Warum hast du dich auf das Hamburger Residenzstipendium „Parents in Arts“ beworben?
Marta Marx: Ich habe mich beworben, weil dieses Stipendium eine der wenigen Fördermöglichkeiten ist, die die Realität von Eltern ernst nimmt. Als Mutter, die ihr Kind im Wechselmodell betreut, brauche ich verlässliche und zusammenhängende Zeiträume, um konzentriert am Text arbeiten zu können. Ein Ort in Wohnortnähe, zeitlich begrenzt, aber intensiv nutzbar – anderes ist für mich kaum realisierbar. Das Stipendium schafft genau den Rahmen, der mir sonst fehlt: kontinuierliche Schreibzeit, ohne lange Abwesenheiten vom Kind.
Wie war die Residenz für dich?
Marta Marx: Das Schönste war, endlich in meinem eigenen Rhythmus arbeiten, schlafen und essen zu können – etwas, das im Alltag mit Kind und mehreren Lohnverantwortlichkeiten kaum möglich ist und meine Kreativität oft einschränkt. In der Residenz hatte ich zum ersten Mal seit Langem ununterbrochene, konzentrierte Schreibzeit. Die Mischung aus Alleinsein, produktiver Ruhe und dem Austausch mit meiner Mitstipendiatin Clara Umbach war großartig. Wir konnten uns gegenseitig Texte zeigen, Feedback geben und uns im Prozess stärken.Ich habe mehr geschafft, als ich mir vorgenommen hatte, und das hat meinen künstlerischen Selbstwert enorm gestärkt.
Woran hast du während der Residenz gearbeitet?
Marta Marx: Ich habe an meinem ersten Roman gearbeitet, der sich auch mit der (Un-)Vereinbar¬keit von Mutterschaft und künstlerischer Arbeit beschäftigt. Die Protagonistin zieht sich aus ihrem künstlerischen Beruf zurück und kehrt in ihren ursprünglichen Ausbildungsberuf als Gesundheits- und Krankenpflegerin zurück. Dabei untersucht der Text auch die Parallelen zwischen Pflege und Kunst – vor allem ihre prekären Arbeitsbedingungen, die Unsichtbarkeiten und die emotionale Verfügbarkeit, die beide Bereiche verlangen. Während der Residenz konnte ich mich in der Alleinsamkeit intensiv meinen eigenen Erfahrungen in der Pflege widmen, Erinnerungen sortieren und Verbindungen zwischen Care und Kunst herausarbeiten.
Warum sind Stipendien dieser Art wichtig?
Marta Marx: Stipendien spielen eine zentrale Rolle, um Menschen, die einen untypischen Lebens- oder Bildungsweg eingeschlagen haben, die Möglichkeit zu geben, am literarischen Diskurs teilzunehmen. Persönlich habe ich erst nach der Geburt meines Kindes und auf dem dritten Bildungsweg begonnen, Texte zu veröffentlichen – mit Ende dreißig, ohne eine lange Liste eigener Veröffentlichungen, gelte ich gleichzeitig als zu unerfahren und zu „alt“ für die etablierten Erwartungsstrukturen im Kunstbetrieb. Dennoch zeigt meine Erfahrung und auch die Recherche im Rahmen meiner Forschungsarbeit „Förderung von feministischen Stimmen in der Literatur“, dass Menschen mit vielfältigen oder nicht-linearen Lebens- und Bildungswegen wertvolle Perspektiven in die Literatur einbringen können. Sie haben Geschichten zu erzählen, die politisch und gesellschaftlich relevant sind. Stipendien wie diese ermöglichen es, dass diese Stimmen gehört werden. Sie tragen dazu bei, strukturelle Ungleichheiten zu verringern, die Sichtbarkeit marginalisierter Perspektiven zu erhöhen und den Literaturbetrieb insgesamt inklusiver zu gestalten. Sie sind ein wichtiger Baustein, um kreative Vielfalt zu fördern und gesellschaftlich relevante Themen literarisch sichtbar zu machen. Da es weiterhin viele ungehörte Stimmen gibt und Stipendien dieser Art nur begrenzt verfügbar sind, sollte es einen politischen Anreiz geben, auch andere Fördermöglichkeiten gezielt für Menschen mit Kindern, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen sowie für Personen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, unabhängig von formaler Bildung, zugänglich zu machen.
Marta Marx war 2024 Stipendiatin des „Parents in Arts“-Stipendiums der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.