Rarely Asked Questions: Maria-Christina Piwowarski

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Maria-Christina Piwowarski: Mutterschaft und autofiktionales Schreiben – das ist seit einiger Zeit meine liebste literarische Kombination. Ein Schreiben, das ohne die Krücke der Fiktion auskommt, das aus dem persönlichen (Er)Leben erzählt und trotzdem eindeutig Literatur ist. Hier sind beeindruckende Texte übers Eltern- und vor allem übers Muttersein zu finden, die erfreulich oft auch die (Un)Vereinbarkeit von Kindern und dem Literaturbetrieb thematisieren.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Maria-Christina Piwowarski: So wie Männer meines Erachtens nach grundsätzlich vor weniger gesellschaftlichen Problemen stehen, wenn sie sich öffentlich äußern, also angreifbar machen – ja. Zumindest erlebe ich, dass der Rechtfertigungsdruck bei schreibenden Müttern ganz andere Dimensionen annimmt. Nicht nur die Frage, wo denn das arme Kind während einer abendlichen Lesung sei, müssen wohl mehr Mütter als Väter beantworten. Es herrscht auch immer noch das Vorurteil, schreibende Mütter würden damit ein wenig Selbstfindung während ihrer Elternzeit betreiben. Während schreibende Väter ja in bester Tradition ihr Genie beweisen. Es sind mittlerweile ganze Anthologien darüber erschienen, in denen Schriftstellerinnen berichten, welche Hürden sie überwinden müssen, um ihre Arbeit zu tun – gerade weil sie vielleicht so hürdenlos erscheint. Schriftstellerinnen, die ebenfalls Mütter sind, bekommen hier noch einmal extra Gegenwind. Während man sich bei schreibenden Vätern maximal Gedanken macht, ob sie denn hoffentlich ein abschließbares Arbeitszimmer haben und möglichst wenig gestört werden, wird schreibenden Müttern noch immer noch gern die literarische Relevanz abgesprochen.

Hast Du Dich aufgrund Deiner Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Maria-Christina Piwowarski: Als Buchhändlerin muss ich sagen, dass ich auch den kompletten Einzelhandel enorm familienunfreundlich finde. Der Literaturbetrieb hört ja nicht an den Verlagstüren auf. Nur wegen meiner grandios verständnisvollen Kolleg*innen konnte ich zum Beispiel viele Frühschichten machen und dann pünktlich zum Ende von Kita und Hort zu Hause sein. Wenn Kita und Schule geschlossen hatten und ich die Kinder mit zur Arbeit bringen konnte, war ich meistens dankbar, dass das überhaupt geht. Wobei … diese beschissene Dankbarkeit ist vielleicht eher ein Dilemma. Egal wo, im Café, in der Warteschlange, wenn man seine Kinder mitnimmt, um seinen Job zu tun – da ist immer dieser Drang, sich für vermeintlich störende Kinder zu entschuldigen, dieser elterliche Druck, keine besonderen Umstände zu machen und der besonders mütterliche Druck, auf keinen Fall über diese Mehrbelastung zu klagen. Jahrelang waren alle Abendtermine, alle Lesungen und Veranstaltungen ein enormer familiärer Balanceakt, obwohl ich beim zweiten Kind nicht mehr alleinerziehend war. Und dann die Pandemie! Was für ein Desaster für alle Eltern! Geblieben ist mir davon, dass ich darüber reden will. Dass ich es leid bin, mich für alles dreimal so sehr anstrengen und zerteilen zu müssen, und jahrelang dachte, ich dürfte nicht darüber sprechen, wie unendlich zehrend das Elternsein ist, weil ich die Kinder ja selbst wollte. (Der Dank für diese Erkenntnis geht übrigens an Mareice Kaiser und ihr Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“.) Die große Befreiung kommt für mich zu spät. Ich bin von außen nicht mehr zwangsläufig und sofort als Mutter erkennbar. Ich bin sogar manchmal regelrecht frei in meiner Zeiteinteilung, unsere Kinder kommen auch mal einen Nachmittag allein zurecht. Aber die Solidarität bleibt. Und das Interesse. Und die Forderung nach echter gesellschaftlicher Unterstützung für Eltern.

Maria-Christina Piwowarski leitet seit 2015 die Buchhandlung ocelot. Ihre Kinder kamen 2003 und 2010 zur Welt.

Rarely Asked Questions – Sarah Heine

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Sarah Heine: Elternschaft ist für uns ein interessantes Thema, da es eine Möglichkeit ist, gesellschaftliche Vielfalt darzustellen und Stereotype abzubauen. Über die Literatur können Menschen in Kontakt mit Vielfalt kommen und etwas über unsere vielfältige Gesellschaft lernen. In Bezug auf Elternschaft kann das das Kennenlernen unterschiedlicher Familienkonstellationen sein, wie zum Beispiel die literarische Erzählung über Kinder, die zwei Mütter oder zwei Väter haben, oder aber Kinder, die in Patchworkfamilien mit einer Vielzahl von Eltern aufwachsen. Gleichzeitig bietet das Thema Elternschaft die Möglichkeit, Stereotype aufzubrechen – Stereotype über Rollenverteilungen und darüber, was „gute“ Eltern ausmacht und wer als Eltern definiert wird.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft?
Sarah Heine: Wir denken, das Thema Mutterschaft rückt mehr in den Fokus, da Mütter ihre Rolle selbst definieren wollen. Sie wollen ihre Geschichten erzählen und damit die Deutungshoheit über ihre Rolle zurückgewinnen. Gleichzeitig bringt das Aufbrechen der alten Rollen Unsicherheiten bei Müttern mit sich, was das Thema zusätzlich literarisch relevant macht. Das Thema Vaterschaft wird nachziehen. Es gibt viele Väter, die es satthaben, als Hauptverdiener, starke Stütze etc. fremddefiniert zu werden, und ihre Stimme erheben, um andere Geschichten und andere Bilder über Väter in die Welt zu bringen. Und es gibt ja auch noch viele Menschen mit Kindern, die nicht als Mütter oder Väter definiert werden, es aber doch sind. Auch diese Personen werden zunehmend in der Literatur sichtbar.

Wie werden solche Bücher aufgenommen, was sind Ihre Erfahrungen?
Sarah Heine: Die Menschen, die ich kenne, lesen Bücher zu Elternschaft, weil sie auf der Suche nach neuen Wegen sind. Viele haben die alten Rollenbilder und Erwartungen satt und möchten einen Weg gehen, der besser zu ihnen und ihren individuellen Lebenssituationen passt. In Büchern suchen sie vor allem Inspiration und Identifikation. Das macht auch Literatur so interessant, die von Stereotypen abweicht. Menschen sehnen sich danach, dass auch ihre individuelle Position dargestellt wird. Diese Rückmeldung haben wir auch zum KINDERSTARK MAGAZIN. Menschen sind dankbar, dass es endlich ein Kindermagazin gibt, dass auch ihre eigenen Kinder abbildet und nicht das immer gleiche Stereotyp.

Sarah Heine, Kulturwissenschaftlerin. Seit 2021 Herausgeberin des KINDERSTARK MAGAZINs, wohnt in Berlin. Ihr Kind kam 2013 zur Welt.

Rarely Asked Questions: Moritz Malsch

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Moritz Malsch: Eltern sind quantitativ und qualitativ eine gesellschaftlich relevante Gruppe. Mit unseren Elternentscheidungen prägen wir im Guten wie im Schlechten Menschen, die zum Teil das 22. Jahrhundert erleben werden. Und: Wir sind viele! Immer noch. Jede gesellschaftlich relevante Gruppe ist auch literarisch relevant, wenn man voraussetzt, dass in Literatur Gesellschaft verhandelt wird. Nebenbemerkung: Was Elternschaft für mich zu einer interessanten Erfahrung gemacht hat, ist das Hundertprozentige daran. Das Baby duldet keinen Aufschub seiner Bedürfnisse, egal ob nachts um 3 oder während einer Videokonferenz mit der Bundeskanzlerin. In einer ultravernetzten Multitasking-Welt ist das eine unerhörte Erfahrung. Aber auch eine dezidiert unliterarische. Am Wickeltisch stehend, habe ich noch nie über Literatur nachgedacht.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
Moritz Malsch: Frauen haben es seit Jahrzehnten zu recht aktiv in die Hand genommen, ihre Rollen neu zu definieren. Zwar herrscht noch lange keine Gender-Gerechtigkeit, aber wenigstens reden wir über das Problem. Eine Neudefinition der Frauenrollen bedingt aber zwangsläufig auch eine Neudefinition der Männerrollen. Und Männer haben sich demgegenüber, wo nicht ablehnend, doch eher abwartend, passiv und verunsichert gezeigt. Ich bin überzeugt, dass es inzwischen genügend „anwesende“ Väter gibt, aber sie sind (noch) nicht wirklich gesellschaftlich sichtbar. Insofern wäre Vaterschaft literarisch vielleicht sogar das interessantere Thema? Mich hat übrigens noch nie jemand gefragt, wie ich Beruf und Familie unter einen Hut kriege. Danke, dass Ihr es in gewisser Weise getan habt!

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Moritz Malsch: Ob der Literaturbetrieb für mich familienfreundlich ist oder nicht, hängt von meiner Position darin ab. Let’s talk about class. Im Literaturbereich arbeiten sehr viele freiberuflich, und das aus einem oft beengten Zuhause. Die Einkommenslage ist prekär. Wie soll das mit Familie gehen? Als ich noch verhältnismäßig erfolgreich als freier Lektor arbeitete, hatte ich immer genug Aufträge und konnte meinen Lebensunterhalt bestreiten, aber für eine Familie oder den Erwerb ausreichender Rentenpunkte hätte es nicht gereicht. Es ist jedenfalls keine Lösung, bei Veranstaltungen Kinderbetreuung oder bei Residenzen eine größere Wohnung zur Verfügung zu stellen. Als wenn Kinder so eine Art Verschiebemasse wären. Autor*innen und Übersetzer*innen müssen genügend verdienen, dann organisieren sie sich ihre*n Babysitter*in schon selbst.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Habt Ihr ein Zelt für uns?
Moritz Malsch: Ich empfehle als Zelt das vom Netzwerk freie Literaturszene Berlin vorgeschlagene Modell des Tandem-Stipendiums: Fünf Jahre sozialversicherungspflichtig im Literaturbereich beschäftigt, die Hälfte des Tages freigestellt fürs Schreiben. Dann ist diese Art von prekärem Stipendientourismus nicht mehr nötig.

Moritz Malsch, Mitgründer und seit 2016 auch Mitarbeiter des Literaturhauses Lettrétage, Vorsitzender des Netzwerks freie Literaturszene Berlin e. V. und der Anna-Seghers-Stiftung, Mitinitiator des Branchentreffs Literatur im Projekt „schreiben&leben“, der vom 18. bis 20.6.2021 unter dem Motto „Vor-care-ungen – Freiberuflich mit Zukunft“ stattfindet. Vater von zwei Kindern der Jahrgänge 2015 und 2020.

Rarely Asked Questions: Katharina Picandet

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Katharina Picandet: Literarisch ist es mit der Elternschaft oder Familie vielleicht wie beim guten Sozialkrimi: Oft zeigt sich in den konkreten einzelnen Fällen sehr anschaulich, woran es in der Gesellschaft im Ganzen fehlt, wo die Probleme liegen. Kinder zu bekommen oder nicht, mag eine individuelle Entscheidung sein, aber die Konsequenzen sind immer gesamtgesellschaftlich: Welche Werte vermitteln wir der nächsten Generation, woher kommen die eigenen moralischen Vorstellungen, wie kann ich verwirklichen, was ich mir wünsche, wo liegen die Konfliktlinien, innerhalb der Familie und außerhalb, usw. usf. Und weil nun mal jede*r Familie hat, ob man nun Eltern hat oder ist oder beides, ist das so ein unmittelbar nachvollziehbares Sujet mit hohem Identifikationspotenzial – und nahezu grenzenlosen literarischen Ausgestaltungsmöglichkeiten.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Katharina Picandet: Von arbeitenden, also auch schreibenden Frauen wird tendenziell wohl eher erwartet, dass sie Kinder und Arbeit unter einen Hut kriegen und im Zweifel eher die Arbeit zurückstecken als die Kinder. Ich glaube nicht, dass männliche Schriftsteller oft gefragt werden, wie sie die Doppelbelastung denn nur organisiert kriegen. Es gibt ein schönes Interview mit Nathacha Appanah, in dem sie sagt, wenn schreibende Väter auf genau diese Frage antworten, sie hätten „großes Glück“ gehabt, sei das in der Regel nur eine schöne Umschreibung für „Ich habe eine wunderbare Frau“.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Katharina Picandet: Ich glaube, der Literaturbetrieb gehört sogar schon zu den familienfreundlicheren Branchen, immerhin arbeiten dort ja mehrheitlich Frauen. Aber hier gilt wie in allen Branchen: Solange gesellschaftlich erwartet wird, dass „wirklich engagierte“ Menschen 24/7 arbeiten können und sollen; solange der fitte, agile Allrounder das bewunderte Ideal darstellt und man auf das Erreichen der Deadline um 2.00 Uhr nachts noch stolz ist, weil man unter dem Zeitdruck nicht zusammengebrochen ist – solange nicht stattdessen gemeinschaftliches Arbeiten, geteilte Verantwortung, Priorisierung von Fürsorge in einer Gesellschaft auch kulturell als wünschenswert durchgesetzt sind, solange bleibt auch ein Betrieb mit Halbzeitjobs, Flexibilität, Kinderkrippe, verständnisvollen Kollegen und Vorgesetzen etc. pp. eine einsame Insel der Glückseligen. Schön – aber reicht das?

Katharina Picandet, seit 20 Jahren im Kollektiv der Edition Nautilus, Hamburg. Ihre Kinder kamen 2003, 2005 und 2009 zur Welt.

Rarely Asked Questions: Insa Wilke

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Insa Wilke: Für mich sind es die politischen Dimensionen: Eltern prägen die nächste Generation. Sie geben ihre Erfahrungen oft ungefiltert weiter, sofern sie keine Psychoanalyse gemacht haben. In den politischen Debatten, die wir derzeit führen, geht es immer um ökonomische und soziale Fragen. Die psychologischen Fragen, die Bedeutung von Familie für Kontinuitäten und Veränderungen ist schwieriger zu fassen und bleibt darum oft unterbelichtet. Da spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Ines Geipel ist eine Autorin, die viel darüber geschrieben hat.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft?
Insa Wilke: Weil es ein Thema ist, bei dem lange bestimmte Aspekte ausgeblendet wurden. Das liegt in meinen Augen an zwei Dingen: Frauen wurden in einer von Männern dominierten Literaturwelt lange weder mit ihren Erfahrungen, auch den körperlichen, noch mit ihren Perspektiven zugelassen. Man denke nur an Marcel Reich-Ranickis Äußerungen zu Marlene Streeruwitz. Zum anderen aber – und vielleicht hängt das durchaus auch mit dem ersten Punkt zusammen – wurde Mutterschaft auch von Frauen lange idealisiert und idyllisiert. Es gibt an einem verbreiteten passiv-aggressiven Dominanzverhalten von Müttern ja einiges zu kritisieren und aufzuklären. Da darf man dann auch mal in die Bücher von Söhnen schauen, die unter ihren Müttern gelitten haben. Der Streit um die Marginalisierung und Entmachtung der Hebammen hat da einiges ausgelöst, denke ich.

Haben Sie sich aufgrund Ihrer Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Insa Wilke: Ein Kollege hat mir einmal stolz erzählt, dass er einer Mitarbeiterin, die um 16 Uhr ihr Kind abholen musste, mitteilte, in unserer Branche werde 7 Tage die Woche 24 Stunden gearbeitet. Abgesehen davon, dass das Quatsch ist, versteckt sich darin eine fatale Ideologie, die (nicht nur) in der Literaturbranche verbreitet ist: Gut ist, wer sich aufopfert für die Literatur und als Privatmensch quasi nicht mehr existiert. Dem sollte sich niemand beugen.

Insa Wilke lebt als Literaturkritikerin in Berlin.

Rarely Asked Questions – Bettina Fischer

Wie wird Elternschaft als literarisches Thema vom Publikum aufgenommen?
Bettina Fischer: Viele Lesende sind noch immer durch die überkommene Idee geprägt, dass Literatur von Männern relevanter sei als die von Frauen. Und obwohl viele Menschen identifikatorisch lesen, möchten sich einige nicht eingestehen, dass die Sujets Elternschaft und Familienalltag sie ansprechen. Es wirkt eben nach, wenn der literarische Kanon und die Vorstellungen von gesellschaftlicher Relevanz über Jahrzehnte von Menschen geprägt werden, die im Familienalltag nicht präsent waren. Da galt Elternschaft als literarisch unwichtig oder unergiebig – Care-Arbeit eben … Ein Teufelskreis, der nachwirkt. Heute sind die Kriterien für Relevanz und Qualität hoffentlich beweglicher geworden, die Texte selbstbewusster.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Bettina Fischer: Sicherlich. Ein konkretes Beispiel ist die Schaffung von Schreibräumen – also Räumen der Konzentration fürs Schreiben. In Köln haben wir, angeregt durch das Modell in Hamburg, 2017 einen ersten realisiert. In der Kulturszene wird viel von Atelierräumen gesprochen; Schreibräume sollten auch ein Thema werden. Als Veranstalterin denke ich darüber nach, dass es eine Herausforderung ist, auf Lesereise zu gehen, wenn man kleine Kinder hat. Natürlich ist das nicht nur ein Problem der Bedürfnisse, sondern auch der Organisation. Wie lassen sich die Anforderungen des Betriebs mit der persönlichen Situation vereinbaren? Durch unkompliziertere Kinderbetreuung, durch Umdenken und durch Anerkennung, dass Elternschaft ein ideologisch geprägter Begriff ist. Vielleicht hilft auch die Digitalisierung, die Veranstaltungen ohne Ortswechsel ermöglicht.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Haben Sie ein Zelt für uns?
Bettina Fischer: Obwohl ich immer auch Literatur von Frauen gelesen habe, bin ich von einem männlich dominierten Literaturkanon geprägt worden und habe mir das erst allmählich klargemacht. Seit geraumer Zeit achten wir verstärkt darauf, unser Programm einigermaßen ausgewogen zu gestalten: Dabei spielt aber natürlich nicht nur die Frage des Geschlechts der Schreibenden eine Rolle, sondern auch die Themen, die Bekanntheit, die Genres, die Herkunft. Da schlägt das Pendel mal in die eine oder andere Richtung aus. Aber: Ja, bei uns gibt’s nicht nur ein Zelt im Garten, sondern einen Raum im Haus! Der andere Aspekt dieser Frage ist für mich, wie wir die Arbeit als Veranstalter*innen organisieren. Das gehört auch dazu, wenn man für Menschen mit Familie einen guten Raum im Literaturbetrieb schaffen möchte. Veranstalter*innen-Arbeit ist zeitlich fordernd. Bei uns haben alle Kinder. Ich hoffe, dass die es irgendwann gut finden, dass ihre Mütter (und Väter) interessanten Jobs nachgehen. Live ist live – auch wir müssen Lösungen für die Kinderbetreuung finden. Meine Tochter hat schon auf den letzten Stuhlreihen im Literaturhaus geschlafen. Heute ist sie elf … das Literaturhaus findet sie ok, aber schöner ist es, wenn wir abends alle gemeinsam zuhause sind.

Bettina Fischer verantwortet seit 2012 die Programmleitung im Literaturhaus Köln. Ihre Tochter kam 2009 auf die Welt.

Rarely Asked Questions: José F. A. Oliver

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
José F. A. Oliver: Ich vermute, dass die „traditionellen“ Vorstellungen von Familie und deren überlieferten Rollenverteilungen (Mutter/Kind/Vater) oder (Kind/Mutter/Vater) in unseren gesellschaftlichen Breiten immer noch am stärksten ausgeprägt sind im Vergleich zu anderen Bindungen des Zusammenlebens. Insofern, voilà: die „Mutterrolle“, und voilà: die „Vaterrolle“. Zumindest hier im ländlichen Raum nicken die meisten Menschen sicherlich ohne großen Erklärungsbedarf, wenn beispielsweise das Wort „Mutterschutz“ zur Sprache kommt … „Vaterschutz“ ist dann doch (noch) eher selten anzutreffen – als Begriff – und in der Tat. Wenngleich es immer mehr Väter gibt, die sich für eine „Elternzeit“ entscheiden. Vielleicht trägt diese sich verändernde Wirklichkeit der nicht mehr so absolut zugewiesenen Aufgaben künftig dazu bei, dass auch mehr zu den „Vaterschaften“ und deren Herausforderungen publiziert werden wird. Überhaupt sollte – nein, muss man über viele Begrifflichkeiten nachdenken, die mit dem Bedeutungshof des Wortes „Familie“ zusammenhängen. Ab wann und unter welchen Aspekten ist jemand Familie? Das wäre nur eine der vielen Fragen.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
José F. A. Oliver: Je nachdem, welche Aufgaben sie als Väter oder Mütter in der Verantwortung für das gemeinsame Kind übernehmen. Kümmern sie sich in erster Linie um das Kind oder um ihre Berufe, oder können sie beides gar miteinander vereinbaren? Letzteres stelle ich mir schwierig vor, wenn nicht gar schier unmöglich. Es kommt natürlich auch auf das Alter des Nachwuchses an. Sind die Kinder im Babyalter, in dem sie noch gestillt werden, beispielsweise. Väter können ja nicht stillen – zumindest nicht auf natürlichem Weg, ich meine von den körperlich-biologischen Voraussetzungen her. Wenn die Kinder dann größer sind, stellen sich wahrscheinlich dieselben Probleme ein, wenn sich die Väter um die Kinder kümmern und die Mütter einem Beruf nachgehen: Wann Zeit finden, um zu schreiben, wenn das Kind noch nicht im Kindergarten ist, beispielsweise. Tatsache ist aber auch, dass sich bisher weit weniger Mütter (in einem bestimmten Alter) um ein Aufenthaltsstipendium des Hausacher LeseLenzes beworben haben als junge Väter. Ist das Zufall oder Ausdruck gesellschaftlicher Wirklichkeiten?

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
José F. A. Oliver: Er kann nicht nur, er muss (!) familienfreundlicher gestaltet werden. Eine Möglichkeit wären „freie“, d. h. ortsungebundene „Familienstipendien“ für Autor*innen, ohne Auflagen und, wo es entwickelbar wäre, ohne Präsenzpflicht. Im Rahmen des Hausacher LeseLenzes arbeiten wir an diesem Vorhaben und versuchen ein solches „Familienstipendium“ in Hausach zu realisieren. Ich hoffe, dass uns das in den kommenden Jahren gelingen wird. Es ist eine Herausforderung, weil das Bewusstsein bei den meisten Geldgeber*innen oder Förderinstitutionen fehlt, dass viele Autorinnen, ja, vor allem Autorinnen, ein Stipendium nicht antreten könne, weil sie die Verantwortung für ihre Kinder tragen oder sich gar nicht erst bewerben … Die Gründe liegen, wie bereits erwähnt, auf der Hand.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Haben Sie ein Zelt für uns?
José F. A. Oliver: Immer. Wobei ich Nicht-Zelt-Lösungen vorziehe. Das Bewusstsein prägt auch die Architektur der Phantasie. Im Augenblick lebt der Amanda-Neumayer-Stipendiat des Hausacher LeseLenzes für Kinder- und Jugendliteratur in der Hausacher Stipendiat*innenwohnung, und zwar mit seiner Familie. M. ist fünf Monate alt … Tobias Steinfeld und seine Frau und das Baby sind ganz ohne Zelt hier und es funktioniert, ohne dass sie den Garten zum Schlafen benutzen müssen.

José F. A. Oliver lebt als Autor in Hausach, wo er 1998 den Hausacher LeseLenz gegründet hat, den er seitdem leitet. Der Hausacher LeseLenz vergibt jährlich auch drei Aufenthaltsstipendien.

Rarely Asked Questions: Julia Eichhorn

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
Julia Eichhorn: Das ist meines Erachtens ein Nachholen, eine überfällige Entwicklung. Lange haben weniger Frauen geschrieben, lange Jahre Schriftstellerinnen mit Kind ihre Mutterschaft in den Hintergrund gestellt. Nun kommt eine neue Generation, eine neue Offenheit und das Bedürfnis, Muttersein zum Thema zu machen, über Muttersein zu lesen. Für Männer gab es schon immer eine größere Selbstverständlichkeit, beides zu sein, Künstler und Vater, und weniger Zerrissenheit zwischen dem Alltag als Vater und Autor, es gab und gibt weniger Infragestellen der eigenen Position.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Julia Eichhorn: Ja, das Problem der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie stellt sich ihnen meist viel weniger. Es ist vielleicht vor allem ein Problem jener Väter, bei denen das anders ist, sich Gehör zu verschaffen.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Julia Eichhorn: Ja, unbedingt, vor allem bei der Förderung, vor allem bei Aufenthaltsstipendien, sollte darauf geachtet werden, dass auch Eltern mit Kindern teilnehmen und arbeiten können, zum Beispiel durch eine Betreuungsmöglichkeit der Kinder. Das ist aber nur ein sehr praktisches Beispiel. Die vielen Schranken im Kopf gilt es langfristig aufzubrechen.

Haben Sie sich aufgrund Ihrer Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Julia Eichhorn: Ja, jedes Mal, wenn ich mir überlege, ob ich die Kinder überhaupt erwähnen soll. Und bei den mitleidigen Blicken oder Nachfragen, nachdem ich sie erwähnt habe, auf der Messe oder bei Abendveranstaltungen, wie lange ich die Kinder „alleine“ lasse.

Können Sie ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Julia Eichhorn: „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling.

Julia Eichhorn gründete 2019 die Julia Eichhorn Literaturagentur und lebt in Berlin. Ihre Kinder kamen 2014 und 2018 auf die Welt.