Rarely Asked Questions – Hella Dietz

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Hella Dietz: Mich interessieren literarische Texte über Elternschaft, wenn sie jene tiefsten Gefühlen oder Ambivalenzen erkunden, denen zu begegnen uns schwerfällt – den schmalen Grenzen zwischen Liebe und Vereinnahmung, Glück und Bedrängnis, Freiraum und Vernachlässigung. Dazu zählen auch Texte, die wie Maren Wursters „Papa stirbt, Mama auch“ Elternschaft gewissermaßen vom Ende her erzählen: Was bleibt? Was erinnern wir Kinder von dieser Elternschaft – und wie prägt sie wiederum unsere eigene?

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft, und wieso kommt Vaterschaft als Thema ungleich seltener vor?
Hella Dietz: In gewisser Weise spiegelt sich in der Dominanz der Mutterschaft ja durchaus die Realität: Elternschaft wird zwar in der Theorie und in manchen urbanen Milieus gleichberechtigt gedacht, im Alltag aber weit stärker von Müttern verantwortet, Sorgearbeit wird (noch immer) häufiger für Frauen zu einer „zweiten Schicht“ (Arlie Hochschild), die gesellschaftlichen Erwartungen richten sich stärker auf Mütter als auf Väter, auch alleinerziehend sind in der großen Mehrzahl die Mütter. Diese Ausgangssituation zeigt sich in den Themen: den Erkundungen abwesender Väter, den Auseinandersetzungen mit Erwartungen an Mütter (etwa in „Ich, eine schlechte Mutter“ von Marguerite Andersen) oder mit Kinderlosigkeit. Sie erklärt, warum für Mütter die schwierigen Voraussetzungen des Schreibens ein wiederkehrendes Thema bleiben, während Väter häufiger betonen (können), dass Kinder keineswegs Kreativitätsbremsen seien. Zugleich ändert sich einiges. Elternschaft wird seit einigen Jahren vermehrt in autofiktionalen Formaten verhandelt – auch von Vätern. Und je mehr auch Vaterschaft als „Erfahrung von biographiestrukturierender Kraft“ (Hans Joas) erlebt wird, desto eher wird sich das Verhältnis auf lange Sicht ausgleichen.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Hella Dietz: Wenn wir auf die gesellschaftliche Realität, die unterschiedlichen Erwartungen und den vielzitierten Rat Reich-Ranickis an Judith Herrmann blicken: ja. Aber andererseits sind Väter und Mütter ja zwei höchst heterogene Gruppen, die Elternschaft ganz unterschiedlich und keineswegs entlang dieser Zuordnungen erleben – auch engagierte Väter müssen ihr Schreiben mit dem Alltag des Kindes in Einklang bringen, wie beispielsweise Jochen Schmidt in „Zuckersand“ beschreibt. Wichtiger scheinen mir gute Rahmenbedingungen, ein modernes Äquivalent des vielbeschworenen Dorfes, die gutes Schreiben ermöglichen.

Können Sie ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Hella Dietz: Gabriele von Arnims „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“.

Dr. Hella Dietz lebt als Soziologin, Autorin und Beraterin in Berlin. Ihre Kinder kamen 2008 und 2013 zur Welt.

Rarely Asked Questions – Sarah Heine

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Sarah Heine: Elternschaft ist für uns ein interessantes Thema, da es eine Möglichkeit ist, gesellschaftliche Vielfalt darzustellen und Stereotype abzubauen. Über die Literatur können Menschen in Kontakt mit Vielfalt kommen und etwas über unsere vielfältige Gesellschaft lernen. In Bezug auf Elternschaft kann das das Kennenlernen unterschiedlicher Familienkonstellationen sein, wie zum Beispiel die literarische Erzählung über Kinder, die zwei Mütter oder zwei Väter haben, oder aber Kinder, die in Patchworkfamilien mit einer Vielzahl von Eltern aufwachsen. Gleichzeitig bietet das Thema Elternschaft die Möglichkeit, Stereotype aufzubrechen – Stereotype über Rollenverteilungen und darüber, was „gute“ Eltern ausmacht und wer als Eltern definiert wird.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft?
Sarah Heine: Wir denken, das Thema Mutterschaft rückt mehr in den Fokus, da Mütter ihre Rolle selbst definieren wollen. Sie wollen ihre Geschichten erzählen und damit die Deutungshoheit über ihre Rolle zurückgewinnen. Gleichzeitig bringt das Aufbrechen der alten Rollen Unsicherheiten bei Müttern mit sich, was das Thema zusätzlich literarisch relevant macht. Das Thema Vaterschaft wird nachziehen. Es gibt viele Väter, die es satthaben, als Hauptverdiener, starke Stütze etc. fremddefiniert zu werden, und ihre Stimme erheben, um andere Geschichten und andere Bilder über Väter in die Welt zu bringen. Und es gibt ja auch noch viele Menschen mit Kindern, die nicht als Mütter oder Väter definiert werden, es aber doch sind. Auch diese Personen werden zunehmend in der Literatur sichtbar.

Wie werden solche Bücher aufgenommen, was sind Ihre Erfahrungen?
Sarah Heine: Die Menschen, die ich kenne, lesen Bücher zu Elternschaft, weil sie auf der Suche nach neuen Wegen sind. Viele haben die alten Rollenbilder und Erwartungen satt und möchten einen Weg gehen, der besser zu ihnen und ihren individuellen Lebenssituationen passt. In Büchern suchen sie vor allem Inspiration und Identifikation. Das macht auch Literatur so interessant, die von Stereotypen abweicht. Menschen sehnen sich danach, dass auch ihre individuelle Position dargestellt wird. Diese Rückmeldung haben wir auch zum KINDERSTARK MAGAZIN. Menschen sind dankbar, dass es endlich ein Kindermagazin gibt, dass auch ihre eigenen Kinder abbildet und nicht das immer gleiche Stereotyp.

Sarah Heine, Kulturwissenschaftlerin. Seit 2021 Herausgeberin des KINDERSTARK MAGAZINs, wohnt in Berlin. Ihr Kind kam 2013 zur Welt.

Lach, Medusa!

Ein paar Klicks und ich bin drin. Gewöhnlich sehen meine Wochenenden so aus: aufarbeiten, was in der Woche liegen blieb, Wäsche waschen, Wohnung putzen, Taxifahrten für die Kinder, bei den Hausaufgaben helfen. Für anderes bleibt keine Zeit und Geld. Um Veranstaltungen zu besuchen, müsste ein Ersatz gefunden werden, jemand, der all die Arbeit macht, meine Sorgearbeit ist nicht billig, nur werde ich nicht dafür bezahlt. Ich bin die billigste Arbeitskraft für unseren Haushalt.
Aber das ist heute anders. Auf dem Bildschirm sehe ich ihre kurzgeschorenen Haare, mir gefällt ihr roter Lippenstift. Ich liebe vor allem ihren Text „Das Lachen der Medusa“, darin entfaltet sie das weibliche Schreiben, das die Grenzen von Philosophie, Feminismus und Psychoanalyse vermischt. Hélène Cixous erwähnt Medusa auch heute, genau wie Rimbaud, mir stockt der Atem vor Bewunderung, als sie über Joseph Ignace Guillotin spricht, das unerreichbare Ziel, eines sekundenschnellen Todes und die Frage an Gott: Bist du verrückt geworden und wenn ja, wer muss dann handeln, der Mensch? Ihre Stimme übertönt den Staubsauger, das Geschrei der Kinder, die drei Stunden Online-Seminar vergehen wie im Flug. Einmal erwähnt sie den Begriff „Lenz“ für Frühling, um über seine Einzigartigkeit im sprachphilosophischen Kontext zu reflektieren. Ich schreibe ein Kommentar im Chat und freue mich, über den Austausch mit anderen Teilnehmern. Als sie sich verabschiedet, bin ich mit den Einkäufen fertig, ziehe schnell mein Handy aus der Tasche. Ich sehe noch ihr medusisches Lächeln zum Abschied, und denke, dass, so sehr ich diese Krise hasse, mir wünsche, diese digitalen Formate mögen bleiben. Sie erlauben mir, einen neuen Zugang zu Räumen zu finden, die mir vorher aufgrund von Sorgearbeit verschlossen blieben. Ich will noch viel mehr Lachen, Medusa!

wunschliste kinderkriegen. va te faire foutre*

das verstehen: regelmäßig schmerzen
messer im bauch, rote, dicke klumpen,
schmiere wie flüssiger beton,
baumeister des inneren, sehr dunkle spuren
(9 monate tampons sparen, bluten ist luxus!)

organe definieren, die sonst
hängen, im weg sind, peinlich,
(beim sport vor allem!)
auch das: milch produzieren,
den körper in eine maschine
verwandeln, wie von selbst,
etwas schaffen.

einen status erlangen
nicht nur frausein, sondern: mutter
etwas zu sagen haben, im eigenheim.

zuletzt, du, deine augen, dein mund,
in dir menschen sehen, die vergangenen,
gegenwärtigen, zukünftigen, auch
das vor allem, leben.

* Gustave Flaubert, Lettre à Louis Boulhet, 1850; dt: leck mich am Arsch

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Rarely Asked Questions: Katharina Picandet

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Katharina Picandet: Literarisch ist es mit der Elternschaft oder Familie vielleicht wie beim guten Sozialkrimi: Oft zeigt sich in den konkreten einzelnen Fällen sehr anschaulich, woran es in der Gesellschaft im Ganzen fehlt, wo die Probleme liegen. Kinder zu bekommen oder nicht, mag eine individuelle Entscheidung sein, aber die Konsequenzen sind immer gesamtgesellschaftlich: Welche Werte vermitteln wir der nächsten Generation, woher kommen die eigenen moralischen Vorstellungen, wie kann ich verwirklichen, was ich mir wünsche, wo liegen die Konfliktlinien, innerhalb der Familie und außerhalb, usw. usf. Und weil nun mal jede*r Familie hat, ob man nun Eltern hat oder ist oder beides, ist das so ein unmittelbar nachvollziehbares Sujet mit hohem Identifikationspotenzial – und nahezu grenzenlosen literarischen Ausgestaltungsmöglichkeiten.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Katharina Picandet: Von arbeitenden, also auch schreibenden Frauen wird tendenziell wohl eher erwartet, dass sie Kinder und Arbeit unter einen Hut kriegen und im Zweifel eher die Arbeit zurückstecken als die Kinder. Ich glaube nicht, dass männliche Schriftsteller oft gefragt werden, wie sie die Doppelbelastung denn nur organisiert kriegen. Es gibt ein schönes Interview mit Nathacha Appanah, in dem sie sagt, wenn schreibende Väter auf genau diese Frage antworten, sie hätten „großes Glück“ gehabt, sei das in der Regel nur eine schöne Umschreibung für „Ich habe eine wunderbare Frau“.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Katharina Picandet: Ich glaube, der Literaturbetrieb gehört sogar schon zu den familienfreundlicheren Branchen, immerhin arbeiten dort ja mehrheitlich Frauen. Aber hier gilt wie in allen Branchen: Solange gesellschaftlich erwartet wird, dass „wirklich engagierte“ Menschen 24/7 arbeiten können und sollen; solange der fitte, agile Allrounder das bewunderte Ideal darstellt und man auf das Erreichen der Deadline um 2.00 Uhr nachts noch stolz ist, weil man unter dem Zeitdruck nicht zusammengebrochen ist – solange nicht stattdessen gemeinschaftliches Arbeiten, geteilte Verantwortung, Priorisierung von Fürsorge in einer Gesellschaft auch kulturell als wünschenswert durchgesetzt sind, solange bleibt auch ein Betrieb mit Halbzeitjobs, Flexibilität, Kinderkrippe, verständnisvollen Kollegen und Vorgesetzen etc. pp. eine einsame Insel der Glückseligen. Schön – aber reicht das?

Katharina Picandet, seit 20 Jahren im Kollektiv der Edition Nautilus, Hamburg. Ihre Kinder kamen 2003, 2005 und 2009 zur Welt.

Rarely Asked Questions – Bettina Fischer

Wie wird Elternschaft als literarisches Thema vom Publikum aufgenommen?
Bettina Fischer: Viele Lesende sind noch immer durch die überkommene Idee geprägt, dass Literatur von Männern relevanter sei als die von Frauen. Und obwohl viele Menschen identifikatorisch lesen, möchten sich einige nicht eingestehen, dass die Sujets Elternschaft und Familienalltag sie ansprechen. Es wirkt eben nach, wenn der literarische Kanon und die Vorstellungen von gesellschaftlicher Relevanz über Jahrzehnte von Menschen geprägt werden, die im Familienalltag nicht präsent waren. Da galt Elternschaft als literarisch unwichtig oder unergiebig – Care-Arbeit eben … Ein Teufelskreis, der nachwirkt. Heute sind die Kriterien für Relevanz und Qualität hoffentlich beweglicher geworden, die Texte selbstbewusster.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Bettina Fischer: Sicherlich. Ein konkretes Beispiel ist die Schaffung von Schreibräumen – also Räumen der Konzentration fürs Schreiben. In Köln haben wir, angeregt durch das Modell in Hamburg, 2017 einen ersten realisiert. In der Kulturszene wird viel von Atelierräumen gesprochen; Schreibräume sollten auch ein Thema werden. Als Veranstalterin denke ich darüber nach, dass es eine Herausforderung ist, auf Lesereise zu gehen, wenn man kleine Kinder hat. Natürlich ist das nicht nur ein Problem der Bedürfnisse, sondern auch der Organisation. Wie lassen sich die Anforderungen des Betriebs mit der persönlichen Situation vereinbaren? Durch unkompliziertere Kinderbetreuung, durch Umdenken und durch Anerkennung, dass Elternschaft ein ideologisch geprägter Begriff ist. Vielleicht hilft auch die Digitalisierung, die Veranstaltungen ohne Ortswechsel ermöglicht.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Haben Sie ein Zelt für uns?
Bettina Fischer: Obwohl ich immer auch Literatur von Frauen gelesen habe, bin ich von einem männlich dominierten Literaturkanon geprägt worden und habe mir das erst allmählich klargemacht. Seit geraumer Zeit achten wir verstärkt darauf, unser Programm einigermaßen ausgewogen zu gestalten: Dabei spielt aber natürlich nicht nur die Frage des Geschlechts der Schreibenden eine Rolle, sondern auch die Themen, die Bekanntheit, die Genres, die Herkunft. Da schlägt das Pendel mal in die eine oder andere Richtung aus. Aber: Ja, bei uns gibt’s nicht nur ein Zelt im Garten, sondern einen Raum im Haus! Der andere Aspekt dieser Frage ist für mich, wie wir die Arbeit als Veranstalter*innen organisieren. Das gehört auch dazu, wenn man für Menschen mit Familie einen guten Raum im Literaturbetrieb schaffen möchte. Veranstalter*innen-Arbeit ist zeitlich fordernd. Bei uns haben alle Kinder. Ich hoffe, dass die es irgendwann gut finden, dass ihre Mütter (und Väter) interessanten Jobs nachgehen. Live ist live – auch wir müssen Lösungen für die Kinderbetreuung finden. Meine Tochter hat schon auf den letzten Stuhlreihen im Literaturhaus geschlafen. Heute ist sie elf … das Literaturhaus findet sie ok, aber schöner ist es, wenn wir abends alle gemeinsam zuhause sind.

Bettina Fischer verantwortet seit 2012 die Programmleitung im Literaturhaus Köln. Ihre Tochter kam 2009 auf die Welt.

der große bär

ich ahnte nichts
von der kraft
die sie dieses fest kostete, sie allein
mutter von drei kindern.
alles war perfekt gewesen
die lichter am baum
das essen, die geschenke vor allem,
den großen bären hatte ich
im wohnzimmer vergessen.
noch heute ruht er
im bett einer meiner drei kinder.
sie saß da auf dem sofa, allein.
ich rief ihren namen, mama,
klagend, ich verstand nicht
wo kam es so plötzlich her,
das heulende elend vor mir.
alles war perfekt gewesen.
sie schrie mich an,
bitte verschwinde, lass mich allein.
heute wünsche ich mir
nichts mehr, als dieses fest wieder
mit ihr zu verbringen,
weinend, arm im arm.

Ein Beitrag aus der Reihe Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten.

statu nascendi

worte, sind nicht so dein ding
du hast die sprache im blick, im lachen auch.
deine neuronen leiten nicht, sie tanzen,
synapsen entzünden feuerwerke in deinem kopf
ich kann ihr leuchten sehen, jeden tag.
lehrer sagen, du kannst nicht lesen, alte schule.
oft will ich jetzt
anhalten
aufgeben
ganz wie du,
das erlaube ich mir nicht,
damit du später
ohne mich
aufstehst
weitergehst
ganz wie ich.

Ein Beitrag aus der Reihe „pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“.