morphe

das baby lehrt mich, was ich nicht bin. nicht geduldig, nicht entspannt, nicht selbstbewusst, nicht frei, nicht sanft, nicht sorglos, nicht unversehrt. es legt jede wunde frei, vereitelt jeden versuch, lässt mich spüren, dass am ende nichts bleibt, nicht das schreiben, nicht das arbeiten, nicht mal die bücher anderer. ich liege atmend in der stille des staubsaugers. das atmen bin ich, ich bin, bin noch da, atmend, im dunklen, ohne einen einzigen gedanken, bleib regungslos, wunschlos. das ich muss sterben, tut nicht weh, keine sorge, das selbst vergeht schneller als ein schnupfen. aus der wunde morpht ein neues wort ans licht. es lehrt mich, dass es mich nichts lehren will.

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Schreiben im Kopf

Wir sind jeden Tag damit beschäftigt, uns was einfallen zu lassen. Wenn das Baby weint, lassen mein Mann und ich uns was einfallen, wenn es sich langweilt, lassen wir uns was einfallen, wenn es nicht schlafen kann, lassen wir uns was einfallen, wenn es schreit, lassen wir uns was einfallen, wenn es frustriert ist, lassen wir uns was einfallen. Und wenn es einfach nur beschäftigt werden will, lassen wir uns auch was einfallen. Das Baby spielt auch mal allein. Dann erledige ich entweder wie ein Roboter die Dinge, die liegen geblieben sind, oder ich lehne mich zurück und realisiere, wie erschöpft ich bin. Das fühlt sich schlimm an. Also arbeite ich lieber, was die Situation in der Hinsicht nicht besser macht. Wenn nicht bald Normalität einkehrt und wir Hilfe von Familie und Freund:innen bekommen können, die wir wegen der Kontaktsperren gerade kaum sehen, dann müssen wir uns was einfallen lassen. Wenn der Vater des Kindes, der als selbstständiger Tätowierer schon im ersten Lockdown nicht arbeiten konnte, ab Februar nicht wieder Geld verdienen kann, dann müssen wir uns was einfallen lassen. Dieses ununterbrochene Lösen von Problemen macht mich verrückt. Ich sitze manchmal nachts weinend im Bett und habe das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Ich habe überlegt, meine Situation aufzuteilen in kleine Happen und mir für alles eine Lösung zu überlegen. Aber ich kann nicht. Ich will nicht. Ich will mir nichts mehr einfallen lassen. Mein Kopf ist leer. Ich kann nicht mal mehr überlegen, wie ich länger durchhalte.
An dieser Stelle des Textes wird es spannend. Energie erfüllt mich plötzlich, ich atme tiefer, der Kloß in meinem Hals wird kleiner. Das passiert mir beim Schreiben oft. Egal woran ich arbeite – ob es ein Roman oder ein Blogbeitrag ist –, alles fühlt sich weniger dringlich an. Denn ich kann nicht wütend sein, und ich kann nicht gut über meine Probleme reden, das habe ich nie gelernt. Mit dem Schreiben habe ich einen Fluchtweg. Es verändert sich nichts, aber ich halte das Unveränderte länger aus. Ich dachte, meine ersten Monate mit Kind, das erste Jahr, würden von Inspirationslosigkeit und Schreibfaulheit geprägt sein. Aber mir kommen so viele Ideen, Sätze, Plots und Projekte in den Sinn wie nie zuvor. Meistens komme ich allerdings nicht dazu, sie aufzuschreiben. Dieser Text ist eigentlich heute Nacht entstanden, als mein Mann unseren Sohn durch die Wohnung trug und zu mir sagte: „Schlaf noch ein bisschen.“ Und ich lag noch einige Minuten wach und dachte daran, etwas aufzuschreiben. Wie es mir geht, dass ich mich hilflos fühle und ausgebrannt; dass ich schreiben will und könnte. Schreiben könnte am nächsten Buch, oder tausend anderen Texten. Aber dann denke ich: Bist du irre, du musst schlafen, alles ist noch da, wenn du wieder aufwachst, und auch morgen noch, und übermorgen, und nächste Woche. Also versuche ich mir, zu merken, was ich schreiben will, schreibe es im Kopf. Und ich lächle sogar, weil es mich glücklich macht, dass im Kopf Platz ist für das, was ich am liebsten tue und am besten kann. Und dann schlafe ich ein. Wenn ich aufwache, ist alles weg. Jedes Mal.

Auszug aus einem längeren Prosatext

halbmond, stürzen

ganz wie du willst mein schatz, ja mein lieber, ganz deiner meinung, mir ganz egal, hauptsache du bist, ja genau, denke ich auch, ja sicher, ganz wie du meinst, alles was du willst, liebster, ich will was du willst mein kleiner, du goldstück, alles was du sagst, mir geht es ja immer, wirklich, mir geht es ganz genau, wie du sagst, wie dir geht es mir auch immer, ganz genauso, ganz genau wie du, macht einfach wie ihr denkt, ich bin einverstanden, was ihr wollt, was auch immer, ich bin halt dabei, lasst euch nicht stören, meine lieben, von meiner abwesenheit, ich habe doch nichts zu wollen, also alles entspannt hier bei mir, ich habe nichts als den blick aus dem fenster, will ja nicht, will ja nichts; doch der halbe mond, der hört einfach nicht auf zu leuchten in dieser atemraubenden dämmerung. ja liebling, ich schwinge mich zum mond, mit meinen müden armen und ja, ja, selbst wenn ich vorbei sause am mond, dann, genau, dann lande ich bei den sternen, danke für diesen, wow, so inspirierend, genau, und ein entspannendes bad nehmen, ja, ganz wie du willst, danke für die kerze, du und deine ideen, ich komme auch gleich, nur noch schnell aus dem wasser, aus dem fenster steigen, mich zum mond stürzen, wenns daneben geht, auch egal, es bleibt eben, wie immer, alles beim alten.

Ein Beitrag aus der Reihe „pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“.

Dein erstes Geschenk …

… ist ein blaues Deckchen. Du bist dreiunddreißig Minuten alt, als ich das Päckchen öffne, das uns lächelnd die Hebamme reicht.

Wir wickeln dich jeden Tag in das Deckchen ein, es ist weich und dehnbar. Jeden Abend ziehe ich dir das Deckchen über die Augen, und du drückst es dir mit deinen Fäusten ganz fest ans Gesicht, bis du eingeschlafen bist.

Du liegst nass und bewegungslos auf dem Boden, auf dem ich hocke, atmest still. Ich greife nach dir, ziehe dich hoch, drücke dich an meine blanke Brust, endlich der Schrei. Langsam färbst du dich ein, das Blau verschwindet.

Das Blau in deinen Augen bleibt. Es ist dunkel wie Meerwasser und hat an manchen Tagen etwas von Schiefer. Du siehst aus wie dein Vater, nur die Augen sind von mir. Wenn ich dich halte, blicke ich mir aus dem Gesicht eines anderen entgegen.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

Sieben unsichtbare Brüche

Vor ein paar Wochen bin ich Mutter geworden. Mit der Geburt meines Sohnes hat sich von einem Tag auf den anderen auch mein Schreiben verändert:
Schreibarbeit, die nur in Gedanken stattfindet, wenn das Kind zur Beruhigung an meinem kleinen Finger nuckelt. Wiederhole Sätze minutenlang, um sie nicht zu vergessen. Schließe die Augen, um mir den Satz vorzustellen. Gegen die Müdigkeit ankämpfen, einschlafen. Hochschrecken. Im Kopf nach dem Satz kramen, an den man so lange gedacht hat. Notieren? Später.
Fragmente, täglich ins Handy getippt, weil der Laptop im Bett beim Stillen zu unhandlich ist. Manchmal nur mit dem linken Zeigefinger. Kein Mut, die andere Hand auch noch wegzuziehen, wenn das Kind gerade darauf eingeschlafen ist. Also weniger Nebensätze, unkomplizierte Wörter. Die Großschreibung ist unwichtig geworden, Satzzeichen sind nicht länger von Bedeutung. Die Korrektur? Später.
Wenn dem Kind die Augen zufallen: Abwägen. Es können drei Minuten sein, oder dreißig. Oder drei Stunden. Da ist Hunger, da ist schmutzige Wäsche, da ist ein dreckiges Katzenklo. Schreiben? Später.
Dieser Text wird zusammengehalten durch sieben unsichtbare Brüche: Dreimal gestillt, einmal Windeln gewechselt, zweimal getröstet, einmal eingeschlafen. Ein Ganzes, scheint er, für alle anderen. Er zerfällt nur für mich.