieren, woher dieser Bias kommt, dass alle Menschen in Zimmern wohnen müssen, jedoch geht es weiter, „und um Ihre Seele zu entschlacken, sollten Sie mit dem Wegwerfen anfangen. Wählen Sie eine Sache aus, die Sie jetzt sofort auf den Wegwerfstapel legen.“
Was soll ich nur tun? Alle denken gewiss, ich sei Messie. Ich schlucke.
Ich sage: „Okay … ich wähle den einen Rossmann-Coupon“, und warte darauf, dass Frau Kichererbse vor Empörung umfällt.

Other Artists: Franziska Burkhardt

Franziska Burkhardt (geb. 1985 in Saalfeld/Saale) sieht sich als Künstler*in seit dem Beginn ihrer Mutter*schaft (2013) mit Fragen konfrontiert, die sich ihr zuvor nie stellten. Ihr künstlerisches Arbeiten operiert mit mutter*schaftsbezogenen Mythen und Symbolen und spiegelt Reue, Erschöpfung, Liebe und Scheitern wieder. Sie betrachtet Mutter*schaft und Eltern*schaft als Konstruktion und Erfahrung zugleich:
„Mein Scheitern war eine Befreiung und ein Neubeginn als Mensch, als Frau* und als Künstler*in. […] Mit meiner Mutter*schaft habe ich mich zu einer feministischen, forschenden Künstler*in entwickelt, deren Fragen längst noch nicht alle beantwortet sind.“
Franziska Burkhardt hat Medienkunst und -design studiert, äußert sich momentan künstlerisch vorwiegend im Performancekontext, sie lebt und arbeitet in Weimar.