in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch

Woher kommt er, dieser Kinderwunsch? Wann trat er zum ersten Mal auf? Ist er egoistisch, ein Mittel der Selbstverwirklichung? Oder eher ein Ring uns zu knechten in alle Ewigkeit? Kann man auch ohne ihn Kinder bekommen? Und wieso bleibt er – trotz allem – lebendig, dieser Wunsch? Oft auch nach dem ersten Kind? Unter anderem diesen Fragen stellen sich die Autor*innen Clemens Böckmann, Dmitrij Gawrisch, Barbara Peveling, Slata Roschal, Marina Skalova, Silke Sutcliffe, Laura Vogt, Julia Weber und Sebastian Weirauch in der vorliegenden Reihe. Mit einer Vielzahl von Perspektiven versperren sie sich jeglicher einfachen Antwort. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Leid und Glück von Elternschaft nicht rationalisierbar sind, nicht vermeidbar oder planbar. Sie treten immer überraschend auf.

Wovon wir träumen von Sebastian Weirauch
Wer sonst von Slata Roschal
Ei von Julia Weber
Doch warum nur gebären wir Kinder … von Clemens Böckmann
Ausgewandert von Silke Sutcliffe
Kinder & keine Kinder von Laura Vogt
Wenigstens keine Angst von Dmitrij Gawrisch
Traumsonde von Marina Skalova
wunschliste kinderkriegen. va te faire foutre von Barbara Peveling

wunschliste kinderkriegen. va te faire foutre*

das verstehen: regelmäßig schmerzen
messer im bauch, rote, dicke klumpen,
schmiere wie flüssiger beton,
baumeister des inneren, sehr dunkle spuren
(9 monate tampons sparen, bluten ist luxus!)

organe definieren, die sonst
hängen, im weg sind, peinlich,
(beim sport vor allem!)
auch das: milch produzieren,
den körper in eine maschine
verwandeln, wie von selbst,
etwas schaffen.

einen status erlangen
nicht nur frausein, sondern: mutter
etwas zu sagen haben, im eigenheim.

zuletzt, du, deine augen, dein mund,
in dir menschen sehen, die vergangenen,
gegenwärtigen, zukünftigen, auch
das vor allem, leben.

* Gustave Flaubert, Lettre à Louis Boulhet, 1850; dt: leck mich am Arsch

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Traumsonde

Du wurdest also ein Mädchen später eine Frau
du hast dich nie richtig damit abgefunden
es hatte doch viele Nachteile
du ertrugst die Blutungen, ertrugst die Typen
am Ende baumelte ein Zuckerbrot: ein Baby
das einzige wofür dieser Frauenkörper gut war
ein kleines Kind mit Engelgesicht
läuft Hand in Hand mit dir am Meer entlang
war dieser Traum wirklich dein Traum?
hattest du selbst davon geträumt?
oder hatte man den Traum in dich eindringen lassen?
wie einen Penis oder eine Ultraschall-Sonde?
nein
eher ganz sanft
eine Werbung auf Glanzpapier oder zehn
Sekunden sanfte Unterbrechung mit
Naturgeräuschen während einer Meditation
auf YouTube zehn Sekunden freier Verfügung
über dein Gehirn und dein Körper
zum Spekulationsfonds modelliert

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Wenigstens keine Angst

Nein, ein Kind habe ich mir nicht gewünscht. Es konnte mir auch niemand schlüssig erklären, weshalb ich Vater werden sollte. Weder die beiden Freunde, deren Kinderwunsch ausgeprägter war als derjenige ihrer Partnerinnen – das eine Paar einigte sich schließlich auf ein Kind (inzwischen haben sie zwei), das andere trennte sich – noch mein Vater, der hartnäckig auf Enkelkinder pochte, obwohl ich mit dem Studium noch nicht fertig und Single war. Ich las keine Bücher über Elternschaft. Ich ging selten und nie aus eigener Initiative zu Diskussionsrunden über Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich hatte es nicht besonders eilig und fand es auch nicht so schlimm, als es mit dem Kind nicht sofort klappte. Wenigstens hatte ich keine Angst: Das wird schon, irgendwie. Gegen ein zweites Kind hätte ich nichts einzuwenden. Warum, weiß ich auch nicht.

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Kinder & keine Kinder

Es gibt rationale Argumente dafür, keine Kinder zu haben.
Es gibt kaum rationale Argumente dafür, Kinder zu haben.
Ich habe sie trotzdem, die Kinder.
„Warum?“, fragte mich K. gestern, „warum Kinder?“
Ich: …
K: Hast du es je bereut?
Ich: …
K: Würdest du es dir mit dem Wissen von heute wieder wünschen, Kinder zu haben?
Ich: Wenn ich meine beiden betrachte, als ganz spezifische Menschen, dann denke ich schon, ja, dann würde ich mir genau sie wieder wünschen.
K: Glaubst du, deine Kinder hätten sich selbst dafür entschieden, in diese Welt hinein geboren zu werden?
Ich: Frag‘ sie in fünfundzwanzig Jahren und in fünfzig nochmals.
K: Lebst du gern in dieser Welt?
Ich: Ich lebe gern. In dieser Welt? Schwer zu sagen.
K: Glaubst du, deine Kinder werden selbst mal Kinder haben?
Ich: Mein Fünfjähriger sagte letztens, er wolle keine Kinder. Ich fand das eindrücklich. Und verstehe es auch. Irgendwie.
K: Hast du ihn nach dem Warum gefragt?
Ich: Hätte ich das tun sollen?

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Ausgewandert

Wir sind ausgewandert.
Ich würde nicht sagen überstürzt oder über Nacht.
Ich würde nicht sagen: Nacht und Nebel. Wir waren vorbereitet, verdammt.
Monatelang, was sage ich, jahrelang diese Reiseberichte.
Wir kannten jede Doku, jeden Bildband, jede Klimatabelle.
Und ich streite ja auch nicht ab, dass wir es schön haben hier.
Ich meine: Das Haus. Ich meine: Den Garten. Ich meine: Wir – Direkt am Meer.
Wer träumt nicht davon? Haben wir geträumt? Aber hallo!
Klar, bisschen viel Sand manchmal. Sand auf dem Teller, Sand im Bett und manchmal ist der Sand so heiß, dass man nicht mal drauf laufen kann.
Aber hey – wir leben den Traum. Und der Traum ist nicht schlecht, das heißt,
wenn wir zum Schlafen kommen zwischen Salz und Sand, ist der Traum nicht schlecht.
Außerdem schmeckt uns der Kaffee besser mit weniger Schlaf.
Oder: Wegen Blick aufs Meer.
Wir sind ausgewandert ins Land unseres Kindes.
Ich meine: Das Land, das unser Kind ist.
Haben wir Heimweh? Nach uns selbst? Wir doch nicht. Gar keine Frage.

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Doch warum nur gebären wir Kinder …

… warum nähren wir Kinder, wenn wir sie hernach, des Lebens willen, trösten müssen?
Giacomo Leopardi: Canti

In der ersten Woche merke ich nichts. In der zweiten auch nicht. In der vierten Woche glaube ich, dass ich glaube, dass was ist. Ich weiß nicht, was ein Wunsch ist, weil mir Leben so gefällt.
Ab der 18. Woche steigen Bilder empor. Mir wird Zukunft präsentiert, wie sie sein könnte, sollte, müsste. Auf keinem der Bilder kann ich mich erkennen. Ich bekomme keine Kinder, trage Sorge allenfalls.
Zwischen der 23. und 28. Woche denke ich, irgendwann wird sich ein Bild einstellen. Ich entwerfe mich als Gegenentwurf.
In der 30. Woche stelle ich mir vor, wie was wäre, wenn es wäre. Und ich kann nur eines wissen – dass ich nichts weiß. Also frage ich irgendwen und ende doch damit dann bald.
In der 32. Woche lass ich alles liegen und schaue fern. Erinnerung gräbt. Ich treffe Andere, die heißen wie ich. Ich war, ich bin, ich werde.
In der 55. Woche weiß ich so viel wie am Anfang. Kann ich mir etwas wünschen, wovon ich nichts weiß? Ist wünschen immer auf jemand anderen bezogen? Wünschen fängt beim Sprechen an?
In der 83. Woche denke ich mir, dass alles ganz schön kompliziert ist. Wo soll das bloß hinführen? Genau hierher. Und ganz woandershin.

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Ei

Eines Tages trat ich aus dem Haus und wünschte mir ein Kind. Ich sah in die Sonne, direkt in die Sonne hinein und dachte, ich brauche mich wieder mehr als Haus, ich brauche ein Kind, das in diesem Haus mit mir wohnen kann. Keine Reisen in das ländliche Rumänien, keine Kunstprojekte ohne Geld und mit vielen selbstgedrehten Zigaretten, keine aufreibenden Nächte, keinen Kater danach, neben mir im Bett liegend am Morgen, der nach Gin riecht. Ich hatte dieses Bild in meinem Kopf, ich mit kugelrundem Bauch, ein Kleid mit nettem Muster tragend, es ist Sommer und ich falte die Hände auf dem kugelrunden Bauch und ich gehe still und in mir ruhend über einen Kiesweg hinweg dem Institut entgegen, an dem ich studiere. Immer nur dieses eine Bild. Der Bauch, ich, das Muster auf dem Kleid und die Finger am Bauch und das Kies, das Geräusch der Kieselsteine unter meinen Füssen. Dann wurde ich schwanger; und ich fiel aus mir heraus, lag wie ein ausgelaufenes Ei am Boden.

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Wer sonst

Wenige Dinge nur habe ich aus purer Freude gemacht oder aus einem einfachen, instinktiven, dringenden Wunsch heraus. Ein Kind zu bekommen gehörte zu diesen Dingen, die sich nicht instrumentalisieren oder pragmatisch mit Vor- und Nachteilen angehen ließen. Das heißt, es ließe sich natürlich eins bekommen, um in die Altersvorsorge zu investieren, um eigene Komplexe daran abzuarbeiten, diktatorische Neigungen auszuleben, aber sowas kam uns nie in den Sinn. Ich weiß nicht, warum ich, warum wir ein Kind wollten, aber, mal ehrlich, wer sonst, wenn nicht wir.

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Wovon wir träumen

Früher dachte ich, unser Kinderwunsch entspringe einer gutartigen Quelle. Als Paar fröne man den Wonnen des gemeinsamen Egoismus. Mit Kind komme die Zeit der nicht immer gleich verteilten Verantwortung. Mittlerweile jedoch glaube ich, dass unser anhaltender Kinderwunsch auf etwas Tieferes zurückgeht; auf den Drang, die anderen Bewohner dieses Planeten allmählich mit Duplikaten unserer selbst zu ersetzen. Mag es statistisch auch noch so aussichtslos erscheinen – wie wenn Tempelpriester auf bessere Ernten in kommenden Mondzyklen hoffen, weil sie mit Obsidiandolchen Herzen herausschneiden. Doch wir glauben daran. Und wir träumen in der Nacht, wenn unser Kind im Schlaf zuckt, von einer uns im höchsten Maße spiegelbildlichen Erdbevölkerung.

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