Same Work But Different: Selim Özdogan

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Selim Özdogan: Vater zu sein, hat meiner Wahrnehmung der Welt ein paar Dimensionen hinzugefügt. Auf die eine oder andere Art fließt das überall mit rein, egal, was ich tue oder denke.

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Selim Özdogan: Die Kinder sind jetzt 11 und 13, ich bewerbe mich zwar auf keine Residenzstipendien, aber sonst muss ich mich wenig einschränken mittlerweile.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Selim Özdogan: Bereits beim allerersten Roman war der schönste Moment nicht der, das gedruckte Buch in der Hand zu halten. Sondern die erste Interessenbekundung des Verlags. Auch nicht der anschließende Vertrag. Die besten Momente geschehen am Schreibtisch und sind nicht planbar. Eine Gnade, für die ich dankbar bin.

Wenn dich vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Selim Özdogan: Die unwahrscheinliche Geschichte einer Gastarbeiterfamilie, die mit linken Studenten in einem besetzten Haus wohnt.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Selim Özdogan: Meine Tochter ist 13 und liest viel, findet meine Texte aber langweilig. Oder schwer zugänglich. Oder beides.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Selim Özdogan: Familie ist keine Matheaufgabe. Es gibt Wochen, in denen ich weniger da bin, und Wochen, in denen ich mehr da bin als jeder andere Vater, den ich kenne. In dem Alter wird Betreuung ohnehin weniger zeitintensiv und mehr emotional herausfordernd — da zählt weniger, wie viel ich da bin, sondern mehr, wie präsent ich bin, wenn es drauf ankommt.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Selim Özdogan: Das Erscheinen ist für mich eher der Zeitpunkt, wo das Kind auszieht und nun selbst in der Welt zurechtkommen muss. Am Anfang hilft man noch beim Umzug und mit alten Möbeln, am Anfang macht man noch Promo, dann wird es allmählich ganz selbstständig.

 

Ihr kriegt uns hier nicht raus von Selim Özdogan erschien im August 2026 im Kanon Verlag.

Same Work But Different: Clemens Böckmann

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Clemens Böckmann: In seinem letzten Interview wurde Roberto Bolaño zum Thema Exil befragt. Ob er nach so vielen Jahren noch eine Heimat habe, wollte die Journalistin vom Playboy wissen. Er sagte, sein Vaterland seien seine Kinder. In all dem Rückzug ins Private, den das auch hat, gefällt mir die Aussage dennoch. Und traurigerweise wird die Frage des Exils wohl immer relevanter.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Clemens Böckmann: Es ist eine Einladung zum Spiel. Und so wie auch jedes kindliche Spiel einen bitteren Ernst hat, ja sogar die Neigung, in Gewalt zu kippen, so ist es auch mit dieser Geschichte. Es ist die Suche nach dem Dichter und Skispringer Alvaro Maderholz, der seine Existenz erst noch beweisen muss. Auf diesem Weg wird er verfolgt von seiner Familiengeschichte. Und die ist nicht unbedingt einfach. Sein Großvater war Zahlmeister im Vernichtungslager Kulmhof, sein Onkel protofaschistischer Dichter im Chile der Pinochet Diktatur. Alvaro dichtet gegen die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dasselbe versuchen die unterschiedlichen Erzähler meines Romans.

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Clemens Böckmann: Ich lese gerade – etwas verspätet – Lucia Berlins Kurzgeschichten. Auf einer bemerkenswerte Art und Weise haben die Geschichten keine Zeit. Auch wenn sie immer wieder über einzelne Objekte situiert werden, haben ihre Erzählungen, in aller Schwere, etwas Schwebendes. Gleichzeitig bricht sie kontinuierlich eine Lanze für die Fiktion. Daher würde ich mich sehr freuen einen Beitrag von ihr, die ihre vier Kinder fast allein aufgezogen hat, bei den other writers zu finden – auch wenn sie mittlerweile mehr als zwanzig Jahre verstorben ist.

 

Clemens Böckmanns Roman Das richtige Leben des Alvaro Maderholz erschien im August 2026 bei Matthes & Seitz.

Same Work But Different: Lena Müller

Hatte deine Elternschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Lena Müller: Klar, es ist ein Buch über (gesellschaftliche) Umbrüche und den Umgang der Einzelnen damit. Und eben über die Sorge füreinander, die ist eigentlich in jeder Zeile drin.

Hat deine Elternschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Lena Müller: Gefühlt habe ich (mindestens) drei Jobs. Die Sorgearbeit, die ich übernehme – immer all in. Die Romane, die ich übersetze. Und die Texte, die ich schreibe – mal mehr, mal weniger intensiv.

Das letzte Jahr vor dem neuen Buch war intense, viele Wochenenden und Nächte im Büro (das ich seither lieber Atelier nenne). Manchmal habe ich die stillen Stunden genossen, manchmal war es hart. Ich habe ziemliche Zeitschulden gemacht, einen Kredit aufgenommen auf dem sonst mehr oder weniger ausgeglichenen Sorgekonto. Bin mit Schulden und Schlafdefizit in den Sommer gestartet. Zum Glück konnte ich dann für ein paar Wochen weg vom Schreibtisch und viel Zeit mit Kind und Kegel draußen verbringen. Das hat die Konten ausgeglichen.

Was hast du gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Lena Müller. Ich habe das Paket schnell weggelegt, nachdem der DHL-Bote es mir im Treppenhaus übergeben hatte. Erst am nächsten Tag, als ich dabei war, das Kinderzimmer auszuräumen, damit es neu gestrichen werden kann, packe ich es aus, so im Vorbeigehen. Frisch aus dem Druck, viel rot, Äpfel und Punkte. Das Kind betrachtet das Cover und sagt: „Dein Name steht aber groß drauf.“ „Ich hab’s ja auch geschrieben.“ „Aber so groß?“ Leiser Zweifel. Später dann, mit der Freundin im Park, ziehe ich das Buch aus der Tasche und wir freuen uns gemeinsam. Machen ein paar Fotos in der Augustsonne.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Lena Müller: Barbara Honigmann schreibt: „Die Autorin hat ihr Bestes gegeben, aber ob ihr Werk gelungen ist, das weiß sie auch nicht, weil es Fleisch von ihrem Fleische ist.“ Soweit stimme ich zu. Ansonsten überzeugt mich der Vergleich Geburt – Buch nicht ganz. Mein bleibender Eindruck von Schwangerschaft: Ein Kind entwickelt sich – in meinem Körper, aber doch (fast) ohne mein Zutun. Sobald es auf die Welt kommt, braucht es allerdings alle Zuwendung und zur Unabhängigkeit ist es ein langer Weg. Beim Buch ist es eher andersherum: Beim Entstehen braucht es jede Menge Aufmerksamkeit, alle verfügbare Zeit. Ist es dann erst mal in der Welt, geht es mehr oder weniger eigene Wege.

 

Lena Müllers zweiter Roman Club der Verschwenderinnen erschien im September 2026 in der Edition Nautilus.

Same Work But Different: Slata Roschal

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Slata Roschal: Ich habe das Glück, nicht alleinerziehend zu sein, bin mir aber bewusst, dass ich all die Reisen, Lesungen, Residenzstipendien usw. nicht allein bewerkstelligen könnte. Das heißt, der Großteil meines Einkommens hängt daran, dass jemand anderes mein Kind betreut. Ich denke oft darüber nach, wie mein Leben als Alleinerziehende verlaufen wäre, wenn ich wirklich nur während der Schulzeiten arbeiten könnte, das wäre ziemlich krass. Lea, die Hauptfigur im Buch, versucht auszurechnen, wie viele Arbeitstage ihr abseits von Ferien und Krankheiten bleiben, es ist so ein absurder Teufelskreis, glaube ich, in den vor allem Mütter oft unverschuldet hineingeraten. Also ein riesiges soziales Risiko auf allen Ebenen, da geht es gar nicht mehr um Leistung oder Ambitionen, das Elternsein wird weder als Arbeit akzeptiert noch entlohnt, zugleich muss man sich Kinderbetreuung finanziell leisten können, um zu arbeiten.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Slata Roschal: Ich tue mich schwer mit Feiern, weil nach jedem Erfolg die Frage ist, was danach kommt, finanziell vor allem. Ein Buch gilt ja eigentlich nur dann als erfolgreich, wenn es nominiert wird, Preise bekommt oder in eine Bestsellerliste aufsteigt, das kann man kaum beeinflussen als Autor. Ich habe jetzt viele Bewerbungen auf Stellen verschickt, die teils gar nichts mit dem zu tun haben, was ich gut kann oder machen will. Momentan gibt es nicht wirklich was zu feiern, aber mir ist natürlich enorm wichtig, dass das Buch erschienen ist, ein langer Prozess ist zum Abschluss gekommen und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Slata Roschal: Ich war die letzten eineinhalb Jahre ununterbrochen bei Residenzstipendien unterwegs, um das Schreiben am Buch zu finanzieren, teils waren es mehrere Stipendien parallel, Lüneburg, Schöppingen, Graz, Salzburg, Prag. Das war schon heftig, also die ganze Zeit, die man in Zügen verbringt, alles koordinieren und aushandeln muss. Es ging halt nicht anders, aber ein bisschen mehr Zuhause wäre jetzt in den kommenden Monaten gut.

 

Slata Roschals dritter Roman Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet erschien im Juli 2026 bei Ullstein/claasen.

Same Work But Different: Sebastian Schmidt

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Sebastian Schmidt: Sascha, der Protagonist meines Romans, lebt in einer ähnlichen familiären Situation wie ich. Er hat ebenso drei Kinder, die ein ähnliches Alter haben. Saschas Verhalten gegenüber seinen Kindern ähnelt in vielen Fällen dem, wie ich reagieren und als Vater meinen Kindern begegnen würde. Die Konfliktsituationen, die in dem Roman vorkommen, sind aber hauptsächlich fiktiv, und so habe ich mich neben den realen Auseinandersetzungen im familiären Alltag auch mit imaginären Problemen und deren Lösung beschäftigt. Aber es fehlen leider nach wie vor (positive) Vaterfiguren in der Literatur, die als Vorbild dienen könnten, was ich als problematisch erachte. Es fehlt damit eine Grundlage, an der man sich auch literarisch abarbeiten könnte.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Sebastian Schmidt: Den tatsächlichen Tag der Veröffentlichung habe ich gar nicht mehr richtig gefeiert. Auf dem Weg zum Buch gab es so viele wichtige Stationen: Verlagsfindung, Druckfahnen, erste Resonanzen, Belegexemplare etc. Irgendwann kann man auch Freunden und Familie nicht mehr erklären, weshalb man sich so oft hintereinander über einen einzigen Gegenstand zum Feiern veranlasst sieht.

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Sebastian Schmidt: Als wir aus dem Sommerurlaub zurückkamen, stand das Paket mit den Belegexemplaren im Hausflur. Ich wusste nur ungefähr, wann sie eintreffen würden, und habe erst das Gepäck in die Wohnung geschleppt und eine Waschmaschine angestellt, bevor ich das Paket geöffnet habe.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Sebastian Schmidt: Meine Tochter erzählt so ziemlich alles, was zu Hause geschieht, in der Kita. Irgendwann sprach mich eine der Erzieherinnen an, ob es stimme, dass ich ein Buch geschrieben hätte, und ob E. es mitbringen und in der Kita zeigen dürfe. Sie wollte auch wissen, worum es ginge. Da aber zeitgleich die Übergabe meiner Tochter stattfand, habe ich es mit „über soziale Ungleichheit und einen Androiden“ zusammenzufassen versucht.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Sebastian Schmidt: Momentan blicke ich ein bisschen neidisch auf Stipendiat*innen im entfernten Ausland. Außerdem würde ich gerne mal nach Brünn, wohne aber im falschen Bundesland für einen Austausch.

 

Sebastian Schmidts Debütroman Powerschaum erschien Ende September 2025 bei Wunderhorn.

 

 

 

Same Work But Different: Linn Penelope Rieger

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch?

Linn Penelope Rieger: Meine Angst vor dem Klimawandel, die der Schreibimpuls für diesen Text war, ist größer geworden, weil ich nicht mehr nur für mich selbst damit zurechtkommen muss.

Hatte deine Mutterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit?

Linn Penelope Rieger: Ich bin disziplinierter und routinierter beim Schreiben. Ich habe dafür feste Zeiträume, bin weniger leicht davon abzubringen, meine Zweifel bleiben zeitlich begrenzt.

Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Linn Penelope Rieger: Um Vulkane und das Klima, Angst und Sehnsucht, Trost, Stille.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Linn Penelope Rieger: Mein Sohn ist noch zu klein, aber meine Mama darf gern.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Linn Penelope Rieger: Dadurch, dass meine Lesungen sich in Grenzen halten, ist das total machbar mit den üblichen Routinen. Trotzdem danke für alles, Johannes!

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Linn Penelope Rieger: Schreiben finde ich viel selbstbestimmter, ich kann ja jederzeit damit aufhören. Schwanger sein, Geburt und ein Kind großziehen sind für mich vor allem durch Fremdbestimmtheit gekennzeichnet, was nichts schlechtes sein muss, aber eben anders ist.

Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du Kinder hast?

Linn Penelope Rieger: Sämtliche Aufenthaltsstipendien. Ich brauche Routine und mein Zuhause.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Linn Penelope Rieger: Werkstipendien. Für »Zerbrochenes Feuer« hatte ich eins, war grandios. Danke, KdfS!

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Linn Penelope Rieger: Cornelia Funke. Ich lese nach wie vor ihre Bücher und bewundere nicht nur ihre Fantasie, sondern auch ihren Willen, sich als Autorin mit dem Zeitgeist auseinanderzusetzen und niemals mit dem Lernen aufzuhören.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?

Linn Penelope Rieger: Simone Scharbert — wir haben uns vor einigen Jahren mal zu einer Lesung an einem Tagebau getroffen. Das war viel zu kurz dafür, dass es so schön war.

 

Linn Penelope Riegers Essay Zerbrochenes Feuer – Vulkane und das Ende der Welt erschien im Oktober 2025 bei Matthes & Seitz.

 

 

 

Same Work But Different: Sabine Schönfellner

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch?

Bevor ich Kinder hatte, habe ich mich oft gefragt, ob ich Elternschaft und Kinder in meinen Texten „richtig“ beschreiben kann. Schneckenkönigin habe ich begonnen bevor ich Kinder hatte und mit kleinen Kindern fertiggestellt. Im Lektorat gab es an manchen Stellen Diskussionen, ob Kinder so etwas (schon) sagen – da konnte ich aus meinen realen Erfahrungen heraus gut argumentieren. Außerdem sind mir im Überarbeiten kleine Fehler aufgefallen (kann ein Kind in diesem Alter schon springen?); manchmal habe ich mich dann dazu entschieden, das zu behalten.

Gibst du das Buch deinen Kindern oder deinen Eltern zu lesen?

Meine Eltern fragen danach und lesen meine Bücher gern. Meine Kinder können noch nicht lesen, aber bei der Auswahl des Covers habe ich mit einem meiner Kinder diskutiert, welches es ansprechend findet – wir haben dabei auch über das Buch gesprochen. Mein Kind fand ein anderes Cover schöner und wünscht sich nun ein Kinderbuch mit diesem. Dass ein Cover mit Nervenbahnen in Rosa und Rot aber für den Kinderbuchmarkt wohl schwierig wäre, ist wieder eine andere Geschichte.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Für mich ist dieser Vergleich nicht stimmig und es hat mich oft auch wütend gemacht, das zu lesen, vor allem weil es so klingt, als wäre mit der Geburt alles geschafft. Das verrät vielleicht etwas darüber, wie herausfordernd für mich persönlich die ersten Monate und in mancher Hinsicht auch Jahre mit Kindern waren. Für mich ist das Schreiben und der Veröffentlichungsprozess, trotz Anstrengungen, einfach einer, der Selbstbestimmung, Pausen und Rückzug ermöglicht.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Bei Aufenthaltsstipendien bräuchte ich kürzere Phasen – ein bis zwei Wochen, gern auch mehrmals – und die Flexibilität, Kinder und Partner mitzubringen. Ich finde es wichtig, dass Autor*innen auch die Möglichkeit haben, ihre Kinder zu Aufenthalten mitzubringen – damit ihre Arbeit nicht im Verborgenen oder getrennt vom Alltag stattfindet. Das heißt aber wiederum nicht, dass Autor*innen ihre Kinder immer mitbringen müssen – denn der gewohnte Alltag für die Kinder und die Möglichkeit zum Rückzug für die Erwachsenen ist bestimmt in vielen Konstellationen und Arbeitsphasen ebenso wichtig.

 

Sabine Schönfellners zweiter Roman Schneckenkönigin ist im August 2025 im Literaturverlag Droschl erschienen.

 

 

 

 

Same Work But Different: Slata Roschal

Wenn dich vor der Kita/vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Slata Roschal: Das ist immer schwierig, bei Lyrik und auch bei solchen Romanen ohne Handlung, wie ich sie schreibe. Ich versuche die Frage zu umgehen, oft sage ich gar nicht erst, was ich beruflich mache, mein Kind ist schon Teenager und jetzt am Gymnasium müssen sich nicht alle Eltern kennen und ständig irgendwelche Kuchen backen, was ich als sehr angenehm empfinde.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Slata Roschal: Die meisten, vielleicht auch alle Texte dieses Buches habe ich bei Residenzstipendien, auf Lesereisen und während der Weihnachtsfeiertage geschrieben, d. h. ich war ziemlich wenig zu Hause, und wenn, saß ich am Laptop. Ich weiß nicht, ob es moralisch gesehen schlecht war, das Herumreisen mit der Deutschen Bahn hat müde gemacht. Eine alte deutsche Nachbarin fragte meinen Mann, ob er arbeitslos sei, da sie ihn vom Balkon aus ständig sehe (er machte Mittagessen zu Hause, während ich weg war). Das hat mich furchtbar aufgeregt, ich fand die Frage demütigend und arrogant und bescheuert, vielleicht baue ich sie in das nächste Buch ein. Und ja, es rief ein Schuldgefühl hervor, das rational gesehen natürlich absurd war (es soll ja Männer geben im 21. Jahrhundert, die sich um ihre Kinder kümmern und Homeoffice nehmen), mich emotional aber ziemlich mitnahm (wenn die Mutter weg ist, degradiert also der Vater, und irgendwie ist alles falsch, was man auch tut).

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Slata Roschal: Ich will ein gut dotiertes Stipendium, möglicherweise verbunden mit einem Ort, den ich zum Schreiben nutzen kann, aber nicht muss, wo ich kein billiges Maskottchen bin und All-Inklusive-Workshops oder kostenlose Lesungen halten soll. Solche Stipendien gibt es allerdings nicht, und wenn, würde ich mich wie verrückt bewerben.

 

Slata Roschals dritter Gedichtband Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt erschien im März 2025 bei Wunderhorn.

 

 

 

 

Same Work But Different: Katharina Bendixen

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Katharina Bendixen: Ich wollte nie über Mutterschaft schreiben. Dann habe ich es doch gemacht, und diesen inneren Widerstand merkt man dem Buch vielleicht an: Es ist eine Art Suche, wie man überhaupt über dieses Thema schreiben kann. Neben klassischen Erzählungen gibt es in meinem Buch auch viele Experimente, beispielsweise fiktive Aufgaben für Abschlussprüfungen oder absurde Kinderbuchtexte. Ohne den Familienalltag und die vielen Widersprüche darin hätte ich dieses Buch niemals geschrieben.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Katharina Bendixen: Meine Eltern lesen alle meine Bücher. In manchen Texten kommen die Elternfiguren nicht so gut weg, aber meine Eltern halten das bisher gut aus. Schwieriger ist die Frage, ob meine Kinder dieses Buch später lesen werden. Ich schreibe darin sehr kritisch über das Familienleben, und es könnte das Missverständnis auftreten, dass ich ungern Mutter bin. Dabei geht es natürlich um die gesellschaftlichen Umstände und nicht um mein persönliches Verhältnis zu meinen Kindern.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Katharina Bendixen: Ich fühle mich oft in der Schuld meiner Kinder – nicht unbedingt wegen der Tatsache, dass ich sehr viel arbeite und manchmal gedanklich abwesend bin, sondern vor allem weil wir als Familie aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen im Literaturbetrieb viele Dinge, die in anderen Familien selbstverständlich sind, nicht besitzen oder nicht tun. Ich bin unsicher, wie unsere Kinder damit umgehen werden, wenn ihnen dieser Unterschied eines Tages bewusst wird.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?

Katharina Bendixen: Ich träume ja schon lange von einem großen other writers-Treffen, meinetwegen auch auf einem Spielplatz: Die Eltern tauschen sich über das Schreiben und den Literaturbetrieb aus, und die Kinder tauschen sich über ihre merkwürdigen Eltern aus, die sich so oft über Dinge ärgern, die sonst keiner versteht.

 

Katharina Bendixens Erzählband „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ erschien im März 2025 in der Edition Nautilus.

 

 

 

 

Same Work But Different: Janin Wölke

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Janin Wölke: Rachel Cusk schrieb 2001 in ihrem Buch „Lebenswerk“: „In der Mutterschaft habe ich mich als rechtschaffener und schrecklicher erlebt, als so einbezogen in die Wunder und Schrecken dieser Welt, wie ich es aus der Anonymität der Kinderlosigkeit heraus nie für möglich gehalten hätte.(…) Die Ankunft eines Kindes hat mein Erleben von Literatur und Kultur im Allgemeinen zutiefst verändert in dem Sinn, dass ich das Konzept des künstlerischen Ausdrucks plötzlich verbindlicher und notwendiger fand als je zuvor, viel menschlicher in seinem Bestreben, zu erschaffen und zu gestalten.“

Diese Worte sprechen mir aus dem Herzen. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, in meinem neuen Gedichtband „unendlicher move“ weitreichender über all das zu schreiben, was einer Frau, Mutter, Tochter, Schwester, Ehefrau, Freundin, Lehrerin, Autorin widerfährt, denn es ist außerordentlich umfassend und am wichtigsten: dringlich sowie poetisch – und damit meine rilkesche und feministische Grenzerfahrung von Natur und Kunst.

Mein Buch beginnt mit dem programmatischen Songzitat von David Bowie: „Don’t stay in a sad place, where they don’t care how you are.“ Im Text geht es um Fürsorge gegenüber Kindern, wo findet sie statt, wo nicht, wie kann sie sein, wo sind ihre Grenzen. Nachdem die lyrische Erzählerin über die Wunden gesprochen hat, die sie als Kind erfahren und als Mutter zugefügt hat, sagt sie am Ende: „es ist ein stetes Üben“, ein „unendlicher move“, der ein nie endendes Reflektieren=Schreiben erfordert.

Mein Erfahrungshorizont liegt dem zugrunde: „Mein Erbarmen, mein allgemeines Mitgefühl mit der Menschheit läuft in einer einzigen Wunde zusammen, einer düsteren, wissenden Kerbe, geschlagen durch die Fähigkeit, einem anderen Leid anzutun“, auch das ein Zitat von Rachel Cusk.

Ich begann am „unendlichen move“ zu arbeiten, weil ich nicht mehr verstand, was um mich herum passierte. Die Kontrolle über mein Leben, über das Leben meiner Kinder schien mir verloren zu gehen. Es war der Sommer 2021, nach dem zweiten Lockdown. Ich konnte einfach nicht mehr, ich war kurz davor durchzubrennen – ich lasse die mehrfache Bedeutung dieses Wortes gern offen.

 

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Janin Wölke: Ich saß am Flughafen Berlin-Brandenburg auf dem Weg nach Oslo zu einem Treffen und einer Lesung mit norwegischen und deutschen Schriftsteller:innen. Ich habe mich sehr gefreut, als mein Mann mir ein Foto von dem riesigen Paket auf dem blauen Teppich im Flur schickte.

 

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Janin Wölke: Oh ja, das Jahr 2024 hat Care-Schulden angehäuft. Aber da mein Mann schon länger ein relativ bekannter Schriftsteller ist, hatte er vorher schon so viele Schulden bei mir, dass wir jetzt quitt sind. Mindestens auch noch für 2025.

 

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Janin Wölke: Miranda July, wenn sie Kinder hätte?

 

Janin Wölkes Gedichtband „unendlicher move“ erschien im Februar 2025 im Elif Verlag.