Residencies with Care: Julia Hosse

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Julia Hosse: Weil es eine der wenigen Möglichkeiten war, mit meinem Kleinkind solch eine Residenz anzutreten. Im Alltag geht die künstlerische Arbeit neben Brotjob, Selbstständigkeit und vor allem der Care-Arbeit oft unter. Das Aufenthaltsstipendium bot mir die Möglichkeit, mal zwei Wochen am Stück kreativ zu arbeiten, wie ich es in der Intensität im Alltag nie schaffe.

Wie war die Residenz für dich?

Julia Hosse: Sehr gut! Es war total hilfreich, diesen Freiraum zu haben, in dem ich mich auf meine kreative Arbeit konzentrieren kann, statt an Existenzsicherung und Care-Arbeit zu denken.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Julia Hosse: Ich habe an einer Graphic Novel über das Verschwinden der Flugpionierin Amelia Earhart weitergeschrieben und gezeichnet. Mein Ziel war es, das Storyboard für das nächste Kapitel fertigzustellen und für dieses Kapitel den richtigen Zeichenstil zu finden. Das habe ich auch geschafft!

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Julia Hosse: Weil auch Künstler*innen, die Eltern sind, Freiräume fürs kreative Arbeiten benötigen, ohne ihre Kinder dabei im Stich zu lassen – beziehungsweise: Auch Künstler*innen müssen Kinder haben dürfen. Bei mir hatte das Stipendium auch einen nachhaltigen Nutzen: Kurz nach Ende des Stipendiums kamen meine Zwillinge zur Welt. Nun habe ich noch weniger Zeit, aber ich habe durch das Stipendium eine Grundlage geschaffen, mit der ich in den verstreuten freien Minuten zwischen Stillen, Wäsche waschen und sonstiger Care-Arbeit weiter kreativ arbeiten kann. Meine Sorge ist immer, dass ich die Verbindung zu meinem künstlerischen Selbst durch Müdigkeit und das Vertagen auf später verliere.

Julia Hosse war 2025 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Clara Umbach

Woran hast du während der Residenz gearbeitet? ?

Clara Umbach: Das Stipendium hat mir ermöglicht in Ruhe und Konzentration den Grundstein für meinen neuen Roman zu legen. Zwei Wochen mögen kurz erscheinen, für Eltern können sie aber einen ungeahnten Luxus an Zeit darstellen, die sonst unmöglich wäre aufzutreiben.

Warum sind Stipendien solcher Art wichtig?

Clara Umbach: Stipendien, die sich gezielt an Menschen in Sorgeverantwortung richten und deren Bedürfnisse mitdenken, sind wichtig, um die Chancengleichheit zu verbessern.

Wie war die Residenz für dich?

Clara Umbach: Die angenehme Umgebung und der wertschätzende Umgang mit uns Stipendiatinnen haben dazu geführt, dass meine Zeit im M1 gleichermaßen erholsam wie produktiv war.

Clara Umbach war 2025 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Marta Marx

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Marta Marx: Ich habe mich beworben, weil dieses Stipendium eine der wenigen Fördermöglichkeiten ist, die die Realität von Eltern ernst nimmt. Als Mutter, die ihr Kind im Wechselmodell betreut, brauche ich verlässliche und zusammenhängende Zeiträume, um konzentriert am Text arbeiten zu können. Ein Ort in Wohnortnähe, zeitlich begrenzt, aber intensiv nutzbar – anderes ist für mich kaum realisierbar. Das Stipendium schafft genau den Rahmen, der mir sonst fehlt: kontinuierliche Schreibzeit, ohne lange Abwesenheiten vom Kind.

Wie war die Residenz für dich?

Marta Marx: Das Schönste war, endlich in meinem eigenen Rhythmus arbeiten, schlafen und essen zu können – etwas, das im Alltag mit Kind und mehreren Lohnverantwortlichkeiten kaum möglich ist und meine Kreativität oft einschränkt. In der Residenz hatte ich zum ersten Mal seit Langem ununterbrochene, konzentrierte Schreibzeit. Die Mischung aus Alleinsein, produktiver Ruhe und dem Austausch mit meiner Mitstipendiatin Clara Umbach war großartig. Wir konnten uns gegenseitig Texte zeigen, Feedback geben und uns im Prozess stärken.Ich habe mehr geschafft, als ich mir vorgenommen hatte, und das hat meinen künstlerischen Selbstwert enorm gestärkt.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Marta Marx: Ich habe an meinem ersten Roman gearbeitet, der sich auch mit der (Un-)Vereinbar¬keit von Mutterschaft und künstlerischer Arbeit beschäftigt. Die Protagonistin zieht sich aus ihrem künstlerischen Beruf zurück und kehrt in ihren ursprünglichen Ausbildungsberuf als Gesundheits- und Krankenpflegerin zurück. Dabei untersucht der Text auch die Parallelen zwischen Pflege und Kunst – vor allem ihre prekären Arbeitsbedingungen, die Unsichtbarkeiten und die emotionale Verfügbarkeit, die beide Bereiche verlangen. Während der Residenz konnte ich mich in der Alleinsamkeit intensiv meinen eigenen Erfahrungen in der Pflege widmen, Erinnerungen sortieren und Verbindungen zwischen Care und Kunst herausarbeiten.

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Marta Marx: Stipendien spielen eine zentrale Rolle, um Menschen, die einen untypischen Lebens- oder Bildungsweg eingeschlagen haben, die Möglichkeit zu geben, am literarischen Diskurs teilzunehmen. Persönlich habe ich erst nach der Geburt meines Kindes und auf dem dritten Bildungsweg begonnen, Texte zu veröffentlichen – mit Ende dreißig, ohne eine lange Liste eigener Veröffentlichungen, gelte ich gleichzeitig als zu unerfahren und zu „alt“ für die etablierten Erwartungsstrukturen im Kunstbetrieb. Dennoch zeigt meine Erfahrung und auch die Recherche im Rahmen meiner Forschungsarbeit „Förderung von feministischen Stimmen in der Literatur“, dass Menschen mit vielfältigen oder nicht-linearen Lebens- und Bildungswegen wertvolle Perspektiven in die Literatur einbringen können. Sie haben Geschichten zu erzählen, die politisch und gesellschaftlich relevant sind. Stipendien wie diese ermöglichen es, dass diese Stimmen gehört werden. Sie tragen dazu bei, strukturelle Ungleichheiten zu verringern, die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven zu erhöhen und den Literaturbetrieb insgesamt inklusiver zu gestalten. Sie sind ein wichtiger Baustein, um kreative Vielfalt zu fördern und gesellschaftlich relevante Themen literarisch sichtbar zu machen. Da es weiterhin viele ungehörte Stimmen gibt und Stipendien dieser Art nur begrenzt verfügbar sind, sollte es einen politischen Anreiz geben, auch andere Fördermöglichkeiten gezielt für Menschen mit Kindern, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie für Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, unabhängig von formaler Bildung, zugänglich zu machen.

Marta Marx war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Recidencies with Care: Clara Lena Langenbach

Warum hast du dich auf das Residenzstipendium beworben?

Clara Lena Langenbach: Ich habe mich auf die Residenz beworben, um für eine Zeit ungestört und konzentriert an einem Projekt zu arbeiten, abseits vom Alltag.  Zusätzlich konnte ich die entstandene Arbeit  durch die finanzielle Unterstützung und Ausstellungsmöglichkeit gleich präsentieren.

Wie war die Residenz für dich?

Clara Lena Langenbach: Ich habe mich sehr wohl und verstanden gefühlt. Die Möglichkeit ein großes Atelier nutzen und mich auch vor Ort zurückziehen zu können in Verbindung mit der Freiheit nicht anwesend sein zu müssen, ist sehr befreiend. Durch diese Offenheit und Wahlmöglichkeit vertraut das  Konzept des  Stipendiums darauf, dass jede*r selbst dazu in der Lage ist, für sich selbst die momentan beste Arbeitssituation zu schaffen.

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Clara Lena Langenbach: Ich habe an der Installation „practice makes perfect“ (2024) gearbeitet. Geprägt von meiner eigenen Skoliosediagnose verbinde ich physiotherapeutische und bildhauerische Techniken zu abstrahierten Körperfragmenten in Skulpturen und raumgreifenden Installationen. Dabei behandele ich den Körper als formbares Objekt, das durch äußeren Druck – sei es physisch oder gesellschaftlich – beeinflusst, verändert oder eingeschränkt wird, um traditionelle Vorstellungen von Körperlichkeit zu hinterfragen.

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Clara Lena Langenbach: Freiheit bei der individuellen Gestaltung der Residenzbedingungen ist generell sinnvoll. Für Menschen, die Carearbeit leisten, ist dieses Vertrauen besonders entscheidend, da eine Residenz oft schon an den jeweiligen Bedingungen scheitert. Es ist selten möglich, mehrere Monate am Stück mit oder ohne Familie anzureisen. Das Künstler[*innen]haus Lauenburg  bietet Raum, Toleranz und Flexibilität für Familien und leistet damit einen großen Beitrag zur Vereinbarkeit von Familie und künstlerischer Arbeit.
Clara Lena Langenbach war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

Residencies with Care: Jul Gordon

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Jul Gordon: In meinem Arbeitsalltag fehlt oft die Zeit, um mehrere Tage am Stück konzentriert an etwas zu arbeiten. Administrative Aufgaben, Geld verdienen und Care-Arbeit – das alles beansprucht einen großen Teil meiner Kapazitäten. Oft scheint alles dringender, als an einem Comic weiterzuarbeiten. Während des Stipendiums gab es die Möglichkeit, fokussiert zu arbeiten. Auch dass das Stipendium nicht nur einen kostenlosen Raum, sondern auch Geld bietet, ist wichtig für die Machbarkeit. Ein weiterer Faktor für meine Entscheidung war, dass die Bewerbung eher unaufwändig ist. Bewerbungen gehören zur unbezahlten, aber nötigen Arbeit für freiberufliche Künstler*innen. Aufwändige Bewerbungsverfahren kann ich mir neben der unbezahlten Arbeit, die ich ohnehin zu tun habe, zeitlich oft nicht einrichten.

 

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Jul Gordon: Künstler*innen und Autor*innen brauchen fokussierte Phasen. Personen, die Care-Arbeit leisten, fällt es oft noch schwerer, sich solche Phasen einzurichten. Stipendien wie „Parents in Arts“ ermöglichen, dass sich auch die Perspektiven von Personen entfalten können, die Care-Arbeit leisten, und tragen so zur Diversität in der kulturellen Landschaft bei. Von mir wird während des Stipendiums erwartet, dass ich meine künstlerische Arbeit voranbringe und dass sie für den Zeitraum im Mittelpunkt steht. Diese Legitimierung von außen hilft auf materieller und psychischer Ebene, die Arbeit machen zu können.

 

Jul Gordon war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

 

 

Residencies with Care: Yara Jakobs

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Yara Jakobs: Als ich das Stipendium gefunden habe, dachte ich: eine einzigartige Möglichkeit, künstlerisch zu arbeiten und meinen Sohn dabeizuhaben. Ich kann zeichnen, schreiben, und er darf Teil sein, juchhe.

 

Wie war die Residenz für dich?

Yara Jakobs: Bereichernd, Freundschaften wurden geschlossen, das Buch ist gewachsen.

 

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Yara Jakobs: Ich habe ein Kapitel meiner Novelle „Rolle, Rolle, Rolle“ fertiggestellt, in der es um den Spagat zwischen den Identitäten einer Working Mom geht.

 

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Yara Jakobs: Weil Kinder zum Leben, zur Kunst und Kultur gehören! Sie verdienen einen Platz und wir unsere Zeit, um zu arbeiten.

 

Yara Jakobs war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.

 

 

Residencies with Care: Sascha Preiß

Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?

Sascha Preiß: Vor allem wollte ich, dass sich möglichst viele Eltern auf das Stipendium bewerben, damit man schon an der Bewerber*innenzahl sieht, wie wichtig ein altersunbeschränktes Stipendium explizit für Eltern ist, wie sehr das fehlt bzw. wie wenig Eltern im künstlerischen Betrieb mitgedacht und oft genug ausgeschlossen werden. Ich habe gar nicht so sehr an mich selbst gedacht. Zugleich betrifft es genau meine Situation: in Trennung lebend, zwei Kinder, die ich mehrheitlich betreue, eines mit Behinderung und Pflegegrad, da sind lange Abwesenheiten schlicht nicht möglich, abgesehen davon, dass sie finanziell nicht zu stemmen sind. Klar habe ich mich enorm gefreut, als ich einen Platz zugesprochen bekam, aber noch mehr habe ich mich für die Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit des Programms selbst und der Idee dahinter gefreut – also Riesendank an die Initiatorinnen!

 

Wie war die Residenz für dich?

Sascha Preiß: Der Aufenthalt im südwestbrandenburgischen Fleming war Natur pur und unglaubliche Ruhe, fürs Schreiben und oft auch nur fürs Lesen. Eines Abends kam sogar eine Schleiereule an mein Fenster geflogen und schaute neugierig herein. Meine Mutter war für die Zeit bei den Kindern, da musste ich mir keine Gedanken machen. Und dann die offene Zeit ohne die festen Tagesrhythmen des Alltags, man schafft sich neue, aber kann diese wesentlich flexibler ausgestalten. Überhaupt: die Abwesenheit des Alltags, was den Gedanken Zeit und Raum gibt, sich kontinuierlich mit dem Text zu beschäftigen, mit einer Stelle, manchmal nur einer Formulierung. Diese Kontinuität des Arbeitens ist für mich das Entscheidende, was das Stipendium ermöglicht hat.

 

Woran hast du während der Residenz gearbeitet?

Sascha Preiß: An einem Roman über meinen verstorbenen Bruder.

 

Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?

Sascha Preiß: Künstler*innen mit Kindern werden oft genug bei Aufenthaltsstipendien implizit, gelegentlich auch explizit ausgeschlossen. Das kann durch die Anwesenheitspflicht sein, das häufig genannte Besuchsverbot in Residenzen, die Länge von Residenzen (welche Eltern können ihre kleineren oder schulpflichtigen Kinder mal eben ein halbes Jahr allein lassen?) oder die oft schmale Vergütung, mit der eine zusätzliche Kinderbetreuung nicht möglich ist. Insbesondere für Alleinerziehende, mehrheitlich Frauen, sind solche Programme komplett unrealistisch. Was dazu führt, dass Eltern weniger künstlerisch arbeiten können oder nur mit besonderem Mehraufwand, dadurch weniger sichtbar sind. Vor allem für bildende Künstler*innen kann das eine abgebrochene Laufbahn bedeuten. Künstler*innen mit Kindern explizit anzusprechen und ihnen Freiräume zu geben, damit sie künstlerisch arbeiten können und von der Sorgearbeit einmal zurücktreten können, das fand bisher so gut wie gar nicht statt.

 

Sascha Preiß war 2024 Stipendiat des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.