Hatte deine Elternschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?
Lena Müller: Klar, es ist ein Buch über (gesellschaftliche) Umbrüche und den Umgang der Einzelnen damit. Und eben über die Sorge füreinander, die ist eigentlich in jeder Zeile drin.
Hat deine Elternschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?
Lena Müller: Gefühlt habe ich (mindestens) drei Jobs. Die Sorgearbeit, die ich übernehme – immer all in. Die Romane, die ich übersetze. Und die Texte, die ich schreibe – mal mehr, mal weniger intensiv.
Das letzte Jahr vor dem neuen Buch war intense, viele Wochenenden und Nächte im Büro (das ich seither lieber Atelier nenne). Manchmal habe ich die stillen Stunden genossen, manchmal war es hart. Ich habe ziemliche Zeitschulden gemacht, einen Kredit aufgenommen auf dem sonst mehr oder weniger ausgeglichenen Sorgekonto. Bin mit Schulden und Schlafdefizit in den Sommer gestartet. Zum Glück konnte ich dann für ein paar Wochen weg vom Schreibtisch und viel Zeit mit Kind und Kegel draußen verbringen. Das hat die Konten ausgeglichen.
Was hast du gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?
Lena Müller. Ich habe das Paket schnell weggelegt, nachdem der DHL-Bote es mir im Treppenhaus übergeben hatte. Erst am nächsten Tag, als ich dabei war, das Kinderzimmer auszuräumen, damit es neu gestrichen werden kann, packe ich es aus, so im Vorbeigehen. Frisch aus dem Druck, viel rot, Äpfel und Punkte. Das Kind betrachtet das Cover und sagt: „Dein Name steht aber groß drauf.“ „Ich hab’s ja auch geschrieben.“ „Aber so groß?“ Leiser Zweifel. Später dann, mit der Freundin im Park, ziehe ich das Buch aus der Tasche und wir freuen uns gemeinsam. Machen ein paar Fotos in der Augustsonne.
Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?
Lena Müller: Barbara Honigmann schreibt: „Die Autorin hat ihr Bestes gegeben, aber ob ihr Werk gelungen ist, das weiß sie auch nicht, weil es Fleisch von ihrem Fleische ist.“ Soweit stimme ich zu. Ansonsten überzeugt mich der Vergleich Geburt – Buch nicht ganz. Mein bleibender Eindruck von Schwangerschaft: Ein Kind entwickelt sich – in meinem Körper, aber doch (fast) ohne mein Zutun. Sobald es auf die Welt kommt, braucht es allerdings alle Zuwendung und zur Unabhängigkeit ist es ein langer Weg. Beim Buch ist es eher andersherum: Beim Entstehen braucht es jede Menge Aufmerksamkeit, alle verfügbare Zeit. Ist es dann erst mal in der Welt, geht es mehr oder weniger eigene Wege.
Lena Müllers zweiter Roman Club der Verschwenderinnen erschien im September 2026 in der Edition Nautilus.
