Same Work But Different: Lisa Kreißler

Welchen Einfluss hatte deine Mutterschaft auf dein Buch?
Seit der Geburt meines ersten Kindes hat sich mein Blick auf Leben und Schreiben stark erweitert. Ich befrage die Wirklichkeit jetzt immer aus zwei Perspektiven: aus meiner und aus der des Neulings in der Welt. Wie spricht man mit einem Dreijährigen über den Tod? Was lehrt er mich über die Natur? Ist es möglich, sich den Blick des Kindes zurückzuerobern? Und: Was sehe ich dann? Wie bringe ich es in Sprache? All diese Fragen waren beim Schreiben von „Schreie & Flüstern“ immer in der Nähe.

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?
Ich war mit den Kindern an einem Flussbett. Es war warm. Sie spielten mit dem Wasser. Es war einer der seltenen Tage, an denen sie mich nicht brauchten. Ich habe japanische Erzählungen gelesen, mich über die Harmonie und die schönen Sätze gefreut. Als wir nach Hause kamen, stand ein großes Paket im Flur. Ich wusste sofort, was darin war. „Schreie & Flüstern“ ist meinem ältesten Sohn gewidmet. Das hatte ich ihm schon erzählt. Gemeinsam packten wir ein Buch aus. „Ist das mein Buch?“, fragte er. Ich nickte. Und als er seinen Namen vorn im Buch selbst las und dabei kurz innehielt, nahm der Text für mich eine neue Gestalt an. Das Buch war da.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?
Ich träume davon, mit den Kindern und meinem Freund für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen, in die Villa Massimo nach Rom zum Beispiel. Dort gibt es eine deutsche Schule. Mein Freund würde in einer italienischen Bäckerei arbeiten und ich würde mich in die Stadt vertiefen, mich durchschütteln lassen von den neuen Erfahrungen. Meinem Schreiben tut es gut, wenn das Leben mich durcheinanderbringt.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?
Ich würde gern Sibylla Vričić Hausmann treffen! Wir haben uns vor ein paar Jahren am LCB kennengelernt. Später habe ich dann ihre Gedichte gelesen, die einfach toll sind. Am LCB hat Sibylla mir von einem Roman erzählt, an dem sie schreibt. Ich würde sie gern ausquetschen, wie weit sie damit ist, wann ich ihn endlich lesen kann. Und ich würde sie fragen, ob sie einen guten Ratschlag für mich hat, wie man mit dem Gedichte schreiben anfängt.

Lisa Kreißlers Roman Schreie & Flüstern erschien im September 2021 im mairisch Verlag.

Same Work But Different: Selim Özdogan

Welchen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Selim Özdogan: Vor den Kindern konnte ich meine Tage freier gestalten. Ich habe morgens Yoga gemacht, bin einkaufen gegangen, habe gelesen, Kaffee getrunken,  Musik gehört, habe angenehm meine Zeit vertrödelt und ab mittags geschrieben, bis es Zeit wurde, Abendessen zu machen. So richtig viel hat sich nicht geändert, der Unterschied ist, dass ich alles in die Zeit zwischen 8.00 und 14.45 packe, bis es an der Zeit ist, die Kinder abzuholen. Lesen und trödeln fällt halt weg. Die Zeit der Schul-, und Kitaschließungen war dann natürlich nochmal ganz anders …

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für Dich stimmig?
Selim Özdogan: Nicht ganz. Ich möchte die Metapher gerne etwas verschieben. Die Geburt ist möglicherweise die erste Idee zu einem Buch oder einem Text. Der Text wächst dann heran und muss jeden Tag umsorgt, gepflegt, genährt werden. Unterwegs oder später sieht man die Fehler, die man gemacht hat, allerdings hat man die Möglichkeit, vor Erscheinen viel davon auszubügeln, ohne dass Spuren bleiben. Wenn das Buch dann erscheint, ist es erwachsen, es zieht aus und muss selber Verantwortung übernehmen. Der Text muss für sich allein stehen können. Ich kann dann nicht mehr hinterherrennen, erklären, entschuldigen, Lesarten vorgeben, loben, sorgen, spielen. Ich kann nur versuchen, ihm während der Promophase den Weg zu ebnen. Und manchmal kommt es dann zurück, weil es übersetzt wird, und wohnt noch einmal ein paar Wochen bei mir …

Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du Kinder hast?
Selim Özdogan: Auf so ziemlich jedes Auslandsstipendium, das ich noch nicht hatte, das sind einige …

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?
Selim Özdogan: Ich rede grundsätzlich gerne mit Eltern auf dem Spielplatz – wenn sie mich nicht gerade fragen, was für eine Sprache ich da mit den Kindern spreche, aber das ist eine andere Geschichte –, über Kaffee, Yoga, Atmung, Urlaub oder was immer ihr Interesse und ihre Leidenschaft weckt. Oder ich lasse mir die beeindruckenden Geschichten von ihren Kindern erzählen: Dann ist Karl (7) im Freibad plötzlich aufgesprungen und hat gesagt: Ich springe jetzt vom Zehner. Ehe ich die Kleine einsammeln konnte, war er schon oben und dann habe ich gedacht, der kommt schon wieder oder der Bademeister schickt ihn runter, aber der ist gesprungen … Das Schöne an diesen Gesprächen ist die Unvorhersagbarkeit, dann sind sie lebendig, unabhängig vom Gegenüber.

Selim Özdogans Erzählband Die Musik auf den Dächern erschien im September 2021 im Nautilus Verlag.