Take Care: Clemens Böckmann & Sarah Diehl (II)

Liebe Sarah,

Danke für deine Antwort.

Ich will versuchen ein paar Sachen zu sammeln:

Warum ich gerade dich ausgesucht habe? Weil ich mich gefragt habe, ob sich dein Verhältnis zu Elternschaft im Laufe der Jahre nochmal verändert hat? Und weil ich mich – natürlich auch in Anlehnung an „Die Uhr, die nicht tickt“ – gefragt habe, wie sich manche, sehr persönliche Entscheidungen im Laufe der Jahre verhalten. Gleichzeitig schrecke ich davor zurück, gesellschaftliche Zusammenhänge auf persönliche Entscheidungen herunter zu brechen. Nichts gilt es mehr zu verteidigen (wohl eher erstmals zu erkämpfen), dass alle ihr Leben so leben können, wie sie es für richtig halten. Und ein zentrales Moment bleibt dabei wohl die Entscheidungen der anderen zu akzeptieren.

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Take Care: Clemens Böckmann & Sarah Diehl (I)

Liebe Sarah Diehl,

mein Name ist Clemens Böckmann und ich lebe und arbeite als Autor und Herausgeber in Leipzig. Seit 2020 schreibe ich auf dem Blog Other Writers Need to Concentrate (other-writers.de). Das Blog wurde gegründet, um auf die Schwierigkeiten künstlerischen Arbeitens als Eltern/Mutter/Vater aufmerksam zu machen. Anfang des Jahres wurde eine neue Reihe etabliert: In Briefwechseln unterhalten sich Autor:innen der other-writers mit anderen Autor:innen über ihre Situation, ihren Umgang mit den Herausforderungen von Care-Arbeit und, womöglich, zum Austausch möglicher Gegenstrategien. Es gibt keine spezifische Festlegung der Themen. Worüber gesprochen bzw. geschrieben wird, liegt vollständig bei den entsprechenden Autor:innen. Wenn du daran Interesse hast, würde ich gerne mit dir einen Briefwechsel beginnen.

Liebe Grüße

Clemens Böckmann

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Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (III)

Und der plötzliche Säuglingstod und der bellende Husten beim falschen Krupp, Hand-Mund-Fuß-Krankheit und Magen-Darm und nächtliche Fieberkrämpfe. Ich habe keine Angst vor dem Tod gehabt, bevor mein Sohn zur Welt kam, jetzt denke ich jeden Tag daran, dass ihm etwas zustoßen könnte, im Schlaf, im Spiel, nach einer Impfung, ohne eine Impfung, im Stuhlkreis, auf dem Pausenhof, beim Mittagessen im Hort, auf zahlreiche, wahrscheinliche Weisen, er hat sich in den letzten Jahren mehrmals einen Zahn gebrochen, die Hand aufgeschlitzt, einmal stand er morgens auf mit einer Wunde auf dem Gesicht und wusste nicht, was und wie. Und, wie zynisch es auch klingen mag, seit ich ein Kind habe, ist mir bewusst, dass frühe Abtreibung ein Recht für alle sein sollte, nicht, weil ich es bereue, sondern weil ich jetzt weiß, welche Arbeit ein Kind bedeutet, welche Angst, und dass es möglich sein muss, sich dieser riesigen Verantwortung zu entziehen.

Slata, 13.04.22

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Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (II)

Stimmt, noch nie hab ich mich schneller in Bücher gestützt (und wieder raus) als jetzt, als würde man beim schnellen Autofahren hinten verwirrt die Hand in den Fahrtwind halten und wie nebenbei versuchen, paar Löwenzahnsamen zu fangen. Paar bleiben kleben! Beim nochmal Lesen unseres bisherigen Wechsels fallen mir zwei Sachen auf. Einmal macht es mir nämlich ein schlechtes Gewissen, „Kreischen“ geschrieben zu haben, wo eher „Quietschen“ gemeint war, einfach weil Laute von Babys sowas wunderbar Heraushüpfendes haben, was Trampolin Testendes, aber auch Angst, Wut, kleine Verzweiflungen natürlich. Und so ist es eben: froh werden und staunen an jedem neuen Eck Welt, und nicht vergessen, ich spreche nicht nur von mir, sondern über jemand anderes, (Schreiben schon auch als zu bezweifelnder Machtakt) der noch nicht zurückschreiben kann, der wie eine Folie von außen (von mir) über seine kleinen Handlungen gelegt bekommt schon jetzt, die er bzw. sie nicht will vielleicht. Nicht wollen wird? Wie Fotos, die ich von ihm postete, die ich aber nicht poste … Weil das, was wir mit den Informationen über das Leben von jemandem anderes anfangen, wirkt ja nicht nur auf uns, sondern auch immer auf sie zurück. Und trotzdem sollte man darüber sprechen. Aber ich versuch es jetzt mehr von der Sicht bei mir zu behalten. Und das andere: es gibt solche Wörter, die legen einem schon beim Sagen ein Gähnen in Mund, wie „Krabbelgruppe“, „Elternbeirat“, „Mütter im Briefwechsel“. Das kann ich gut verstehen: selbes Gähnen überkam mich früher oft beim Ansprechen dieser Sachen, ich wollte nicht weiter zuhören…, öffnete den Mund mit dem Wort in Stellung: Verantwortung, Langeweile, Immer-Selbes, Nichtausflippen dürfen… und jetzt beim Spiel? Ich steige ein ins Gähnen, die Zähne hoch, dem Speichel nach ins Innere Rot.

Nora, 05.03.22

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Take Care: Slata Roschal & Nora Zapf (I)

Mütter im Briefwechsel, das klingt seltsam, schon fast ein Oxymoron, also vorausgesetzt, es handelt sich nicht um Mutter und Tochter, die wiederum Mutter geworden, also um Mütter, die nicht im mütterlichen Verhältnis zueinanderstehen, selbst dann. Mütter haben wenig Zeit füreinander, weil sie überhaupt wenig Zeit haben oder genug beschäftigt sind damit, alles andere einigermaßen zu schaffen, es bilden sich ab und zu pragmatische Bekanntschaften auf Spielplätzen, über die Krippe, die Kita, den Hort, um die Freundschaften des eigenen Kindes zu pflegen, Babysitter zu organisieren, Erfahrungen, Beschwerden auszutauschen, aber dass Mütter einfach so einander schreiben …
Es ist schon surreal, was wir da machen.

Slata, 15.02.22

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Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (III)

Liebe Jenny,

entschuldige, dass meine Antwort eine Weile auf sich warten ließ. Es war ein in vielerlei Hinsicht intensiver Monat, in dem unter anderem mein Debütroman erschienen ist. Heute und morgen Abend werde ich in der Schweiz daraus lesen. Aber noch ist Vormittag, ich sitze am Flughafengate und warte auf das Boarding meines Fluges nach Zürich. Seit über drei Jahren bin ich nicht mehr geflogen. Ich fühle mich fremd und ein wenig deplatziert, mir fehlt die Routine.

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Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (II)

Liebe Jenny,

sehr eindrücklich, deine Schilderung der Szene im Supermarkt. Man spürt, dass du Situationen wie diese gut kennst, während ich, als ich den Vater mit seiner Tochter im Café beschrieb, lediglich passive Beobachterin war. Selbstironie, Überforderung, Wut – ich kann mir vorstellen, dass der Grat zwischen alldem häufig schmal ist. Du schreibst, dass du erleichtert bist, dein Kind zumindest bei deinem Partner gut aufgehoben zu wissen. Bist du da nicht ziemlich streng mit dir? Ich könnte mir vorstellen, dass er umgekehrt ganz ähnlich denkt. Woher kommen diese hohen Ansprüche an dich, was meinst du? Bist du in Bereichen, die nicht deine Mutterschaft betreffen – in deiner Kunst etwa –, genauso selbstkritisch?

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Take Care: Katharina Korbach & Jenny Schäfer (I)

Liebe Jenny,

ab und zu, wenn meine Wohnung mir zu eng wird, arbeite ich um die Ecke im portugiesischen Café. Das Café – mein Fenster zur Welt, das in den letzten Monaten zeitweise auf Bildschirmgröße geschrumpft ist. Am liebsten sitze ich an dem wackligen kleinen Tisch mit dem Rücken zur Wand und unverstelltem Blick in den Raum hinein, wo ich mir einbilden kann, zu beobachten, ohne beobachtet zu werden, unter Menschen zu sein und trotzdem für mich.

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Take Care: Dima Sehwail & Sara Ehsan (III)

Liebe Dima,

vor der Jugendsprache und ihren Auswirkungen auf die Literatur habe ich keine Angst. Sprache ist etwas Lebendiges und war schon immer in ständigem Veränderungs- und Anpassungsmodus, wie die Pflanzen, die sich auch an ihre Umgebung anpassen, das Organische an ihr liebe ich sehr. Es ist natürlich Geschmacksache, aber gerade Jugendliche brauchen Sprache als Abgrenzung zu den langweiligen deprimierenden Erwachsenen, die sie nicht werden wollen. Ich kann mich erinnern, dass ich als Jugendliche auch gerne für damalige Zeiten provokative Wörter wie „geil“ benutzt habe, es hatte etwas Anrüchig-Sexuelles, sodass man komisch angeschaut wurde, doch diese Bedeutungsebene ist im heutigen Verständnis völlig verschwunden.

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