Wovon wir träumen

Früher dachte ich, unser Kinderwunsch entspringe einer gutartigen Quelle. Als Paar fröne man den Wonnen des gemeinsamen Egoismus. Mit Kind komme die Zeit der nicht immer gleich verteilten Verantwortung. Mittlerweile jedoch glaube ich, dass unser anhaltender Kinderwunsch auf etwas Tieferes zurückgeht; auf den Drang, die anderen Bewohner dieses Planeten allmählich mit Duplikaten unserer selbst zu ersetzen. Mag es statistisch auch noch so aussichtslos erscheinen – wie wenn Tempelpriester auf bessere Ernten in kommenden Mondzyklen hoffen, weil sie mit Obsidiandolchen Herzen herausschneiden. Doch wir glauben daran. Und wir träumen in der Nacht, wenn unser Kind im Schlaf zuckt, von einer uns im höchsten Maße spiegelbildlichen Erdbevölkerung.

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Holmsland Klitvej 109

Wir folgten unserem
Navigationssystem

Auf der Nachtseite
des Fjords blinkten
die Windradlichter rot
im Nebel und unser
Kind im Halbschlaf
quengelte und wir
hielten inmitten von
Schwärze und Regen

Im Sechssekundentakt
die Sonnenbahn
eines Leuchtturms
über unseren Köpfen

Und im Smartphonelicht
mein Bleichgesicht:
Wir hatten uns verfahren