Luftholen

Einmal kurz auftauchen und nach Luft schnappen, für einige Augenblicke die Arme ausbreiten und sich treiben lassen, den Blick in den Himmel gerichtet, wolkenlos ist er und von einer Intensität, wie es mir seit Monaten nicht mehr aufgefallen ist. Ruhig und gleichmäßig atmen. Seit Monaten bin ich das erste Mal wieder in der Lage, einige Stunden konzentriert zu arbeiten, zu schreiben, ein merkwürdiges Gefühl nach diesem Frühjahr im Ausnahmezustand, nach einem Sommer voller Auf und Abs.
Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch und schaue in den Himmel, nur ein paar Wolkenfetzen, keine Flugzeuge. Ja, ein bisschen fühlt es sich an wie vor einem Jahr, als noch niemand etwas ahnte, als es immer so weiterzugehen schien mit dem Wachsen und Ausbreiten und Vermehren und Ausschwärmen, ein bisschen ist es jetzt so wie damals, als ich am Schreibtisch saß und am neuen Roman arbeitete und mir nicht vorstellen konnte, dass es so etwas geben könnte wie diese große Stille, das einmalige, tiefe Luftholen vor dem Abtauchen.
Jetzt sitze ich wieder am Schreibtisch, jetzt ist der Himmel wolkenlos und die Katze räkelt sich in den Sonnenflecken auf der Terrasse, aber trotzdem ist etwas anders. Da hat sich eine Müdigkeit im Körper eingenistet, eine Erschöpfung, die tief unter der Haut sitzt, denn er musste weiter funktionieren, dieser Körper, der Kopf, alles musste irgendwie weitergehen, Tag für Tag, Woche für Woche, plötzlich vier, fünf Körper in einem, hineingepresst, zusammengedrückt, kaum noch Luft zum Atmen, kaum noch ein Gefühl in den Fingern.
Jetzt Luft schnappen, soviel wie nur irgend geht, die Lungen vollsaugen. Die Ungewissheit, wie lange sie reichen wird, macht mich reizbar, launisch. Ich habe keine Lust mehr zu tauchen. Ich will oben bleiben, die Arme ausgebreitet, den Blick in den Himmel, keine Wolke dort oben.

Von Niemandem

Auf dem großen Spielplatz sind zwei etwa fünfjährige Mädchen auf der Nestschaukel. Ein ungefähr gleichaltriger Junge mit einem gut 2 Meter langem viel verzweigten Ast in der Hand steht vor der Schaukel und schlägt jedes Mal, wenn sie in seiner Richtung in die Höhe schwingt, auf den Rand der Schaukel. Ziemlich feste. Die Zweige ragen beim Schlag in die Schaukel hinein.
Eines der Mädchen sagt beim zweiten Schlag, er soll das lassen. Ich frage mich, wo die Eltern sind. Die von dem Mädchen und die von dem Jungen. Offensichtlich nicht präsent. Ich frage mich, ob ich einschreiten soll. Zögere kurz. Sage mir dann: Bei Erwachsenen würde ich ja auch etwas sagen in einer Situation, wo einer dem anderen wehtun könnte.
Also stehe ich von der Bank auf, mache ein paar Schritte auf drei zu und sage:
– Lässt du das das bitte mit dem Stock. Das ist gefährlich.
Der Junge hält inne. Sieht mich an. Unbeeindruckt.
– Du weißt gar nicht, wer ich bin, sagt er.
– Stimmt, sage ich.
– Dann kannst du mir auch nicht sagen, was ich tun soll.
– Doch, sage ich. Das kann ich. Weil das gefährlich, was du da tust.
Er sieht mich weiterhin an. Direkt in die Augen. Dann sagt er:
– Du bist nur ein Popo.
Die Mädchen lachen. Er lacht auch. Er hat aber aufgehört zu schlagen. Ich bleibe noch kurz stehen, dann setze ich mich wieder.
Das versuche ich meinen Kindern beizubringen. Keiner kann dir etwas sagen. Niemand außer Lehrern, Erziehern, Eltern von Freunden haben das Recht, dir etwas zu verbieten. Lass dich nicht beeindrucken von Fremden, die dich maßregeln wollen. Wenn die was zu sagen haben, sollen die zu mir kommen.
Vielleicht haben die Eltern des Jungen das besser vermittelt, als ich das bei meinen Kindern geschafft habe. Ich habe Respekt davor.
Aber natürlich gehe ich nächstes Mal wieder dazwischen.

Ich habe lange …

… keinen Blogbeitrag verfasst. Ich war nicht untätig. Ich habe versucht zu verstehen, was es bedeutet, einen zweiten Roman zu veröffentlichen. Ich habe am Anfang eines dritten Romans geschrieben, Figuren entwickelt, den Plot erweitert. Ich habe meine Tochter abgestillt und mein Sohn ist in den Kindergarten eingetreten. Ich habe für Geld gearbeitet, als Schriftdolmetscherin, als Mentorin, an Aufträgen. Wir sind verreist, mal zu viert, mal zu fünft, mal alleine: an den Bodensee, ins Saarland, ins Engadin, ins Rheintal; immer nur ganz kurz. Mein Schreibplatz hat sich verändert, und mein Atelier befindet sich nun im Dorf, in dem ich lebe. Immer mehr spielt sich im Dorf ab, in dem ich lebe. Das Beerenpflücken, die Brotjobs, das Küssen, das Schreiben. Manchmal vermisse ich die Stadt, dann fahre ich hin mit dem Zug, gehe durch die Strassen und bin mir nicht sicher, was ich dort suche. Einkaufsläden? Andere Leute? Etwas ganz und gar Neues? Etwas Altes? Noch mehr Fülle? Er ist nicht eintönig, mein Alltag, aber da sind viele Bedingungen. Der Kindergarten beginnt um 8.50 Uhr. Das Mittagessen sollte bereit sein, wenn mein Sohn nach Hause kommt, der Hunger ist dann gross. Meine Tochter will nicht immer mich, aber wenn ich da bin, möchte sie mich ungern aus den Augen verlieren. Dabei gehe ich doch so gerne schnell durch die Wohnung und mal kurz in den Garten hinter dem Haus und dann für einen Abstecher zum Apfelbaum vor dem Haus; nur einen klitzekleinen Moment alleine sein und meinem Tempo folgen! Die Bedingungen sind wie Pfähle, die mein Leben strukturieren.
Der neue Romantext dagegen ist eine Wolke. Er ist immer da, aber meist drängt er sich auf eine unscheinbare Art auf. Selten Regen, selten Schnee. Ich hebe oft den Kopf, manchmal in den dümmsten Momenten, dann will ich schreiben, aber meine Tochter liegt in meinen Armen oder im Kochtopf blubbert’s. Und in anderen Momenten sitze ich dann tatsächlich im Atelier, aber die Sonne scheint, die Wolke hat sich verzogen, und ich starre auf die Autogarage im Gebäude gegenüber, die knallorangen Türen und die Fensterscheiben, die das Licht reflektieren. Das ist also mein Zeitfenster: drei Stunden schreiben. Das ist kurz.
Aber hey, es geht mir gut. Der Vater schaut so oft zu den Kindern wie ich, und auch andere Menschen. Ich kann schreiben. Ich mache Geldarbeit, die mir meistens gefällt. Der Schweizer Staat hat mir sogar etwas Geld gegeben, weil meine Lesungen ausfielen. Und ich will sie ja, die Fülle, will das Schreiben und die Kinder und alles andere auch. Manchmal muss ich mich büscheln, so sagt man in der Schweiz. Mich ein wenig schütteln, Dinge fallenlassen, neu zusammensetzen. Mich wieder konzentrieren. Auf den neuen Roman. Auf die Kinder. Auf das Auch-Mal-Nichts-Tun.

Es stapelt sich

„So, und jetzt gehen wir mal durch die Stapel, die Sie mitgebracht haben, ja? Also, ich meine: Wir gehen sie jetzt richtig durch. Schauen wir, was Sie so dabei haben, wie das bei Ihnen aussieht“, sagt die Frau vom Aufräumseminar. Wir sind zu fünft, und alle scheinen bisschen normal und bisschen verrückt, die übliche Mischung. Unsere Aufgabe im Vorfeld war, einfach „irgendeinen Stapel bei Ihnen zu Hause zu schnappen“ (ja: zu schnappen) und in das Seminar mitzubringen. Dann würden wir jeden Stapel durchsehen und versuchen, ihn „auseinanderzunehmen und zu reduzieren. Ballastbefreiung nenn ich das immer“, sagt die Leiterin und kichert.
Okay, ich habe einen richtig großen Stapel mit; ich hab den größten. Eine hat gar keinen mit („Ich habe da schon so ein System, das -“, ich hab nicht zugehört), die anderen ziemlich kleine. Ich verdächtige sie, vorher ihre Stapel sortiert zu haben. Manche schauen so schuldbewusst.
„So, dann fangen wir mal mit Ihnen an, Frau I.“, zwitschert die Seminarleiterin.
„Beginnen wir damit, dass ich jedes Blatt, oder, äh, Objekt in Ihrem Fall, in die Luft halte, so dass es alle sehen, und dann sortieren wir, was Sie behalten sollten und was nicht. Also, das hier ist …“
„Jo, das ist ein Rossmann-Gutschein, also, genauer gesagt, sind es drei, weil ich sie aus einer Papiertonne gefischt habe, da guckten sie so raus, und unser Kind liebt diese -“
„Gut, Frau I., also das legen wir hier zur Seite, auf den Behalt-ich-Stapel, also das ist ja bares Geld, solche Coupons, da bin ich ja fast neidisch“, und sie kichert wieder und ich mag das nicht, weil kichernde Seminarleiterinnen so ein blödes Klischee sind.
„Machen wir weiter, das hier: Ein Schreiben von der Rentenversicherung, und das hier: ein Teebeutel mit Moomin-Motiv.“
„Den hat mir Su geschenkt!
„Und das hier: Bunte Umschläge, ein Der-kleine-ICE-Kartenspiel, eine Broschüre des Residenz-Verlags-“
„Da veröffentlicht meine Freundin ihren ersten Roman.“
„Dann sehe ich hier: Kopien mehrerer Texte zu Max Horkheimers Biographie – warum interessiert Sie das überhaupt?, sehr viele Quittungen, altes Geschenkpapier, Zettel mit Wortfetzen, noch mehr Zettel mit Wortfetzen, bunte geknüllte Blätter, auf denen ein bisschen was gemalt ist, die aber auch ausgeschnitten sind, in der Mitte -“
„Da haben wir so was gebastelt, das geht so: Sie nehmen -“
„Frau I., Sie müssen schweigen, solange wir das hier durchgehen. Hier ist also noch ein Buch von Frigga Haug, lustiger Name, aber auch eine Kinderzeichnung und dann so ein in ein Tütchen abgepacktes Riemchen oder so.“
„Ja. Ich schweige ja schon, aber das ist dieses Teil da von dieser Tasche, total praktisch, die kann man, wenn man zum Kindersport geht …“
Alle gucken etwas betreten, aber ich weiß nicht, warum.
Die Frau vom Aufräumseminar holt Luft, schaut mich mit ihrem „direkten Blick“ an, den sie sicher lange eingeübt hat mit ihrer Supervisorin, und sagt: „Frau I., Sie sind doch offenbar eine gebildete Person, Ihren ganzen schlauen Büchern hier nach zu urteilen. Dann kennen Sie ja sicher den Leitsatz: Das äußere Chaos spiegelt das innere; oder: Ihr Zimmer ist Ihre Seele.“
„Ich hab kein Zimmer.“
Wieder sind alle peinlich berührt, und wieder weiß ich nicht warum. So schräg ist es doch nicht, kein eigenes Zimmer zu haben, oder? Das sind doch bestimmt alles Wessis von 68er-Eltern, die hatten sicher „Offenes Wohnen“ und keine Türen und so. Oder? Oder nicht?
„Also, Frau I. Das geht auch ohne eigenes Zimmer, irgendwo werden Sie schließlich wohnen“, und sie ist fast ein wenig wütend, als würde sie anfangen zu bezweifeln, ob ich überhaupt ein Dach über dem Kopf habe, und ich fange an, diese ihre Einstellung entlang von Vorannahmen über Menschen zu analysieren, woher dieser Bias kommt, dass alle Menschen in Zimmern wohnen müssen, jedoch geht es weiter, „und um Ihre Seele zu entschlacken, sollten Sie mit dem Wegwerfen anfangen. Wählen Sie eine Sache aus, die Sie jetzt sofort auf den Wegwerfstapel legen.“
Was soll ich nur tun? Alle denken gewiss, ich sei Messie. Ich schlucke.
Ich sage: „Okay … ich wähle den einen Rossmann-Coupon“, und warte darauf, dass Frau Kichererbse vor Empörung umfällt.

Zieht eure T-Shirts aus

Ich sitze auf dem Spielplatz mit anderen Eltern. Die Kinder spielen zusammen. Manchmal in gemischten Gruppen, manchmal in Jungs- und Mädchengruppen. Die Eltern reden die ganze Zeit von Jungen und Mädchen. Dabei höre ich eigentlich nur Negatives über das männliche Geschlecht: Jungs hauen sich (immer), Jungs ziehen sich immer aus, Männer ziehen sich immer aus, Jungs machen sich zum Horst, Jungs ärgern die Mädchen, Jungs sind aggressiver als Mädchen … das alles von Eltern, die selbst Söhne haben. Z.B. von denen, die mir neulich erzählten, ihr Sohn stehe immer vor dem Legoladen und wolle Anna-und-Elsa-Lego haben. Aber sie würden ihm doch kein Mädchenlego schenken! Oder von einer ehemaligen Erzieherin, die der Meinung ist, Jungs hätten mit vier oder fünf Jahren einen „Testosteroneinschuss“. Ich habe das nachgelesen. Es stimmt nicht.
Ich sitze auf dem Spielplatz und platze innerlich. Diese ständige Reproduktion von Geschlechtervorstellungen im Alltag macht mich so traurig und wütend. Ich mag es ganz und gar nicht, immer die Mutter zu sein, die die unbequemen Rückfragen stellt, die von der Ausnahme erzählt, die von anderen Normen ausgeht … manchmal schweige ich mich dann aus. Diesmal atme ich tief durch. Recherchiere nochmal den Testosteronartikel, erzähle von meiner Ansicht, dass das ein modernes Ammenmärchen ist, dass Geschlecht konstruiert ist und wir unsere Kinder durch und durch beeinflussen, dass die Gesellschaft uns durch und durch formt und dass Jungs nicht automatisch aggressiver sind als Mädchen, dass man (Vor-)Urteile reproduziert, wenn man über „Jungen“ und über „Mädchen“ spricht, dass die Kinder gar keine andere Chance haben als ausgetretene Pfade zu beschreiten … während im Sandkasten ein Mädchen einen Jungen auf den Rücken schlägt.

PS: Muss an ein Lied denken. Hund am Strand, 2005:
Wir könnten einen Ausweg propagieren
Wir schocken die Systeme und sie könnten explodieren
Dann könnten wir die Liebe weitergeben
In andere und eigene Leben
Alle Jungen*, alle Mädchen*
Zieht eure T-Shirts aus
Yeah Yeah!

Traum I

Anne träumt: Wie jeden Nachmittag fährt sie durch den Park. Matsch spritzt gegen ihre Waden, das Wasser saugt sich in die Strumpfhose. Sie will schneller treten, aber der Anhänger ist schwer. Es ist heute ungewöhnlich still darin, vielleicht ist im Kindergarten wieder etwas vorgefallen. Seit Liam auf der Welt ist, beißt Junis die anderen Kinder. Sie hatte keine Zeit, um mit Junis‘ Erzieherin zu reden, und eigentlich will sie diese Geschichten auch nicht jeden Tag hören.
Vor der Postfiliale lehnt Anne das Rad an einen Metallbügel.
„Passt du auf Liam auf?“, sagt sie über die Schulter. „Ich bin gleich wieder da.“
Junis schaut sie nicht an, nickt aber. An der Glastür dreht Anne sich noch mal um.
„Es geht ganz schnell“, ruft sie Junis zu. „Nicht aussteigen, okay?“
Aber die Frau, die vor ihr an der Reihe ist, muss erst ihren Ausweis finden, und dann muss der Postbeamte das Paket finden. Anne macht einen Schritt zurück, einen Schritt nach vorn, stellt sich auf die Zehenspitzen. Von hier aus sind weder Fahrrad noch Anhänger zu erkennen.
Anne knallt den Abholschein regelrecht auf die Theke, und als sie endlich wieder draußen steht, lässt sie das Paket beinahe fallen. Ihr Fahrrad ist noch da, der Anhänger aber ist weg, und mit ihm sind auch Junis und Liam verschwunden. Anne schaut nach links und nach rechts, rennt zur nächsten Straßenecke, schreit zwei Grundschüler an, die sich merkwürdig langsam bewegen und eine andere Sprache sprechen. Zumindest verstehen sie Annes Worte nicht.
Als Anne wieder vor der Postfiliale steht, spürt sie die Aufregung langsam schwinden. Wen vermisse ich eigentlich, fragt sie sich, Liam? Oder Lion? Junis? Julian? Jonathan? Während sie dann durch den Berufsverkehr radelt, verblassen auch die Gesichter der beiden. Das Fahrrad lässt sich jetzt viel leichter treten, und Anne ist schnell im Hof. Sie steigt in die zweite Etage und betritt eine Ein-Raum-Wohnung, die sie nicht kennt und die doch ihr gehört. Sie stopft die nasse Strumpfhose in die Waschmaschine und kocht einen Tee. Schlägt ein Buch auf, isst ein Brot. Ruft ihre Mutter an, telefoniert mit einer Freundin. Erst sehr spät am Abend, als sie im Bett liegt und nicht einschlafen kann, wacht sie auf.

Schuldstarre

Ich sitze starr und nutzlos im Atelier. Ich bin wieder eine Stunde später als geplant angekommen, da mein Sohn mich nicht gehen lassen wollte. Ich habe viel Arbeit – eigene Texte, Übersetzungen, Aufträge – und leite jeden Nachmittag einen Schreib-Workshop mit Geflüchteten. Mein Sohn hat zwei Tagesmütter, die sich normalerweise im Laufe der Woche abwechseln. Die beiden werden von einer grossen ehrenamtlichen Organisation eingestellt. Nach der Coronakrise hat jene aber, aufgrund der plötzlichen Reduzierung der Fördermittel, beschlossen ihren Betreuungsdienst einzustellen. Ein Drittel der Mitarbeiterinnen wird arbeitslos, die anderen sollen von einer Partnerorganisation übernommen werden. Beim Betreuungsdienst herrscht unsagbares Chaos, manche Mitarbeiterinnen haben gekündigt, die meisten müssen vor der Schließung noch ihre Ferientage beziehen. Also wird jeden Tag eine andere Tagesmutter zu meinem Sohn geschickt. Er weigert sich, sich jeden Tag auf eine neue Person einzulassen. Ich verstehe ihn nur zu gut. Also beschwere ich mich. Ich sage, es sei nicht annehmbar, dass mein Sohn für die Streichung der Fördermittel zahlen müsse. Ich sage, es sei eine Geiselnahme. Ich sage, mein Sohn könne nichts für die Coronakrise. Es sei nicht seine Schuld und es sei nicht meine Schuld. Die Frau vom Betreuungsdienst sagt, es tue ihr leid. Auch sie würde meinen Sohn und mich sehr gut verstehen. Ändern liesse sich allerdings an der Situation nichts. Also beschliesse ich, die Vormittage mit meinem Sohn zu verbringen. Bevor ich zu den Workshops aufbreche, werde ich zwei Stunden Zeit haben, das sollte reichen. Als die Tagesmutter um 13 Uhr zu uns kommt, ist die Trennungsangst bei meinem Sohn grösser als je zuvor. Sobald er die Möglichkeit erahnt, ich könnte ohne ihn das Haus verlassen, wirft er sich mit weit geöffneten Armen brüllend gegen meinen Körper. Wir umarmen uns lange. Ich versuche mich zu verabschieden, er klammert sich und weint. Als ich nach einer halben Stunde trotzdem gehe, starrt er mich mit entsetzten Augen an. Zu sagen, dass ich mich schuldig fühle, wäre ein Euphemismus. Als ich im Atelier ankomme, habe ich kaum Zeit und dezidiert null Energie, meine Arbeit anzupacken. Ich schreibe nicht, schon lange nicht mehr. Ich kann nicht schreiben, weil Körper und Geist so von ihm eingenommen sind, dass ich den nötigen Raum zum Schreiben nicht finde. Nicht in zwei Stunden Zeit, nicht in vier Stunden Zeit, oftmals nicht in acht Stunden Zeit. Ich brauche Tage, Wochen, in denen ich vergesse, dass ich ein Kind habe. Eine Residenz ohne Schuldgefühle.

In der Höhle der Tierärztin

Ich schaue immer häufiger zu der Uhr, die über dem Durchgang zu den Duschen hängt. Bis zur Essenszeit müssen wir noch fast eine halbe Stunde rumkriegen. A. strampelt sich durchs Wasser, sie versucht, die kleine Höhle zu erreichen, die sich unter dem Aufgang zur breiten Kinderrutsche befindet. Diese Höhle ist unser Zuhause und manchmal auch die Tierarztpraxis. Ich bin noch nicht sicher, ob wir gerade auf dem Heimweg sind oder mit einem Tier auf dem Weg zur Praxis, ich bin auch noch nicht sicher, wer von uns beiden jetzt die Tierärztin ist und ob wir gerade einen Frosch dabeihaben oder vielleicht eine Katze. Das Spiel macht mich müde, ich verliere manchmal den Faden, denn es passiert ja immer nur das: Wir sind zu Hause, wir müssen zur Tierärztin oder zum Tierarzt, wir müssen zurück nach Hause, wir müssen uns um den Frosch kümmern oder die Katze; zwischendurch fängt es immer mal wieder an zu regnen, darum müssen wir uns, wenn wir draußen sind, besonders beeilen. A. wirkt auch nicht so, als würde ihr das Spiel wirklich Spaß machen, aber alle Alternativvorschläge hat sie bislang abgelehnt: Die Rutsche gefällt ihr nicht, die Gegenstromanlage macht ihr Angst, für das Kleinkinderbecken ist sie noch nicht zu groß, aber doch schon zu wild, und vom Rand springen darf man hier sowieso nicht.
Irgendetwas habe ich nicht mitbekommen, A. wird wütend, sie sagt: Nein, du sollst doch das-und-das machen.
Mein Kopf schwirrt, wir spielen das jetzt bestimmt schon eine Stunde, und da reicht es mir und ich frage: Sag mal, meine Kleine, ist dir eigentlich langweilig?
Ein bisschen, sagt sie.
Ich muss lachen, A. schaut beleidigt.
Ich lache dich nicht aus, sage ich, ich finde nur lustig, dass uns beiden langweilig ist; was macht man denn, wenn einem langweilig ist?
Man geht auf ein Abenteuer, sagt A.
Ein Abenteuer, na gut, sage ich und überlege. Schau mal, da hinten ist noch eine große Rutsche, sollen wir uns die mal zusammen anschauen?
Hmm, nein, sagt sie und schaut weg.
Die ist wie ein langer Tunnel, sage ich, der geht ganz tief runter, in einen Berg, in einen Vulkan vielleicht, den können wir zusammen erforschen, da kannst du auch bei mir auf dem Schoß mitrutschen, und dann klettern wir den Berg wieder hoch, ich bin mal gespannt, welche Tiere wir da so treffen, sollen wir das mal probieren?
Jaaa, sagt sie, lacht und klammert sich an mir fest.
Ich gehe mit ihr durchs Becken zur Treppe und dann hoch zur Rutsche und bin froh, endlich dieser zermürbenden Endlosgeschichte um Frösche und Tierärztinnen entkommen zu sein. Ich hätte natürlich schon ahnen können, dass ich hier bloß eine Endlosgeschichte mit Fröschen gegen eine andere tausche. Immerhin sind es dieses Mal Vulkanfrösche.

Sieben unsichtbare Brüche

Vor ein paar Wochen bin ich Mutter geworden. Mit der Geburt meines Sohnes hat sich von einem Tag auf den anderen auch mein Schreiben verändert:
Schreibarbeit, die nur in Gedanken stattfindet, wenn das Kind zur Beruhigung an meinem kleinen Finger nuckelt. Wiederhole Sätze minutenlang, um sie nicht zu vergessen. Schließe die Augen, um mir den Satz vorzustellen. Gegen die Müdigkeit ankämpfen, einschlafen. Hochschrecken. Im Kopf nach dem Satz kramen, an den man so lange gedacht hat. Notieren? Später.
Fragmente, täglich ins Handy getippt, weil der Laptop im Bett beim Stillen zu unhandlich ist. Manchmal nur mit dem linken Zeigefinger. Kein Mut, die andere Hand auch noch wegzuziehen, wenn das Kind gerade darauf eingeschlafen ist. Also weniger Nebensätze, unkomplizierte Wörter. Die Großschreibung ist unwichtig geworden, Satzzeichen sind nicht länger von Bedeutung. Die Korrektur? Später.
Wenn dem Kind die Augen zufallen: Abwägen. Es können drei Minuten sein, oder dreißig. Oder drei Stunden. Da ist Hunger, da ist schmutzige Wäsche, da ist ein dreckiges Katzenklo. Schreiben? Später.
Dieser Text wird zusammengehalten durch sieben unsichtbare Brüche: Dreimal gestillt, einmal Windeln gewechselt, zweimal getröstet, einmal eingeschlafen. Ein Ganzes, scheint er, für alle anderen. Er zerfällt nur für mich.

Danksagung

Allein hätte ich diesen Text niemals schreiben können.
Ohne dich wäre ich bestimmt zu spät aufgestanden, zu spät ins Bett gegangen, die Zeit dazwischen vergeudet.
Ich würde seltener warm kochen, mich insgesamt weniger vollwertig und vitaminreich ernähren.
In den Coronatagen wäre mein Bauch noch dicker geworden und mein Rücken noch runder. So aber fingen die Morgen mit gemeinsamer Gymnastik an und gingen, als die Sportplätze wieder aufmachten, mit Fußball und Frisbee weiter.
Ohne dich wüsste ich höchstens vom Hörensagen, dass Berlin zwei Zoos hat, ich wäre nur zu Recherchezwecken im Technikmuseum gewesen und hätte Michel aus Lönneberga nie kennengelernt.
Dank dir habe ich meinen Vater in mir entdeckt, der sich nur durchsetzen konnte, indem er laut wurde und mit dem Gürtel drohte. Du hilfst mir, die Manipulationsmaschen meiner Mutter zu durchschauen. Seit es dich gibt, werde ich selbst erwachsen.
Als du sagtest, du würdest lieber vor mir sterben, um mich nicht alt werden zu sehen, da antwortete ich kategorisch: Nein. Ich zitierte König der Löwen, den Kreislauf des Lebens. Davor hatte ich insgeheim gehofft, die Ausnahme zu sein. Die, so Irmtraud Morgner, dem Tod ein Schnippchen schlägt.
Apropos: Weißt du, dass du mir das Leben gerettet hast? Eigentlich wollte ich der Hautärztin bloß dein Muttermal am Rücken zeigen, aber da ich schon mal da war, zeigte ich ihr auch meine eigenen. Das kleine schwarze muss sofort weg, sagte sie, und die Laboruntersuchung gab ihr recht.
Du kannst dich nicht in Luft auflösen. Damit müssen auch meine Auftraggeber leben. Ich kann mit dir nicht zu meinen Eltern oder Freunden auf die Couch ziehen, wenn mir das Geld ausgeht, deshalb kann ich auch keine unbezahlten Aufträge annehmen, tut mir leid.
Und seien wir ehrlich, ohne dich wäre der Roman auch noch nicht fertig. Aber du bist natürlich die allerbeste, glaubhafteste Ausrede.