Auch gestern war einer, wo ich noch nicht war, was ich bereits sein sollte

Ich war kein Boxer, geworden, und auch kein Flieger, wenn auch nur ein Stück, mal mehr mal weniger, auf Sätzen, über Ränder. Ich war ein Schüler geworden und war kein Schüler geworden. Hatte Lernen begonnen und verlassen. Immer und immer wieder abgestoßen, nicht das Wissen, aber die Aneignung. Ich war eine Schildkröte gewesen und ein Hase, ich war ein splitternder Bruch im Knochen eines Unterarms. Ich hatte Zähne verloren und mir waren unterwegs riesige Löffel begegnet. Ich hatte abends eine eingepackte Spritze gesehen und war eine Spritze gewesen, die die kurz betäubte Haut durchstach. Ich war ein Stück Kuchen auf dem Mittagstisch. Ich war da um durchschnitten zu werden. Ich war da, weil ich werden sollte.
Erst viel später, als ich schon längst nicht mehr in diesem, endlosen Haus wohnte, sah ich, was mir zuvor unmöglich schien: auch dir sind Dinge widerfahren. Du hast das Laufen nicht verlernt, gewiss nicht, nicht das Zählen. Was mein erwachsen war, hat dich überhaupt erst werden lassen.
Ich bleibe dabei: Kind wird man stetig.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Doch warum nur gebären wir Kinder …

… warum nähren wir Kinder, wenn wir sie hernach, des Lebens willen, trösten müssen?
Giacomo Leopardi: Canti

In der ersten Woche merke ich nichts. In der zweiten auch nicht. In der vierten Woche glaube ich, dass ich glaube, dass was ist. Ich weiß nicht, was ein Wunsch ist, weil mir Leben so gefällt.
Ab der 18. Woche steigen Bilder empor. Mir wird Zukunft präsentiert, wie sie sein könnte, sollte, müsste. Auf keinem der Bilder kann ich mich erkennen. Ich bekomme keine Kinder, trage Sorge allenfalls.
Zwischen der 23. und 28. Woche denke ich, irgendwann wird sich ein Bild einstellen. Ich entwerfe mich als Gegenentwurf.
In der 30. Woche stelle ich mir vor, wie was wäre, wenn es wäre. Und ich kann nur eines wissen – dass ich nichts weiß. Also frage ich irgendwen und ende doch damit dann bald.
In der 32. Woche lass ich alles liegen und schaue fern. Erinnerung gräbt. Ich treffe Andere, die heißen wie ich. Ich war, ich bin, ich werde.
In der 55. Woche weiß ich so viel wie am Anfang. Kann ich mir etwas wünschen, wovon ich nichts weiß? Ist wünschen immer auf jemand anderen bezogen? Wünschen fängt beim Sprechen an?
In der 83. Woche denke ich mir, dass alles ganz schön kompliziert ist. Wo soll das bloß hinführen? Genau hierher. Und ganz woandershin.

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Alles läuft

Vielmehr war das Gefühl der Scham, das ich mit mir herumgetragen habe, der Grund dafür, dass ich kein Leben bekomme.
Mark Fisher* spricht von Arbeit und weiß, dass es keinen Unterschied mehr gibt. Für ihn ist am 13. Januar 2017 Schluss.

Ich gebe dem schon keinen Namen mehr. Was für eine Identität soll daraus folgen?
Wie aber geht das, wenn ich eigentlich gerade einen Sorgeauftrag habe? Der, um den ich mich kümmern soll, kann nicht einmal alleine essen. Bei vielen anderen Sachen sind wir uns erschreckend ähnlich gerade. Das ist vielleicht schon der Rattenschwanz der Sozialisation. Denn alles läuft und ich höre aus meinem Loch, wie in der Küche liebevoll der kochende Pudding über der trocknenden Wäsche in den Schlaf gesungen wird. Eine unvorstellbare Melodie.

Dem Kind, heißt es, kann man das nicht erklären. Es weiß es. Es sieht es. Ich kann nicht mit dir spielen. Ich kann mich nicht einmal bewegen. Es schreit. Ich wünschte, ich könnte einstimmen.

Wir sollten uns beschäftigen, damit der Tag bald vorbei ist und wir wieder schlafen können.

Es gibt keine Kriege zu gewinnen. Die Toten sterben.
Ich bin mir selbst Wunde. Aber es wächst nichts zu. Ich kann mir keine Heilung versprechen – . Und niemandem sonst.

* (1968-2017) Britischer Schriftsteller und Theoretiker, der seine Depressionen in seiner Arbeit thematisiert und sich das Leben nahm.

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Just another cup of milk

Aus gegebenem Anlass frage ich mich schon eine ganze Weile, warum es von Seiten der Wissenschaft keinerlei Bestrebungen gibt, die Sorgearbeit des Stillens gleichberechtigt auf die zwei (oder mehr) Eltern zu verteilen. Bei einer Recherche bin ich lediglich auf »Seltenheiten«, »Raritäten« und »Exotisches« gestoßen. So wird ein Mann aus Indien angeführt, der, nach dem Versterben der Mutter, seine Kinder stillte. Weitere »Einzelfälle« sind bekannt, und auf Nachfrage in einschlägigen Blogs und Internetforen habe ich die Antwort erhalten, die eigenen Brustwarzen müssten nur eine längere Zeit gleichmäßig stimuliert und die Milchproduktion würde angeregt werden. Dabei gehen die Empfehlungen weit auseinander. Von zwei Wochen bis zu sechs Monaten ist die Rede. Auch bezüglich Richtung und Intensität der Massagebewegungen sind die Ratschläge uneindeutig. Einzelne Hebammen reagieren irritiert. Nachgefragt bei »Geburtsabteilungen« und »Neugeborenenstationen« einschlägiger Unikliniken bin ich jedes Mal auf Unverständnis gestoßen. Stillen, so habe ich gehört, sei ein gänzlich natürlicher Vorgang, sehr zum Wohl des Neugeborenen, und habe, im Idealfall, eine emotionale Bindung zur Folge.
Im Konkreten heißt das, dass die Forschung sich weigert, sich mit diesem Thema zu befasst. Warum dies so ist, dafür gibt es unterschiedliche Antworten. Die erste – dass es aus hormoneller Sicht zu Komplikationen führt, sollte Mann z.B. sich einer Hormonellenbehandlung unterziehen, um die Milchproduktion anzuregen – ist als ausweichend zu klassifizieren. Andere hormonelle Behandlungen (z.B. die berühmte »Freiheit der Frau«, bezeichnet als »die Pille«) sind seit Jahrzehnten Praxis und werden von Teilen der Wissenschaft hartnäckig verteidigt. Bei der weiteren Nachforschung zu dem Thema stößt man(n) dann auf die Antwort, dass es Bedenken darüber gibt, weitere Forschung auf diesem Gebiet zu betrieben, da »nicht ausgeschlossen werden kann, dass nach einer solchen Behandlung, nachdem sich also funktionsfähige Brüste beim Mann entwickelt haben, es zu Komplikationen bei der Rückbildung führen könnte«. Konkret heißt das, dass Vorbehalte bestehen, Männern (in diesem Fall (biologischen) Vätern) zuzumuten, dass sie für »eine geraume Zeitspanne« Brüste hätten.
Einzig bleibt der Schluss zulässig, dass es auf Grund einer patriarchalen Struktur innerhalb des Forschungsfeldes, entsprechend einer gesellschaftlichen Gesamtsituation, zu keinerlei Veränderungen kommt. Dass diese Rechtfertigungsstrategie nach wie vor biologistischen Narrativen in Hinblick auf Sorgearbeit und konkret bei der Betreuung von (Kleinst)Kindern Vorschub leistet, ist augenscheinlich. Es wird Zeit, dass wir uns alle (!) von unserer sogenannten Natur emanzipieren und gerade im Bereich der Sorgearbeit für mehr Gleichberechtigung kämpfen. Brüste mit Milch für alle!