Other Writers trifft Café Entropy: David Blum beim Backstein, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Das Backstein wird für mich auf immer mit dem ersten Corona-Lockdown verbunden sein. Mit der Zeit, als die Spielplätze gesperrt waren und sogar vor den Stockhütten in den Wäldern Flatterband hing. Alles, womit sich die Kinder beschäftigen konnten, war aus dem Spiel genommen – fast alles. Denn beim Backstein gab es eine Schaukel für die kleinen Gäste, die die Flatterbandanbringer übersehen hatten. Die Kinder hatten sich für diese Schaukel kaum interessiert, wenn wir mal in der Gegend waren, das Labyrinth aus knallgrünen Kunstzweigen nebenan war verlockender. Doch in diesen Tagen, an denen gar nichts ging, wussten wir von der einzigen Schaukel der Welt. Das Backstein hatte selbstverständlich geschlossen, aber in der Auslage waren Dekobackteilchen zurückgelassen worden, die von Tag zu Tag leckerer aussahen.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Es gibt eigens eingerichtete Kindercafés – das sagt doch eigentlich schon alles. Oder zumindest ziemlich viel. Das Konzept Café muss an die Anwesenheit von Kindern angepasst werden – beides scheint sich also zu widersprechen. Und da der Erholung- bzw. Entspannungsansatz beständig mit dem Entdeckerdrang der Kinder kollidiert, verbringe ich relativ wenig Zeit in Cafés, seitdem die Kinder da sind.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Nicht die Café-Zeit verändert sich, sondern die Zeit an sich. Sie kann sich unglaublich ausdehnen und doch zu knapp sein. Man ist – in Gedanken – immer einen Schritt voraus und doch zu langsam. Die Kinder mit ins Café zu nehmen, bedeutet, bereits wieder auf dem Heimweg zu sein. All das zumindest, wenn es keine gut eingerichtete Kinderspielecke gibt.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Other Writers trifft Café Entropy: Cécile Calla im Lass uns Freunde bleiben, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Das Café ist mein Fenster zur Welt geworden, mein Erwachsenenspielplatz, eine Flucht aus dem Alltag. Seit ich Mutter bin, seit ich die Kontrolle über die Zeit verloren habe, habe ich dort meine Gewohnheiten. Es ist mein täglicher Sport, mein kleiner Luxus, um zu funktionieren und weiterzumachen. Ich gehe dorthin, um Einsamkeit zu finden und um mich überhaupt zu finden. Dort kann ich meine Stimmung selbst bestimmen, entscheiden, ob ich schweigen, lesen oder die Wand betrachten will. Es ist ein Ventil, ein Vorzimmer, bevor ich nach Hause gehe, um das Abendessen zuzubereiten oder zur Arbeit aufzubrechen. Ein Ort, der nicht gegen die Uhr läuft, an dem man sein Gewand als Sklave der tickenden Uhrzeiger an den Nagel hängen und sich selbst für einen Moment vergessen kann. Wenn ich mich in ein Café setze, finde ich ein wenig dieses Gefühl der unendlichen Zeit wieder, diesen wandernden Geist, eine neue Neugierde. Dann beginnt eine Reise, deren Ziel mir unbekannt ist. Ich beobachte meine Tischnachbarn und -nachbarinnen, lausche ihren Worten und Gefühlen, stelle mir ihr Leben, ihre Qualen und ihre Hoffnungen vor. Für eine halbe oder ganze Stunde verlasse ich mein Leben, um durch das Leben der anderen zu reisen. Nach einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen sehe ich einen anderen Horizont und gehe gestärkt, den Kopf voll mit neuen Ideen.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Es sind Orte, an denen ich die Einsamkeit genießen kann, Zufluchtsorte zum Schreiben, an denen mich das Stimmengewirr einlullt. Dort kann ich meine Gedanken schweifen lassen. In einem Café gelingt es mir oft, einen neuen Zugang zu einem Text oder eine gute Einleitung zu finden.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Als sie noch jung waren, waren meine Aufenthalte mit ihnen im Café sehr kurz und hatten meist einen nützlichen Zweck: Sie sollen ihr Vesper zu sich nehmen oder ein Sandwich essen. Heute sind sie älter und beginnen, diese Orte des Durchgangs und der Begegnung, an denen der Alltag keine Rolle spielt, zu schätzen. Hier können wir uns unterhalten, ein Spiel spielen oder einfach faulenzen.

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Other Writers trifft Café Entropy: Linn Penelope Micklitz im Café Kater, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Tür auf, Tür zu, hinsetzen, wo die Aussicht mir gefällt und sonst nichts von Belang ist. Etwas bestellen, was ich mit niemandem teilen muss. Alkohol am Morgen oder Berge von Kuchen und Seen aus Milchkaffee. Lesen lesen lesen, einen Gedanken verlieren und ihn wiederfinden. Vielleicht etwas aufschreiben oder auch nicht. Aus dem Fenster blicken, für ewige zehn Minuten. Hemmungslos krümeln. Unerträglich trödeln. Einen Anruf wegdrücken, tippen, ich bin in einem Meeting und rufe später zurück. Noch einen Kaffee, und noch einen. Weil lecker, weil hier die Stunden in Kaffee gezählt werden. Ein Kind quengelt und es ist nicht meines. Die Freiheit, nicht verantwortlich zu sein. Rauchen wollen, es aber nicht machen. Auf der Toilette alle Flyer lesen und sich Mühe geben mit den Haaren. Bisschen beschwipst fühlen. Merken, dass die Zeit dennoch vergeht. Irgendwann, plötzlich, alles wieder einräumen: Füller, Notizbuch, Gedichte. Sich wie ein Klischee fühlen und es genießen. Großzügig aufrunden. Ein letzter Blick zurück, der Mutter-Blick nach der Ordnung. Alles wie immer. Tür auf, Tür zu.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Früher war es mir unangenehm, mich bedienen zu lassen. Wenn ich heute in ein Café gehe, genieße ich die Aufmerksamkeit und die Geste des Bestellens. Obwohl das Gefühl erkauft ist: Jemand kümmert sich um mich.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Mein Sohn ist im Sommer zwei geworden. Mit ihm im Café zu sitzen, verändert nicht die Zeit, sondern den Ort. Ein Café ist dann ein anderer Raum, der andere Bedürfnisse erfüllen muss. Meine Lieblingscafés sind nicht auf Kleinkinder ausgerichtet, wir verbringen unsere gemeinsame Zeit nicht dort und ich bin froh, dass es Orte gibt, an denen ich mich ohne Kind besser aufhalten kann.

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Other Writers trifft Café Entropy: Katharina Bendixen im Museumscafé Götz, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

mama kann ich eine saftschorle ich will eine saftschorle hast du gehört dass ich eine saftschorle will na gut ich hätte bitte gerne eine saftschorle das war mit bitte warum nur eine kleine ich will eine große nein ich kriege keine bauchschmerzen ich kann hundert gläser austrinken tausend gläser kann ich austrinken was ist das eigentlich zucker wie im kuchen meinst du darf ich kosten okay ich sehe was was du nicht siehst wann kommt meine saftschorle und das ist grün nein nein nein die kerze auf dem tisch ich geh mal nach vorn zum kuchen ich gucke nur versprochen mama du magst doch schokokuchen du kriegst ein stück schokokuchen und ich kriege einen monsterkeks ja schon gut darf ich wenigstens eine tüte zucker aufreißen ich sehe was was du nicht siehst und das ist langweilig nein nein nein nein hier ist es langweilig nur einen finger voll zucker das war nicht ich das war der stuhl der stuhl ist von allein umgekippt wann kommt denn nun meine saftschorle und wenn ich den zucker dann wegwerfe wenn zucker so ungesund ist ist es doch gut wenn ich ihn wegwerfe ich geh noch mal nach vorn der weiße kuchen sieht auch lecker aus ja schon gut ich sehe was was du nicht siehst und das ist rot nein nein nein ist das für uns danke mama ich kann blasen mama ich kann schlürfen mama okay ich verrate dir was ich rotes gesehen habe eine wolke mit einem wal davor der als feuerwehrmann verkleidet ist siehst du ihn nicht da oben

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
In Cafés geschrieben habe ich so gut wie nie. Aber bevor meine Kinder zur Welt kamen, habe ich manchmal in Cafés gelesen, und natürlich habe ich mich viel öfter mit Freund*innen auf einen Kaffee getroffen. Tagsüber mit einer Freundin einen Kaffee trinken oder im Café lesen: Beides fühlt sich derzeit – im durchgetakteten, stets effizienten Elternmodus, leider! – wie ein absoluter Luxus an. Ist es ja auch: ein Luxus, den ich mir wahrscheinlich öfter gönnen sollte.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Als sie noch Babys waren, saßen sie auf meinem Schoß, schauten sich um und lautierten immer mal ins Gespräch hinein. Das hat gut geklappt. Inzwischen wollen sie in Cafés meine ungeteilte Aufmerksamkeit, große Fruchtsäfte mit Strohhalm und irgendein Essen, das nicht auf der Karte steht. Und die meisten Cafés (und deren Gäste) tun sich schwer daran, sich auf diese unmittelbaren Wünsche einzustellen. Deswegen gehe ich mit den Kindern nur im eher seltenen Zustand der absoluten Entspannung ins Café. Aber wenn wirklich alle entspannt sind, dann kann es im Café sehr schön und lustig werden, und manchmal entstehen dann Momente, die mich für Wochen durch den Alltag tragen.

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Other Writers trifft Café Entropy: Delphine de Stoutz (und Mathilde Ramadier) im Würgeengel, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Wann war das?
An einem Freitag im September, glaube ich.
Was haben wir dort gemacht?
Eine Auszeit zwischen zwei wichtigen Dingen. Ein möglicher Ort zum Warten.
Es war damals nicht geplant.
Nein.
Worüber haben wir gesprochen?
Du hast mir die üblichen Fragen gestellt, über die Schule, meine Freundinnen, ob ich Hunger habe.
Dann hast du aufgehört, mir zu antworten.
Danach suchte ich die Worte tief in meinem Hals, wie ein Aufstoßen im Magen, ich musste sie nach oben bringen.
Ich erinnere mich an eine erdrückende Stille, eingebettet in den Lärm des Gläserklirrens und der Gespräche der anderen Gäste.
Ich weiß noch, dass ich mir sagte: „Jetzt ist es soweit.“
Wie habe ich reagiert?
Zuerst hast du nichts gesagt. Dann hast du einen Schluck von deiner Schorle genommen und mich, ohne mich anzusehen, gefragt, warum ich mich ausgerechnet dafür entschieden habe, ein Junge zu sein. Warum es mir nicht mehr gefiel, zwischen den Geschlechtern zu leben. Dass du nicht wüsstest, wie man mit Jungen umgeht, dass du nie einen Jungen gewollt hast und dass das kein leeres Gerede wäre.
Hat dich das verletzt?
Nein. Seltsamerweise verstand ich es.
Dann habe ich dich angeschaut.
Und was hast du gesehen?
Dass du deine Haltung korrigiert hattest, dass du gerade standst, dass deine Haarsträhne hinter dein Ohr geschoben war und nicht mehr vor deinem Auge hing, dass du seit 12 Jahren vor mir standst und ich dich nicht sah. Ich sah, dass ich dich erkannte.
In diesem Café lernten wir uns endlich kennen.
Ja.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Bis ich Kinder hatte, war ich leidenschaftlich verliebt in Cafés. Ich besuche Cafés am liebsten allein. Ich beobachte und beobachte mich selbst, sammle Gedanken, verwandle andere Gäste in potenzielle fiktionale Figuren und erfinde auch für mich selbst Rollen. Dann kamen die Kinder und die Cafés wurden zum Ort der Blicke, die auf mich und meinen allzu lauten und ungeschickten Nachwuchs gerichtet waren. Ich versuchte zwar, mich in angeblich geeignete Orte, die Eltern-Kind-Cafés, zu flüchten, aber das war noch schlimmer, denn dort wurde ich nicht nur beobachtet, sondern auch verurteilt, genauso wie ich andere verurteilte. Was hatte ich in die Vesperdose gepackt, war es gesund genug? War mein Kind schuld an dem blauen Auge des kleinen Rotschopfs, der gerade meinen koffein-, laktose- und genussfreien Kaffee für 5 Euro verschüttet hatte? Jede Minute, die ich in diesen übelriechenden und ohrenbetäubenden Räumen verbrachte, war eine Tortur. Und es war ganz natürlich, dass ich nicht mehr in Cafés ging, zumindest nicht mit meinen Kindern.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Jetzt, da meine Kinder größer sind, beginne ich wieder, mit ihnen ins „Bistro“ zu gehen, wie man in Frankreich sagt. Denn in der Tat ist es für mich in Frankreich einfacher oder natürlicher als in Berlin, mit ihnen ins Café zu gehen. Ich genieße diese Momente, in denen wir uns Zeit nehmen, um Bilanz zu ziehen, ohne Druck oder besondere Erwartungen. Im Café schützt uns der Lärm der anderen, und oft lösen sich dort die Zungen, um ein wenig von sich selbst zu erzählen.

Aus dem Französischen von Barbara Peveling.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Other Writers trifft Café Entropy: Simone Scharbert im Köttinger Dorfladen, Erftstadt

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Erinnerungsblitzen, Gegenwartslugen. Im Café. Wie ich dort sitze. Wie ich dort stehe. Je nachdem. Hinter oder vor der Theke. Noch lieber hinter der Theke. Seit Jahren. Jahrzehnten. Mit Unterbrechungen. Natürlich. Verbindungen. Damals, schwanger. Hinter der Theke. So ein schönes Gefühl. Mit dem Kind im Bauch unter Menschen. Ein Wort, eine Frage, einen Blick in der Hand. Meine Vergangenheit auch. Steht dort. Immer noch. In Bars, Kneipen, Cafés. An unterschiedlichsten Orten. Zu unterschiedlichsten Zeiten. Nachts, wenn man die Stadt dann kurz für sich allein hatte. Morgens, wenn der Raum noch nicht weiß, wer alles in ihm sitzen wird, welche Gespräche zu hören sein werden. All das, um das Studium, die Promotion, den Lebensunterhalt mitzufinanzieren. Immer inmitten von wunderbaren Menschen. Begegnungen. Den unterschiedlichsten Sprachen, Verliebtheiten auch. Elfriede Gerstls „wer ist denn schon zuhause bei sich“ im Kopf, im Körper, auch das. Im Café. Manchmal hinter, manchmal vor der Theke.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Immer die gleiche Bedeutung: Orte, die ich mag. Die mir so wichtig sind. Manchmal, um dort allein unter Menschen schreiben zu können. Manchmal, um einfach mit Menschen zu sein. Oder mit meinen Kindern. Damals, als sie noch klein waren. Die oftmals den Blick geändert haben, wie laut, wie hektisch etwas sein kann. Wie wenig Platz auch für einen Kinderwagen, ein Spielzeug oder zum Rumlaufen. Wie ruhig, wie schön aber manchmal auch gemeinsame Zeit an so einem Ort sein kann.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder mit dabei sind?
Oh. Ich muss retrospektiv antworten. Früher war ich oft froh, wenn sie dabei waren. Weil ich es sehr mochte, mit ihnen unterwegs zu sein. Gemeinsam zu sitzen und zu sehen, was um einen, um uns passiert. Diese körperliche Verbundenheit auch. Und jetzt bin ich froh, wenn sie vorbeikommen. Wenn sie in unserem Lädchen-Projekt nach der Schule oder einfach so aufschlagen. Mittagessen. Erzählen. Etwas fragen. Oder einfach nur mit sich selbst sind, während ich arbeite, die anderen Leute bediene. Schön ist das zu sehen, wie sie dort sitzen. Einem entwachsen, die Welt auf ihre eigene Art und Weise mitgestalten.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Other Writers trifft Café Entropy: Elisabeth R. Hager im Fräulein Wild, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Baby im Café Museum

Herr Ober?
Herr Ober, die Karte bitte.
Herr Ober! Herr Ober!? Hunger hab ich!
H U N G E R!!! Verdammte Scheiße! Ich heul’ gleich!
HEERRRRR OOOOBBBBEEEERRRRRRRRRRRRRRR!
Ah, danke. Besteck? Nein, das ess’ ich mit den Händen. Danke vielmals.
Ach. Herr Ober? Herr Ober, da ist mir leider gerade … Ja. Mhm.
Alles nass. Sie sehen ja selber, was passiert ist. Dürfte ich …
Danke, Herr Ober. Ich glaub, ich nehm dann doch die Schnabeltasse.
Mhm! Herr Ober, ganz vorzüglich heute wieder, der Babyccino!
Und diese Servietten! Mhm! Auch nicht zu verachten.
Oh. Herr Ober. Eine weitere Unpässlichkeit …
Herr Ober? HERR OBER!!!
Die Windel ist voll!!!!

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Lange Jahre waren Cafés für mich Denk- und Arbeitsräume, Knotenpunkte in der Stadt, an denen ich mich niederlassen konnte zum Schreiben, Reden, Rauchen, Lachen und Diskutieren. Kaffee trank ich auch gerne, vor allem aber ging es um diesen halbprivaten Raum, der meine Gedanken stimulierte und es mir erleichterte, mich auszudrücken.
Seit ich Kinder habe, hat sich die Funktion dieser Knotenpunkte gewandelt. Ich stelle andere Fragen. Ich frage nicht mehr: Ist es hier gemütlich? Gibt es W-Lan? Gefällt mir die Musik? Und: Wie schmeckt mir der Café? Stattdessen frage ich: Gibt es einen Wickeltisch? Wie groß ist die Toilette? Stehen Gerichte auf der Karte, die die Kinder mögen? Gibt es eine Spielecke? Und: Wie laut darf man sein?

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Die Anwesenheit meiner Kinder (im Café) ist wie ein heiß geliebtes Störgeräusch. Sie durchtrennen nach Belieben meine mühevoll gesponnenen Gedankenfäden. Sie lenken mich kolossal ab. Zugleich bescheren sie mir viele neue Impulse. Ich bin wacher. Ich lerne mich selbst neu kennen. Und wachse jeden Tag ein winziges Stück mit ihnen. Manchmal aber bin ich temporär taub. Dann hör ich nur meine eigene Stimme. Die Kinder sind toll. Sie verzeihen es mir.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Other Writers trifft Café Entropy: Barbara Rieger im Wirr (Bar & Restaurant), Wien

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

wir wie Verbrecher*innen
kehren an Tatorte zurück
Europa Espresso Alt Wien Anno
WIRR wie die Zeit sich in
neue Einheiten teilt mit dir
im Phil im Podium wie
jemand sagt „nur wer sich
um Kinder gekümmert hat,
hat das Leben wirklich verstanden“
wie Zwischenapplaus
wir wie eine Familie
vertauschen Bunkerei und Moserei
„ein großer Turm“ sagst du und sammelst
Steine während immer irgendwo
während immer auch in mir ein
KRIEG und wir mit Luxusproblemen
bestellen Verlängerten Melange
und Milchschaum für dich
und für eine Zeiteinheit ist
alles gut

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Am Land, wo ich derzeit lebe, gibt es das kinderfreundliche Café „treibgut“. Oft gehe ich alleine hin, um dort zu arbeiten, oft auch mit meinem Kind. Für uns beide ist es ein Kraftort, ein Ort zum Runterkommen und Auftanken.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Mit Kind schreibe ich nicht, beobachte weniger und wische dafür mehr Tropfen und Krümel vom Tisch.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Other Writers trifft Café Entropy: Barbara Peveling im Café la Coopérative, Paris

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Ich liebe Milchkaffees und sie sind sicher die erste Erinnerung an Caféhausbesuche für mich. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, außer einem Eiscafé und einer Kneipe gab es da nichts. Dann kam ich in die Stadt und die Cafés haben mich schwer beeindruckt. Später, als ich nach Frankreich kam, war ich frustriert, denn ich dachte immer, der Café au lait, wie wir ihn in Deutschland trinken, käme aus Frankreich, allerdings fehlte ihm dort die Milch. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wie man einen guten Milchkaffee in Frankreich bestellt. Es ist ein Café crème bien blanc.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Während ich früher das soziale Zusammenkommen in Cafés sehr geliebt habe, vor allem das Freund*innentreffen und Quatschen, das Bandenbilden und Pläneschmieden, gehe ich heute fast nur noch in Cafés, um allein zu sein und zu schreiben.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind / deine Kinder dabei ist?
Die Veränderung ist vergleichbar mit dem Café au lait. Ich werde den Café au lait, wie ich ihn aus Deutschland kenne, nie in Frankreich bekommen. Und ich werde nie dieselbe Ruhe oder Gemeinsamkeit mit Freund*innen im Café erleben, wenn die Kinder dabei sind. Es ist anders, und wenn ich mich auf die Kinder einlassen kann, ist es sogar schön. Sie werden auch immer größer und mit meiner Großen habe ich schon gute Gespräche im Café geführt. Letztlich schmeckt der Kaffee auch überall anders, ein Genuss bleibt er aber, egal wie und wo man ihn trinkt. Man muss eben nur wissen, wie man ihn bestellt.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Other Writers trifft Café Entropy: Sandra Gugić im Café Strauss, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Wien gelebt. Und wenn ich heute, fern meiner hassgeliebten Stadt, etwas vermisse, sind es die alten Wiener Cafés. Das Café war immer der Ort, an dem ich am besten nachdenken konnte, für mich allein und doch unter Menschen, eingebettet in geschäftiges Hintergrundrauschen. Kinder sind dort eigentlich nicht vorgesehen, wenn, dann als geduldete Ausnahme. Auch in meinem Leben habe ich ein Kind lange nicht vorgesehen, das haben wir gemeinsam entschieden, bis zu einem gewissen Punkt, an dem ich mich anders entschieden habe. Nur die Möglichkeit von Veränderung und Offenheit ist das, was Menschen wach und lebendig hält, oder? Auch Kaffeehauskultur verändert sich, ich erinnere mich an das Kussverbot im Wiener Café Prückel und dessen kollektiver Verweigerung – als zwei lesbische Frauen des Cafés verwiesen wurden, gab eine Demo aus küssenden Paaren, Queers und Allies, eine eindeutige Antwort. Das Café also auch als eine Bastion des Spießertums und Touristenpilgerstätte? Wem gehören die Kaffeehäuser? Welche Regeln sollen dort gelten? Und wie ist das mit der Moral? Und mit den Kindern? Der Sänger Georg Danzer lässt einen Flitzer im Wiener Traditionscafé Hawelka Platz nehmen und singt: „Mach ma hoit a Ausnahm’ / Sei ma heut net grausam / Weu ein Pro-Milieu-Lokal / Scheißt auf Spießbürgermoral / Jö schau, so a Sau, Jössas na / Wos macht a Nackerter im Hawelka?“
Das Kaffeehaus gehört der Literatur, den Schreibenden, das Kaffeehaus lebt von Geschichten. Wenn mein Kleinkind mit mir am Tisch im Café sitzt, kann ich nicht sagen, was im nächsten Augenblick passieren wird. Wird es sich mit großen Augen umschauen, beobachten und schweigen, wird es alles kommentieren, fragen oder singen, wird es verschwörerisch mit dem Zuckerstreuer flüstern? Wird das Kind einen Stift verlangen, eine Serviette und etwas kritzeln, das ein Wort sein könnte, ein Anfang.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Sandra Gugić: Das Café ist für mich vorrangig ein analoger Arbeitsort, an den ich Ausdrucke oder Notizblock mitbringe, nur ganz selten meinen Laptop. Seit ich Mutter bin, ist meine Kaffeehauszeit nicht mehr Alltag, sondern mehr Ausnahme geworden. Jedes Zeitfenster allein ist kostbar.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Sandra Gugić: Mit meinem Kind bin ich selten im Café, und wenn doch, sprechen wir uns vorher ab, ob es gerade passt. Wenn ja, kann es ein großer gemeinsamer Spaß sein, der, wie alle Kind-Momente oder kindlichen Gefühle, auch schnell ins Drama kippen kann. Aber ist nicht gerade das Café eigentlich ein guter Ort für ein gepflegtes Drama? Es braucht auf jeden Fall Gelassenheit, Kinder zu haben, und erst recht, sie mit ins Café zu nehmen.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.