Teilzeit

Verantwortung – das ist: Die Theorie wischt der Praxis nicht den Arsch ab. Wenn ich gefragt werde, antworte ich. – Ich schreibe einen halben Satz. Dann fragt mein bald fünfjähriger Sohn, ob ich ihm die Säge des Taschenmessers ausklappen könne. Ich antworte, ich unterstütze, so gut ich kann. Ich bin für die Säge. Ich bin teilzeit-alleinerziehend. Ich schreibe wieder einen halben Satz – stehend, Laptop auf Brusthöhe im Regal. – Teilzeit-alleinerziehend? Ich teile – wir leben getrennt – die Care-Arbeit mit der Mutter, genauso wie ich den VW-Bus – jenseits von Uber und Teilauto – immer noch mit ihr, und anderen Menschen, teile: Car(e)-Sharing. Ich lebe, in einem erweiterten Wohnkontext von rund 20 Menschen, mit einer anderen Frau – eine Art Co-Mutter für meinen Sohn: ihren Sohn? Ich bin Teilzeit, teile meine Zeit mit anderen Menschen. Timesharing. Einen Teil der Zeit kümmere ich mich allein um meinen Sohn. Da habe ich die Verantwortung. – Ich habe ihm grüne Post-Its gegeben. „Hast du auch rosa Post-Its?“ Ich gebe ihm auch die, schreibe einen Satz. Er gibt mir die grünen zurück. – Die Situation, wenn sie gelingt, – schreiben und kümmern zugleich – begeistert mich, treibt mich an. Akzeleration. Allzu häufig gelingt sie nicht. Das Beschleunigungsgefühl, merke ich, entstand in den 90ern aufgrund der ungehinderten Ausbreitung des Kapitalismus nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und aufgrund der einsetzenden Verbreitung digitaler Kommunikation. Ich werde einen Exkurs über das Internet schreiben. – „Geiler Scheiß“, sage ich, während ich meinen Sohn in den Armen habe. – „Geiler Scheiß“, sagt auch er. „Geiler Scheiß sagt man nicht“, sagt er – zu mir. Und ich schreibe – 11.35 Uhr – alles in Echtzeit auf. 11.43 Uhr: Ich sitze auf dem Klo, wische mir den Arsch ab, während ich denke: Theory-fiction ist auch ein Schritt hinter die universitäre Disziplinierung im 19. Jahrhundert zurück – denken nicht in Disziplinen, sondern denken in Kodifikationsvarianten. Diversität, wie sie in der Idee des Internets immer mitschwang, aber nie so ganz – und nur für die technische Elite – umgesetzt wurde. It’s Corona-Time. Kein Kindergarten, ich hänge die ganze – also die halbe – Zeit – ständig – um ein Kind herum. 12.54 Uhr: Ende Zetkin-Park vor Schleußig zu dritt, mein Sohn, die Co-Mutter und ich, mit dem Fahrrad auf dem Weg zur biologischen Mutter – écriture automatique geht mir durch den Kopf. Aber das hier ist keine écriture automatique. Der Gegenstand: ein Zeitausschnitt am 05.05.2020 und mein Umgang damit. Keimzelle eines Texts. Selbstreflexion, Feedbackschleifen, keine avantgardistische Selbstmystifikation. Das Gegenteil von écriture automatique.

Auszug aus einem längeren Prosatext

naming shaming blaming bitching moaning

naming shaming blaming bitching moaning wir bitten um verständnis das
blaming wurde zu lange zurückgehalten zu diesem naming können sie nicht mehr
bearbeitet werden shaming ist verjährt fakten hin tatbestand her keine
hetzjagd gar hexenjagd eröffnen bitching sind hier eindeutig in die subjektivitäts-oder beschwerdefalle getappt moaning man hätte zu einem anderen früheren
besseren blaming stattdessen aufbegehren können was für naming angenehmer
darüber hinaus auch eindeutig heroischer gewesen wäre wir nehmen an dass
niemand shaming als passiv oder gar machtlos angesehen werden will außerdem
können wir zum gegebenen blaming nicht davon ausgehen dass sich die linien
verschieben oder gar strukturen dauerhaft verändern die uns heute hier vorliegenden
bitching and moaning zu den akten gelegt diesmal nicht ohne weiteres noch bis auf
weiteres zur geneigten kenntnis
dass keine ordnung bleibt

(Auszug aus „Protokolle der Gegenwart“, Verlagshaus Berlin, 2019)

Wir schauen ins Blau …

… vor uns die Scheibe, die weiter nach oben reicht, als wir zusammen groß sind, wenn ich mein Mädchen auf den Schultern trage. Aber jetzt will sie wieder auf den Boden. Die Pinguine werden gefüttert und schnellen wie kleine Raketen durchs Bild.
Mein Mädchen drückt die Nase an die Scheibe und gleich muss ich ihr sagen, dass sie das lassen muss. Wegen der anderen Nasen, die da täglich drangedrückt werden, und weil jemand das putzen muss. „Wenn ich mal ein Pinguin bin“, sagt sie und benutzt keinen Konjunktiv, „dann kann ich auch so schwimmen, oder?“ Sie sagt es, wie sie es meint. Nicht als Hypothese, nicht als Wunsch oder Möglichkeit, sondern als etwas, dass in der Zukunft mit ziemlicher Sicherheit eintritt. So wie sie sagt: „Wenn ich groß bin, dann kann ich auch lesen oder? Dann kann ich mir selbst ein Eis kaufen.“
Ich räuspere mich, will sagen: „Ich glaube, du wirst nie ein Pinguin.“
„Warum nicht?“, würde sie fragen und mich verständnislos ansehen.
„Das stimmt“, sage ich stattdessen, „das habe ich vorhin auch schon gedacht. Wenn ich mal ein Elefant bin, dann kann ich mich an alles erinnern. Weißt du. An das, was du gerade machst, an das, was du tun wirst, alles. Dann vergesse ich nichts mehr. Und wenn ich mal eine Eule bin, dann bin ich die ganze Nacht wach und kann all die Arbeit erledigen, die liegen bleibt. Und tagsüber kann ich schlafen, nur schlafen.“
„Du kannst keine Eule sein“, sagt mein Mädchen.
„Wieso denn?“, frage ich und schaue sie verständnislos an.
„Du bist doch schon meine Mama.“
„Ach so“, sage ich, „ja, das stimmt.“

Holmsland Klitvej 109

Wir folgten unserem
Navigationssystem

Auf der Nachtseite
des Fjords blinkten
die Windradlichter rot
im Nebel und unser
Kind im Halbschlaf
quengelte und wir
hielten inmitten von
Schwärze und Regen

Im Sechssekundentakt
die Sonnenbahn
eines Leuchtturms
über unseren Köpfen

Und im Smartphonelicht
mein Bleichgesicht:
Wir hatten uns verfahren

Just another cup of milk

Aus gegebenem Anlass frage ich mich schon eine ganze Weile, warum es von Seiten der Wissenschaft keinerlei Bestrebungen gibt, die Sorgearbeit des Stillens gleichberechtigt auf die zwei (oder mehr) Eltern zu verteilen. Bei einer Recherche bin ich lediglich auf »Seltenheiten«, »Raritäten« und »Exotisches« gestoßen. So wird ein Mann aus Indien angeführt, der, nach dem Versterben der Mutter, seine Kinder stillte. Weitere »Einzelfälle« sind bekannt, und auf Nachfrage in einschlägigen Blogs und Internetforen habe ich die Antwort erhalten, die eigenen Brustwarzen müssten nur eine längere Zeit gleichmäßig stimuliert und die Milchproduktion würde angeregt werden. Dabei gehen die Empfehlungen weit auseinander. Von zwei Wochen bis zu sechs Monaten ist die Rede. Auch bezüglich Richtung und Intensität der Massagebewegungen sind die Ratschläge uneindeutig. Einzelne Hebammen reagieren irritiert. Nachgefragt bei »Geburtsabteilungen« und »Neugeborenenstationen« einschlägiger Unikliniken bin ich jedes Mal auf Unverständnis gestoßen. Stillen, so habe ich gehört, sei ein gänzlich natürlicher Vorgang, sehr zum Wohl des Neugeborenen, und habe, im Idealfall, eine emotionale Bindung zur Folge.
Im Konkreten heißt das, dass die Forschung sich weigert, sich mit diesem Thema zu befasst. Warum dies so ist, dafür gibt es unterschiedliche Antworten. Die erste – dass es aus hormoneller Sicht zu Komplikationen führt, sollte Mann z.B. sich einer Hormonellenbehandlung unterziehen, um die Milchproduktion anzuregen – ist als ausweichend zu klassifizieren. Andere hormonelle Behandlungen (z.B. die berühmte »Freiheit der Frau«, bezeichnet als »die Pille«) sind seit Jahrzehnten Praxis und werden von Teilen der Wissenschaft hartnäckig verteidigt. Bei der weiteren Nachforschung zu dem Thema stößt man(n) dann auf die Antwort, dass es Bedenken darüber gibt, weitere Forschung auf diesem Gebiet zu betrieben, da »nicht ausgeschlossen werden kann, dass nach einer solchen Behandlung, nachdem sich also funktionsfähige Brüste beim Mann entwickelt haben, es zu Komplikationen bei der Rückbildung führen könnte«. Konkret heißt das, dass Vorbehalte bestehen, Männern (in diesem Fall (biologischen) Vätern) zuzumuten, dass sie für »eine geraume Zeitspanne« Brüste hätten.
Einzig bleibt der Schluss zulässig, dass es auf Grund einer patriarchalen Struktur innerhalb des Forschungsfeldes, entsprechend einer gesellschaftlichen Gesamtsituation, zu keinerlei Veränderungen kommt. Dass diese Rechtfertigungsstrategie nach wie vor biologistischen Narrativen in Hinblick auf Sorgearbeit und konkret bei der Betreuung von (Kleinst)Kindern Vorschub leistet, ist augenscheinlich. Es wird Zeit, dass wir uns alle (!) von unserer sogenannten Natur emanzipieren und gerade im Bereich der Sorgearbeit für mehr Gleichberechtigung kämpfen. Brüste mit Milch für alle!

Waschen

Ich kann nur schreiben, wenn die Waschmaschine läuft. Sobald die Kinder weg sind und meine Schreibzeit, die wirklich rar ist, beginnen könnte, sortiere ich erst noch 30 Grad und 60 Grad und Wolle. Es gibt immer Wäsche; die Maschine ist jedes Mal voll genug, um ihr Einschalten zu rechtfertigen. Aber ich frage mich seit Jahren, warum ich das Wäschewaschen in meine Arbeitssphäre vordringen lasse, wo ich diesen Bereich doch sonst mit scharfen, mit schärfsten Krallen verteidige.
Beim Anheben des Korbs ärgere ich mich, beim Einfüllen des Pulvers, beim Hineinstopfen der Kleider in die Trommel. Ich ärgere mich. Ich werde hektisch, weil ich ja schon längst arbeiten könnte, schon seit zehn Minuten mindestens, und in zwei Stunden werde ich die Wäsche auch noch aufhängen müssen – was länger dauert als das bloße Anstellen.
Neulich las ich Kathryn Chetkovichs Essay „Neid“ (aus dem Sammelband „Schreibtisch mit Aussicht“). Darin erzählt Chetkovich nicht nur, wie es ist, Schriftstellerin zu sein, sondern auch, wie es ist, weniger erfolgreich zu sein als Jonathan Franzen. Chetkovich ist Franzens Lebensgefährtin. Sie schreibt so mutig-ehrlich, dass mir beim Lesen die Tränen kamen.
In diesem Text erwähnt sie eine Freundin, mit der sie sich über ihre Sinn- und Schaffenskrisen austauscht. Durch einen Krankheitsfall in der Familie kommt die Freundin von einem Tag auf den nächsten nicht mehr zum Schreiben. Chetkovich über sie: „Ich höre die Angst und den Schmerz in ihrer Stimme, aber ich höre auch die Mobilisierung der Kräfte, das Listen-Machen und Essen-Kochen, das dankbare Anpacken. Natürlich hätte sie sich so etwas nie gewünscht, aber sie hat wieder eine Aufgabe; es ist klar, was getan werden muss, es ist klar, dass sie weiß, wie es geht, und dass sie gut darin ist. Sie krempelt die Ärmel hoch, (…) und es ist schwer zu argumentieren, dass irgendetwas auf der Welt wichtiger wäre.“
Ich dachte an meinen Tick. Und mir wurde klar, warum ich an meinen Arbeitstagen Wäsche wasche: Es beruhigt schlichtweg mein Gewissen. Obwohl ich ihr nun schon eine ganze Weile nachgehe, muss ich die schriftstellerische Arbeit noch immer vor mir selbst verteidigen. Als sinnvoll, als wertig, als wertiger als das „echte Machen“, als wertiger als das Für-andere-dasein. Als so wertig, dass ich dafür sogar meine Kinder „abgeben“ darf.
Während die Wäsche sauber wird, kann ich mir nicht mehr ganz so viel Egoismus vorwerfen. Ich tue ja wenigstens noch etwas „Richtiges“, anstatt nur darüber zu sinnieren, ob sich meine Protagonistin verlieben sollte (in die andere Protagonistin, deren Rhodesian Ridgeback vor ein paar Seiten gestorben ist).
Kurz tat mir meine Erkenntnis gut, aber sie ändert natürlich nichts. Ich kann nur schreiben, wenn die Waschmaschine läuft.

Schreiben im Kopf

Wir sind jeden Tag damit beschäftigt, uns was einfallen zu lassen. Wenn das Baby weint, lassen mein Mann und ich uns was einfallen, wenn es sich langweilt, lassen wir uns was einfallen, wenn es nicht schlafen kann, lassen wir uns was einfallen, wenn es schreit, lassen wir uns was einfallen, wenn es frustriert ist, lassen wir uns was einfallen. Und wenn es einfach nur beschäftigt werden will, lassen wir uns auch was einfallen. Das Baby spielt auch mal allein. Dann erledige ich entweder wie ein Roboter die Dinge, die liegen geblieben sind, oder ich lehne mich zurück und realisiere, wie erschöpft ich bin. Das fühlt sich schlimm an. Also arbeite ich lieber, was die Situation in der Hinsicht nicht besser macht. Wenn nicht bald Normalität einkehrt und wir Hilfe von Familie und Freund:innen bekommen können, die wir wegen der Kontaktsperren gerade kaum sehen, dann müssen wir uns was einfallen lassen. Wenn der Vater des Kindes, der als selbstständiger Tätowierer schon im ersten Lockdown nicht arbeiten konnte, ab Februar nicht wieder Geld verdienen kann, dann müssen wir uns was einfallen lassen. Dieses ununterbrochene Lösen von Problemen macht mich verrückt. Ich sitze manchmal nachts weinend im Bett und habe das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Ich habe überlegt, meine Situation aufzuteilen in kleine Happen und mir für alles eine Lösung zu überlegen. Aber ich kann nicht. Ich will nicht. Ich will mir nichts mehr einfallen lassen. Mein Kopf ist leer. Ich kann nicht mal mehr überlegen, wie ich länger durchhalte.
An dieser Stelle des Textes wird es spannend. Energie erfüllt mich plötzlich, ich atme tiefer, der Kloß in meinem Hals wird kleiner. Das passiert mir beim Schreiben oft. Egal woran ich arbeite – ob es ein Roman oder ein Blogbeitrag ist –, alles fühlt sich weniger dringlich an. Denn ich kann nicht wütend sein, und ich kann nicht gut über meine Probleme reden, das habe ich nie gelernt. Mit dem Schreiben habe ich einen Fluchtweg. Es verändert sich nichts, aber ich halte das Unveränderte länger aus. Ich dachte, meine ersten Monate mit Kind, das erste Jahr, würden von Inspirationslosigkeit und Schreibfaulheit geprägt sein. Aber mir kommen so viele Ideen, Sätze, Plots und Projekte in den Sinn wie nie zuvor. Meistens komme ich allerdings nicht dazu, sie aufzuschreiben. Dieser Text ist eigentlich heute Nacht entstanden, als mein Mann unseren Sohn durch die Wohnung trug und zu mir sagte: „Schlaf noch ein bisschen.“ Und ich lag noch einige Minuten wach und dachte daran, etwas aufzuschreiben. Wie es mir geht, dass ich mich hilflos fühle und ausgebrannt; dass ich schreiben will und könnte. Schreiben könnte am nächsten Buch, oder tausend anderen Texten. Aber dann denke ich: Bist du irre, du musst schlafen, alles ist noch da, wenn du wieder aufwachst, und auch morgen noch, und übermorgen, und nächste Woche. Also versuche ich mir, zu merken, was ich schreiben will, schreibe es im Kopf. Und ich lächle sogar, weil es mich glücklich macht, dass im Kopf Platz ist für das, was ich am liebsten tue und am besten kann. Und dann schlafe ich ein. Wenn ich aufwache, ist alles weg. Jedes Mal.

Auszug aus einem längeren Prosatext

A Clean House

Auch wenn ich wusste, dass viele im Viertel mich nicht richtig verstehen würden, ließ ich meiner Wut letztendlich freien Lauf: Ich wollte nie mehr den blöden Spucki sehen müssen, auf dem eine rosige Fünfzigerjahrehausfrau begeistert eine Badewanne schrubbt, versehen mit dem Spruch A Clean House is a Sign of a Wasted Life. Ein Spucki ist kein Spucktuch für Babys; ein Spucki ist die Bezeichnung für einen Aufkleber, über den politische Einstellungen und wichtige Informationen weitergegeben werden, vermutlich ein Erbstück aus der westdeutschen Hausbesetzer_innenszene, also ursprünglich subversiv oder zumindest alternativ, anzutreffen an Laternenmasten, Schaufensterscheiben, öffentlichen Toiletten.
Meine Wut auf diesen Clean House-Spucki baute sich wellenartig auf. Zunächst regte sie sich in Widersprüchen und richtete sich gegen nichts Konkretes – vielleicht eine rein affektive Reaktion auf diese mit Vehemenz sicher zu verurteilende Darstellung des Hausfrauentums. Diese Frau durfte niemand gut finden. Allein die Farben machten mürbe, dieses Weiß der Badewanne, dieser Rosastich der Haut, die gelben Kacheln und das Polizeigrün der Schrift. Aber dann: Diese Pin-up-light-Ästhetik. Wie sonst ließe sich die dezente Anzüglichkeit der Pose, der subtil laszive Blick erklären? Der ist zum Objektbilden gedacht. Das ist gar kein Mensch, sollte mir das sagen. Diese Hausfrau, die lebt nicht, die putzt nur jeden Tag diese Badewanne, weil es ihr einen riesigen Spaß macht.
Und dann setzten bei mir durch diese Pathosschicht, durch diese unerträglichen Farbtöne die anderen, etwas rationaleren Reaktionen ein. Spürte ich, wie ich begann, mich in dieser Dame, die ich nicht gut finden durfte, heimlich wiederzuerkennen: war doch, immer eindeutiger, wohl ich gemeint. Aber nicht als ich-ich, sondern mein Ich als putzende Hausfrau. An meiner heimlichen Einswerdung mit der Putzenden konnte ich zu allem Frust auch noch kaum etwas Verkehrtes entdecken, schließlich verwandelte ich mich unverhohlen mehrmals am Tag, jeden Tag in diese Frau. Zwar sah ich dabei nicht so aus wie die sie; aber ganz anders eben auch nicht.
Daraufhin wurde die Wut in mir noch größer und klarer. Was hieß denn hier: Ein sauberes Haus ist ein Zeichen eines verschwendeten Lebens? Als würde die Frau wirklich aus reinem Verlangen das Bad wienern. Als wäre es meine innerste Berufung, den Schmutz und Dreck und damit auch die Viren und die Bazillen und die Mikroben und Durchfälle und Grippen und Gerstenkörner und Pickel und Entzündungen und rote Stellen und alles Wunde und Krumme und Schiefe und das Versehrte und das wirklich Nervige, das man aussitzen muss und nicht anders kurieren kann, und das alles entfernen und wieder richten und ganz machen, heilen, verbinden und nähen, ich, davor die F_rauen in den Generationen vor mir, jeden Tag für mich und für andere, vor allem für all die Kinder, aber genauso für die Älteren und Gebrechlicheren und Kaputten, und andere müssen nicht nur die zum eigenen inneren Kreis gehörenden Leute, nein, auch ganz weit weg von denen, ganz fremde Wannen von wiederum Damen, die überhaupt nichts mit ein_er zu tun haben, die ganze Zeit, und dann am Ende kam jemand, wohl kaum eine F_rau, und schrieb da so hin: A Clean House is a Sign of a Wasted Life – also schrieb im Grunde hin: Diese Aufrechterhaltung eines Hygienemindestmaßes zur Wahrung der Zivilisation ist verschwendete Lebenszeit.
Ich wollte nie mehr diesen Spucki sehen müssen. Also riss ich ihn in kleinste Stücke vom Schaufenster der Metzgerei in der Parallelstraße, am helllichten Tage, die andern glotzten, und kratze ihn, Solidarität muss praktisch werden, überall runter, wo ich ihn fand (und das war häufig). Und ich werde ihn runterschaben in Hirnen, in Worten und in Taten, hier und anderswo, und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Vom Schreiben zum Kind und andersherum

Das Schreiben mit einem sehr kleinen Kind war eine hochkonzentrierte Angelegenheit. Damals, als wir den Sommer über zur Zwischenmiete in Zürich wohnten, C. wieder morgens und abends arbeitete und ich unser Kind den Tag über durch diese so reiche und ordentliche Stadt schob, immer irgendein hochkulturelles Hörspiel im Ohr, der Mann ohne Eigenschaften oder die Ästhetik des Widerstands – wahrscheinlich um einen Mangel zu kompensieren, es war aber auch einfach gute Unterhaltung –, wie konzentriert ich dann war, in der einen Stunde Mittagsschlaf und wieder ab halb acht, wenn H. schlief. Er schlief ja immer sehr ruhig, sehr zuverlässig, schlief schnell und ohne großen Kampf ein, oft auf meiner Brust, während ich sehr leise über Kopfhörer diese großartigen Hörspiele weiterhörte, an Ulrichs Seite durch Kakanien schlenderte oder durch die Augen der deutschen Arbeiterschaft den Pergamon-Altar betrachtete. Wenn sich seine Hand, die sich an einen meiner Finger festklammerte, lockerte, wusste ich, dass er eingeschlafen war, und kaum saß ich am Küchentisch, stellte ich eine halbe Stunde lang meinen Kopf vor Youtube komplett aus, trat wirklich in eine Art regenerativen Stumpfsinn ein, aus dem ich dann, als es endlich genug war, hochschrak und so unheimlich konzentriert anfing, zu schreiben. Ich überarbeitete mein Buch über Mohammed, ich schrieb die letzte Erzählung zum „bösen Menschen“. Diese Texte hatten dann nichts mehr mit meinem Kind zu tun, fanden an völlig anderen Orten statt, in Wüstengegenden oder einem Geisterdorf im Muldental. Ich hatte wirklich das Gefühl, mich in Mohammed hineinversetzen zu können, ich schrieb ihm Passagen an innerer Rede, und wusste nicht, ob schon das Blasphemie war. Oder ich ließ meinen Erzähler in der Prignitz aus dem Fenster steigen und mit einem Satz nach Amerika übersetzen. Und wenn H. dann doch einmal aufwachte, aufheulte, sofort irgendetwas wollte, riss es mich zurück, in einer monströsen Sekunde wurde ich wieder der Verantwortliche für ein Kind, mein Kind, für H.; beruhigend säuselte ich ihm ernstgemeinte Elternfloskeln ins Ohr, während er an seinem Fläschchen saugte, mit geschlossenen Augen, und diese winzigen Piepstöne von sich gab, atemberaubende Töne, reinste Zauberei, umwerfend, dieses Kindchen, hin und weg war ich, vom Schreiben zum Kind und andersherum.