Same Work But Different: Selim Özdogan

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Selim Özdogan: Vater zu sein, hat meiner Wahrnehmung der Welt ein paar Dimensionen hinzugefügt. Auf die eine oder andere Art fließt das überall mit rein, egal, was ich tue oder denke.

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Selim Özdogan: Die Kinder sind jetzt 11 und 13, ich bewerbe mich zwar auf keine Residenzstipendien, aber sonst muss ich mich wenig einschränken mittlerweile.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Selim Özdogan: Bereits beim allerersten Roman war der schönste Moment nicht der, das gedruckte Buch in der Hand zu halten. Sondern die erste Interessenbekundung des Verlags. Auch nicht der anschließende Vertrag. Die besten Momente geschehen am Schreibtisch und sind nicht planbar. Eine Gnade, für die ich dankbar bin.

Wenn dich vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Selim Özdogan: Die unwahrscheinliche Geschichte einer Gastarbeiterfamilie, die mit linken Studenten in einem besetzten Haus wohnt.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Selim Özdogan: Meine Tochter ist 13 und liest viel, findet meine Texte aber langweilig. Oder schwer zugänglich. Oder beides.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Selim Özdogan: Familie ist keine Matheaufgabe. Es gibt Wochen, in denen ich weniger da bin, und Wochen, in denen ich mehr da bin als jeder andere Vater, den ich kenne. In dem Alter wird Betreuung ohnehin weniger zeitintensiv und mehr emotional herausfordernd — da zählt weniger, wie viel ich da bin, sondern mehr, wie präsent ich bin, wenn es drauf ankommt.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Selim Özdogan: Das Erscheinen ist für mich eher der Zeitpunkt, wo das Kind auszieht und nun selbst in der Welt zurechtkommen muss. Am Anfang hilft man noch beim Umzug und mit alten Möbeln, am Anfang macht man noch Promo, dann wird es allmählich ganz selbstständig.

 

Ihr kriegt uns hier nicht raus von Selim Özdogan erschien im August 2026 im Kanon Verlag.

Same Work But Different: Clemens Böckmann

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Clemens Böckmann: In seinem letzten Interview wurde Roberto Bolaño zum Thema Exil befragt. Ob er nach so vielen Jahren noch eine Heimat habe, wollte die Journalistin vom Playboy wissen. Er sagte, sein Vaterland seien seine Kinder. In all dem Rückzug ins Private, den das auch hat, gefällt mir die Aussage dennoch. Und traurigerweise wird die Frage des Exils wohl immer relevanter.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Clemens Böckmann: Es ist eine Einladung zum Spiel. Und so wie auch jedes kindliche Spiel einen bitteren Ernst hat, ja sogar die Neigung, in Gewalt zu kippen, so ist es auch mit dieser Geschichte. Es ist die Suche nach dem Dichter und Skispringer Alvaro Maderholz, der seine Existenz erst noch beweisen muss. Auf diesem Weg wird er verfolgt von seiner Familiengeschichte. Und die ist nicht unbedingt einfach. Sein Großvater war Zahlmeister im Vernichtungslager Kulmhof, sein Onkel protofaschistischer Dichter im Chile der Pinochet Diktatur. Alvaro dichtet gegen die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dasselbe versuchen die unterschiedlichen Erzähler meines Romans.

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Clemens Böckmann: Ich lese gerade – etwas verspätet – Lucia Berlins Kurzgeschichten. Auf einer bemerkenswerte Art und Weise haben die Geschichten keine Zeit. Auch wenn sie immer wieder über einzelne Objekte situiert werden, haben ihre Erzählungen, in aller Schwere, etwas Schwebendes. Gleichzeitig bricht sie kontinuierlich eine Lanze für die Fiktion. Daher würde ich mich sehr freuen einen Beitrag von ihr, die ihre vier Kinder fast allein aufgezogen hat, bei den other writers zu finden – auch wenn sie mittlerweile mehr als zwanzig Jahre verstorben ist.

 

Clemens Böckmanns Roman Das richtige Leben des Alvaro Maderholz erschien im August 2026 bei Matthes & Seitz.

Same Work But Different: Lena Müller

Hatte deine Elternschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Lena Müller: Klar, es ist ein Buch über (gesellschaftliche) Umbrüche und den Umgang der Einzelnen damit. Und eben über die Sorge füreinander, die ist eigentlich in jeder Zeile drin.

Hat deine Elternschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Lena Müller: Gefühlt habe ich (mindestens) drei Jobs. Die Sorgearbeit, die ich übernehme – immer all in. Die Romane, die ich übersetze. Und die Texte, die ich schreibe – mal mehr, mal weniger intensiv.

Das letzte Jahr vor dem neuen Buch war intense, viele Wochenenden und Nächte im Büro (das ich seither lieber Atelier nenne). Manchmal habe ich die stillen Stunden genossen, manchmal war es hart. Ich habe ziemliche Zeitschulden gemacht, einen Kredit aufgenommen auf dem sonst mehr oder weniger ausgeglichenen Sorgekonto. Bin mit Schulden und Schlafdefizit in den Sommer gestartet. Zum Glück konnte ich dann für ein paar Wochen weg vom Schreibtisch und viel Zeit mit Kind und Kegel draußen verbringen. Das hat die Konten ausgeglichen.

Was hast du gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Lena Müller. Ich habe das Paket schnell weggelegt, nachdem der DHL-Bote es mir im Treppenhaus übergeben hatte. Erst am nächsten Tag, als ich dabei war, das Kinderzimmer auszuräumen, damit es neu gestrichen werden kann, packe ich es aus, so im Vorbeigehen. Frisch aus dem Druck, viel rot, Äpfel und Punkte. Das Kind betrachtet das Cover und sagt: „Dein Name steht aber groß drauf.“ „Ich hab’s ja auch geschrieben.“ „Aber so groß?“ Leiser Zweifel. Später dann, mit der Freundin im Park, ziehe ich das Buch aus der Tasche und wir freuen uns gemeinsam. Machen ein paar Fotos in der Augustsonne.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Lena Müller: Barbara Honigmann schreibt: „Die Autorin hat ihr Bestes gegeben, aber ob ihr Werk gelungen ist, das weiß sie auch nicht, weil es Fleisch von ihrem Fleische ist.“ Soweit stimme ich zu. Ansonsten überzeugt mich der Vergleich Geburt – Buch nicht ganz. Mein bleibender Eindruck von Schwangerschaft: Ein Kind entwickelt sich – in meinem Körper, aber doch (fast) ohne mein Zutun. Sobald es auf die Welt kommt, braucht es allerdings alle Zuwendung und zur Unabhängigkeit ist es ein langer Weg. Beim Buch ist es eher andersherum: Beim Entstehen braucht es jede Menge Aufmerksamkeit, alle verfügbare Zeit. Ist es dann erst mal in der Welt, geht es mehr oder weniger eigene Wege.

 

Lena Müllers zweiter Roman Club der Verschwenderinnen erschien im September 2026 in der Edition Nautilus.