in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch

Woher kommt er, dieser Kinderwunsch? Wann trat er zum ersten Mal auf? Ist er egoistisch, ein Mittel der Selbstverwirklichung? Oder eher ein Ring uns zu knechten in alle Ewigkeit? Kann man auch ohne ihn Kinder bekommen? Und wieso bleibt er – trotz allem – lebendig, dieser Wunsch? Oft auch nach dem ersten Kind? Unter anderem diesen Fragen stellen sich die Autor*innen Clemens Böckmann, Dmitrij Gawrisch, Barbara Peveling, Slata Roschal, Marina Skalova, Silke Sutcliffe, Laura Vogt, Julia Weber und Sebastian Weirauch in der vorliegenden Reihe. Mit einer Vielzahl von Perspektiven versperren sie sich jeglicher einfachen Antwort. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Leid und Glück von Elternschaft nicht rationalisierbar sind, nicht vermeidbar oder planbar. Sie treten immer überraschend auf.

Wovon wir träumen von Sebastian Weirauch
Wer sonst von Slata Roschal
Ei von Julia Weber
Doch warum nur gebären wir Kinder … von Clemens Böckmann
Ausgewandert von Silke Sutcliffe
Kinder & keine Kinder von Laura Vogt
Wenigstens keine Angst von Dmitrij Gawrisch
Traumsonde von Marina Skalova
wunschliste kinderkriegen. va te faire foutre von Barbara Peveling

Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen

„Ich bin auf einmal so verwundbar. … Als Wunde lassen sie mich gehen“ (Sylvia Plath: Drei Frauen). Die Diskrepanz zwischen Sorgearbeit und Schreiben ist nicht erst mit der Pandemie deutlich geworden, aber sie hat zugenommen, Eltern sind mehr als zuvor in unserer Gesellschaft auf sich selbst zurückgeworfen. Der Zerrissenheit ist zwischen Homeschooling und Homeoffice schwer zu entkommen. In dieser Reihe haben Linn Penelope Micklitz, Slata Roschal, Dimitrij Gawrisch, Eva Brunner, Clemens Boeckmann, Sibylla Vričić Hausmann und Barbara Peveling zu der Wunde geschrieben, die zwischen Sorgen und Schreiben entsteht. Zusammengestellt wurde die Reihe von Sibylla Vričić Hausmann und Barbara Peveling.

morphe von Linn Penelope Micklitz
Horkruxe von Slata Roschal
Spül wenigstens die Tasse von Dmitrij Gawrisch
Fallhöhe von Eva Brunner
Alles läuft von Clemens Böckmann
kein “turkey wattle carpet rolls” von Sibylla Vričić Hausmann
wund von Barbara Peveling

kein “turkey wattle carpet rolls”*

meine Wunde ist nicht offen. sie klafft nicht oder macht mit roter Signalfarbe auf sich aufmerksam. man sieht sie mir nicht sofort an. sie wirkt zahm. wie Rückenschmerzen, die steif machen und nur ganz bestimmte Bewegungen einschränken. meine Wunde gleicht einer Allergie oder Unverträglichkeit. lebe ich vorsichtig, darf ich sie manchmal vergessen. aber sie ist tückisch; sie wird mein Leben verkürzen. ich kann schreiben: meine Tochter gleicht einer goldenen Blume. nicht dem blonden Gold der Weihnachtsengel, sondern dem dunklen des Waldhonigs. Honig von dort, wohin nur Bienen fliegen. ich kann mit gutem Recht schreiben: ich habe zwei Kinder, schön wie Blumen. es tut weh, mich ihnen zuzuwenden.

* Sylvia Plath, „Cut“

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten

Weihnachten aus der Perspektive eines Kindes. Das klingt nach Vorfreude, schönster Freude, nach Unbeschwertheit und ein bisschen Magie. Der ungewöhnlich große Aufwand, den die Erwachsenen um das Fest betreiben, kann Kindern das tolle Gefühl geben, Teil von etwas Besonderem zu sein. Aber jeder Aufwand hat seinen Preis. Viele bekommen das zu spüren, zum Beispiel in Form harscher Kritik oder Strafen – bei Gefährdung des reibungslosen Ablaufs. Oder auch, wenn sie ein Elternteil nach überstandener Feier plötzlich schwach und unglücklich erleben müssen. Unter anderem daran erinnern die wunderbar-nachdenklichen Texte dieser Reihe von Eva Brunner, Dmitrij Gawrisch, Barbara Peveling, Silke Sutcliffe und Laura Vogt. Nein, nichts und niemand ist perfekt. Und es gibt auch Leute, die Weihnachten im Krieg verbringen. Danke, für diese wichtige Frage, liebes Kind! Die biblische Weinachtsgeschichte erzählt eine Geburt … Das Fest, es ist ein Fest der Kinder. Betrachten wir sie froh.

Eine Geschichte von Silke Sutcliffe
Echte Fichte von
Das letzte Geschenk von Laura Vogt
Unsere Kirche von Eva Brunner
der große bär von Barbara Peveling

„pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“

Im Nachlass des Dichters Paul Celan, der in diesem November 100 geworden wäre, findet sich das Gedicht „Für Eric“. Dem Sohn gewidmet, lässt Celan darin Bilder der Gewalt gegen Kinder – gegen sich selbst? –  und der Identifikation aufblitzen: „hält die Zeit sich die jähe / rebellische Waage // ganz wie du, mein Sohn, / meine mit dir pfeilende / Hand“. Wer verübt hier was an wem? Wer ist Kind, wer Vater? An der Textreihe, die diesem Gedicht gewidmet ist, beteiligten sich Eva Brunner, Dmitrij Gawrisch, Linn Penelope Micklitz, Selim Özdogan, Barbara Peveling und Sibylla Vricic Hausmann. Es geht in ihren Texten darum, wie sich Eltern in den eigenen Kindern wiedererkennen, wie sie sich selbst und wie sie ihr Kind behandeln (können). Ist es möglich, das Kind auch dort zu unterstützen, wo eigene Verletzungen verborgen sind? (Und nur darauf warten „vererbt“ zu werden?) Oder bleibt, wie Linn Penelope Micklitz schreibt, am Ende doch „alles beim alten“?

halbmond, stürzen von Linn Penelope Micklitz
Ganz wie du von Eva Brunner
Zusätzlicher Förderbedarf von Dmitrij Gawrisch
statu nascendi von Barbara Peveling
Verpass nichts von Selim Özdogan
meine mit dir seiende Hand von Sibylla Vričić Hausmann

meine mit dir seiende Hand

Du bist ganz. Wie du zum ersten Mal in meinem Arm liegst, mit deinem dichten Rückenflaum, fühle ich es. Du kennst Konzepte nicht wie Arroganz, Videobotschaften, Kaffeetrinken; deine Augen und Haare sind stumpf, das Dasein unterm Taglicht gibt ihnen irgendwann Glanz. Wie dunkel war es wohl unter meinem Magen? (Und auf dem Weg nach draußen? War das wie eine Dämmerung?) Ganz wie du subkutan spieltest und schliefst, ganz wie du mich in Atem hieltst, wiege ich dich jetzt ohne Not, decke dich mit fleischiger Mutterhand zu. (du hast schon eine Stimme, aber noch keinen Schrei.) Dein Vater ist rauchen. Auch er kam mir sehr lieblich und einleuchtend vor, als ich ihn erstmalig sah – glanz wie du.

Ein Beitrag aus der Reihe „pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“.

Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt

Menschen werden geboren. Menschen gebären. Warum klingt das Wort „gebären“ in unseren Ohren so vulgär? Nein, nein, das ist keine persönliche Marotte von uns! Kann doch kaum Zufall sein, dass Gynäkolog*innen, Hebammen, Bekannte fragen: „Und, wo lässt du entbinden?“ statt: „Wo willst du dein Kind gebären?“ Die krasse seelische und körperliche Arbeit, die eine Geburt ist, findet keinen adäquaten Ausdruck im Alltagsdiskurs. Sie ist ein Tabu, Anarchie. Macht- und Ohnmachtsspielchen ranken sich um sie. Eine Geburt ist mindestens so bahnbrechend, so metaphysisch, so voller Dornen und Blüten wie die ganz große romantische Liebe. Wir brauchen mehr literarische Texte zum Thema Geburt! Es ist in der Literatur unterrepräsentiert. Menschen, die geboren haben, sind im Autor*innenolymp unterrepräsentiert. Jesus (Christ Superstar), sagt man, gab seinen Leib und sein Blut für die Menschen, ist gestorben und nach drei Tagen wieder auferstanden. So wie jede Frau*, die gebärt. Was alles gehört zur Geburt? Erzählungen über das eigene Zur-Welt-Kommen. Die rastlosen Tage und Wochen davor, die Zeit danach. Ein Ausnahmezustand, der länger als nur ein paar Stunden dauert. Die erste Text-Reihe von Other Writers Need to Concentrate, in der sich unsere Autor*innen einem gemeinsamen Thema widmen, dreht sich um die Geburt. Um das, was daran „blau“ ist. Warum blau? Lest selbst!

vom aufblauen von Simone Scharbert
Geburt von Laura Vogt
Alles ist Körper … von Eva Brunner
Nach jeder Wehe … von Julia Weber
PoetinnenTreffen von Barbara Peveling
Dein erstes Geschenk … von Linn Penelope Micklitz