Same Work But Different: Selim Özdogan

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Selim Özdogan: Vater zu sein, hat meiner Wahrnehmung der Welt ein paar Dimensionen hinzugefügt. Auf die eine oder andere Art fließt das überall mit rein, egal, was ich tue oder denke.

Hatte deine Mutterschaft/Vaterschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Selim Özdogan: Die Kinder sind jetzt 11 und 13, ich bewerbe mich zwar auf keine Residenzstipendien, aber sonst muss ich mich wenig einschränken mittlerweile.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?

Selim Özdogan: Bereits beim allerersten Roman war der schönste Moment nicht der, das gedruckte Buch in der Hand zu halten. Sondern die erste Interessenbekundung des Verlags. Auch nicht der anschließende Vertrag. Die besten Momente geschehen am Schreibtisch und sind nicht planbar. Eine Gnade, für die ich dankbar bin.

Wenn dich vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Selim Özdogan: Die unwahrscheinliche Geschichte einer Gastarbeiterfamilie, die mit linken Studenten in einem besetzten Haus wohnt.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Selim Özdogan: Meine Tochter ist 13 und liest viel, findet meine Texte aber langweilig. Oder schwer zugänglich. Oder beides.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Selim Özdogan: Familie ist keine Matheaufgabe. Es gibt Wochen, in denen ich weniger da bin, und Wochen, in denen ich mehr da bin als jeder andere Vater, den ich kenne. In dem Alter wird Betreuung ohnehin weniger zeitintensiv und mehr emotional herausfordernd — da zählt weniger, wie viel ich da bin, sondern mehr, wie präsent ich bin, wenn es drauf ankommt.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Selim Özdogan: Das Erscheinen ist für mich eher der Zeitpunkt, wo das Kind auszieht und nun selbst in der Welt zurechtkommen muss. Am Anfang hilft man noch beim Umzug und mit alten Möbeln, am Anfang macht man noch Promo, dann wird es allmählich ganz selbstständig.

 

Ihr kriegt uns hier nicht raus von Selim Özdogan erschien im August 2026 im Kanon Verlag.

Same Work But Different: Clemens Böckmann

Hatte deine Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Clemens Böckmann: In seinem letzten Interview wurde Roberto Bolaño zum Thema Exil befragt. Ob er nach so vielen Jahren noch eine Heimat habe, wollte die Journalistin vom Playboy wissen. Er sagte, sein Vaterland seien seine Kinder. In all dem Rückzug ins Private, den das auch hat, gefällt mir die Aussage dennoch. Und traurigerweise wird die Frage des Exils wohl immer relevanter.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Clemens Böckmann: Es ist eine Einladung zum Spiel. Und so wie auch jedes kindliche Spiel einen bitteren Ernst hat, ja sogar die Neigung, in Gewalt zu kippen, so ist es auch mit dieser Geschichte. Es ist die Suche nach dem Dichter und Skispringer Alvaro Maderholz, der seine Existenz erst noch beweisen muss. Auf diesem Weg wird er verfolgt von seiner Familiengeschichte. Und die ist nicht unbedingt einfach. Sein Großvater war Zahlmeister im Vernichtungslager Kulmhof, sein Onkel protofaschistischer Dichter im Chile der Pinochet Diktatur. Alvaro dichtet gegen die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Dasselbe versuchen die unterschiedlichen Erzähler meines Romans.

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?

Clemens Böckmann: Ich lese gerade – etwas verspätet – Lucia Berlins Kurzgeschichten. Auf einer bemerkenswerte Art und Weise haben die Geschichten keine Zeit. Auch wenn sie immer wieder über einzelne Objekte situiert werden, haben ihre Erzählungen, in aller Schwere, etwas Schwebendes. Gleichzeitig bricht sie kontinuierlich eine Lanze für die Fiktion. Daher würde ich mich sehr freuen einen Beitrag von ihr, die ihre vier Kinder fast allein aufgezogen hat, bei den other writers zu finden – auch wenn sie mittlerweile mehr als zwanzig Jahre verstorben ist.

 

Clemens Böckmanns Roman Das richtige Leben des Alvaro Maderholz erschien im August 2026 bei Matthes & Seitz.

Same Work But Different: Lena Müller

Hatte deine Elternschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Lena Müller: Klar, es ist ein Buch über (gesellschaftliche) Umbrüche und den Umgang der Einzelnen damit. Und eben über die Sorge füreinander, die ist eigentlich in jeder Zeile drin.

Hat deine Elternschaft Einfluss auf die alltägliche Schreibarbeit? Welchen?

Lena Müller: Gefühlt habe ich (mindestens) drei Jobs. Die Sorgearbeit, die ich übernehme – immer all in. Die Romane, die ich übersetze. Und die Texte, die ich schreibe – mal mehr, mal weniger intensiv.

Das letzte Jahr vor dem neuen Buch war intense, viele Wochenenden und Nächte im Büro (das ich seither lieber Atelier nenne). Manchmal habe ich die stillen Stunden genossen, manchmal war es hart. Ich habe ziemliche Zeitschulden gemacht, einen Kredit aufgenommen auf dem sonst mehr oder weniger ausgeglichenen Sorgekonto. Bin mit Schulden und Schlafdefizit in den Sommer gestartet. Zum Glück konnte ich dann für ein paar Wochen weg vom Schreibtisch und viel Zeit mit Kind und Kegel draußen verbringen. Das hat die Konten ausgeglichen.

Was hast du gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Lena Müller. Ich habe das Paket schnell weggelegt, nachdem der DHL-Bote es mir im Treppenhaus übergeben hatte. Erst am nächsten Tag, als ich dabei war, das Kinderzimmer auszuräumen, damit es neu gestrichen werden kann, packe ich es aus, so im Vorbeigehen. Frisch aus dem Druck, viel rot, Äpfel und Punkte. Das Kind betrachtet das Cover und sagt: „Dein Name steht aber groß drauf.“ „Ich hab’s ja auch geschrieben.“ „Aber so groß?“ Leiser Zweifel. Später dann, mit der Freundin im Park, ziehe ich das Buch aus der Tasche und wir freuen uns gemeinsam. Machen ein paar Fotos in der Augustsonne.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?

Lena Müller: Barbara Honigmann schreibt: „Die Autorin hat ihr Bestes gegeben, aber ob ihr Werk gelungen ist, das weiß sie auch nicht, weil es Fleisch von ihrem Fleische ist.“ Soweit stimme ich zu. Ansonsten überzeugt mich der Vergleich Geburt – Buch nicht ganz. Mein bleibender Eindruck von Schwangerschaft: Ein Kind entwickelt sich – in meinem Körper, aber doch (fast) ohne mein Zutun. Sobald es auf die Welt kommt, braucht es allerdings alle Zuwendung und zur Unabhängigkeit ist es ein langer Weg. Beim Buch ist es eher andersherum: Beim Entstehen braucht es jede Menge Aufmerksamkeit, alle verfügbare Zeit. Ist es dann erst mal in der Welt, geht es mehr oder weniger eigene Wege.

 

Lena Müllers zweiter Roman Club der Verschwenderinnen erschien im September 2026 in der Edition Nautilus.

Residencies with Care: Yara Jakobs

Warum hast du dich auf das „Arbeitsstipendium mit Kind“ im Künstlerhaus Lauenburg beworben?

Yara Jakobs: Ich brauchte Zeit und Ruhe, um an meiner aktuellen Novelle zu arbeiten.

Wie war die Residenz für dich?

Yara Jakobs: Verbindend mit den anderen Stipendiat*innen und interessant, Lauenburg und seine Bewohner*innen kennenzulernen. Reizvoll war, dass ich während der Residenz zwischen Lauenburg und Hamburg pendeln konnte (durfte).

Welche weiteren familienfreundlichen Strukturen würdest du dir im Literaturbetrieb wünschen?

Yara Jakobs: Ich wünsche mir, dass Residenzen sich öffnen für eine Pendelabmachung zwischen Wohn- und Stipendium-Ort, gerade für Eltern. Außerdem wäre es toll, wenn ein paar lokale Babysitter*innen ansprechbar wären. Für die Mehrkosten, die durch Reisen und Betreuung entstehen, wünsche ich mir einen Stipendien-Bonus (oder die gesamte Übernahme der Fahrtkosten).

Kannst du ein Buch empfehlen, das sich aus deiner Sicht mit der Vereinbarkeit besonders gut auseinandersetzt?

Yara Jakobs: Ich habe gerade Dem Mond geht es gut von Paulina Czienskowski gelesen. Sie beschreibt nicht nur die innere Zerrissenheit einer Autorin, die Mutter wird, sondern auch Risse, die sich durch eine Familie ziehen, in der die Sorgearbeit über Generationen selbstverständlich bei den Frauen abgeladen war und es keine Sprache für Protest gab. Es ist spannend.

Gibt es etwas, was die Literatur in Bezug auf familienfreundliche Strukturen von der Kunst lernen kann?

Yara Jakobs: Mehr Kinderecken bei Lesungen.

Yara Jakobs war 2025 Literaturstipendiatin des „Nationalen Arbeitsstipendiums mit Kind“ im Künstler:innenhaus Lauenburg. Dieses Stipendium ohne Aufenthaltspflicht vergibt das Künstler:innenhaus seit 2022 an Bewerber:innen mit Kind (0-15 Jahre), die ihren festen Wohnsitz in Deutschland haben. Auf das Arbeitsstipendium können sich Künstler:innen
jährlich wechselnd in den Bereichen Komposition, Literatur und Bildende Kunst ohne Einschränkung des Alters bewerben.

Same Work But Different: Katharina Bendixen

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? Welchen?

Katharina Bendixen: Ich wollte nie über Mutterschaft schreiben. Dann habe ich es doch gemacht, und diesen inneren Widerstand merkt man dem Buch vielleicht an: Es ist eine Art Suche, wie man überhaupt über dieses Thema schreiben kann. Neben klassischen Erzählungen gibt es in meinem Buch auch viele Experimente, beispielsweise fiktive Aufgaben für Abschlussprüfungen oder absurde Kinderbuchtexte. Ohne den Familienalltag und die vielen Widersprüche darin hätte ich dieses Buch niemals geschrieben.

Gibst du das Buch deinen Kindern/Eltern zu lesen? Warum (nicht)?

Katharina Bendixen: Meine Eltern lesen alle meine Bücher. In manchen Texten kommen die Elternfiguren nicht so gut weg, aber meine Eltern halten das bisher gut aus. Schwieriger ist die Frage, ob meine Kinder dieses Buch später lesen werden. Ich schreibe darin sehr kritisch über das Familienleben, und es könnte das Missverständnis auftreten, dass ich ungern Mutter bin. Dabei geht es natürlich um die gesellschaftlichen Umstände und nicht um mein persönliches Verhältnis zu meinen Kindern.

Stehst du wegen der vermehrter Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Katharina Bendixen: Ich fühle mich oft in der Schuld meiner Kinder – nicht unbedingt wegen der Tatsache, dass ich sehr viel arbeite und manchmal gedanklich abwesend bin, sondern vor allem weil wir als Familie aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen im Literaturbetrieb viele Dinge, die in anderen Familien selbstverständlich sind, nicht besitzen oder nicht tun. Ich bin unsicher, wie unsere Kinder damit umgehen werden, wenn ihnen dieser Unterschied eines Tages bewusst wird.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?

Katharina Bendixen: Ich träume ja schon lange von einem großen other writers-Treffen, meinetwegen auch auf einem Spielplatz: Die Eltern tauschen sich über das Schreiben und den Literaturbetrieb aus, und die Kinder tauschen sich über ihre merkwürdigen Eltern aus, die sich so oft über Dinge ärgern, die sonst keiner versteht.

 

Katharina Bendixens Erzählband „Eine zeitgemäße Form der Liebe“ erschien im März 2025 in der Edition Nautilus.

 

 

 

 

Brief an einen Menschen, der wächst

ich weiß, ich kann diesen Brief nur an Dein Ich in der Zukunft schreiben, und das wird über meine Worte wohl nur lachen. Aber ich muss Dir schreiben, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch länger überleben werde. Es spielt keine Rolle, worum es bei unseren Streitereien geht, das Nachhausekommen, die Hausaufgaben, das Zimmeraufräumen, das Wäschesortieren, das Tischdecken, das Drinnenbleiben, das Rausgehen, das Freundehaben, das Keinefreundehaben, die schlechten oder die guten Freunde, genau wie die Noten, es spielt keine Rolle. Du ziehst verzweifelt an einem Ende des Seils, ich am anderen. Du suchst Deine Grenzen, Du drückst alles in die Extreme, Du willst spüren, dass Du existierst, dass Du frei atmen und Dir Deine eigene Welt bauen kannst.

Ich sehne mich nach dem Kind, dass Du mal warst, und diese Sehnsucht schmerzt mich so sehr.
Aber was mich am meisten schmerzt, ist, dass wir beide alleine kämpfen, ich muss so verbittert darum kämpfen, dass Dein Hass mich nicht zerbricht, ich muss darum kämpfen, dass mich Deine Wut nicht zerstört, obwohl sie mein Innerstes auseinanderreißt Diesmal presse ich nicht, sondern Du schneidest mir tief ins Fleisch, während Du strampelst, um Dich zu befreien. Ich weiß genau, Du liebst mich jetzt gar nicht mehr, und ich muss Dich und auch mich für uns beide lieben, aber ich verzweifle daran. Ich will diesen Kampf aufgeben, weil es nicht meiner ist, und vor allem, weil ich darin die absolut undankbarste Rolle habe. Niemand hat mir vorher gesagt, dass ich die Böse sein werde und wie beschissen das ist. Keiner hat mich darauf vorbereitet, Dir bei diesem Kampf wie ein Drache entgegenzutreten, damit Du spüren kannst, dass Dein Schatten nicht größer ist als Dein Licht und auch dass kein Streit das Ende einer Beziehung ist und vor allem, dass Du auf Dich selbst hören musst, auch wenn es mich so bitter enttäuscht.

Dieser Kampf wird enden. Für Dich wird er enden, wie ein Gewitter endet. Du wirst ihn vergessen. Du wirst mir nicht dafür danken. Du wirst mich dafür wahrscheinlich noch kritisieren. Ich werde damit leben müssen, dass alles, was ich tue, niemals ausreichen wird. Aber ich werde nicht vergessen. Für mich ist das hier ein Sturm, der einen Teil von mir selbst mit sich reißt. Und deswegen klammere ich mich mit all meiner Verzweiflung an diesen einen Gedanken, und zwar, dass ich gerade dabei bin, für Dich, jetzt und hier, die wichtigste Aufgabe zu übernehmen, die ein Mensch in diesem Augenblick für Dich machen kann: Nicht loszulassen.

Ich bereue nichts

2009 wurde mir das Aufenthaltsstipendium in Schwaz bei Innsbruck zuerkannt. Ich weiß noch: Es war einer der ersten Anrufe auf meinem damals noch neuen Handy, und ein freundlicher Herr mit sympathischem Dialekt teilte mir die frohe Kunde mit. Meine Stimme überschlug sich vor Freude, und ich sagte zu.
Bald darauf die Ernüchterung: Ich bekam auf der Arbeit keine zwei Monate am Stück frei. Alles Verhandeln und der Gebrauch der damals noch nicht so geläufigen Vokabeln Sabbatical und Work-Life-Balance halfen nicht.
Also kontaktierte ich den Stipendiengeber: Ich könne wochenweise in Schwaz sein, meinen Urlaub von zwei Jahren dafür nehmen und das Stipendium zeitlich „strecken“. Doch darauf ließ er sich nicht ein. Ich solle ja zur Ruhe kommen und konzentriert an meinen Projekten weiterarbeiten können. Wie ich Ruhe finden sollte, wenn ich meinen Job gefährdete oder kündigte, war mir allerdings nicht ganz klar.
Aber das machte alles nichts, denn just in dieser Zeit wurde meine Freundin schwanger und neun Monate später waren wir Eltern. Zwei Jahre später dann ein Geschwisterchen. Und bald schon die Einsicht, dass das nicht leicht werden würde mit dem literarischen Leben, obwohl sich für das Schreiben nun ganz neue Themen erschlossen.
Um Preise bewerben? Ja. Um Residenz-Stipendien? Vergiss es, erst recht nach der Trennung und dem neuen Status als alleinerziehender Vater mit einem von beiden Kindern. Was war mit dem Traum vom Lesen, Schreiben, Reisen – diesem Akkord, meiner Definition von Glück? Verschoben auf das Lebensendzeitstipendium, Rente genannt? Wer wird sich dann noch für meine Machwerke interessieren?
Doch wie ein Süchtiger an seinen Stoff kommt, trotze ich dem Leben Schreibzeiten ab: In der Tram, im Zug, in den Mittagspausen, an den Wochenenden, im Urlaub. Usedom – wo sich die zerrissene Familie zu gemeinsamen Urlauben trifft – ist mein neues Schreibexil geworden: an den Vormittagen, wenn das Kind, mittlerweile jugendlich, noch schläft und dann zu Kindesmutter und Schwester in deren FEWO wechselt und ich später nachkomme. Nach ein paar geschafften Seiten. Man kann gut abschalten auf diesem entlegenen Fleckchen Land, und Literaturtage gibt es auf Usedom auch. Die habe ich noch nie besucht. Wegen des Brotberufs. Den ich nicht kündigen kann. Wegen der Kosten für zwei FEWOS dreimal im Jahr. Unter anderem.

Wenn ich groß bin, will ich aber nicht so eine Arbeit wie du!

Jedes Mal, wenn wir an einem schönen Haus vorbeilaufen, sagt meine Tochter, wie schön es sein müsse, darin zu wohnen.
–
Sie haben bestimmt ein Kamin darin und eine schöne Aussicht.
Ich rate ihr: Dann musst du eben Ärztin oder Anwältin werden, dann kannst du dir so ein Haus kaufen. Ich weiß, dass sie weder Ärztin noch Anwältin werden will, sie findet beides
schrecklich.
–
Nee, Ärztin werde ich nicht, ich werde Anwältin.
–
Dann musst du Jura studieren und viele Gesetzestexte auswendig kennen und viel lernen.
–
Jura? Was ist das? Nee, ich will lieber so eine Arbeit wie Tante.
–
Tante hat die Stelle auch nur durch Zufall bekommen, sie hat etwas ganz anderes studiert.
–
Echt?
–
Ja, sie hat eigentlich Übersetzen studiert. Chinesisch und Arabisch.
–
Das wusste ich gar nicht. Egal, ich will aber in so einer Firma arbeiten wie Tante. Das Gefühl, nicht gerade ein Vorbild für das eigene Kind zu sein, was die Berufswahl anging, traf mich diesmal etwas härter. Ich stelle mir, vor wie mein hochsensibles Kind später in einem Konzern arbeiten und so tun wird, als sei sie zufrieden mit ihrem Leben. Gleich zwei mittellose durchgeknallte Eltern zu haben, muss schon eine Bürde sein. Ich konnte wenigstens auf eine wohlhabende Familienzeit in meinen ersten acht Jahren zurückschauen
mit Kindermädchen, Urlaub, Villa am Strand, Hochzeiten, riesigen Familienfesten, Liebe von allen Seiten – aber sie? Eine Mietwohnung nach der anderen. Urlaub? In elf Jahren zweimal. Das ist bescheiden. Wir besuchten eben mehr Freunde oder gingen auf Festivals mit ihr. Aber sie tut mir leid, irgendwie. Nicht nur wegen Corona, nicht nur wegen ihren durchgeknallten Eltern, nicht nur wegen ihrer chronischen Krankheit, nicht nur wegen ihrem
Dasein als Einzelkind, nicht nur wegen dem Ausbleiben einer Einladung zu einer Hochzeit in elf Jahren, nicht nur weil das Treffen mit Freundinnen die Ausnahme statt die Regel ist. Diese Kindheit ist so anders als meine eigene, dass es mir schwer fällt, sie als schön zu empfinden. Ich werde meinen Job trotzdem nicht wechseln. Jedes Mal, wenn ich sage: Ich habe eine gute Nachricht, fragt sie, hast du einen Job bekommen? Habe ich ihr meine Existenzangst vererbt? Wie oft fragte ich mich, ob unsere bescheidene Behausung der Grund sei, warum sie keine Freundin nach Hause einlädt.
Nach neun Tagen Quarantäne musste ich mit ihr in die Klinik. Als wir nach drei Tagen nach Hause durften, sagte sie, sie wolle lieber in der Klinik bleiben, einfach mal was anderes sehen. Urlaub in der Kinderklinik sozusagen.
Diese triste Kindheit von mittellosen Eltern, was wird sie mit ihr anstellen? Werden diese Kinder uns eines Tages als zu offen und egozentrisch und sich selbst als konservativ bezeichnen? Werden sie ein Kredit aufnehmen, um auf einer Privatuni zu studieren? Die Kinder der 68er wurden ja die größten Spießer, sagt man, vielleicht wird meine Tochter ja in einer Bank arbeiten, um immer Geld um sich zu haben und die Kontrolle darüber. Wenn auf
Menschen kein Verlass ist, muss es wenigstens aufs Geld sein. Wird sie auf ihre innere Stimme hören, die vielleicht gerne etwas ganz anderes gemacht hätte, etwas nicht wirklich Lukratives? Wie bringt man Kindern bei, dass Geld nicht glücklich, aber vielleicht etwas
sorgloser macht?

confession

vertrauen darauf dass sich etwas verschiebt sich in zellen die körper bilden jeden tag verschiebendes zusammenlegt diesen körper zu bilden und dass zellen aus dem körper fallen und (vielleicht ich) neue körper bilden vertrauen darauf dass die zellen (dieses und außerhalb dieses körpers) wissen wo sie die stoffe finden dass und sie sich verschieben etwas bilden können dass sie aus teilchen (vielleicht ich) leerer als luft und licht bestehen vertrauen darauf dass (und wo)

Trans it!

Babes, hört mir genau zu. Ich weiß, für viele ist es nichts neues, für einige ist es nervig, für manche bedeutet es Tod und für zu viele bedeutet es Gewalt! Die Künstlerin faulenz*A singt „Schule ist ein Gewaltraum“, ich stimme mehr als zu. Institutionen sind Gewalträume.

Mein siebenjähriges Kind erzählte mir vor einigen Tagen von einer Schulhofdiskussion. Er wurde gefragt, ob er schwul sei oder schwul und behindert, weil: wer schwul ist, sei behindert, und schwul sei ein Schimpfwort. Er fragte sicherheitshalber nochmal nach: „Mama, du hast doch gesagt, schwul ist kein Schimpfwort, sondern wenn ein Mann in einen Mann verknallt ist?“ Ich versuche umständlich zu bestätigen und ihm alles gut, aber einfach zu erklären. Das gelingt mir immer nur mäßig, aber wir sprechen. Wir sprechen über seinen behinderten Opa, über seine bisschen behinderte Mutter, über den guten Freund von Opa, der schwul und behindert ist, über meine Freund*innen, die schwul oder behindert oder lesbisch oder transident sind, und ich verfalle in meine Vereinfachung und sage, manche Leute sind „altmodisch“ und denken, ein Mann müsse als Mann mit Pimmel geboren sein und für immer männlich bleiben und eine Frau lieben, die als Frau mit Vulva und Gebärmutter geboren ist, und zusammen müssen sie dann die Keimzelle des Faschismus bilden: die Kleinfamilie. Dann flippe ich aus und rufe: „Manche Leute sind einfach scheiße.“ Mein Kind ist schon wieder beim nächsten Thema, diese neue Pokémon-Karte, die fake sei, aber trotzdem schön, und er könne damit jetzt auch angeben und nicht nur sein Freund. Ich komme gar nicht hinterher mit meinen moralisierenden aufklärenden Einordnungen („… aber du musst doch nicht angeben und wofür angeben …“). Ich höre auf zu sprechen und beiße wütend in sein restliches Schulbrot. SCHWULBROT denke ich und daran, dass ich neulich gerne alle Eltern auf dem Schulhof mit „MOINSEN IHR HURENSÖHNE“ begrüßt hätte, denn das Wort kam nun auch im zweiten Halbjahr der ersten Klasse auf. Ebenso wie Bastard („Was ist das? Bastard?“ – „Du bist ein Bastard.“) und ficken, und auch wenn wir heute Morgen am Frühstückstisch über den Versprecher „In Fickenwerder gibt es auch ein Freibad“ lachen mussten, bin ich nicht nur wütend. Ich bin so traurig über diese andauernden Debatten über misogyne Tiraden, über homophobe Äußerungen, über die Gewalt, die queere Menschen erfahren müssen, über ihre Narben und blauen Flecken, ihren Tod und über die Menschen, die das alles für frühsexualisierte Indoktrinierung halten, wenn man Kindern (und sich selbst) ein nichtbinäres Weltbild (oder Menschenbild) zu vermitteln versucht. Dabei hören die sorgenvollen MÄNNER UND FRAUEN „Ich habe ein Bordell, und der Name meiner Liebsten ist Layla, sie ist hübscher, jünger, geiler“ auf ihrem 46. Geburtstag oder lesen „In stillen Nächten“ von Lindemann. Dann lieber Katja Krasavice, die selbstbestimmt reiten möchte wie im Märchen als Schneeflittchen „Doch anstatt in ein’ Apfel beiß ich in die Eier rein.“

Babes, worauf ich eigentlich hinauswollte:

Einmal habe ich in der Kita gearbeitet und ein Junge zog seine rosa Glitzerschuhe an. Der Erzieher sagte ihm, dass er davon schwul würde. Ich fiel gradezu in Ohnmacht und ihm dann ins Wort.

Einmal hat eine Kollegin zu mir gesagt, dass Männer wie Männer erzogen werden sollten und nicht wie Frauen.

Meine Mutter hat zu mir gesagt, ich solle sportlich sein und wie ein Junge herumlaufen, aber nicht lesbisch sein, das wäre schmutzig, und auch nicht wie eine Hure aussehen.

Es gibt Mädchen- und Jungenecken in Kindertagesstätten.

Die Jungs spielen Fußball und die Mädchen spielen Pferd.

Die Jungs tragen keine Kleider (vielleicht in eurer Bubble oder mal zum Spaß), die Jungs müssen hart sein, nicht weinen. Die Mädchen sind lieb und tragen rosa. Sie dürfen zart sein.

Ganz tief in dir drin – überleg mal, was ziehst du deinem Kind an? Warum? Was spielt dein Kind? Warum? Was spielst du mit deinem Kind? Warum? Was erzählst du deinem Kind für Märchen? Warum? Wird immer die Scheiße mit der Prinzessin und dem Retter erzählt? Warum?

Babes, was ich eigentlich sagen will, wer eine offene Welt möchte, solidarisch sein möchte mit den Menschen, die queer sind, die Kämpfe kämpfen, von denen wir nicht mal ahnen können, wie sie sich anfühlen (ja, mit wir meine ich natürlich mich, relativ hetero, Cis, und die anderen aus diesen Polen des Spektrums), der transidenten Menschen ein sicheres Umfeld bieten möchte, der homosexuellen Menschen ihre Angst nehmen möchte, der muss sich stets befragen, in Frage stellen, man kann das mit diesen Regenbogenflaggen machen, wenn man das will, und es ist ein Anfang, aber man muss es im Alltag mitdenken, man muss mit dem eigenen Kind sprechen, Verantwortung übernehmen, muss sich selbst analysieren und kennen, muss lieben und zuhören und vertrauen, denn dann beginnt Transit.