Rarely Asked Questions – Bettina Fischer

Wie wird Elternschaft als literarisches Thema vom Publikum aufgenommen?
Bettina Fischer: Viele Lesende sind noch immer durch die überkommene Idee geprägt, dass Literatur von Männern relevanter sei als die von Frauen. Und obwohl viele Menschen identifikatorisch lesen, möchten sich einige nicht eingestehen, dass die Sujets Elternschaft und Familienalltag sie ansprechen. Es wirkt eben nach, wenn der literarische Kanon und die Vorstellungen von gesellschaftlicher Relevanz über Jahrzehnte von Menschen geprägt werden, die im Familienalltag nicht präsent waren. Da galt Elternschaft als literarisch unwichtig oder unergiebig – Care-Arbeit eben … Ein Teufelskreis, der nachwirkt. Heute sind die Kriterien für Relevanz und Qualität hoffentlich beweglicher geworden, die Texte selbstbewusster.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Bettina Fischer: Sicherlich. Ein konkretes Beispiel ist die Schaffung von Schreibräumen – also Räumen der Konzentration fürs Schreiben. In Köln haben wir, angeregt durch das Modell in Hamburg, 2017 einen ersten realisiert. In der Kulturszene wird viel von Atelierräumen gesprochen; Schreibräume sollten auch ein Thema werden. Als Veranstalterin denke ich darüber nach, dass es eine Herausforderung ist, auf Lesereise zu gehen, wenn man kleine Kinder hat. Natürlich ist das nicht nur ein Problem der Bedürfnisse, sondern auch der Organisation. Wie lassen sich die Anforderungen des Betriebs mit der persönlichen Situation vereinbaren? Durch unkompliziertere Kinderbetreuung, durch Umdenken und durch Anerkennung, dass Elternschaft ein ideologisch geprägter Begriff ist. Vielleicht hilft auch die Digitalisierung, die Veranstaltungen ohne Ortswechsel ermöglicht.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Haben Sie ein Zelt für uns?
Bettina Fischer: Obwohl ich immer auch Literatur von Frauen gelesen habe, bin ich von einem männlich dominierten Literaturkanon geprägt worden und habe mir das erst allmählich klargemacht. Seit geraumer Zeit achten wir verstärkt darauf, unser Programm einigermaßen ausgewogen zu gestalten: Dabei spielt aber natürlich nicht nur die Frage des Geschlechts der Schreibenden eine Rolle, sondern auch die Themen, die Bekanntheit, die Genres, die Herkunft. Da schlägt das Pendel mal in die eine oder andere Richtung aus. Aber: Ja, bei uns gibt’s nicht nur ein Zelt im Garten, sondern einen Raum im Haus! Der andere Aspekt dieser Frage ist für mich, wie wir die Arbeit als Veranstalter*innen organisieren. Das gehört auch dazu, wenn man für Menschen mit Familie einen guten Raum im Literaturbetrieb schaffen möchte. Veranstalter*innen-Arbeit ist zeitlich fordernd. Bei uns haben alle Kinder. Ich hoffe, dass die es irgendwann gut finden, dass ihre Mütter (und Väter) interessanten Jobs nachgehen. Live ist live – auch wir müssen Lösungen für die Kinderbetreuung finden. Meine Tochter hat schon auf den letzten Stuhlreihen im Literaturhaus geschlafen. Heute ist sie elf … das Literaturhaus findet sie ok, aber schöner ist es, wenn wir abends alle gemeinsam zuhause sind.

Bettina Fischer verantwortet seit 2012 die Programmleitung im Literaturhaus Köln. Ihre Tochter kam 2009 auf die Welt.

der große bär

ich ahnte nichts
von der kraft
die sie dieses fest kostete, sie allein
mutter von drei kindern.
alles war perfekt gewesen
die lichter am baum
das essen, die geschenke vor allem,
den großen bären hatte ich
im wohnzimmer vergessen.
noch heute ruht er
im bett einer meiner drei kinder.
sie saß da auf dem sofa, allein.
ich rief ihren namen, mama,
klagend, ich verstand nicht
wo kam es so plötzlich her,
das heulende elend vor mir.
alles war perfekt gewesen.
sie schrie mich an,
bitte verschwinde, lass mich allein.
heute wünsche ich mir
nichts mehr, als dieses fest wieder
mit ihr zu verbringen,
weinend, arm im arm.

Ein Beitrag aus der Reihe Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten.

statu nascendi

worte, sind nicht so dein ding
du hast die sprache im blick, im lachen auch.
deine neuronen leiten nicht, sie tanzen,
synapsen entzünden feuerwerke in deinem kopf
ich kann ihr leuchten sehen, jeden tag.
lehrer sagen, du kannst nicht lesen, alte schule.
oft will ich jetzt
anhalten
aufgeben
ganz wie du,
das erlaube ich mir nicht,
damit du später
ohne mich
aufstehst
weitergehst
ganz wie ich.

Ein Beitrag aus der Reihe „pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“.

Whatsapp, mother?

Nebel liegt auf dem Fluss. Es ist kurz vor acht. Vor nicht mal zehn Minuten sind wir uns schon mal begegnet. Auf dem Platz vor der Schule hast du mir noch zugelächelt, hier aber streift mich dein Blick nur sehr schnell, wie das vorbeirauschende Wasser. Du hast zwei Hundeleinen um den Bauch gebunden, daran hängen Tiere, die dir davon jagen, du fliegst nahezu hinterher. Andere würden das joggen nennen.

Täglich haben wir Kontakt, schriftlich, auf dem Telefon, du und ich. In der Whatsapp-Gruppe fragen wir gegenseitig Hausaufgaben ab, die unsere Kinder vergessen haben. Das alles geschieht mehr oder weniger anonym. Selbstverständlich hat jede von uns alle anderen Mütter mit Namen gespeichert, aber wir tun, als spiele das keine Rolle, als würden wir uns gar nicht kennen. Nur manchmal, so wie vorhin vor dem Schultor, lächeln wir uns heimlich zu. Auch du tanzt mit, im tagtäglichen Mutterballett, und deine Schritte beherrschst du gut. So wie die Hunde, die du jetzt zurück rufst, weil sie laut bellen. Dass die Sohlen durch sind, die Rücken schmerzen, das Lächeln aufgesetzt, wissen wir, sprechen aber nicht darüber. Keine von uns. Wir schreiben nichts über unsere Müdigkeit, unsere Hilflosigkeit, unsere Ratlosigkeit oder Verzweiflung. Wir erwähnen nie, dass wir nicht mehr weiter wissen, weil die Kinder schon wieder nicht nur das Hausaufgabenheft in der Schule vergessen haben, sondern auch das Bruchrechnen nicht gelernt, das Dividieren oder auch das Einmaleins immer noch nicht kapieren. Wir tippen nie in die Timeline, dass wir über die vielen Fehler im Diktat entsetzt sind und nicht wissen, wie wir unserem Kind noch helfen sollen, mit dem Frust umzugehen oder dem Mobbing oder überhaupt diesen ständig wachsenden und nie endenden Ansprüchen und Überforderungen. Wir fragen die Aufgaben ab und machen sie notfalls selbst, auch wenn uns nicht verständlich ist, warum Neunjährige den Baustil der Renaissance auswendig können müssen oder wissen sollen, wie viel Monde um Uranus schwirren. Wir wissen es selbst nicht, wir wissen so vieles nicht, vor allem, warum gerade unsere Generation die Klimakrise nicht in den Begriff bekommt, waren wir nicht, jung, schon wahnsinnig alternativ? Wir können den Kindern wenigstens zeigen, wie man googelt. Aber eigentlich haben sie uns darin schon längst überholt. Unsere Kinder kommen kaum miteinander aus, sie beleidigen sich, sind nicht solidarisch, auch das wissen wir, aber wir sind ständig bemüht, ein perfektes Bild zu tanzen, von uns und allem, was wir geschaffen haben.

Was am Ende der Vorstellung zählt, ist der Applaus. In diesem Falle Kinder, die sich vorzeigen lassen. Den Preis dafür kann ich an deinem straff durchgestreckten Rücken ablesen, er biegt sich gefährlich unter den um deinen Leib geschnürten Leinen, fast meine ich, wo ich dich so davon eilen sehe, er bricht.

Auszug aus einem längeren Prosatext

Morsezeichen zwischen Fürsorge und Text. Chronik einer Schreibresidenz mit Engel

Eins ist die erste Woche mit Kindern im Stipendium. Sie kommen, um zu bleiben. Wie das so ist mit Kindern. Corona hat der Vereinbarkeitslüge ihr letztes Hemd vom Leib gerissen. Was bleibt, sind die Kinder und ich.
Der Engel ist schon da. Mit weit ausgebreiteten Flügeln geht er durch die Räume und lächelt. Sein Lächeln gleicht einer Wolke. Die Haare fallen ordentlich und gerade auf den Rücken, wie Regen, der in langen Tropfen vom Himmel fällt. Er trägt eine Schürze. Der Engel ist schon so lange da. Er hat kein Geschlecht, aber wenn ich ihm eines geben müsste, dann das einer Frau. Der Engel hat das Haar, die Finger, das Lächeln, und auch den gütigen Blick einer Frau.

*

Überhaupt diese Nächte, und vier, sie tragen mich durch die Tage, an denen ich wie eine Alkoholikerin nur auf den Abend warte, um mir die Worte hinter die Binse zu kippen, ich sehne mich nach den Momenten, an denen meine Finger über die Tastatur fliegen, die Arztpraxen geschlossen sind und selbst Zecken schlafen. Meine Nächte sind süß und immer steigt ein Kind zu mir in den Traum und wenn ich dann wach werde, liegt sein kleiner Körper neben mir, mit all seiner Wärme und diesem Geruch nach Ewigkeit, den nur Kinderkörper verstreuen können, Atemzug um Atemzug. Und ich weiß, dass es richtig ist, dass die Kinder hier sind, dass es so sein muss, denn nur so hat endlich auch die Zerrissenheit ein Ende, das hier und dort sein, mental load auf Distanz, wer holt jetzt die Kinder aus der Schule während ich in der Schreibresidenz bin, wenigstens das hat ein Ende.

*

Siebenmal drehe ich den Kaiserschmarren in der Pfanne. Der Teig klebt. In der Residenz gibt es kein Zimt und keinen Zucker. So ist das eben, wenn man nur vorübergehend irgendwo wohnt. Alles fehlt, Zimt und Zucker, die richtige Pfanne, vor allem die Waschmaschine, ruft der Engel dazwischen. Den Schmarren schmeiße ich in den Müll und drehe die Hemden der Kinder einfach auf die andere Seite. Ich hole einen Apfelkuchen aus dem Tiefkühlfach und stecke eine Kerze drauf. An diesem Tag habe ich zehn Seiten geschrieben, das tröstet mich und macht mich glücklich, denn wenn ich zu Hause bin, dann backe ich selbst den Kuchen, dann wasche ich, putze, räume auf und schreibe nicht.

*

Acht Uhr ist schon lange vorbei und er hat Tränen in den Augen. Ehrlich Mama, ich habe nur mit dem Steinmonster gespielt, so und so und so. Er macht die Bewegungen nach, lässt das Monster nochmal über den Nachttisch gleiten, es hüpft über die Lampe. Das muss der Moment sein, an dem das Monster den Lampenschirm zerschlug.
Ich seufze, schüttele den Kopf. Mein Kind fängt wieder an zu weinen.
Wenn man in einer Schreibresidenz mit seinen Kindern ist, dann muss man dazu auch die richtigen Kinder haben. Sie müssen brav sein und stillhalten können und nichts kaputt machen. Sie müssen gut erzogen sein, wie Schreibresidenzkinder, die sich woanders so benehmen, als wären sie nicht zu Hause. Nicht dort, wo sie rumtoben können, wo auch mal was kaputt gehen kann, weil man ist ja zu Hause ist. Am besten, man hat keine Kinder, dann kann auch nichts kaputtgehen, in der Schreibresidenz wird dann nur geschrieben, wie es sich gehört. Das findet auch der Engel.

Auszüge aus einem längeren Prosatext

PoetinnenTreffen

Den sich wölbenden Bauch verbarg ich unter weiten Hemden. Vielleicht war ich die erste Schwangere, die einen Poetry-Slam gewann. Der blaue Renault Twingo war ein Geschenk, kein Ersatz für einen Partner. Poetinnen waren es schon, solche, mit denen Schreiben ging und Lesen und Teetrinken bei Kerzenschein. So eine war S. Sie sagte:
– Ich bin bei der Geburt dabei..
Den Twingo ließ ich am Studienort, genau wie alle Babysachen, keine bösen Geister wecken bei dieser letzten Reise.
Drei Uhr morgens, die Stimme klang nicht mal verschlafen.
– Können Sie bitte eine Textnachricht an S. verschicken?
– Selbstverständlich, welche?
– Ich habe einen Blasensprung!
Die Frau am anderen Ende der Leitung räusperte sich und tippte.
– Ich wünsche gute Besserung.
– Das ist keine Krankheit!
Eine Wehenwelle riss mich mit, ich wunderte mich über meine Kraft, noch Worte zu finden.
S. setzte sich in den blauen Twingo und fuhr die 700 km ohne Pause. Mein Poetenkind wurde eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft geboren.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

Heute gehen meine Kinder …

… zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder in die Schule. Sechs Monate, in denen ich alles war. Von der Lehrerin über Lernbegleiterin, Krankenschwester, Freizeitgruppe bis zur Mutter, dies vor allem. In der Nacht liege ich wach und überlege, ob ich meine Kinder wohl auch bekommen hätte, wenn mir vorher klar gewesen wäre, dass die Gesellschaft mich bei der ersten großen Krise allein mit ihnen lässt. Ich muss an meine Texte für Aufträge denken, die in dieser Zeit entstanden sind und an denen ich eigentlich lieber noch viel länger gearbeitet hätte. Ich versuche nicht an den Roman zu denken, an dem ich viel zu wenig geschrieben habe. Ich tröste mich mit dem Interview, bei dem ich die Kinder mit Currywurst abgefüttert habe, damit sie mich mit dem Journalisten reden lassen und der dann sogar die Rechnung übernommen hat. Ich liege still und versuche nochmal einzuschlafen.
Der Schlaf kommt nicht, aber die Antwort kommt mit dem Atmen und sie ist ja. Ein ja für diese Nacht und jede andere, diese vielen, unzähligen, die waren und noch sein werden, in denen wachen, nicht schlafen, sich verlassen fühlen, Angst haben auch den Takt angeben, als wären sie Zeitmesser einer Ewigkeit. Diese vielen Stunden, in denen ich in die Dunkelheit starre, eingraviert in mein Gedächtnis, die mich umfängt, von Anfang an. Und der Glaube daran, dass immer jemand bei mir sein wird. Und so werde ich nicht aufhören, für die Kinder zu sorgen und trotzdem weiter zu schreiben, darüber und über alles andere auch, solange ich bin.

Zwischenruf oder: Was ich als Care-Autorin erwarten kann (und was nicht)

Einige Nächte habe ich mir vor der Bewerbung als Regionsschreiberin den Kopf zerbrochen, wie das gehen sollte – einfach aussteigen, vier Monate Präsenzpflicht und die Kinder müssen doch in die Schule, zum Sport, zur Logopädin, wollen essen, getröstet werden, brauchen jemanden, der ihnen zuhört, Mut zuspricht. Bevor ich die Bewerbung abschickte, las ich online ein Interview mit einem Autor aus dem vorigen Durchgang – dem einzigen von zehn Teilnehmern mit Kindern, so wie auch ich in diesem Jahr von zehn AutorInnen die einzige mit Kindern sein würde –, in dem er deutlich machte, dass er nicht die ganze Zeit vor Ort sein konnte, Familie eben. Dieser Text in meinem Kopf war die geistige Briefmarke, die ich auf meinen Antrag klebte. Doch als ich auf Versenden drückte, flatterte auch mein Mut mit dem knisternden Geräusch eines sich leerenden E-Mail-Ordners davon. Der Wunsch, doch wieder eine Absage zu bekommen, um nicht dieser ständigen Zerrissenheit ausgeliefert zu sein, war auf einmal sehr mächtig.
Nach der Zusage wurde die Organisation ein komplexes Gebäude aus vielen Etagen, der Traum davon, den Engel auszusperren, wurde in den Wind und auf Sand gebaut, ein mit neunzig Seiten vollgeschriebenes Heft, der Alltag meiner Kinder durchgetaktet vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wer macht was und vor allem wann, ich hätte es genau gewusst, auf achthundert Kilometer Distanz, jeden Atemzug meiner Gören mit geschlossenen Augen und sogar ohne Wifi an Ort und Stelle benennen können, wenn nicht Corona gekommen wäre, das mein organisatorisches Kunstwerk wie ein Kartenhaus zusammenbrechen ließ.
Corona, und an Schule oder Betreuung war nicht mehr zu denken. Die Residenz wurde aber nicht abgesagt, der Aufenthalt verlängert. Sobald die Lockerungen kamen, habe ich die Kinder einfach mitgenommen. Auch andere SchreiberInnen waren in dieser liminalen Corona-Zeit nicht allein im Stipendium, Partner, Haustiere – AutorInnen haben eben nicht nur Stifte und Papier, sondern auch ihr ganzes Leben im Gepäck. Eine befreundete Stipendiatin musste für die Anwesenheit des Partners aus der eigenen Tasche zahlen, so auch ich für meine Kids. Offenbar gibt es (noch) keine Töpfe für Care-AutorInnen, offenbar hat man sich weiter oben (noch) keine Gedanken gemacht, dass auch AutorInnen einen Alltag haben mit Anhang und dem ganzen Gedöns. Dafür braucht es mehr als nur ein Zimmer mit Bett und Tisch.