Das Alphabet des Brav-Seins

Dokumentation der Maternal Night zum Thema Brav-Sein

Am 15. Juni 2023 fand die erste „Maternal Night“ statt, das neue digitale Austauschtreffen der Other Writers zu einem festgelegten Thema, diesmal: „Brav-Sein“.

Bettina Wilpert und Sibylla Vričić Hausmann gaben ein Kurzreferat dazu, wie sie als Menschen und Schreibende dazu stehen, was sie von ihren Kindern erwarten – und ob sie vielleicht selbst manchmal zu brav sind, in ihrem Handeln, in ihren Texten. Danach fand eine gemeinsame Diskussion mit den zehn Teilnehmenden statt – nicht nur Netzwerkmitglieder, auch alle Gäst*innen sind zu diesen Treffen willkommen.

A

Autoritär: Weil so viele Denkweisen aus der autoritären Erziehung noch immer unreflektiert im Umlauf sind – „Kinder sollen die Erwachsenen im öffentlichen Raum nicht stören“, „Kleinkindern soll man nicht nachgeben, weil sie sonst immer mehr fordern“, „Kinder müssen zu gesellschaftsfähigen Menschen geformt werden“ und und und – ist es oft schwer, in der Beziehung zu Kindern die eigene Intuition zuzulassen und für falsch Befundenes zurückzuweisen. Dasselbe gilt dafür, wie sich Eltern, v.a. Mütter zu verhalten haben. Auch hier sind überkommene Vorstellungen noch sehr präsent und wirkmächtig. Die Frage ist doch: „Wie kann ich mein Kind nicht-autoritär erziehen und trotzdem das Gefühl haben, es gibt auch gewisse Grenzen, die das Kind nicht überschreiten darf?“

Autofiktionalität: Autofiktionale Texte sind ungehörig. (Bruch mit Milieu) – Autofiktionale Texte sind so en vogue, dass sie schon wieder brav sind.

B

Bedürfnisse: Um als Elternteil auch auf meine eigenen Bedürfnisse achten zu können, muss ich sie erst einmal kennen. Auch mein Kind soll seine Bedürfnisse kennen lernen.

Beruf: Die Entscheidung, Schriftsteller*in zu werden, ist an sich nicht brav, weil sie gegen die Konvention eines klassischen nine-to-five-Jobs verstößt.

Bindung: Ist die persönliche Bindung da (z.B. auch mit Schüler*innen in der Lehrer*innenposition), dann klappt es meist mit der Kooperation, auch bei vermeintlich schwierigen Fällen.

Brav-Sein als Kind: Ich war als Kind eher wild, aber irgendwann war ich dann doch eingenordet. – Ich war als Kind viel zu brav und bin dann mit 19 weggezogen.

Brave Mutter: Darf ich alleine wegfahren, feiern gehen, mein Kind anschreien, mein Kind verkatert betreuen?

Braver Vater: Bin ich ein braver Vater? Darf ich mir abends einen Drink machen, rauchen?

Brotjob: Jeden Morgen, als ich die Kinder zur Kita gebracht habe, war ich total neidisch, auf die, die nicht nach Hause zurück mussten, auf die, die irgendwo hingehen konnten, wo sie andere Leute getroffen haben.

D

Drinnen und Draußen: Zu Hause können die Kinder machen, was sie wollen, draußen gelten die Wünsche der anderen.

E

Eigene Erziehungserfahrung als Kind: Sie läuft bei Eltern innerlich immer mit.

Essen: Ich mag einfach nicht, wenn mein Kind beim Essen herumläuft, auch wenn ich mir immer wieder sage, dass es noch klein ist/ADHS hat.

Ehrgeiz (z.B. als Wissenschaftler*in, Künstler*in) ist eine Form der Bravheit (vgl. Arno Gruen, Der Fremde in uns: „Ehrgeiz ist wohl der am besten verhüllte Auswuchs des Gehorsams. Verhüllt deshalb, weil der Unterworfene sich als autonom erlebt, da er glaubt, eigene Ziele zu verwirklichen.“ Doch sind diese Ziele nach Gruen nicht autonom, sondern gehorchen unserer „auf Erfolg und Leistung ausgelegten Kultur: Ehrgeiz und Leistung, das Schaffen von Größe als Selbstzweck. Erfolg und Leistung beeindrucken natürlich, deshalb wird auch nicht sichtbar, dass sie dem Destruktiven dienen.“)

Elternschaft: Elternschaft ist im Literaturbetrieb nicht erwartet. Allein, dass ich über Elternschaft schreibe, kommt mir manchmal verboten vor. Ich denke: „Wen interessiert denn das?“

Erlebnisse: Inwiefern dürfen persönliche Erlebnisse im Schreiben Platz haben? Inwiefern trifft man Leute aus dem Umfeld damit oder stellt sie dar? Inwiefern darf ich das? s. „Autofiktionalität“

Erwartungen: Brav-Sein – als Wort spielte es weder in meiner eigenen Erziehung noch jetzt gegenüber der Kinder eine Rolle. Jedoch sind andere Worte für eine ähnliche Sache sehr wohl da: Erwartung, Konvention und diese ggf. zu brechen.

F

Figuren: Die jugendlichen Figuren in meinen Romanen sind niemals brav. Was gäbe es dann schon zu erzählen?

Funktionieren: Man darf halt nicht ganz aus dem Raster fallen. Der Druck, dass die eigenen Kinder und man selbst in der Betreuungs-/Erziehungsperformance außen gestellten Erwartungen entspricht ist riesig. Gesellschaftliche Ächtung ist schließlich das Schlimmste, was Menschen passieren kann.

Frankreich: Kinder werden mehr in der Kollektivität erzogen, wie in der DDR, nur ohne Ideologie – es wird sehr viel Druck auf sie ausgeübt.

G

Geschwister: Wie „brav“ eine erwachsene Person, auch als Elternteil und beruflich ist, liegt u.a. an Faktoren, die man selbst gar nicht beeinflussen kann. Ganz oben wären da Geschwisterreihenfolge, aber auch Geschlecht, Einstellung der Eltern, usw. zu nennen.

Gesellschaft: Mein Stress war ein „Mehr-Brav-Sein-zu-wollen“, aus der Angst vor den negativen Konsequenzen in Form von Ausschluss aus Gruppen oder der Gesellschaft. s. „Funktionieren“

Grenzen: Anderen Grenzen zu setzen ist die größte Herausforderung in meinem Leben. s. „Bedürfnisse“ und „Autoritär“

K

Kompromisse: In meinem Schreiben bin ich kompromisslos. Ich versuche, mich, Schreibregeln, Genres zu entwinden. Absichtlich kein Show-don’t-tell zu machen, absichtlich keinen Roman zu schreiben.

Körperarbeit: Beim Mutterwerden geht es auch um viel Körperarbeit, neben der emotionalen Arbeit. Ich glaube, dass es oft noch als „Frauenliteratur“ abgetan wird, wenn jemand über etwas Körperliches schreibt.

L

Literaturbetrieb: Brave Texte will niemand. – Ich würde mir weniger Bravheit auf der Bühne wünschen, mehr unterminierte Wettbewerbe, Autor*innen, die ihre Preise teilen und sich nicht von einer Jury still und artig bewerten lassen wollen. – Ich will meine Enttäuschung nicht runter schlucken müssen, wenn ich einen Preis nicht bekommen habe. – Es gibt eine positive Entwicklung hin zu weniger Bravheit gegenüber den Mächtigen im Betrieb.

P

Pubertät: Das Bild, dass brave Jugendliche ein Problem haben, ist auch falsch. Manchmal ist es einfach schön, dass sie bei sich bleiben, vielleicht bereits abgegrenzt genug sind und ihre Rebellion nicht durch z.B. exzessives Feiern oder so ausdrücken müssen.

R

Regeln: Wenn Regeln sinnvoll und nachvollziehbar sind, dann verlangt es nicht unbedingt Bravheit, ihnen zu folgen.

S

Schuldgefühle: Sie sind das Schlimmste!

Sicherheit: Gegen Regeln verstoßen, nicht-Brav-Sein und widersprechen, sind auch ein Zeichen dafür, dass ein Kind sich sicher fühlt. s. „Pubertät“

Sichtbarkeit: Ich habe meine Hauptabrechnung bekommen und war schockiert, weil es so wenig war – weil ich nicht sichtbar bin.

Spaß: Das „brave Schreiben“, das man mir in der Schule beibrachte, zu durchbrechen, macht mir großen Spaß.

Still sitzen: s. „Essen“

U

Überforderung: Kinder müssen brav sein, wenn man als Eltern/Betreuungsperson überfordert ist, weil ein Mangel an Nerven, Zeit, Schlaf oder anderen Ressourcen herrscht.

V

Verantwortliches Schreiben: Was kann ich über nahe Personen preisgeben in meinen Texten? s. „Autofiktionalität“

W

W-Fragen: Der Druck, die richtigen Entscheidungen zu treffen, über was man wann wie wo schreibt, ist groß. Die Erwartungen sind hoch. Durch die offene Form des Autor*innenberufs können die Erwartungen immer weiter hochgeschraubt werden.

Was ist aber dann überhaupt „nicht brav“? Wenn alles Kritische eh „reingeholt“, eingepasst und letztlich marktfähig gemacht wird? Einfach ganz bei sich zu sein? Nichts zu machen? Das kann es auch nicht sein. s. „Autofiktionalität“

 

Other Writers trifft Café Entropy: Sibylla Vričić Hausmann, Leipzig

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

In dieser Hinsicht recht unreif, liebe ich die süßen Verführungen der Cafés. Eis, Kuchen, Waffeln, Palatschinken – letztes Jahr im Spreewald habe ich Hefeplinsen entdeckt. Ein Traum! (Ein beliebter Ausspruch von E.s ehemaliger
Grundschullehrerin, der mir wohl für immer im Kopf herumgeistern wird, um meinen Tinnitus zu übertönen … im Traum, im Traum!) Von daher passen meine Kinder und ich, was Cafés angeht, gut zusammen. Meist würde ich zwar, in ihrem Beisein, gerne noch etwas länger am Cafétisch ausharren als sie. Doch entspannt alleine dasitzen und stundenlang lesen oder arbeiten: Das klappt bei mir auch nicht. Dafür strengen mich öffentliche Räume zu sehr an.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind / Kinder hast?

Vielleicht könnte man sagen, dass mir durch das Kinderhaben bewusster geworden ist, was es heißt, sein Geld mit einem Knochenjob zu verdienen. Servicekraft im Café gehört definitiv zu den Knochenjobs. In der Mutterrolle in Cafés gehen gefällt mir, weil ich mich dann in der Service-Kette nicht ganz am oberen, nutznießenden Ende befinde. Immerhin kümmere ich mich noch um meine Kinder – da bin ich weniger beschämt. Denn Bezahlen gilt, finde ich, nur bedingt.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?

Wir bekommen mehr allgemeine Aufmerksamkeit, verbrauchen mehr Servietten, ich muss über Softdrinks diskutieren und mich manchmal für einen Rest Eis oder Kuchen hergeben. Wenn ich mir nur einen Espresso geleistet habe, freut mich das natürlich.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

 

Same Work But Different: Sibylla Vričić Hausmann

Welchen Einfluss hatte deine Mutterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Sibylla Vričić Hausmann: Mal hemmt sie mich, mal hilft sie mir, immer strukturiert sie meine Abläufe mit. Eine kurzfristig bestehende schöne Balance zwischen Schreibzeit und Freizeit mit meiner Tochter im Sommer hat dazu geführt, dass ich das Buch 2022 fertig bekommen habe.

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?
Sibylla Vričić Hausmann: Ich habe die Bücher auf der Frankfurter Buchmesse von meiner Verlegerin persönlich überreicht bekommen.

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert? Wenn ja, wie?
Sibylla Vričić Hausmann: Ich habe mir ein Stück Frankfurter Kranz gekauft.

Wenn dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?
Sibylla Vričić Hausmann: Es geht darum, wie das innere Kind mit seiner Wut fertig werden kann.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?
Sibylla Vričić Hausmann: Der Vergleich ist stimmig, allerdings entwickelt sich ein Buch nach seinem Erscheinen nicht mehr weiter. Es ist eben kein Lebewesen.

Sibylla Vričić Hausmanns Gedichtband meine Faust erschien im Oktober 2022 bei kookbooks.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (II)

Liebe Martina,

ich habe mich so gefreut, deinen Brief zu erhalten! Ich schätze deine eher positive, optimistische Perspektive auf das Care-Thema sehr und finde es wichtig, dass wir uns hier im Blog über gelungene Modelle der schriftstellerischen Mutterschaft oder des mütterlichen Schriftstellerinnentums austauschen. (Du siehst schon, mir fällt es auch schwer, die richtige Bezeichnung zu finden. Am liebsten mag ich momentan die offene englische Wendung „Writing with Care“.) Das ist es ja, worum es am Ende geht. Zu zeigen, dass Kinder aufziehen und künstlerisch arbeiten sich nicht gegenseitig verbieten, sondern dass diese Kombination verbreitet ist und zudem wunderschön und konstruktiv sein kann. Für Personen jeglichen Geschlechts. Dass das aber durch äußere Strukturen wahrgenommen, unterstützt und gefördert werden muss. Das Lebensglück von vielen kleinen und großen Menschen hängt schließlich daran. Dass deine Kinder dir sagen, sie hatten eine glückliche Kindheit, ist wunderbar! Ein größeres, tolleres Kompliment kann ich mir als Mutter (oder Elternteil) kaum vorstellen. Und auch du hast dich selbst „glücklich“ gemacht, indem du die Kunst parallel zur Mutterschaft mit vollem Ernst betrieben hast. Natürlich wäre es auch für die Kinder falsch gewesen, hättest du dir „ihnen zuliebe“, einer vermeintlichen „Stabilität“ zuliebe, einen Job gesucht. Es wäre falsch gewesen, weil es dir dann schlecht gegangen wäre. Bei mir selbst fällt mir ja immer wieder auf, wieviel zugewandter und kreativer ich im Umgang mit meinen Kindern bin, wenn es mir gut geht.

„Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (II)“ weiterlesen

Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis

Franz Kafkas „Brief an den Vater“ zeigt beispielhaft, wie komplex und prägend Vaterbeziehungen sein können. Konflikte wie auch Gemeinsamkeiten zwischen Vätern und Kindern, scheint es, bleiben oft unausgesprochen. (Kafka jedenfalls hat seinen Brief nie abgeschickt.) Drohen Vater-Erinnerungen ungeteilt zu versinken? Siegt das Schweigen, das Verstummen? In ihrem ersten gemeinsamen Schreibprojekt prüfen die Autor*innen des Réseau des Autrices und von Other Writers Need to Concentrate den Vater auf Herz und Nieren. Über sprachliche und andere Grenzen hinweg. Denn am Ende kommt es auf sie an, auf die Väter. Auf die alten Väter, die unsere Leben begleite(te)n – oder nicht. Auf die jungen, mit denen wir unsere Kinder aufziehen – oder nicht. Auf die Väter, die wir lieben, und die Väter, die wir sind.

Mein lieber Papa, Papa P. B. von Marie-Pierre Bonniol
Lieber Papa von
Papa von Cécile Calla
Baba von Alexandra Ivanova
Robertsong von Ann Gaspe
Lieber Papa von Eva Brunner
Erlaubnis von Ana Cazor
Brief über keinen Vater von Janin Wölke
An jenem Abend von Julie Degaumin
Lieber Vater von Kerstin Campbell
Brief an meinen Vater von Laurence ErmacoVa
Lieber Papa von Marylise Dumont
Auch gestern war einer, wo ich noch nicht war, was ich bereits sein sollte von Clemens Böckmann
Brief an meinen Vater von Laure Zehnacker
Lieber Vater von Lorenz Just
Lieber Du von Dorothée Fraleux

in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch

Woher kommt er, dieser Kinderwunsch? Wann trat er zum ersten Mal auf? Ist er egoistisch, ein Mittel der Selbstverwirklichung? Oder eher ein Ring uns zu knechten in alle Ewigkeit? Kann man auch ohne ihn Kinder bekommen? Und wieso bleibt er – trotz allem – lebendig, dieser Wunsch? Oft auch nach dem ersten Kind? Unter anderem diesen Fragen stellen sich die Autor*innen Clemens Böckmann, Dmitrij Gawrisch, Barbara Peveling, Slata Roschal, Marina Skalova, Silke Sutcliffe, Laura Vogt, Julia Weber und Sebastian Weirauch in der vorliegenden Reihe. Mit einer Vielzahl von Perspektiven versperren sie sich jeglicher einfachen Antwort. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Leid und Glück von Elternschaft nicht rationalisierbar sind, nicht vermeidbar oder planbar. Sie treten immer überraschend auf.

Wovon wir träumen von Sebastian Weirauch
Wer sonst von Slata Roschal
Ei von Julia Weber
Doch warum nur gebären wir Kinder … von Clemens Böckmann
Ausgewandert von Silke Sutcliffe
Kinder & keine Kinder von Laura Vogt
Wenigstens keine Angst von Dmitrij Gawrisch
Traumsonde von Marina Skalova
wunschliste kinderkriegen. va te faire foutre von Barbara Peveling

Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen

„Ich bin auf einmal so verwundbar. … Als Wunde lassen sie mich gehen“ (Sylvia Plath: Drei Frauen). Die Diskrepanz zwischen Sorgearbeit und Schreiben ist nicht erst mit der Pandemie deutlich geworden, aber sie hat zugenommen, Eltern sind mehr als zuvor in unserer Gesellschaft auf sich selbst zurückgeworfen. Der Zerrissenheit ist zwischen Homeschooling und Homeoffice schwer zu entkommen. In dieser Reihe haben Linn Penelope Micklitz, Slata Roschal, Dimitrij Gawrisch, Eva Brunner, Clemens Boeckmann, Sibylla Vričić Hausmann und Barbara Peveling zu der Wunde geschrieben, die zwischen Sorgen und Schreiben entsteht. Zusammengestellt wurde die Reihe von Sibylla Vričić Hausmann und Barbara Peveling.

morphe von Linn Penelope Micklitz
Horkruxe von Slata Roschal
Spül wenigstens die Tasse von Dmitrij Gawrisch
Fallhöhe von Eva Brunner
Alles läuft von Clemens Böckmann
kein “turkey wattle carpet rolls” von Sibylla Vričić Hausmann
wund von Barbara Peveling

kein “turkey wattle carpet rolls”*

meine Wunde ist nicht offen. sie klafft nicht oder macht mit roter Signalfarbe auf sich aufmerksam. man sieht sie mir nicht sofort an. sie wirkt zahm. wie Rückenschmerzen, die steif machen und nur ganz bestimmte Bewegungen einschränken. meine Wunde gleicht einer Allergie oder Unverträglichkeit. lebe ich vorsichtig, darf ich sie manchmal vergessen. aber sie ist tückisch; sie wird mein Leben verkürzen. ich kann schreiben: meine Tochter gleicht einer goldenen Blume. nicht dem blonden Gold der Weihnachtsengel, sondern dem dunklen des Waldhonigs. Honig von dort, wohin nur Bienen fliegen. ich kann mit gutem Recht schreiben: ich habe zwei Kinder, schön wie Blumen. es tut weh, mich ihnen zuzuwenden.

* Sylvia Plath, „Cut“

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten

Weihnachten aus der Perspektive eines Kindes. Das klingt nach Vorfreude, schönster Freude, nach Unbeschwertheit und ein bisschen Magie. Der ungewöhnlich große Aufwand, den die Erwachsenen um das Fest betreiben, kann Kindern das tolle Gefühl geben, Teil von etwas Besonderem zu sein. Aber jeder Aufwand hat seinen Preis. Viele bekommen das zu spüren, zum Beispiel in Form harscher Kritik oder Strafen – bei Gefährdung des reibungslosen Ablaufs. Oder auch, wenn sie ein Elternteil nach überstandener Feier plötzlich schwach und unglücklich erleben müssen. Unter anderem daran erinnern die wunderbar-nachdenklichen Texte dieser Reihe von Eva Brunner, Dmitrij Gawrisch, Barbara Peveling, Silke Sutcliffe und Laura Vogt. Nein, nichts und niemand ist perfekt. Und es gibt auch Leute, die Weihnachten im Krieg verbringen. Danke, für diese wichtige Frage, liebes Kind! Die biblische Weinachtsgeschichte erzählt eine Geburt … Das Fest, es ist ein Fest der Kinder. Betrachten wir sie froh.

Eine Geschichte von Silke Sutcliffe
Echte Fichte von
Das letzte Geschenk von Laura Vogt
Unsere Kirche von Eva Brunner
der große bär von Barbara Peveling

„pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“

Im Nachlass des Dichters Paul Celan, der in diesem November 100 geworden wäre, findet sich das Gedicht „Für Eric“. Dem Sohn gewidmet, lässt Celan darin Bilder der Gewalt gegen Kinder – gegen sich selbst? –  und der Identifikation aufblitzen: „hält die Zeit sich die jähe / rebellische Waage // ganz wie du, mein Sohn, / meine mit dir pfeilende / Hand“. Wer verübt hier was an wem? Wer ist Kind, wer Vater? An der Textreihe, die diesem Gedicht gewidmet ist, beteiligten sich Eva Brunner, Dmitrij Gawrisch, Linn Penelope Micklitz, Selim Özdogan, Barbara Peveling und Sibylla Vricic Hausmann. Es geht in ihren Texten darum, wie sich Eltern in den eigenen Kindern wiedererkennen, wie sie sich selbst und wie sie ihr Kind behandeln (können). Ist es möglich, das Kind auch dort zu unterstützen, wo eigene Verletzungen verborgen sind? (Und nur darauf warten „vererbt“ zu werden?) Oder bleibt, wie Linn Penelope Micklitz schreibt, am Ende doch „alles beim alten“?

halbmond, stürzen von Linn Penelope Micklitz
Ganz wie du von Eva Brunner
Zusätzlicher Förderbedarf von Dmitrij Gawrisch
statu nascendi von Barbara Peveling
Verpass nichts von Selim Özdogan
meine mit dir seiende Hand von Sibylla Vričić Hausmann