Traum I

Anne träumt: Wie jeden Nachmittag fährt sie durch den Park. Matsch spritzt gegen ihre Waden, das Wasser saugt sich in die Strumpfhose. Sie will schneller treten, aber der Anhänger ist schwer. Es ist heute ungewöhnlich still darin, vielleicht ist im Kindergarten wieder etwas vorgefallen. Seit Liam auf der Welt ist, beißt Junis die anderen Kinder. Sie hatte keine Zeit, um mit Junis‘ Erzieherin zu reden, und eigentlich will sie diese Geschichten auch nicht jeden Tag hören.
Vor der Postfiliale lehnt Anne das Rad an einen Metallbügel.
„Passt du auf Liam auf?“, sagt sie über die Schulter. „Ich bin gleich wieder da.“
Junis schaut sie nicht an, nickt aber. An der Glastür dreht Anne sich noch mal um.
„Es geht ganz schnell“, ruft sie Junis zu. „Nicht aussteigen, okay?“
Aber die Frau, die vor ihr an der Reihe ist, muss erst ihren Ausweis finden, und dann muss der Postbeamte das Paket finden. Anne macht einen Schritt zurück, einen Schritt nach vorn, stellt sich auf die Zehenspitzen. Von hier aus sind weder Fahrrad noch Anhänger zu erkennen.
Anne knallt den Abholschein regelrecht auf die Theke, und als sie endlich wieder draußen steht, lässt sie das Paket beinahe fallen. Ihr Fahrrad ist noch da, der Anhänger aber ist weg, und mit ihm sind auch Junis und Liam verschwunden. Anne schaut nach links und nach rechts, rennt zur nächsten Straßenecke, schreit zwei Grundschüler an, die sich merkwürdig langsam bewegen und eine andere Sprache sprechen. Zumindest verstehen sie Annes Worte nicht.
Als Anne wieder vor der Postfiliale steht, spürt sie die Aufregung langsam schwinden. Wen vermisse ich eigentlich, fragt sie sich, Liam? Oder Lion? Junis? Julian? Jonathan? Während sie dann durch den Berufsverkehr radelt, verblassen auch die Gesichter der beiden. Das Fahrrad lässt sich jetzt viel leichter treten, und Anne ist schnell im Hof. Sie steigt in die zweite Etage und betritt eine Ein-Raum-Wohnung, die sie nicht kennt und die doch ihr gehört. Sie stopft die nasse Strumpfhose in die Waschmaschine und kocht einen Tee. Schlägt ein Buch auf, isst ein Brot. Ruft ihre Mutter an, telefoniert mit einer Freundin. Erst sehr spät am Abend, als sie im Bett liegt und nicht einschlafen kann, wacht sie auf.

Wenn ich Mama …

… Siebenschläfer wäre, hätte ich immer gute Laune. Ich fände es lustig, wenn mir die Kinder beim Saubermachen den Staubsauger ausschalten oder wenn sie im Supermarkt so sehr freidrehen, dass ein Warenberg einstürzt. Wenn ich Mama Siebenschläfer wäre, würde ich die Kuscheltiere meiner Kinder nirgendwo versehentlich liegenlassen, und wenn mein Mann kurz vorm Abendbrot aus dem Büro kommt, würde ich mit weicher Stimme „Hallo, mein Liebling“ sagen und ihn küssen.
Wenn ich Mama Siebenschläfer wäre, hätte ich allerdings auch nur ein Kind. Ich fürchte aber, dass das keinen Unterschied macht. Ich fürchte, Mama Siebenschläfer hat noch nie die Zeit zusammengerechnet, die sie mit Bobo verbringt. Wenn sie vorliest oder spielt oder kocht, denkt sie niemals: Ich will das nicht. Ich will jetzt allein sein, ich will schreiben.
Gerade schreibe ich gar nichts, weil die Kindergärten geschlossen und die Kinder zu Hause sind. Der Große kann sich noch immer nur schwer allein beschäftigen, und damit wir nicht wahnsinnig werden, geben wir ihm zu oft das Tablet, auf dem er dann Bobo Siebenschläfer schaut. Ich frage mich, wie lange der Ausnahmezustand anhalten muss, bis ihm der Unterschied zwischen der Siebenschläfer-Mama und der echten Mama aufgeht. Vor zwei Tagen hat er mich schon gefragt, warum ich so schlechte Laune habe. Ich habe kurz überlegt, wie Mama Siebenschläfer in einem solchen Fall reagieren würde. Ziemlich schnell ist mir aufgegangen, dass sie höchstens lachen und Bobo in die Luft werfen könnte, weil sie als Figur nur über einen geringen Handlungsspielraum verfügt. Ich kann mich immerhin hinsetzen und mit dem Großen über Gefühle reden, über seine und über meine, auch wenn die manchmal sehr negativ sind.