Unterbrechungen

Die Wohnung schweigt, wenn ich morgens vor den anderen aufstehe, um in den frühen Stunden ohne Unterbrechungen schreiben zu können. Ich mache meinen Tee, füttere den Kater, öffne für ihn das Fenster vor meinem Schreibtisch, damit er in seine Welt schauen kann, Vögel und Eichhörnchen beobachten, die er töten möchte. Ich öffne meine Romandatei und blicke in meine Welt, in der ich mich in der Endphase der Geschichte ständig gedanklich bewege, zu der ich Kontakt halte, auch wenn ich unterbrochen werde. Ich funktioniere im normalen Leben, kann mich beim gemeinsamen Essen unterhalten, zumindest das nötigste, obwohl ich in der anderen, der Romanwelt, feststecke. Dieser Zustand ist für alle anstrengend. Der Versuch, mich wochenweise aus der Familie herauszuziehen, hat nie funktioniert, an mehrmonatige Aufenthaltsstipendien war nicht zu denken, sie fehlen als Glanzpunkte in meinem Lebenslauf. Ich musste mir eine Methode antrainieren, um in beiden Welten parallel bestehen zu können.
Ich schreibe mit Unterbrechungen, die manchmal eine Minute dauern, manchmal Wochen, sogar Monate. Mein Mann und ich teilen uns die Familienaufgaben – und die Sorgen mit einem stillen, in sich gekehrten Kind, das an dem Schulsystem in diesem Land verzweifelt, das im Klassenzimmer neben den lauten Kindern untergeht und leicht Mobbingopfer wird. Es liegt an den Eltern, so etwas zu Hause aufzufangen, Hilfe zu suchen, einen Schulwechsel zu organisieren, wenn gar nichts mehr geht. Die Tür zu meinem Zimmer bleibt immer angelehnt, meine Tochter soll das Gefühl haben, mit mir sprechen zu können, wenn sie es braucht, wenn die Welt draußen zu feindlich wirkt. Wir müssen einen Hafen für sie bauen.
Zweimal wurde die Veröffentlichung meines Romans verschoben, jedes Mal habe ich mich geärgert, aber auch gedacht, dass ich sowieso nicht zu einer Lesetour hätte aufbrechen können. Jetzt besucht meine Tochter eine Schule, die mir wie ein Auffangbecken für alle scheint, die nicht ins System passen. Ihr geht es gut, aber jetzt, wo mein Roman in die Welt tritt, ist Pandemie, die Lesetour fällt aus. Die Wege laufen nicht gerade, weder in meiner Schreibwelt noch in meiner Familienwelt.
Ich höre Bewegung in der Wohnung, der Wasserkocher sprudelt. Der Kater springt vom Fensterbrett und läuft aus dem Zimmer, die anderen begrüßen. Ein weiterer Schreibtag mit Unterbrechungen beginnt.

Other Artists: Pitt Sauerwein

Pitt Sauerwein wurde in Wien geboren, verbrachte fünf Jahre mit ihren Eltern in den USA und wuchs schließlich in Hamburg auf, wo sie von 1992 bis 1999 bei B. J. Blume an der Hochschule für bildende Künste studierte. Von 2000 bis 2002 studierte Sauerwein im Rahmen eines DAAD-Postgraduiertenstipendiums an der Film- und Schauspielschule UNATC in Bukarest, Rumänien – einem Land, das sie, insbesondere seiner Unperfektheit wegen, künstlerisch sehr stimulierte und zur Kulisse vieler ihrer Werke werden sollte.
Pitt Sauerwein wurde bereits zu Beginn ihres Studiums in Hamburg Mutter – diese als starken Einschnitt empfundene Erfahrung brachte sie dazu, ihr fotografisches Schaffen wie auch ihr Wirken als Künstlerin neu zu denken und auszurichten. Die eigene Lebenswirklichkeit berücksichtigend, zeichnete sich ihr künstlerisches Werk in der Folge durch die Arbeit mit fotografischen Inszenierungen aus, in denen sie sich selbst mit ihrer Familie oder ihren Freunden in ausgewählten Settings abbildete. Die zwischen (vermeintlichem) Dokumentarismus und inszeniertem Happening oder auch Reenactment mäandernden Aufnahmen, durchgehend analog und mit einer Mittelformatkamera realisiert, widmen sich den Lücken zwischen allzu perfekt erscheinenden Familien-Werbewelten und missglückteren privaten Schnappschüssen. Mit großer Sorgfalt konzipiert und ausgestattet und an etwas rauhen, mittlerweile in vielen Fällen verschwundenen oder der Gentrifizierung zum Opfer gefallenen Orten realisiert, verwandeln Sauerweins Bildwelten die reale Welt in Kulissen des Privaten. Pitt Sauerweins oft seriell angelegte Fotografien reflektieren das eigene Erleben, die eng mit jenem verquickte Vorstellung davon, wie ein bestimmter Moment tatsächlich gewesen sein könnte, und bringen, ironisch wie gedankenverloren, Rollenbild und Rollenfragen in Bewegung. Innerhalb der knallig bunten, häufig etwas skurril oder absurd anmutenden Inszenierungen ist Sauerwein „Touristin in ihrer eigenen Realität“ und damit immer Zweierlei: sie ist gleichermaßen Objekt wie Subjekt, Fotografin und Modell, Regisseurin und Ausführende, Beobachtende und Erlebende. Mittels des auf der Mehrzahl ihrer Fotografien sichtbaren Kabelfernauslösers ihrer Kamera erlaubt sie sich somit einen stetigen, pulsierenden Wechsel der eigenen Perspektive. Zudem entwickelt sie, qua jener unbedingt Autorschaft vermittelnden Doppelrolle, eine besondere Form der ästhetischen Souveränität: Pitt Sauerwein erlangt Deutungshoheit – in Bezug auf sich selbst in jener so fragilen wie angreifbaren Position als Künstlerin mit Kind.

Viele der fotografischen Inszenierungen von Pitt Sauerwein finden sich in der im Kerber Verlag erschienenen Publikation „Pitt Sauerwein – Private Tourism“.

Rarely Asked Questions: Sebastian Wolter

Wie hat sich dein Arbeitsalltag verändert, seit du Kinder hast?
Sebastian Wolter: Die Arbeitstage sind kürzer und komprimierter geworden, denn ich möchte abends und am Wochenende Zeit mit meiner Familie verbringen. Das heißt auch, dass ich in meiner Arbeitszeit effizienter sein muss. Manuskripte lese ich vor allem nachts und im Zug.

Hat sich durch die Vaterschaft dein Blick auf Literatur verändert?
Sebastian Wolter: Auf Kinderbücher ganz sicher. Ich begrüße es sehr, wenn sie stilistisch und thematisch originell sind, die Bücher von Andreas Steinhöfel oder Kirsten Fuchs finde ich beispielsweise toll. Ansonsten hat sich mein Literaturgeschmack nicht groß geändert, aber natürlich liest der Vater in mir immer mit. Szenen, in denen Kindern ein Unglück widerfährt oder sie irgendwie scheitern, gehen mir nah. Dann frage ich mich: Könnte das auch meinem Kind passieren? Was haben die Eltern da falsch gemacht? Die Elternperspektive hatte ich so früher nicht.

Was ist für dich als Verleger die größte Bereicherung durch die Kinder, was ist für Dich die größte Schwierigkeit?
Sebastian Wolter: Als Verleger von Kinderbüchern ist es eine Bereicherung, die Kinderperspektive direkt im Haus zu haben. Die Schwierigkeit ist, genügend Zeit mit den Kindern zu verbringen, aber das trifft auf alle berufstätigen Eltern zu, das ist keine Spezialität des Literaturbetriebs. Natürlich sind meine Kinder aber vor allem an sich eine Bereicherung in meinem Leben, das würde ich nicht an meinem Beruf festmachen.

Hast du dich durch deine Elternschaft im Literaturbetrieb jemals diskriminiert gefühlt?
Sebastian Wolter: Nein, das kann ich nicht sagen. Aber als Verleger war ich auch nie in der Situation von Schriftsteller*innen, die Kinder haben und auf Lesereise gehen oder sich um Stipendien bewerben. Das ist noch mal was ganz anderes.

Deine Kinder sind acht und zehn – was war die schwierigste Zeit, was war die schönste Zeit?
Sebastian Wolter: Ich kann mich nicht an eine extrem schwierige Zeit erinnern, oder sie ist einfach schon zu lange her. Wobei, zuletzt war natürlich das Homeschooling zu stemmen, während meine Partnerin und ich weiter normal gearbeitet haben. Ging dann aber auch irgendwie, bei allem Ärger, den wir damit hatten. Ich glaube ja, die schönste Zeit war und ist immer die jetzige. Es gab immer große und kleine Herausforderungen und dazwischen viel Schönes, und ich vermute, so bleibt es auch. Was ich schön finde, ist, dass ich mich mit meinen Kindern mittlerweile auch über Bücher unterhalten kann.

Sebastian Wolter war von 2004 bis 2020 Verleger bei Voland & Quist, seit 2020 ist er Verleger bei Katapult. Seine Kinder kamen 2010 und 2012 auf die Welt.