Residencies with Care: Yara Jakobs

Warum hast du dich auf das „Arbeitsstipendium mit Kind“ im Künstlerhaus Lauenburg beworben?

Yara Jakobs: Ich brauchte Zeit und Ruhe, um an meiner aktuellen Novelle zu arbeiten.

Wie war die Residenz für dich?

Yara Jakobs: Verbindend mit den anderen Stipendiat*innen und interessant, Lauenburg und seine Bewohner*innen kennenzulernen. Reizvoll war, dass ich während der Residenz zwischen Lauenburg und Hamburg pendeln konnte (durfte).

Welche weiteren familienfreundlichen Strukturen würdest du dir im Literaturbetrieb wünschen?

Yara Jakobs: Ich wünsche mir, dass Residenzen sich öffnen für eine Pendelabmachung zwischen Wohn- und Stipendium-Ort, gerade für Eltern. Außerdem wäre es toll, wenn ein paar lokale Babysitter*innen ansprechbar wären. Für die Mehrkosten, die durch Reisen und Betreuung entstehen, wünsche ich mir einen Stipendien-Bonus (oder die gesamte Übernahme der Fahrtkosten).

Kannst du ein Buch empfehlen, das sich aus deiner Sicht mit der Vereinbarkeit besonders gut auseinandersetzt?

Yara Jakobs: Ich habe gerade Dem Mond geht es gut von Paulina Czienskowski gelesen. Sie beschreibt nicht nur die innere Zerrissenheit einer Autorin, die Mutter wird, sondern auch Risse, die sich durch eine Familie ziehen, in der die Sorgearbeit über Generationen selbstverständlich bei den Frauen abgeladen war und es keine Sprache für Protest gab. Es ist spannend.

Gibt es etwas, was die Literatur in Bezug auf familienfreundliche Strukturen von der Kunst lernen kann?

Yara Jakobs: Mehr Kinderecken bei Lesungen.

Yara Jakobs war 2025 Literaturstipendiatin des „Nationalen Arbeitsstipendiums mit Kind“ im Künstler:innenhaus Lauenburg. Dieses Stipendium ohne Aufenthaltspflicht vergibt das Künstler:innenhaus seit 2022 an Bewerber:innen mit Kind (0-15 Jahre), die ihren festen Wohnsitz in Deutschland haben. Auf das Arbeitsstipendium können sich Künstler:innen
jährlich wechselnd in den Bereichen Komposition, Literatur und Bildende Kunst ohne Einschränkung des Alters bewerben.

Residencies with Care: Julia Hosse

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Julia Hosse: Weil es eine der wenigen Möglichkeiten war, mit meinem Kleinkind solch eine Residenz anzutreten. Im Alltag geht die künstlerische Arbeit neben Brotjob, Selbstständigkeit und vor allem der Care-Arbeit oft unter. Das Aufenthaltsstipendium bot mir die Möglichkeit, mal zwei Wochen am Stück kreativ zu arbeiten, wie ich es in der Intensität im Alltag nie schaffe.

Wie war die Residenz für dich?

Julia Hosse: Sehr gut! Es war total hilfreich, diesen Freiraum zu haben, in dem ich mich auf meine kreative Arbeit konzentrieren kann, statt an Existenzsicherung und Care-Arbeit zu denken.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Julia Hosse: Ich habe an einer Graphic Novel über das Verschwinden der Flugpionierin Amelia Earhart weitergeschrieben und gezeichnet. Mein Ziel war es, das Storyboard für das nächste Kapitel fertigzustellen und für dieses Kapitel den richtigen Zeichenstil zu finden. Das habe ich auch geschafft!

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Julia Hosse: Weil auch Künstler*innen, die Eltern sind, Freiräume fürs kreative Arbeiten benötigen, ohne ihre Kinder dabei im Stich zu lassen – beziehungsweise: Auch Künstler*innen müssen Kinder haben dürfen. Bei mir hatte das Stipendium auch einen nachhaltigen Nutzen: Kurz nach Ende des Stipendiums kamen meine Zwillinge zur Welt. Nun habe ich noch weniger Zeit, aber ich habe durch das Stipendium eine Grundlage geschaffen, mit der ich in den verstreuten freien Minuten zwischen Stillen, Wäsche waschen und sonstiger Care-Arbeit weiter kreativ arbeiten kann. Meine Sorge ist immer, dass ich die Verbindung zu meinem künstlerischen Selbst durch Müdigkeit und das Vertagen auf später verliere.

Julia Hosse war 2025 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Clara Umbach

Woran hast du während der Residenz gearbeitet? ?

Clara Umbach: Das Stipendium hat mir ermöglicht in Ruhe und Konzentration den Grundstein für meinen neuen Roman zu legen. Zwei Wochen mögen kurz erscheinen, für Eltern können sie aber einen ungeahnten Luxus an Zeit darstellen, die sonst unmöglich wäre aufzutreiben.

Warum sind Stipendien solcher Art wichtig?

Clara Umbach: Stipendien, die sich gezielt an Menschen in Sorgeverantwortung richten und deren Bedürfnisse mitdenken, sind wichtig, um die Chancengleichheit zu verbessern.

Wie war die Residenz für dich?

Clara Umbach: Die angenehme Umgebung und der wertschätzende Umgang mit uns Stipendiatinnen haben dazu geführt, dass meine Zeit im M1 gleichermaßen erholsam wie produktiv war.

Clara Umbach war 2025 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Marta Marx

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Marta Marx: Ich habe mich beworben, weil dieses Stipendium eine der wenigen Fördermöglichkeiten ist, die die Realität von Eltern ernst nimmt. Als Mutter, die ihr Kind im Wechselmodell betreut, brauche ich verlässliche und zusammenhängende Zeiträume, um konzentriert am Text arbeiten zu können. Ein Ort in Wohnortnähe, zeitlich begrenzt, aber intensiv nutzbar – anderes ist für mich kaum realisierbar. Das Stipendium schafft genau den Rahmen, der mir sonst fehlt: kontinuierliche Schreibzeit, ohne lange Abwesenheiten vom Kind.

Wie war die Residenz für dich?

Marta Marx: Das Schönste war, endlich in meinem eigenen Rhythmus arbeiten, schlafen und essen zu können – etwas, das im Alltag mit Kind und mehreren Lohnverantwortlichkeiten kaum möglich ist und meine Kreativität oft einschränkt. In der Residenz hatte ich zum ersten Mal seit Langem ununterbrochene, konzentrierte Schreibzeit. Die Mischung aus Alleinsein, produktiver Ruhe und dem Austausch mit meiner Mitstipendiatin Clara Umbach war großartig. Wir konnten uns gegenseitig Texte zeigen, Feedback geben und uns im Prozess stärken.Ich habe mehr geschafft, als ich mir vorgenommen hatte, und das hat meinen künstlerischen Selbstwert enorm gestärkt.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Marta Marx: Ich habe an meinem ersten Roman gearbeitet, der sich auch mit der (Un-)Vereinbar¬keit von Mutterschaft und künstlerischer Arbeit beschäftigt. Die Protagonistin zieht sich aus ihrem künstlerischen Beruf zurück und kehrt in ihren ursprünglichen Ausbildungsberuf als Gesundheits- und Krankenpflegerin zurück. Dabei untersucht der Text auch die Parallelen zwischen Pflege und Kunst – vor allem ihre prekären Arbeitsbedingungen, die Unsichtbarkeiten und die emotionale Verfügbarkeit, die beide Bereiche verlangen. Während der Residenz konnte ich mich in der Alleinsamkeit intensiv meinen eigenen Erfahrungen in der Pflege widmen, Erinnerungen sortieren und Verbindungen zwischen Care und Kunst herausarbeiten.

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Marta Marx: Stipendien spielen eine zentrale Rolle, um Menschen, die einen untypischen Lebens- oder Bildungsweg eingeschlagen haben, die Möglichkeit zu geben, am literarischen Diskurs teilzunehmen. Persönlich habe ich erst nach der Geburt meines Kindes und auf dem dritten Bildungsweg begonnen, Texte zu veröffentlichen – mit Ende dreißig, ohne eine lange Liste eigener Veröffentlichungen, gelte ich gleichzeitig als zu unerfahren und zu „alt“ für die etablierten Erwartungsstrukturen im Kunstbetrieb. Dennoch zeigt meine Erfahrung und auch die Recherche im Rahmen meiner Forschungsarbeit „Förderung von feministischen Stimmen in der Literatur“, dass Menschen mit vielfältigen oder nicht-linearen Lebens- und Bildungswegen wertvolle Perspektiven in die Literatur einbringen können. Sie haben Geschichten zu erzählen, die politisch und gesellschaftlich relevant sind. Stipendien wie diese ermöglichen es, dass diese Stimmen gehört werden. Sie tragen dazu bei, strukturelle Ungleichheiten zu verringern, die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven zu erhöhen und den Literaturbetrieb insgesamt inklusiver zu gestalten. Sie sind ein wichtiger Baustein, um kreative Vielfalt zu fördern und gesellschaftlich relevante Themen literarisch sichtbar zu machen. Da es weiterhin viele ungehörte Stimmen gibt und Stipendien dieser Art nur begrenzt verfügbar sind, sollte es einen politischen Anreiz geben, auch andere Fördermöglichkeiten gezielt für Menschen mit Kindern, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie für Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, unabhängig von formaler Bildung, zugänglich zu machen.

Marta Marx war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Same Work But Different: Sebastian Schmidt

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Sebastian Schmidt: Sascha, der Protagonist meines Romans, lebt in einer ähnlichen familiären Situation wie ich. Er hat ebenso drei Kinder, die ein ähnliches Alter haben. Saschas Verhalten gegenüber seinen Kindern ähnelt in vielen Fällen dem, wie ich reagieren und als Vater meinen Kindern begegnen würde. Die Konfliktsituationen, die in dem Roman vorkommen, sind aber hauptsächlich fiktiv, und so habe ich mich neben den realen Auseinandersetzungen im familiären Alltag auch mit imaginären Problemen und deren Lösung beschäftigt. Aber es fehlen leider nach wie vor (positive) Vaterfiguren in der Literatur, die als Vorbild dienen könnten, was ich als problematisch erachte. Es fehlt damit eine Grundlage, an der man sich auch literarisch abarbeiten könnte.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Sebastian Schmidt: Den tatsächlichen Tag der Veröffentlichung habe ich gar nicht mehr richtig gefeiert. Auf dem Weg zum Buch gab es so viele wichtige Stationen: Verlagsfindung, Druckfahnen, erste Resonanzen, Belegexemplare etc. Irgendwann kann man auch Freunden und Familie nicht mehr erklären, weshalb man sich so oft hintereinander über einen einzigen Gegenstand zum Feiern veranlasst sieht.

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Sebastian Schmidt: Als wir aus dem Sommerurlaub zurückkamen, stand das Paket mit den Belegexemplaren im Hausflur. Ich wusste nur ungefähr, wann sie eintreffen würden, und habe erst das Gepäck in die Wohnung geschleppt und eine Waschmaschine angestellt, bevor ich das Paket geöffnet habe.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Sebastian Schmidt: Meine Tochter erzählt so ziemlich alles, was zu Hause geschieht, in der Kita. Irgendwann sprach mich eine der Erzieherinnen an, ob es stimme, dass ich ein Buch geschrieben hätte, und ob E. es mitbringen und in der Kita zeigen dürfe. Sie wollte auch wissen, worum es ginge. Da aber zeitgleich die Übergabe meiner Tochter stattfand, habe ich es mit „über soziale Ungleichheit und einen Androiden“ zusammenzufassen versucht.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Sebastian Schmidt: Momentan blicke ich ein bisschen neidisch auf Stipendiat*innen im entfernten Ausland. Außerdem würde ich gerne mal nach Brünn, wohne aber im falschen Bundesland für einen Austausch.

 

Sebastian Schmidts Debütroman Powerschaum erschien Ende September 2025 bei Wunderhorn.

 

 

 

Same Work But Different: Linn Penelope Rieger

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch?

Linn Penelope Rieger: Meine Angst vor dem Klimawandel, die der Schreibimpuls für diesen Text war, ist größer geworden, weil ich nicht mehr nur für mich selbst damit zurechtkommen muss.

Hatte deine Mutterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit?

Linn Penelope Rieger: Ich bin disziplinierter und routinierter beim Schreiben. Ich habe dafür feste Zeiträume, bin weniger leicht davon abzubringen, meine Zweifel bleiben zeitlich begrenzt.

Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Linn Penelope Rieger: Um Vulkane und das Klima, Angst und Sehnsucht, Trost, Stille.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Linn Penelope Rieger: Mein Sohn ist noch zu klein, aber meine Mama darf gern.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Linn Penelope Rieger: Dadurch, dass meine Lesungen sich in Grenzen halten, ist das total machbar mit den üblichen Routinen. Trotzdem danke für alles, Johannes!

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Linn Penelope Rieger: Schreiben finde ich viel selbstbestimmter, ich kann ja jederzeit damit aufhören. Schwanger sein, Geburt und ein Kind großziehen sind für mich vor allem durch Fremdbestimmtheit gekennzeichnet, was nichts schlechtes sein muss, aber eben anders ist.

Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du Kinder hast?

Linn Penelope Rieger: Sämtliche Aufenthaltsstipendien. Ich brauche Routine und mein Zuhause.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Linn Penelope Rieger: Werkstipendien. Für »Zerbrochenes Feuer« hatte ich eins, war grandios. Danke, KdfS!

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Linn Penelope Rieger: Cornelia Funke. Ich lese nach wie vor ihre Bücher und bewundere nicht nur ihre Fantasie, sondern auch ihren Willen, sich als Autorin mit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen und niemals mit dem Lernen aufzuhören.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?

Linn Penelope Rieger: Simone Scharbert — wir haben uns vor einigen Jahren mal zu einer Lesung an einem Tagebau getroffen. Das war viel zu kurz dafür, dass es so schön war.

 

Linn Penelope Riegers Essay Zerbrochenes Feuer – Vulkane und das Ende der Welt erschien im Oktober 2025 bei Matthes & Seitz.

 

 

 

Same Work But Different: Sabine Schönfellner

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch?

Bevor ich Kinder hatte, habe ich mich oft gefragt, ob ich Elternschaft und Kinder in meinen Texten „richtig“ beschreiben kann. Schneckenkönigin habe ich begonnen bevor ich Kinder hatte und mit kleinen Kindern fertiggestellt. Im Lektorat gab es an manchen Stellen Diskussionen, ob Kinder so etwas (schon) sagen – da konnte ich aus meinen realen Erfahrungen heraus gut argumentieren. Außerdem sind mir im Überarbeiten kleine Fehler aufgefallen (kann ein Kind in diesem Alter schon springen?); manchmal habe ich mich dann dazu entschieden, das zu behalten.

Gibst du das Buch deinen Kindern oder deinen Eltern zu lesen?

Meine Eltern fragen danach und lesen meine Bücher gern. Meine Kinder können noch nicht lesen, aber bei der Auswahl des Covers habe ich mit einem meiner Kinder diskutiert, welches es ansprechend findet – wir haben dabei auch über das Buch gesprochen. Mein Kind fand ein anderes Cover schöner und wünscht sich nun ein Kinderbuch mit diesem. Dass ein Cover mit Nervenbahnen in Rosa und Rot aber für den Kinderbuchmarkt wohl schwierig wäre, ist wieder eine andere Geschichte.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Für mich ist dieser Vergleich nicht stimmig und es hat mich oft auch wütend gemacht, das zu lesen, vor allem weil es so klingt, als wäre mit der Geburt alles geschafft. Das verrät vielleicht etwas darüber, wie herausfordernd für mich persönlich die ersten Monate und in mancher Hinsicht auch Jahre mit Kindern waren. Für mich ist das Schreiben und der Veröffentlichungsprozess, trotz Anstrengungen, einfach einer, der Selbstbestimmung, Pausen und Rückzug ermöglicht.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Bei Aufenthaltsstipendien bräuchte ich kürzere Phasen – ein bis zwei Wochen, gern auch mehrmals – und die Flexibilität, Kinder und Partner mitzubringen. Ich finde es wichtig, dass Autor*innen auch die Möglichkeit haben, ihre Kinder zu Aufenthalten mitzubringen – damit ihre Arbeit nicht im Verborgenen oder getrennt vom Alltag stattfindet. Das heißt aber wiederum nicht, dass Autor*innen ihre Kinder immer mitbringen müssen – denn der gewohnte Alltag für die Kinder und die Möglichkeit zum Rückzug für die Erwachsenen ist bestimmt in vielen Konstellationen und Arbeitsphasen ebenso wichtig.

 

Sabine Schönfellners zweiter Roman Schneckenkönigin ist im August 2025 im Literaturverlag Droschl erschienen.

 

 

 

 

Same Work But Different: Slata Roschal

Wenn dich vor der Kita/vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Slata Roschal: Das ist immer schwierig, bei Lyrik und auch bei solchen Romanen ohne Handlung, wie ich sie schreibe. Ich versuche die Frage zu umgehen, oft sage ich gar nicht erst, was ich beruflich mache, mein Kind ist schon Teenager und jetzt am Gymnasium müssen sich nicht alle Eltern kennen und ständig irgendwelche Kuchen backen, was ich als sehr angenehm empfinde.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Slata Roschal: Die meisten, vielleicht auch alle Texte dieses Buches habe ich bei Residenzstipendien, auf Lesereisen und während der Weihnachtsfeiertage geschrieben, d. h. ich war ziemlich wenig zu Hause, und wenn, saß ich am Laptop. Ich weiß nicht, ob es moralisch gesehen schlecht war, das Herumreisen mit der Deutschen Bahn hat müde gemacht. Eine alte deutsche Nachbarin fragte meinen Mann, ob er arbeitslos sei, da sie ihn vom Balkon aus ständig sehe (er machte Mittagessen zu Hause, während ich weg war). Das hat mich furchtbar aufgeregt, ich fand die Frage demütigend und arrogant und bescheuert, vielleicht baue ich sie in das nächste Buch ein. Und ja, es rief ein Schuldgefühl hervor, das rational gesehen natürlich absurd war (es soll ja Männer geben im 21. Jahrhundert, die sich um ihre Kinder kümmern und Homeoffice nehmen), mich emotional aber ziemlich mitnahm (wenn die Mutter weg ist, degradiert also der Vater, und irgendwie ist alles falsch, was man auch tut).

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Slata Roschal: Ich will ein gut dotiertes Stipendium, möglicherweise verbunden mit einem Ort, den ich zum Schreiben nutzen kann, aber nicht muss, wo ich kein billiges Maskottchen bin und All-Inklusive-Workshops oder kostenlose Lesungen halten soll. Solche Stipendien gibt es allerdings nicht, und wenn, würde ich mich wie verrückt bewerben.

 

Slata Roschals dritter Gedichtband Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt erschien im März 2025 bei Wunderhorn.

 

 

 

 

Same Work But Different: Katharina Bendixen

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Katharina Bendixen: Ich wollte nie über Mutterschaft schreiben. Dann habe ich es doch gemacht, und diesen inneren Widerstand merkt man dem Buch vielleicht an: Es ist eine Art Suche, wie man überhaupt über dieses Thema schreiben kann. Neben klassischen Erzählungen gibt es in meinem Buch auch viele Experimente, beispielsweise fiktive Aufgaben für Abschlussprüfungen oder absurde Kinderbuchtexte. Ohne den Familienalltag und die vielen Widersprüche darin hätte ich dieses Buch niemals geschrieben.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Katharina Bendixen: Meine Eltern lesen alle meine Bücher. In manchen Texten kommen die Elternfiguren nicht so gut weg, aber meine Eltern halten das bisher gut aus. Schwieriger ist die Frage, ob meine Kinder dieses Buch später lesen werden. Ich schreibe darin sehr kritisch über das Familienleben, und es könnte das Missverständnis auftreten, dass ich ungern Mutter bin. Dabei geht es natürlich um die gesellschaftlichen Umstände und nicht um mein persönliches Verhältnis zu meinen Kindern.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Katharina Bendixen: Ich fühle mich oft in der Schuld meiner Kinder – nicht unbedingt wegen der Tatsache, dass ich sehr viel arbeite und manchmal gedanklich abwesend bin, sondern vor allem weil wir als Familie aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen im Literaturbetrieb viele Dinge, die in anderen Familien selbstverständlich sind, nicht besitzen oder nicht tun. Ich bin unsicher, wie unsere Kinder damit umgehen werden, wenn ihnen dieser Unterschied eines Tages bewusst wird.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?

Katharina Bendixen: Ich träume ja schon lange von einem großen other writers-Treffen, meinetwegen auch auf einem Spielplatz: Die Eltern tauschen sich über das Schreiben und den Literaturbetrieb aus, und die Kinder tauschen sich über ihre merkwürdigen Eltern aus, die sich so oft über Dinge ärgern, die sonst keiner versteht.

 

Katharina Bendixens Erzählband „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ erschien im März 2025 in der Edition Nautilus.

 

 

 

 

Same Work But Different: Janin Wölke

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Janin Wölke: Rachel Cusk schrieb 2001 in ihrem Buch „Lebenswerk“: „In der Mutterschaft habe ich mich als rechtschaffener und schrecklicher erlebt, als so einbezogen in die Wunder und Schrecken dieser Welt, wie ich es aus der Anonymität der Kinderlosigkeit heraus nie für möglich gehalten hätte.(…) Die Ankunft eines Kindes hat mein Erleben von Literatur und Kultur im Allgemeinen zutiefst verändert in dem Sinn, dass ich das Konzept des künstlerischen Ausdrucks plötzlich verbindlicher und notwendiger fand als je zuvor, viel menschlicher in seinem Bestreben, zu erschaffen und zu gestalten.“

Diese Worte sprechen mir aus dem Herzen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, in meinem neuen Gedichtband „unendlicher move“ weitreichender über all das zu schreiben, was einer Frau, Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau, Freundin, Lehrerin, Autorin widerfährt, denn es ist außerordentlich umfassend und am wichtigsten: dringlich sowie poetisch – und damit meine rilkesche und feministische Grenzerfahrung von Natur und Kunst.

Mein Buch beginnt mit dem programmatischen Songzitat von David Bowie: „Don’t stay in a sad place, where they don’t care how you are.“ Im Text geht es um Fürsorge gegenüber Kindern, wo findet sie statt, wo nicht, wie kann sie sein, wo sind ihre Grenzen. Nachdem die lyrische Erzählerin über die Wunden gesprochen hat, die sie als Kind erfahren und als Mutter zugefügt hat, sagt sie am Ende: „es ist ein stetes Üben“, ein „unendlicher move“, der ein nie endendes Reflektieren=Schreiben erfordert.

Mein Erfahrungshorizont liegt dem zugrunde: „Mein Erbarmen, mein allgemeines Mitgefühl mit der Menschheit läuft in einer einzigen Wunde zusammen, einer düsteren, wissenden Kerbe, geschlagen durch die Fähigkeit, einem anderen Leid anzutun“, auch das ein Zitat von Rachel Cusk.

Ich begann am „unendlichen move“ zu arbeiten, weil ich nicht mehr verstand, was um mich herum passierte. Die Kontrolle über mein Leben, über das Leben meiner Kinder schien mir verloren zu gehen. Es war der Sommer 2021, nach dem zweiten Lockdown. Ich konnte einfach nicht mehr, ich war kurz davor durchzubrennen – ich lasse die mehrfache Bedeutung dieses Wortes gern offen.

 

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Janin Wölke: Ich saß am Flughafen Berlin-Brandenburg auf dem Weg nach Oslo zu einem Treffen und einer Lesung mit norwegischen und deutschen Schriftsteller:innen. Ich habe mich sehr gefreut, als mein Mann mir ein Foto von dem riesigen Paket auf dem blauen Teppich im Flur schickte.

 

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Janin Wölke: Oh ja, das Jahr 2024 hat Care-Schulden angehäuft. Aber da mein Mann schon länger ein relativ bekannter Schriftsteller ist, hatte er vorher schon so viele Schulden bei mir, dass wir jetzt quitt sind. Mindestens auch noch für 2025.

 

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Janin Wölke: Miranda July, wenn sie Kinder hätte?

 

Janin Wölkes Gedichtband „unendlicher move“ erschien im Februar 2025 im Elif Verlag.