Søndervig, Nordsøvej 137

Das Emblem auf dem kleinen Ofen prangend:
Eichhörnchen im Lorbeerkranz Hinter der
Glasscheibe wärmt uns das Zeichen unserer
Zerstörungslust Hitzewellen schwärmen bis
ins Kinderzimmer aus Wir schwitzen unser
Nachtprogramm: Monströse Flammenzungen
die Flyer des Naturkräfteparks verschlingen
Doch Luftzüge später ist da nur ein Rauschen
Ein Aschefilm mit Voice-Over-Kommentar
Die bevorstehende Trennung von Rücken
und Couch mit leisem Schmatzen unterlegt

Wasserkinder

Ich habe gelesen dass in Japan Fehlgeburten
Wasserkinder genannt werden: Kreaturen die
diesen ersten Ozean nie verlassen
Kinder die
ihre Luft zu lange anhalten und
nie zu atmen lernen die
aus der Flüssigkeit segeln so wie sie hineingesegelt sind:
Ein kaputtes Schiff
in zerbrechender Flasche. Letzte Nacht
träumte ich du seist zerborsten und
ich musste alles von neuem beginnen
das Erträumen von Namen
das gewaltsame Öffnen meines Herzens
diese umgekehrte Seekrankheit.

Das englische Original erschien in The Fairy Tales Mammals Tell (2013, Monkey Puzzle Press, Harrison, Arkansas). Übersetzung von Anna Ospelt.

Other Writers trifft Café Entropy: Elisabeth R. Hager im Fräulein Wild, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Baby im Café Museum

Herr Ober?
Herr Ober, die Karte bitte.
Herr Ober! Herr Ober!? Hunger hab ich!
H U N G E R!!! Verdammte Scheiße! Ich heul’ gleich!
HEERRRRR OOOOBBBBEEEERRRRRRRRRRRRRRR!
Ah, danke. Besteck? Nein, das ess’ ich mit den Händen. Danke vielmals.
Ach. Herr Ober? Herr Ober, da ist mir leider gerade … Ja. Mhm.
Alles nass. Sie sehen ja selber, was passiert ist. Dürfte ich …
Danke, Herr Ober. Ich glaub, ich nehm dann doch die Schnabeltasse.
Mhm! Herr Ober, ganz vorzüglich heute wieder, der Babyccino!
Und diese Servietten! Mhm! Auch nicht zu verachten.
Oh. Herr Ober. Eine weitere Unpässlichkeit …
Herr Ober? HERR OBER!!!
Die Windel ist voll!!!!

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Lange Jahre waren Cafés für mich Denk- und Arbeitsräume, Knotenpunkte in der Stadt, an denen ich mich niederlassen konnte zum Schreiben, Reden, Rauchen, Lachen und Diskutieren. Kaffee trank ich auch gerne, vor allem aber ging es um diesen halbprivaten Raum, der meine Gedanken stimulierte und es mir erleichterte, mich auszudrücken.
Seit ich Kinder habe, hat sich die Funktion dieser Knotenpunkte gewandelt. Ich stelle andere Fragen. Ich frage nicht mehr: Ist es hier gemütlich? Gibt es W-Lan? Gefällt mir die Musik? Und: Wie schmeckt mir der Café? Stattdessen frage ich: Gibt es einen Wickeltisch? Wie groß ist die Toilette? Stehen Gerichte auf der Karte, die die Kinder mögen? Gibt es eine Spielecke? Und: Wie laut darf man sein?

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Die Anwesenheit meiner Kinder (im Café) ist wie ein heiß geliebtes Störgeräusch. Sie durchtrennen nach Belieben meine mühevoll gesponnenen Gedankenfäden. Sie lenken mich kolossal ab. Zugleich bescheren sie mir viele neue Impulse. Ich bin wacher. Ich lerne mich selbst neu kennen. Und wachse jeden Tag ein winziges Stück mit ihnen. Manchmal aber bin ich temporär taub. Dann hör ich nur meine eigene Stimme. Die Kinder sind toll. Sie verzeihen es mir.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Woche zwei

Nun bin ich hier, in meiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung, Reichsstraße, Hinterhaus. Bin nicht mehr jung und frisch getrennt. Reich war ich noch nie. Die gute Nachricht: Ich mache jetzt nur noch eine Woche lang das, was ich sonst täglich getan hätte, ohne Pause, ohne Unterlass: HAUSHALTSLISTE MIT DARIN VERFLOCHTENEM DAUERAPPELL AN MICH ALS MAMA, WAS, WENNGLEICH VIELSTIMMIG, NICHT ZUR PROSAISCHEN VERARBEITUNG TAUGT. Danach habe ich eine Woche frei, in der ich meiner vormals gedrosselten, selbstständigen Tätigkeit als Videoproducerin wieder stärker nachgehe. Die Pandemie wird die Gleichberechtigung um Jahre zurückwerfen, las ich damals in einer Zeitung, und heute: Die jüngsten Errungenschaften weiblicher Emanzipation sind leider… Ach – wenn ich nur einmal wieder meinen Kaffee trinken und apathisch aus dem Fenster sehen darf! Ab wann sagt man eigentlich DAMALS? Am Beginn von Woche Zwei, die die Kinder bei ihrem Vater verbringen, in der Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock, im Übrigen Vorderhaus, lasse ich mir Zeit, sodass der Rückstau meiner Erinnerung allmählich in den Verarbeitungsmodus übergeht. Dann denke ich an den Ausflug DAMALS, aufs Tempelhofer Feld, wo die Freiheit plötzlich wieder aufblitzte und so schmerzlich alles Vergessene verriet.
Als wir zu viert aus dem Bus stiegen, nieselte es. Ich ging stur vorneweg, am Corona-Impfzentrum vorbei. Auf dem Weg durch das Biotop in der Mitte vom Feld wurde aus dem Niesel Regen, doch beharrlich zwang ich den Buggy weiter, durch Pfützen, Erdlöcher und Geröll. Es fühlte sich fantastisch an: echter Widerstand, gegen den man kämpft! Es schien, das Meer sei nicht mehr weit, feucht war die Luft und salzig von den Tränen, die der Wind in die Augen trieb. So hatte meine eigene Mutter mich einst an der Nordsee durch den Regen gepeitscht. EINST. Ein anderes DAMALS. Kein Restaurant weit und breit, keine Wärme, kein Klo. Nur das Grau am Himmel, ein endloser Strand und die Meeresbrandung. Tom versuchte zu intervenieren, jedoch verhalten. „Es fängt an zu regnen.“ „Wir sollten vielleicht zurück.“ „Zum Glückt habt ihr zwei eure Regenhosen an.“ Ich ignorierte alle Appelle zur Umkehr von hinter mir und behielt ausnahmsweise Recht. Der Regen legte sich. Für Fritz gab es eine Flugzeugruine, für Elli Rollerskates. Und für uns alle die HISTORISCHE Start- und Landebahn. In Wahrheit hängen ja alle Zeiten zusammen. Es war noch immer bitterkalt, ein eisiger Ostwind wehte, der Winter wie der Lockdown zogen sich wie zähes Kaugummi.

Auszug aus einem längeren Text

Der Wasserlauf

Hallo Papa! Heute zeige ich dir den Wasserlauf!, sagt A. zu Beginn des Videos, das sie mir während einer Woche schickt, in der wir uns nicht sehen werden. Dann fängt sie an zu trinken, mit zwei Strohhalmen gleichzeitig, aus zwei vollen, großen Wassergläsern. Sie trinkt und trinkt, anfangs mit großer Begeisterung, später mit zunehmender Verzweiflung, schließlich kämpft sie damit, dass sie sich wahrscheinlich doch zu viel vorgenommen hat. Woher sie das Wort „Wasserlauf“ hat, weiß ich nicht, und was das, was sie da tut, mit einem Lauf zu tun hat, kann ich mir auch nicht erklären. Aber „Wasserlauf“ wird für die nächsten Tage ein kleines Lieblingswort von mir, und auch wenn ich sie für ihre Bauchschmerzen und Übelkeit bedaure, die sich schon am Ende des Videos zeigen, trage ich ihren Mut und ihre Verwegenheit in dieser Woche mit mir herum und bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie diesen Anflug kindlichen Wahnsinns ausgerechnet mit mir teilen wollte.

Orangenhaut

II
Eine Woche später sitze ich auf der Terrasse und stille das Kind. Der Rock ist verrutscht und morgendliche Sonnenstrahlen fallen auf meine entblößten Schenkel, beleuchten Dellen, Dehnungsstreifen und Muttermale auf milchigweißer Haut, als der Lieferwagen um die Ecke biegt und mit quietschenden Bremsen in meiner Einfahrt hält. Ich hebe den Kopf, streiche die frisch gewaschenen Haare aus dem Gesicht, während der Junge die Fahrertür öffnet und gelenkig aus seiner Kabine klettert. Das Kind hat fertig getrunken, öffnet die Lippen und meine leckende Brustwarze rutscht aus seinem Mund hinaus, und ich setze es auf den Boden, richte mich auf und sage, ohne das Stück Brust unter meiner Bluse zu verstecken: „Die Orangen haben unglaublich geschmeckt.“ Der Junge hat meinen nackten Busen entdeckt, versucht wegzusehen, schafft es nicht und lächelt gequält. „Wollen Sie mehr?“ „Natürlich“, flüstere ich. Er zerrt einen Sack von der Ladefläche und legt ihn mir zu Füßen und mit fahrigen Händen zerreiße ich das Netz, sehe den Zitrusfrüchten zu, wie sie über die Stufen kullern, sich auf meiner Terrasse ergießen, greife gierig nach einer Frucht, umfasse ihr ledriges Rund und reiß sie in der Mitte entzwei, versenke die Zähne im süßen Fleisch. „Köstlich“, stöhne ich, während mir der klebrige Saft aus dem Mund läuft, „deine Orangen machen süchtig!“

III
Das Kind schläft in seinem Bettchen und ich stehe in der Küche und presse die letzten hart gewordenen Orangen zu Saft, als ich das Tuckern des Motors in der Einfahrt vernehme. „Komm rein“, ruf ich ihm entgegen und dann höre ich ihn eintreten, zögernd, mit unsicheren Schritten. Ich deute ihm, den Sack Orangen auf den Esstisch zu legen, verschlinge mit meinen Blicken seine lange, jugendliche Gestalt, die sich nur schwankend auf den Beinen hält, ein frischer Trieb im schnellwüchsigen Eukalyptuswald, bevor ich „Gracias“, flüstere und ihn, ohne ein weiteres Wort der Warnung, an mich ziehe. Er keucht vor Überraschung und dann taumeln wir durch die Küche, zwei ineinander verknäuelte Körper, ohne Anfang und Ende, stoßen an Stühle und reißen die Gardinen von den Stangen, bis wir strauchelnd auf dem Esstisch landen, Orangen unter dem Gewicht unserer Körper schmatzend, Säfte verspritzend, zerplatzen, und ihr süßer Duft vermischt sich mit dem herben Geruch seiner Achseln, während er mit jedem Stoß tiefer dringt, fast schon von selbst verschwindet, bis sich nur noch sein Kopf unter dem sanften Druck meiner Hände in mich schiebt – ein verblüffter Ausdruck der Entzückung liegt in seinem Gesicht, als er dorthin geht, wo er einmal hergekommen ist.

Auszug aus einem längeren Text.

Und die Wut

Auf die Wut war ich vorbereitet, die Wut eines Kindes, das die Bohrmaschine selbst in die Hand nehmen und in die andere Richtung gehen möchte und dabei abwechselnd „nein“ und „doch“ schreit. Von dieser Wut habe ich gewusst, von dem, was viele immer noch Trotzphase nennen, auch wenn es ein Streben nach Autonomie ist.
Aber die andere Wut, die sollte es nicht geben, wurde mir vermittelt. Meine Wut. Ich sollte sie kleinhalten können, nicht gegen wütenden Protest von „nicht mage“ bis „Aua, doch Autos spielen will“ um Winterjacke und Haube und das endlich fertig Anziehen kämpfen und auch nicht anfangen zu schreien. Vorher hätte ich auch daran glauben wollen, dass ich lernen kann, damit umzugehen, mit der verwarteten Zeit, der zerschrienen und zerdiskutierten Zeit, mit der Zeit, in der keine Zeile geschrieben wird, und auch mit der, in der ermüdet keine Energie mehr da ist, auch nur eine Zeile zu denken.
Das nicht nur, weil ich das machen wollte und sollte, sondern auch, weil mit der Wut bei mir auch die Migräne im Hinterkopf heranwächst und sich über den Tag legt. Sie erinnert mich daran, dass die Wut nur der sichtbare Ausbruch ist, nachdem der Druck zu lange angestiegen ist. Und dass es nicht darum geht, diesen Druck einfach nach unten zu schieben, sondern ihn für andere sichtbar zu machen und ihm dadurch Raum zu geben, der ihn abebben lässt.
Manchmal sehe ich mir von außen zu und sage mir, dass ich doch die Erwachsene bin. Aber dann wieder schreien sich zwei vor dem Badezimmer an und mein Freund stellt sich dazwischen. Und dann sind da zwei, die erschöpft sind von ihrer Wut und der des anderen, und die sich darin, dass sie nicht getröstet werden wollen, und im Beharren darauf, dass sie doch zuvor gesagt haben, was ihnen wichtig ist, für Momente lang erschreckend ähnlich sind.
Aber ähnlich ist nicht dasselbe, weil ich immer noch die Erwachsene bin und sein muss. Weil ich mich nicht darauf vorbereitet habe oder mich niemand darauf vorbereitet hat, wie umfassend diese Wut sein kann. Weil ich zugleich denke, dass ich sie verstecken muss, dass das Kind in der Gasse draußen brüllen kann, bis es von den Hauswänden zurückschallt, aber ich nicht laut werden darf. Ich soll mich beherrschen, ich habe es mir selbst ausgesucht, Kinder sind nun einmal so. Und dann spüre ich schon wieder, wie ich die Luft anhalte und die Autos und die Bäume in der Gasse immer weiter wegrücken und das rote Gesicht mit seinen Tränen näherkommt.

Milch

Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären und so weiter, bla bla bla.
Sage: „Hatte mir das Kinder-Bekommen einfacher vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir das Kinder-Haben weniger anstrengend vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir den Bauch schon so einverleibt, bin ganz leer jetzt. Man könnte eine Feder fallen hören in mir drin.“
Schlafend schmatzt das Kind und will und will und fordert ein und ist nicht still, solange es nicht stillt, still, still, still, weil die Mama schlafen will! Werde vom Oxytocin geweckt, nachdem das Oxytocin vom Schmatzen des Kindes geweckt wurde. Der Körper sagt: Dein Kind will saugen, dein Kind will deine Brust, wach auf, auch wenn’s bloß die Flasche wird!
Der Vater hört den Panzer nicht durchs Schlafzimmer rollen. Der Vater schläft wie ein Stein. Sogar sein Weckertraining wird vereitelt vom guten Schlaf. Morgens prahlt die Energie des Vaters mit Tiefschlaf. Doch je mehr er sich kümmert, desto mehr holt auch ihn das Oxytocin ein.

Hormone sind nicht, Hormone werden.

Und das Kind ist vier Monate alt und fünf Monate alt wird es sein und sechs und es wird da sein, klopf auf Holz, wird es immer da sein, während wir da sind. Wir: In den Hauptrollen zwei mit Bewegungen, die noch kaum von der Hand gehen, und Bezeichnungen, die kaum schon über die Lippen kommen wollen: Vater und Papa. Und Mutter und Mama.

Mama!

Auszug aus einem längeren Text mit Videoarbeit

the scheitern

Ich stehe mit dem Einkaufswagen und dem langen, vollgeschmierten Zettel vorm Supermarkt und es regnet und ich gratuliere noch schnell jemandem bei Twitter zum erschienenen Buch. Manchmal gratuliere ich uns insgesamt: Wir haben es hier ja alle irgendwie geschafft. Wir haben Opfer gebracht, was auf diesem Blog heißt: Care von Kindern oder die für uns wilde Kombination aus Sorgen und Schreiben.
Ich deute unsere Texte als Erfolge, als das Glück, die Möglichkeit gehabt zu haben, Einfälle nebst Elternschaft zu erheben: zu wenig Geld, Mental Load, under pressure sein oder ohne Schreibtisch. Vieles, was NICHT zu lesen war auf unseren Bildschirmen oder gedruckt, die Geschichten des Misserfolgs, des Scheiterns, ist ja versandet. Ist irgendwo liegengeblieben, wurde abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Viele haben’s nicht geschafft. Es gab zwar supergute Ideen, aber es gibt keinen Text.

Sich die Tatsache einzugestehen, dass gerade nichts geht, ist schon für ein paar Tage schlimm und man schämt sich, kaum nachvollziehbar, dafür vor sich selbst. Mit Kindern maximiert sich die Wahrscheinlichkeit, in diese Position zu geraten. Bei mir zeigt sich das so:
In den Sozialen Medien ist kaum Zeit zu reagieren, um spannenden Ereignissen zu folgen wie Diskussionen oder Lesungen zu verdammt nochmal genau dem Thema, zu dem ich eigentlich gerade recherchiere. Neulich meinte jemand, mein Twitteraccount sei unzuverlässig, und ist mir entfolgt. Ja ja, es gibt Schlimmeres.
Als nächstes wächst der Lesestapel. Schreiben heißt Lesen, hat mal jemand gesagt. Für eine Weile kann ich das noch müde leugnen. Dass es irgendwie stimmt, merke ich, wenn sowieso schon wenig Zeit da ist und der Modus lahmt, ich eh nicht richtig into bin.
Dann das mit dem begonnenen Dokument, das sich am Anfang so würdig angefühlt hat, jetzt aber schon seit zwei Wochen von mir weg liegt und wahrscheinlich kaum noch denkbar ist. Und hier wird es langsam ernst. Viele Texte reißen ab, und wenn ich sie öffne, legt sich die Scham auch über den wirren Kram, den ich da geschrieben habe. Bei kontinuierlicher Textarbeit fällt dieses Gefühl weg, beim Arbeiten in kleinen Schritten wird stetig ausgemistet.
Hin und wieder liegt das Postfach für ein paar Tage brach. Die schnelle Antwort schreibe ich dann einen Tag zu spät. Ich habe keine Lust, mich ständig bei anderen für sowas zu entschuldigen.

Es fühlt sich an, als wäre man in seinem Tun als Schreiber*in gerade krank. Dabei arbeitet man auf Hochtouren dafür, dass die Maschine läuft, und/oder lenkt seine Kraft in einen anderen Beruf, einen, der nicht wegfallen darf.
Viele Eltern schreiben an der Kante entlang. Wie knapp die Sache wirklich ausgeht, wie weit der Text schon weg von der*dem Autor*in ist, sobald er einmal erscheint, erfährt als Leser*in dann schließlich niemand.
Wir sollten uns noch öfter gratulieren.

Das Känguru ist wieder da

Es ist Donnerstag, es ist Montag, es ist Zeit vergangen, so viel Zeit, dass ich mittlerweile nicht mehr klein schreibe, sondern sich die Orthographie, die Visualität meines Schreibens geändert hat, woran das liegt, weiß ich nicht so genau, überhaupt, weiß ich wenig dieser Tage, so vieles ändert sich,
gleich bleibt, wiederkehrend, dass ich in der Früh jetzt als Erstes die Zahlen nachsehe, die steigenden Werte, zu verstehen versuche, was sie bedeuten, während ich wieder in der Küche stehe, Kaffee aufgieße, auch das bleibt, die Kanne, der Filter, der Geruch, das Geräusch von Wasser, wie es tropft, und das Känguru ist wieder da, einfach so, müde sieht es aus, ein wenig grau ist es geworden, um die Schnauze, und ich frage, ob es auch Kaffee möchte, es nickt, während die Kinder durch die Küche gehen, sich an den Tisch setzen, Kaffee trinken, sich ein Glas Wasser nehmen, ein Stück Toast essen,
und dann aufbrechen, ein Kind geht in die Schule, das andere an seinen PC, denn die Welt zeigt sich bruchstückhaft wieder im Online-Modus, und ich sehe mich selbst, wie ich dem Känguru Kaffee einschenke, und dann mir, die zwei Tassen in die Hand nehme, zur Couch gehe und mich neben’s Känguru setze.
Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, nach all der Zeit, denn sonst schreibe ich ja. Ich schreibe Postkarten, das mache ich jetzt wieder, jeden Tag, ich schreibe manchmal auch Briefe, überhaupt, ich schreibe beim Sprechen, ich schreibe dann, wenn ich ins Auto steige, wenn ich einkaufe, währenddessen überlege, was ich kochen werde, was wer mag, und ja,
ich sehe zum Känguru, ich weiß, dass es Pfannkuchen mag, aber das wird nichts, es braucht mich gar nicht zu fragen, keine Pfanne oder sonst irgendetwas aus seinem Beutel zu holen, mich auch nicht anzugrinsen, das bringt alles nichts, ich kann keine Pfannkuchen, überhaupt kann ich nicht backen, zumindest nicht besonders gut, schon immer ist das so, und das wird wohl so bleiben, auch dieses darin wohnende, seltsam irrationale Schuldgefühl, keine gute Mutter zu sein, woher das kommt, frage ich nicht mehr, ich nehme das jetzt so hin, meistens,
schiebe das Bild zur Seite, schiebe es dem Känguru zu, meine Angst, anders lässt sich das nicht nennen, und bevor es etwas sagen kann, erzähle ich ihm, von diesem Film, The Hours, wie ich ihn das erste Mal gesehen habe, und wie ich hineingefallen bin, in diesen Film, aufgesogen von Julianne Moore und wie sie diese Frau spielt, die nicht backen kann, und ich werde nie dieses Gefühl vergessen, wie ich ihr und mir zugesehen habe, diese Verzweiflung angesichts der Zutaten, die nicht in ein richtiges Mischungsverhältnis wollen, die unglückliche Konsistenz des Teigs, als ob es der eigene Körper wäre, der einem abhandenkommt, sich entzieht,
und bei jedem Kuchen, der mir misslingt, habe ich Angst, dass ich mich irgendwann an einem anderen Ort dieser Welt in einer Bibliothek wiederfinde, meine Familie einfach so verlassen habe, so wie in The Hours, und manchmal bin ich in Sorge, dass ich mir genau das wünsche, dass ich das großartig fände, einfach in eine Bibliothek zu ziehen, zwischen den Büchern zu wohnen, dort zu schreiben, und das Känguru nickt jetzt, es holt die Pfanne aus seinem Beutel, steht auf und geht zum Herd. Ich sehe ihm zu, wie es Pfannkuchen macht, wie es einen Satz nach dem andern von mir im Teig einrührt, aufschlägt, aufschäumt, ihn gehen lässt, wie es das einfach so macht, wie ein Text daraus wird, wie gut das tut, und ich bin froh, dass das Känguru wieder da ist.