Same Work But Different: Selim Özdogan

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Selim Özdogan: Vater zu sein, hat meiner Wahrnehmung der Welt ein paar Dimensionen hinzugefügt. Auf die eine oder andere Art fließt das überall mit rein, egal, was ich tue oder denke.

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Selim Özdogan: Die Kinder sind jetzt 11 und 13, ich bewerbe mich zwar auf keine Residenzstipendien, aber sonst muss ich mich wenig einschränken mittlerweile.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Selim Özdogan: Bereits beim allerersten Roman war der schönste Moment nicht der, das gedruckte Buch in der Hand zu halten. Sondern die erste Interessenbekundung des Verlags. Auch nicht der anschließende Vertrag. Die besten Momente geschehen am Schreibtisch und sind nicht planbar. Eine Gnade, für die ich dankbar bin.

Wenn dich vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Selim Özdogan: Die unwahrscheinliche Geschichte einer Gastarbeiterfamilie, die mit linken Studenten in einem besetzten Haus wohnt.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Selim Özdogan: Meine Tochter ist 13 und liest viel, findet meine Texte aber langweilig. Oder schwer zugänglich. Oder beides.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Selim Özdogan: Familie ist keine Matheaufgabe. Es gibt Wochen, in denen ich weniger da bin, und Wochen, in denen ich mehr da bin als jeder andere Vater, den ich kenne. In dem Alter wird Betreuung ohnehin weniger zeitintensiv und mehr emotional herausfordernd — da zählt weniger, wie viel ich da bin, sondern mehr, wie präsent ich bin, wenn es drauf ankommt.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Selim Özdogan: Das Erscheinen ist für mich eher der Zeitpunkt, wo das Kind auszieht und nun selbst in der Welt zurechtkommen muss. Am Anfang hilft man noch beim Umzug und mit alten Möbeln, am Anfang macht man noch Promo, dann wird es allmählich ganz selbstständig.

 

Ihr kriegt uns hier nicht raus von Selim Özdogan erschien im August 2026 im Kanon Verlag.

Same Work But Different: Clemens Böckmann

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Clemens Böckmann: In seinem letzten Interview wurde Roberto Bolaño zum Thema Exil befragt. Ob er nach so vielen Jahren noch eine Heimat habe, wollte die Journalistin vom Playboy wissen. Er sagte, sein Vaterland seien seine Kinder. In all dem Rückzug ins Private, den das auch hat, gefällt mir die Aussage dennoch. Und traurigerweise wird die Frage des Exils wohl immer relevanter.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Clemens Böckmann: Es ist eine Einladung zum Spiel. Und so wie auch jedes kindliche Spiel einen bitteren Ernst hat, ja sogar die Neigung, in Gewalt zu kippen, so ist es auch mit dieser Geschichte. Es ist die Suche nach dem Dichter und Skispringer Alvaro Maderholz, der seine Existenz erst noch beweisen muss. Auf diesem Weg wird er verfolgt von seiner Familiengeschichte. Und die ist nicht unbedingt einfach. Sein Großvater war Zahlmeister im Vernichtungslager Kulmhof, sein Onkel protofaschistischer Dichter im Chile der Pinochet Diktatur. Alvaro dichtet gegen die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dasselbe versuchen die unterschiedlichen Erzähler meines Romans.

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Clemens Böckmann: Ich lese gerade – etwas verspätet – Lucia Berlins Kurzgeschichten. Auf einer bemerkenswerte Art und Weise haben die Geschichten keine Zeit. Auch wenn sie immer wieder über einzelne Objekte situiert werden, haben ihre Erzählungen, in aller Schwere, etwas Schwebendes. Gleichzeitig bricht sie kontinuierlich eine Lanze für die Fiktion. Daher würde ich mich sehr freuen einen Beitrag von ihr, die ihre vier Kinder fast allein aufgezogen hat, bei den other writers zu finden – auch wenn sie mittlerweile mehr als zwanzig Jahre verstorben ist.

 

Clemens Böckmanns Roman Das richtige Leben des Alvaro Maderholz erschien im August 2026 bei Matthes & Seitz.

Same Work But Different: Lena Müller

Hatte deine Elternschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Lena Müller: Klar, es ist ein Buch über (gesellschaftliche) Umbrüche und den Umgang der Einzelnen damit. Und eben über die Sorge füreinander, die ist eigentlich in jeder Zeile drin.

Hat deine Elternschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Lena Müller: Gefühlt habe ich (mindestens) drei Jobs. Die Sorgearbeit, die ich übernehme – immer all in. Die Romane, die ich übersetze. Und die Texte, die ich schreibe – mal mehr, mal weniger intensiv.

Das letzte Jahr vor dem neuen Buch war intense, viele Wochenenden und Nächte im Büro (das ich seither lieber Atelier nenne). Manchmal habe ich die stillen Stunden genossen, manchmal war es hart. Ich habe ziemliche Zeitschulden gemacht, einen Kredit aufgenommen auf dem sonst mehr oder weniger ausgeglichenen Sorgekonto. Bin mit Schulden und Schlafdefizit in den Sommer gestartet. Zum Glück konnte ich dann für ein paar Wochen weg vom Schreibtisch und viel Zeit mit Kind und Kegel draußen verbringen. Das hat die Konten ausgeglichen.

Was hast du gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Lena Müller. Ich habe das Paket schnell weggelegt, nachdem der DHL-Bote es mir im Treppenhaus übergeben hatte. Erst am nächsten Tag, als ich dabei war, das Kinderzimmer auszuräumen, damit es neu gestrichen werden kann, packe ich es aus, so im Vorbeigehen. Frisch aus dem Druck, viel rot, Äpfel und Punkte. Das Kind betrachtet das Cover und sagt: „Dein Name steht aber groß drauf.“ „Ich hab’s ja auch geschrieben.“ „Aber so groß?“ Leiser Zweifel. Später dann, mit der Freundin im Park, ziehe ich das Buch aus der Tasche und wir freuen uns gemeinsam. Machen ein paar Fotos in der Augustsonne.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Lena Müller: Barbara Honigmann schreibt: „Die Autorin hat ihr Bestes gegeben, aber ob ihr Werk gelungen ist, das weiß sie auch nicht, weil es Fleisch von ihrem Fleische ist.“ Soweit stimme ich zu. Ansonsten überzeugt mich der Vergleich Geburt – Buch nicht ganz. Mein bleibender Eindruck von Schwangerschaft: Ein Kind entwickelt sich – in meinem Körper, aber doch (fast) ohne mein Zutun. Sobald es auf die Welt kommt, braucht es allerdings alle Zuwendung und zur Unabhängigkeit ist es ein langer Weg. Beim Buch ist es eher andersherum: Beim Entstehen braucht es jede Menge Aufmerksamkeit, alle verfügbare Zeit. Ist es dann erst mal in der Welt, geht es mehr oder weniger eigene Wege.

 

Lena Müllers zweiter Roman Club der Verschwenderinnen erschien im September 2026 in der Edition Nautilus.

Same Work But Different: Slata Roschal

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Slata Roschal: Ich habe das Glück, nicht alleinerziehend zu sein, bin mir aber bewusst, dass ich all die Reisen, Lesungen, Residenzstipendien usw. nicht allein bewerkstelligen könnte. Das heißt, der Großteil meines Einkommens hängt daran, dass jemand anderes mein Kind betreut. Ich denke oft darüber nach, wie mein Leben als Alleinerziehende verlaufen wäre, wenn ich wirklich nur während der Schulzeiten arbeiten könnte, das wäre ziemlich krass. Lea, die Hauptfigur im Buch, versucht auszurechnen, wie viele Arbeitstage ihr abseits von Ferien und Krankheiten bleiben, es ist so ein absurder Teufelskreis, glaube ich, in den vor allem Mütter oft unverschuldet hineingeraten. Also ein riesiges soziales Risiko auf allen Ebenen, da geht es gar nicht mehr um Leistung oder Ambitionen, das Elternsein wird weder als Arbeit akzeptiert noch entlohnt, zugleich muss man sich Kinderbetreuung finanziell leisten können, um zu arbeiten.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Slata Roschal: Ich tue mich schwer mit Feiern, weil nach jedem Erfolg die Frage ist, was danach kommt, finanziell vor allem. Ein Buch gilt ja eigentlich nur dann als erfolgreich, wenn es nominiert wird, Preise bekommt oder in eine Bestsellerliste aufsteigt, das kann man kaum beeinflussen als Autor. Ich habe jetzt viele Bewerbungen auf Stellen verschickt, die teils gar nichts mit dem zu tun haben, was ich gut kann oder machen will. Momentan gibt es nicht wirklich was zu feiern, aber mir ist natürlich enorm wichtig, dass das Buch erschienen ist, ein langer Prozess ist zum Abschluss gekommen und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Slata Roschal: Ich war die letzten eineinhalb Jahre ununterbrochen bei Residenzstipendien unterwegs, um das Schreiben am Buch zu finanzieren, teils waren es mehrere Stipendien parallel, Lüneburg, Schöppingen, Graz, Salzburg, Prag. Das war schon heftig, also die ganze Zeit, die man in Zügen verbringt, alles koordinieren und aushandeln muss. Es ging halt nicht anders, aber ein bisschen mehr Zuhause wäre jetzt in den kommenden Monaten gut.

 

Slata Roschals dritter Roman Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet erschien im Juli 2026 bei Ullstein/claasen.

Residencies with Care: Yara Jakobs

Warum hast du dich auf das „Arbeitsstipendium mit Kind“ im Künstlerhaus Lauenburg beworben?

Yara Jakobs: Ich brauchte Zeit und Ruhe, um an meiner aktuellen Novelle zu arbeiten.

Wie war die Residenz für dich?

Yara Jakobs: Verbindend mit den anderen Stipendiat*innen und interessant, Lauenburg und seine Bewohner*innen kennenzulernen. Reizvoll war, dass ich während der Residenz zwischen Lauenburg und Hamburg pendeln konnte (durfte).

Welche weiteren familienfreundlichen Strukturen würdest du dir im Literaturbetrieb wünschen?

Yara Jakobs: Ich wünsche mir, dass Residenzen sich öffnen für eine Pendelabmachung zwischen Wohn- und Stipendium-Ort, gerade für Eltern. Außerdem wäre es toll, wenn ein paar lokale Babysitter*innen ansprechbar wären. Für die Mehrkosten, die durch Reisen und Betreuung entstehen, wünsche ich mir einen Stipendien-Bonus (oder die gesamte Übernahme der Fahrtkosten).

Kannst du ein Buch empfehlen, das sich aus deiner Sicht mit der Vereinbarkeit besonders gut auseinandersetzt?

Yara Jakobs: Ich habe gerade Dem Mond geht es gut von Paulina Czienskowski gelesen. Sie beschreibt nicht nur die innere Zerrissenheit einer Autorin, die Mutter wird, sondern auch Risse, die sich durch eine Familie ziehen, in der die Sorgearbeit über Generationen selbstverständlich bei den Frauen abgeladen war und es keine Sprache für Protest gab. Es ist spannend.

Gibt es etwas, was die Literatur in Bezug auf familienfreundliche Strukturen von der Kunst lernen kann?

Yara Jakobs: Mehr Kinderecken bei Lesungen.

Yara Jakobs war 2025 Literaturstipendiatin des „Nationalen Arbeitsstipendiums mit Kind“ im Künstler:innenhaus Lauenburg. Dieses Stipendium ohne Aufenthaltspflicht vergibt das Künstler:innenhaus seit 2022 an Bewerber:innen mit Kind (0-15 Jahre), die ihren festen Wohnsitz in Deutschland haben. Auf das Arbeitsstipendium können sich Künstler:innen
jährlich wechselnd in den Bereichen Komposition, Literatur und Bildende Kunst ohne Einschränkung des Alters bewerben.

Residencies with Care: Julia Hosse

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Julia Hosse: Weil es eine der wenigen Möglichkeiten war, mit meinem Kleinkind solch eine Residenz anzutreten. Im Alltag geht die künstlerische Arbeit neben Brotjob, Selbstständigkeit und vor allem der Care-Arbeit oft unter. Das Aufenthaltsstipendium bot mir die Möglichkeit, mal zwei Wochen am Stück kreativ zu arbeiten, wie ich es in der Intensität im Alltag nie schaffe.

Wie war die Residenz für dich?

Julia Hosse: Sehr gut! Es war total hilfreich, diesen Freiraum zu haben, in dem ich mich auf meine kreative Arbeit konzentrieren kann, statt an Existenzsicherung und Care-Arbeit zu denken.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Julia Hosse: Ich habe an einer Graphic Novel über das Verschwinden der Flugpionierin Amelia Earhart weitergeschrieben und gezeichnet. Mein Ziel war es, das Storyboard für das nächste Kapitel fertigzustellen und für dieses Kapitel den richtigen Zeichenstil zu finden. Das habe ich auch geschafft!

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Julia Hosse: Weil auch Künstler*innen, die Eltern sind, Freiräume fürs kreative Arbeiten benötigen, ohne ihre Kinder dabei im Stich zu lassen – beziehungsweise: Auch Künstler*innen müssen Kinder haben dürfen. Bei mir hatte das Stipendium auch einen nachhaltigen Nutzen: Kurz nach Ende des Stipendiums kamen meine Zwillinge zur Welt. Nun habe ich noch weniger Zeit, aber ich habe durch das Stipendium eine Grundlage geschaffen, mit der ich in den verstreuten freien Minuten zwischen Stillen, Wäsche waschen und sonstiger Care-Arbeit weiter kreativ arbeiten kann. Meine Sorge ist immer, dass ich die Verbindung zu meinem künstlerischen Selbst durch Müdigkeit und das Vertagen auf später verliere.

Julia Hosse war 2025 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Clara Umbach

Woran hast du während der Residenz gearbeitet? ?

Clara Umbach: Das Stipendium hat mir ermöglicht in Ruhe und Konzentration den Grundstein für meinen neuen Roman zu legen. Zwei Wochen mögen kurz erscheinen, für Eltern können sie aber einen ungeahnten Luxus an Zeit darstellen, die sonst unmöglich wäre aufzutreiben.

Warum sind Stipendien solcher Art wichtig?

Clara Umbach: Stipendien, die sich gezielt an Menschen in Sorgeverantwortung richten und deren Bedürfnisse mitdenken, sind wichtig, um die Chancengleichheit zu verbessern.

Wie war die Residenz für dich?

Clara Umbach: Die angenehme Umgebung und der wertschätzende Umgang mit uns Stipendiatinnen haben dazu geführt, dass meine Zeit im M1 gleichermaßen erholsam wie produktiv war.

Clara Umbach war 2025 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Marta Marx

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Marta Marx: Ich habe mich beworben, weil dieses Stipendium eine der wenigen Fördermöglichkeiten ist, die die Realität von Eltern ernst nimmt. Als Mutter, die ihr Kind im Wechselmodell betreut, brauche ich verlässliche und zusammenhängende Zeiträume, um konzentriert am Text arbeiten zu können. Ein Ort in Wohnortnähe, zeitlich begrenzt, aber intensiv nutzbar – anderes ist für mich kaum realisierbar. Das Stipendium schafft genau den Rahmen, der mir sonst fehlt: kontinuierliche Schreibzeit, ohne lange Abwesenheiten vom Kind.

Wie war die Residenz für dich?

Marta Marx: Das Schönste war, endlich in meinem eigenen Rhythmus arbeiten, schlafen und essen zu können – etwas, das im Alltag mit Kind und mehreren Lohnverantwortlichkeiten kaum möglich ist und meine Kreativität oft einschränkt. In der Residenz hatte ich zum ersten Mal seit Langem ununterbrochene, konzentrierte Schreibzeit. Die Mischung aus Alleinsein, produktiver Ruhe und dem Austausch mit meiner Mitstipendiatin Clara Umbach war großartig. Wir konnten uns gegenseitig Texte zeigen, Feedback geben und uns im Prozess stärken.Ich habe mehr geschafft, als ich mir vorgenommen hatte, und das hat meinen künstlerischen Selbstwert enorm gestärkt.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Marta Marx: Ich habe an meinem ersten Roman gearbeitet, der sich auch mit der (Un-)Vereinbar¬keit von Mutterschaft und künstlerischer Arbeit beschäftigt. Die Protagonistin zieht sich aus ihrem künstlerischen Beruf zurück und kehrt in ihren ursprünglichen Ausbildungsberuf als Gesundheits- und Krankenpflegerin zurück. Dabei untersucht der Text auch die Parallelen zwischen Pflege und Kunst – vor allem ihre prekären Arbeitsbedingungen, die Unsichtbarkeiten und die emotionale Verfügbarkeit, die beide Bereiche verlangen. Während der Residenz konnte ich mich in der Alleinsamkeit intensiv meinen eigenen Erfahrungen in der Pflege widmen, Erinnerungen sortieren und Verbindungen zwischen Care und Kunst herausarbeiten.

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Marta Marx: Stipendien spielen eine zentrale Rolle, um Menschen, die einen untypischen Lebens- oder Bildungsweg eingeschlagen haben, die Möglichkeit zu geben, am literarischen Diskurs teilzunehmen. Persönlich habe ich erst nach der Geburt meines Kindes und auf dem dritten Bildungsweg begonnen, Texte zu veröffentlichen – mit Ende dreißig, ohne eine lange Liste eigener Veröffentlichungen, gelte ich gleichzeitig als zu unerfahren und zu „alt“ für die etablierten Erwartungsstrukturen im Kunstbetrieb. Dennoch zeigt meine Erfahrung und auch die Recherche im Rahmen meiner Forschungsarbeit „Förderung von feministischen Stimmen in der Literatur“, dass Menschen mit vielfältigen oder nicht-linearen Lebens- und Bildungswegen wertvolle Perspektiven in die Literatur einbringen können. Sie haben Geschichten zu erzählen, die politisch und gesellschaftlich relevant sind. Stipendien wie diese ermöglichen es, dass diese Stimmen gehört werden. Sie tragen dazu bei, strukturelle Ungleichheiten zu verringern, die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven zu erhöhen und den Literaturbetrieb insgesamt inklusiver zu gestalten. Sie sind ein wichtiger Baustein, um kreative Vielfalt zu fördern und gesellschaftlich relevante Themen literarisch sichtbar zu machen. Da es weiterhin viele ungehörte Stimmen gibt und Stipendien dieser Art nur begrenzt verfügbar sind, sollte es einen politischen Anreiz geben, auch andere Fördermöglichkeiten gezielt für Menschen mit Kindern, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie für Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, unabhängig von formaler Bildung, zugänglich zu machen.

Marta Marx war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Same Work But Different: Sebastian Schmidt

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Sebastian Schmidt: Sascha, der Protagonist meines Romans, lebt in einer ähnlichen familiären Situation wie ich. Er hat ebenso drei Kinder, die ein ähnliches Alter haben. Saschas Verhalten gegenüber seinen Kindern ähnelt in vielen Fällen dem, wie ich reagieren und als Vater meinen Kindern begegnen würde. Die Konfliktsituationen, die in dem Roman vorkommen, sind aber hauptsächlich fiktiv, und so habe ich mich neben den realen Auseinandersetzungen im familiären Alltag auch mit imaginären Problemen und deren Lösung beschäftigt. Aber es fehlen leider nach wie vor (positive) Vaterfiguren in der Literatur, die als Vorbild dienen könnten, was ich als problematisch erachte. Es fehlt damit eine Grundlage, an der man sich auch literarisch abarbeiten könnte.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Sebastian Schmidt: Den tatsächlichen Tag der Veröffentlichung habe ich gar nicht mehr richtig gefeiert. Auf dem Weg zum Buch gab es so viele wichtige Stationen: Verlagsfindung, Druckfahnen, erste Resonanzen, Belegexemplare etc. Irgendwann kann man auch Freunden und Familie nicht mehr erklären, weshalb man sich so oft hintereinander über einen einzigen Gegenstand zum Feiern veranlasst sieht.

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Sebastian Schmidt: Als wir aus dem Sommerurlaub zurückkamen, stand das Paket mit den Belegexemplaren im Hausflur. Ich wusste nur ungefähr, wann sie eintreffen würden, und habe erst das Gepäck in die Wohnung geschleppt und eine Waschmaschine angestellt, bevor ich das Paket geöffnet habe.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Sebastian Schmidt: Meine Tochter erzählt so ziemlich alles, was zu Hause geschieht, in der Kita. Irgendwann sprach mich eine der Erzieherinnen an, ob es stimme, dass ich ein Buch geschrieben hätte, und ob E. es mitbringen und in der Kita zeigen dürfe. Sie wollte auch wissen, worum es ginge. Da aber zeitgleich die Übergabe meiner Tochter stattfand, habe ich es mit „über soziale Ungleichheit und einen Androiden“ zusammenzufassen versucht.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Sebastian Schmidt: Momentan blicke ich ein bisschen neidisch auf Stipendiat*innen im entfernten Ausland. Außerdem würde ich gerne mal nach Brünn, wohne aber im falschen Bundesland für einen Austausch.

 

Sebastian Schmidts Debütroman Powerschaum erschien Ende September 2025 bei Wunderhorn.

 

 

 

Same Work But Different: Linn Penelope Rieger

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch?

Linn Penelope Rieger: Meine Angst vor dem Klimawandel, die der Schreibimpuls für diesen Text war, ist größer geworden, weil ich nicht mehr nur für mich selbst damit zurechtkommen muss.

Hatte deine Mutterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit?

Linn Penelope Rieger: Ich bin disziplinierter und routinierter beim Schreiben. Ich habe dafür feste Zeiträume, bin weniger leicht davon abzubringen, meine Zweifel bleiben zeitlich begrenzt.

Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Linn Penelope Rieger: Um Vulkane und das Klima, Angst und Sehnsucht, Trost, Stille.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Linn Penelope Rieger: Mein Sohn ist noch zu klein, aber meine Mama darf gern.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Linn Penelope Rieger: Dadurch, dass meine Lesungen sich in Grenzen halten, ist das total machbar mit den üblichen Routinen. Trotzdem danke für alles, Johannes!

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Linn Penelope Rieger: Schreiben finde ich viel selbstbestimmter, ich kann ja jederzeit damit aufhören. Schwanger sein, Geburt und ein Kind großziehen sind für mich vor allem durch Fremdbestimmtheit gekennzeichnet, was nichts schlechtes sein muss, aber eben anders ist.

Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du Kinder hast?

Linn Penelope Rieger: Sämtliche Aufenthaltsstipendien. Ich brauche Routine und mein Zuhause.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Linn Penelope Rieger: Werkstipendien. Für »Zerbrochenes Feuer« hatte ich eins, war grandios. Danke, KdfS!

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Linn Penelope Rieger: Cornelia Funke. Ich lese nach wie vor ihre Bücher und bewundere nicht nur ihre Fantasie, sondern auch ihren Willen, sich als Autorin mit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen und niemals mit dem Lernen aufzuhören.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?

Linn Penelope Rieger: Simone Scharbert — wir haben uns vor einigen Jahren mal zu einer Lesung an einem Tagebau getroffen. Das war viel zu kurz dafür, dass es so schön war.

 

Linn Penelope Riegers Essay Zerbrochenes Feuer – Vulkane und das Ende der Welt erschien im Oktober 2025 bei Matthes & Seitz.