Rarely Asked Questions: Maria-Christina Piwowarski

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Maria-Christina Piwowarski: Mutterschaft und autofiktionales Schreiben – das ist seit einiger Zeit meine liebste literarische Kombination. Ein Schreiben, das ohne die Krücke der Fiktion auskommt, das aus dem persönlichen (Er)Leben erzählt und trotzdem eindeutig Literatur ist. Hier sind beeindruckende Texte übers Eltern- und vor allem übers Muttersein zu finden, die erfreulich oft auch die (Un)Vereinbarkeit von Kindern und dem Literaturbetrieb thematisieren.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Maria-Christina Piwowarski: So wie Männer meines Erachtens nach grundsätzlich vor weniger gesellschaftlichen Problemen stehen, wenn sie sich öffentlich äußern, also angreifbar machen – ja. Zumindest erlebe ich, dass der Rechtfertigungsdruck bei schreibenden Müttern ganz andere Dimensionen annimmt. Nicht nur die Frage, wo denn das arme Kind während einer abendlichen Lesung sei, müssen wohl mehr Mütter als Väter beantworten. Es herrscht auch immer noch das Vorurteil, schreibende Mütter würden damit ein wenig Selbstfindung während ihrer Elternzeit betreiben. Während schreibende Väter ja in bester Tradition ihr Genie beweisen. Es sind mittlerweile ganze Anthologien darüber erschienen, in denen Schriftstellerinnen berichten, welche Hürden sie überwinden müssen, um ihre Arbeit zu tun – gerade weil sie vielleicht so hürdenlos erscheint. Schriftstellerinnen, die ebenfalls Mütter sind, bekommen hier noch einmal extra Gegenwind. Während man sich bei schreibenden Vätern maximal Gedanken macht, ob sie denn hoffentlich ein abschließbares Arbeitszimmer haben und möglichst wenig gestört werden, wird schreibenden Müttern noch immer noch gern die literarische Relevanz abgesprochen.

Hast Du Dich aufgrund Deiner Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Maria-Christina Piwowarski: Als Buchhändlerin muss ich sagen, dass ich auch den kompletten Einzelhandel enorm familienunfreundlich finde. Der Literaturbetrieb hört ja nicht an den Verlagstüren auf. Nur wegen meiner grandios verständnisvollen Kolleg*innen konnte ich zum Beispiel viele Frühschichten machen und dann pünktlich zum Ende von Kita und Hort zu Hause sein. Wenn Kita und Schule geschlossen hatten und ich die Kinder mit zur Arbeit bringen konnte, war ich meistens dankbar, dass das überhaupt geht. Wobei … diese beschissene Dankbarkeit ist vielleicht eher ein Dilemma. Egal wo, im Café, in der Warteschlange, wenn man seine Kinder mitnimmt, um seinen Job zu tun – da ist immer dieser Drang, sich für vermeintlich störende Kinder zu entschuldigen, dieser elterliche Druck, keine besonderen Umstände zu machen und der besonders mütterliche Druck, auf keinen Fall über diese Mehrbelastung zu klagen. Jahrelang waren alle Abendtermine, alle Lesungen und Veranstaltungen ein enormer familiärer Balanceakt, obwohl ich beim zweiten Kind nicht mehr alleinerziehend war. Und dann die Pandemie! Was für ein Desaster für alle Eltern! Geblieben ist mir davon, dass ich darüber reden will. Dass ich es leid bin, mich für alles dreimal so sehr anstrengen und zerteilen zu müssen, und jahrelang dachte, ich dürfte nicht darüber sprechen, wie unendlich zehrend das Elternsein ist, weil ich die Kinder ja selbst wollte. (Der Dank für diese Erkenntnis geht übrigens an Mareice Kaiser und ihr Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“.) Die große Befreiung kommt für mich zu spät. Ich bin von außen nicht mehr zwangsläufig und sofort als Mutter erkennbar. Ich bin sogar manchmal regelrecht frei in meiner Zeiteinteilung, unsere Kinder kommen auch mal einen Nachmittag allein zurecht. Aber die Solidarität bleibt. Und das Interesse. Und die Forderung nach echter gesellschaftlicher Unterstützung für Eltern.

Maria-Christina Piwowarski leitet seit 2015 die Buchhandlung ocelot. Ihre Kinder kamen 2003 und 2010 zur Welt.

Traum III

Anne träumt: Sie schließt das Fahrrad vor dem Kindergarten an, ausnahmsweise ist sie nicht verschwitzt. Ausnahmsweise konnte sie das Büro zeitig verlassen, auf dem Weg hat sie sogar noch Brötchen gekauft.
Obwohl die Sonne scheint, sind die Kinder heute nicht im Hof. Anne steigt die Stufen nach oben. Schon von draußen hört sie, wie laut es im Innern ist. Sie müssen mehr rausgehen mit den Kindern, denkt sie, warum gehen sie mit ihnen nicht raus? Als sie die Tür öffnet, sieht sie einen Schatten ins Spätdienstzimmer huschen. Sie folgt dem Schatten, folgt dem Lärm. Auf der Schwelle des Spätdienstzimmers bleibt sie stehen: Der Raum ist voller Tiere. Kleine Affen, kleine Bären, kleine Löwen springen an ihr hoch, einer zieht einen Faden aus ihrer Strumpfhose, ein anderer fingert ein Käsebrötchen aus ihrem Rucksack. Anne weiß nicht, woran sie Liam und Junis erkennt. Es besteht aber kein Zweifel, dass es sich bei einem Tiger um Junis handelt, und Liam ist eine kleine Katze. Sie lockt die beiden mit Brötchen auf ihren Arm, die Krallen schneiden ihr schmerzhaft in die Haut.
Draußen setzt sie die zwei Tiere in den Anhänger, der sich in einen Käfig verwandelt hat. Der Käfig ist erschreckend schwer, und während sie durch den Park nach Hause radelt, gerät sie doch noch ins Schwitzen. Was Daniel wohl sagen wird, wenn er am Abend nach Hause kommt? Dass Junis‘ Fell sehr wertvoll ist? Dass sie Liams Krallen kürzen müssen? Dass sie, Anne, endlich strenger sein muss?
Sie schiebt das Fahrrad in den Hof und jagt die zwei Tiere durchs Treppenhaus in die Wohnung. Auch das Kinderzimmer ist ein Käfig, und als Junis und Liam drin sind, schlägt Anne schnell das Gitter zu. Im Kühlschrank findet sie einen Klumpen rohen Fleisches, von dem sie zwei dicke Scheiben abschneidet. Das Fleisch ist eiskalt, und Anne ist, als würden ihre Finger daran festkleben. Ihr ist, als könnte sie die Finger nie wieder davon lösen.

Rarely Asked Questions: Moritz Malsch

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Moritz Malsch: Eltern sind quantitativ und qualitativ eine gesellschaftlich relevante Gruppe. Mit unseren Elternentscheidungen prägen wir im Guten wie im Schlechten Menschen, die zum Teil das 22. Jahrhundert erleben werden. Und: Wir sind viele! Immer noch. Jede gesellschaftlich relevante Gruppe ist auch literarisch relevant, wenn man voraussetzt, dass in Literatur Gesellschaft verhandelt wird. Nebenbemerkung: Was Elternschaft für mich zu einer interessanten Erfahrung gemacht hat, ist das Hundertprozentige daran. Das Baby duldet keinen Aufschub seiner Bedürfnisse, egal ob nachts um 3 oder während einer Videokonferenz mit der Bundeskanzlerin. In einer ultravernetzten Multitasking-Welt ist das eine unerhörte Erfahrung. Aber auch eine dezidiert unliterarische. Am Wickeltisch stehend, habe ich noch nie über Literatur nachgedacht.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
Moritz Malsch: Frauen haben es seit Jahrzehnten zu recht aktiv in die Hand genommen, ihre Rollen neu zu definieren. Zwar herrscht noch lange keine Gender-Gerechtigkeit, aber wenigstens reden wir über das Problem. Eine Neudefinition der Frauenrollen bedingt aber zwangsläufig auch eine Neudefinition der Männerrollen. Und Männer haben sich demgegenüber, wo nicht ablehnend, doch eher abwartend, passiv und verunsichert gezeigt. Ich bin überzeugt, dass es inzwischen genügend „anwesende“ Väter gibt, aber sie sind (noch) nicht wirklich gesellschaftlich sichtbar. Insofern wäre Vaterschaft literarisch vielleicht sogar das interessantere Thema? Mich hat übrigens noch nie jemand gefragt, wie ich Beruf und Familie unter einen Hut kriege. Danke, dass Ihr es in gewisser Weise getan habt!

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Moritz Malsch: Ob der Literaturbetrieb für mich familienfreundlich ist oder nicht, hängt von meiner Position darin ab. Let’s talk about class. Im Literaturbereich arbeiten sehr viele freiberuflich, und das aus einem oft beengten Zuhause. Die Einkommenslage ist prekär. Wie soll das mit Familie gehen? Als ich noch verhältnismäßig erfolgreich als freier Lektor arbeitete, hatte ich immer genug Aufträge und konnte meinen Lebensunterhalt bestreiten, aber für eine Familie oder den Erwerb ausreichender Rentenpunkte hätte es nicht gereicht. Es ist jedenfalls keine Lösung, bei Veranstaltungen Kinderbetreuung oder bei Residenzen eine größere Wohnung zur Verfügung zu stellen. Als wenn Kinder so eine Art Verschiebemasse wären. Autor*innen und Übersetzer*innen müssen genügend verdienen, dann organisieren sie sich ihre*n Babysitter*in schon selbst.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Habt Ihr ein Zelt für uns?
Moritz Malsch: Ich empfehle als Zelt das vom Netzwerk freie Literaturszene Berlin vorgeschlagene Modell des Tandem-Stipendiums: Fünf Jahre sozialversicherungspflichtig im Literaturbereich beschäftigt, die Hälfte des Tages freigestellt fürs Schreiben. Dann ist diese Art von prekärem Stipendientourismus nicht mehr nötig.

Moritz Malsch, Mitgründer und seit 2016 auch Mitarbeiter des Literaturhauses Lettrétage, Vorsitzender des Netzwerks freie Literaturszene Berlin e. V. und der Anna-Seghers-Stiftung, Mitinitiator des Branchentreffs Literatur im Projekt „schreiben&leben“, der vom 18. bis 20.6.2021 unter dem Motto „Vor-care-ungen – Freiberuflich mit Zukunft“ stattfindet. Vater von zwei Kindern der Jahrgänge 2015 und 2020.

Traum II

Anne träumt: Sie öffnet den Kühlschrank, holt Käse, Salami, Tomaten heraus. Im Kinderzimmer surrt schon wieder das ferngesteuerte Auto, Anne hasst dieses Geräusch. Als sie die Butterdose auf den Tisch stellt, rutscht der Deckel herunter. Er fällt auf den Stuhl und von dort auf die Fliesen, und es ist seltsam leise, wie er in drei fast gleich große Teile zerbricht.
Anne will sich bücken, verschiebt es aber auf später. Stattdessen nimmt sie das Brot.
„Ich“, hört sie Liam im Kinderzimmer sagen.
„Kriegst du aber nicht“, sagt Junis.
„Ich“, beharrt Liam.
„Noch eine Minute“, ruft Anne. „Dann kriegt Liam die Fernbedienung. Alles klar, Junis?“
Im Kinderzimmer knallt etwas, Liam schreit, und Anne rutscht mit dem Brotmesser ab. Der Schnitt ist tief, tut aber nicht weh. Blut tropft auf das Brett, Anne wischt es mit dem Ärmel weg. Sie schneidet weiter, wirft die blutigen Scheiben in den Brotkorb. Sie will Milch eingießen, bekommt den Tetrapak mit der verletzten Hand aber nicht richtig zu fassen. Er fällt um, die Milch läuft auf den Boden. Annes Socken saugen sich voll.
„Eine Minute ist um“, ruft sie. „Liam ist jetzt dran, Junis, okay?“
Sie nimmt drei Teller aus dem Regal, zwei davon rutschen runter. Den dritten, vierten, fünften stellt sie auf den Tisch. Dass sie in eine Scherbe getreten ist, merkt sie nur daran, dass sich die Milch auf dem Fußboden rosa färbt. Sie fährt sich durch die Haare, etwas klebt darin, Butter oder noch mehr Blut oder vielleicht sogar etwas, was sie von draußen mit hereingebracht hat. Bei der Vorstellung muss sie lächeln, und als sie zwei Finger in den Frischkäse taucht und sich damit die Wangen schminkt, lacht sie laut.
„Abendessen ist fertig!“, ruft sie. „Liam? Junis? Kommt ihr bitte?“

Rarely Asked Questions: Sebastian Wolter

Wie hat sich dein Arbeitsalltag verändert, seit du Kinder hast?
Sebastian Wolter: Die Arbeitstage sind kürzer und komprimierter geworden, denn ich möchte abends und am Wochenende Zeit mit meiner Familie verbringen. Das heißt auch, dass ich in meiner Arbeitszeit effizienter sein muss. Manuskripte lese ich vor allem nachts und im Zug.

Hat sich durch die Vaterschaft dein Blick auf Literatur verändert?
Sebastian Wolter: Auf Kinderbücher ganz sicher. Ich begrüße es sehr, wenn sie stilistisch und thematisch originell sind, die Bücher von Andreas Steinhöfel oder Kirsten Fuchs finde ich beispielsweise toll. Ansonsten hat sich mein Literaturgeschmack nicht groß geändert, aber natürlich liest der Vater in mir immer mit. Szenen, in denen Kindern ein Unglück widerfährt oder sie irgendwie scheitern, gehen mir nah. Dann frage ich mich: Könnte das auch meinem Kind passieren? Was haben die Eltern da falsch gemacht? Die Elternperspektive hatte ich so früher nicht.

Was ist für dich als Verleger die größte Bereicherung durch die Kinder, was ist für Dich die größte Schwierigkeit?
Sebastian Wolter: Als Verleger von Kinderbüchern ist es eine Bereicherung, die Kinderperspektive direkt im Haus zu haben. Die Schwierigkeit ist, genügend Zeit mit den Kindern zu verbringen, aber das trifft auf alle berufstätigen Eltern zu, das ist keine Spezialität des Literaturbetriebs. Natürlich sind meine Kinder aber vor allem an sich eine Bereicherung in meinem Leben, das würde ich nicht an meinem Beruf festmachen.

Hast du dich durch deine Elternschaft im Literaturbetrieb jemals diskriminiert gefühlt?
Sebastian Wolter: Nein, das kann ich nicht sagen. Aber als Verleger war ich auch nie in der Situation von Schriftsteller*innen, die Kinder haben und auf Lesereise gehen oder sich um Stipendien bewerben. Das ist noch mal was ganz anderes.

Deine Kinder sind acht und zehn – was war die schwierigste Zeit, was war die schönste Zeit?
Sebastian Wolter: Ich kann mich nicht an eine extrem schwierige Zeit erinnern, oder sie ist einfach schon zu lange her. Wobei, zuletzt war natürlich das Homeschooling zu stemmen, während meine Partnerin und ich weiter normal gearbeitet haben. Ging dann aber auch irgendwie, bei allem Ärger, den wir damit hatten. Ich glaube ja, die schönste Zeit war und ist immer die jetzige. Es gab immer große und kleine Herausforderungen und dazwischen viel Schönes, und ich vermute, so bleibt es auch. Was ich schön finde, ist, dass ich mich mit meinen Kindern mittlerweile auch über Bücher unterhalten kann.

Sebastian Wolter war von 2004 bis 2020 Verleger bei Voland & Quist, seit 2020 ist er Verleger bei Katapult. Seine Kinder kamen 2010 und 2012 auf die Welt.

Rarely Asked Questions: Insa Wilke

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Insa Wilke: Für mich sind es die politischen Dimensionen: Eltern prägen die nächste Generation. Sie geben ihre Erfahrungen oft ungefiltert weiter, sofern sie keine Psychoanalyse gemacht haben. In den politischen Debatten, die wir derzeit führen, geht es immer um ökonomische und soziale Fragen. Die psychologischen Fragen, die Bedeutung von Familie für Kontinuitäten und Veränderungen ist schwieriger zu fassen und bleibt darum oft unterbelichtet. Da spielt die Literatur eine wichtige Rolle. Ines Geipel ist eine Autorin, die viel darüber geschrieben hat.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft?
Insa Wilke: Weil es ein Thema ist, bei dem lange bestimmte Aspekte ausgeblendet wurden. Das liegt in meinen Augen an zwei Dingen: Frauen wurden in einer von Männern dominierten Literaturwelt lange weder mit ihren Erfahrungen, auch den körperlichen, noch mit ihren Perspektiven zugelassen. Man denke nur an Marcel Reich-Ranickis Äußerungen zu Marlene Streeruwitz. Zum anderen aber – und vielleicht hängt das durchaus auch mit dem ersten Punkt zusammen – wurde Mutterschaft auch von Frauen lange idealisiert und idyllisiert. Es gibt an einem verbreiteten passiv-aggressiven Dominanzverhalten von Müttern ja einiges zu kritisieren und aufzuklären. Da darf man dann auch mal in die Bücher von Söhnen schauen, die unter ihren Müttern gelitten haben. Der Streit um die Marginalisierung und Entmachtung der Hebammen hat da einiges ausgelöst, denke ich.

Haben Sie sich aufgrund Ihrer Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Insa Wilke: Ein Kollege hat mir einmal stolz erzählt, dass er einer Mitarbeiterin, die um 16 Uhr ihr Kind abholen musste, mitteilte, in unserer Branche werde 7 Tage die Woche 24 Stunden gearbeitet. Abgesehen davon, dass das Quatsch ist, versteckt sich darin eine fatale Ideologie, die (nicht nur) in der Literaturbranche verbreitet ist: Gut ist, wer sich aufopfert für die Literatur und als Privatmensch quasi nicht mehr existiert. Dem sollte sich niemand beugen.

Insa Wilke lebt als Literaturkritikerin in Berlin.

Rarely Asked Questions: José F. A. Oliver

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
José F. A. Oliver: Ich vermute, dass die „traditionellen“ Vorstellungen von Familie und deren überlieferten Rollenverteilungen (Mutter/Kind/Vater) oder (Kind/Mutter/Vater) in unseren gesellschaftlichen Breiten immer noch am stärksten ausgeprägt sind im Vergleich zu anderen Bindungen des Zusammenlebens. Insofern, voilà: die „Mutterrolle“, und voilà: die „Vaterrolle“. Zumindest hier im ländlichen Raum nicken die meisten Menschen sicherlich ohne großen Erklärungsbedarf, wenn beispielsweise das Wort „Mutterschutz“ zur Sprache kommt … „Vaterschutz“ ist dann doch (noch) eher selten anzutreffen – als Begriff – und in der Tat. Wenngleich es immer mehr Väter gibt, die sich für eine „Elternzeit“ entscheiden. Vielleicht trägt diese sich verändernde Wirklichkeit der nicht mehr so absolut zugewiesenen Aufgaben künftig dazu bei, dass auch mehr zu den „Vaterschaften“ und deren Herausforderungen publiziert werden wird. Überhaupt sollte – nein, muss man über viele Begrifflichkeiten nachdenken, die mit dem Bedeutungshof des Wortes „Familie“ zusammenhängen. Ab wann und unter welchen Aspekten ist jemand Familie? Das wäre nur eine der vielen Fragen.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
José F. A. Oliver: Je nachdem, welche Aufgaben sie als Väter oder Mütter in der Verantwortung für das gemeinsame Kind übernehmen. Kümmern sie sich in erster Linie um das Kind oder um ihre Berufe, oder können sie beides gar miteinander vereinbaren? Letzteres stelle ich mir schwierig vor, wenn nicht gar schier unmöglich. Es kommt natürlich auch auf das Alter des Nachwuchses an. Sind die Kinder im Babyalter, in dem sie noch gestillt werden, beispielsweise. Väter können ja nicht stillen – zumindest nicht auf natürlichem Weg, ich meine von den körperlich-biologischen Voraussetzungen her. Wenn die Kinder dann größer sind, stellen sich wahrscheinlich dieselben Probleme ein, wenn sich die Väter um die Kinder kümmern und die Mütter einem Beruf nachgehen: Wann Zeit finden, um zu schreiben, wenn das Kind noch nicht im Kindergarten ist, beispielsweise. Tatsache ist aber auch, dass sich bisher weit weniger Mütter (in einem bestimmten Alter) um ein Aufenthaltsstipendium des Hausacher LeseLenzes beworben haben als junge Väter. Ist das Zufall oder Ausdruck gesellschaftlicher Wirklichkeiten?

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
José F. A. Oliver: Er kann nicht nur, er muss (!) familienfreundlicher gestaltet werden. Eine Möglichkeit wären „freie“, d. h. ortsungebundene „Familienstipendien“ für Autor*innen, ohne Auflagen und, wo es entwickelbar wäre, ohne Präsenzpflicht. Im Rahmen des Hausacher LeseLenzes arbeiten wir an diesem Vorhaben und versuchen ein solches „Familienstipendium“ in Hausach zu realisieren. Ich hoffe, dass uns das in den kommenden Jahren gelingen wird. Es ist eine Herausforderung, weil das Bewusstsein bei den meisten Geldgeber*innen oder Förderinstitutionen fehlt, dass viele Autorinnen, ja, vor allem Autorinnen, ein Stipendium nicht antreten könne, weil sie die Verantwortung für ihre Kinder tragen oder sich gar nicht erst bewerben … Die Gründe liegen, wie bereits erwähnt, auf der Hand.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Haben Sie ein Zelt für uns?
José F. A. Oliver: Immer. Wobei ich Nicht-Zelt-Lösungen vorziehe. Das Bewusstsein prägt auch die Architektur der Phantasie. Im Augenblick lebt der Amanda-Neumayer-Stipendiat des Hausacher LeseLenzes für Kinder- und Jugendliteratur in der Hausacher Stipendiat*innenwohnung, und zwar mit seiner Familie. M. ist fünf Monate alt … Tobias Steinfeld und seine Frau und das Baby sind ganz ohne Zelt hier und es funktioniert, ohne dass sie den Garten zum Schlafen benutzen müssen.

José F. A. Oliver lebt als Autor in Hausach, wo er 1998 den Hausacher LeseLenz gegründet hat, den er seitdem leitet. Der Hausacher LeseLenz vergibt jährlich auch drei Aufenthaltsstipendien.

Rarely Asked Questions: Julia Eichhorn

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
Julia Eichhorn: Das ist meines Erachtens ein Nachholen, eine überfällige Entwicklung. Lange haben weniger Frauen geschrieben, lange Jahre Schriftstellerinnen mit Kind ihre Mutterschaft in den Hintergrund gestellt. Nun kommt eine neue Generation, eine neue Offenheit und das Bedürfnis, Muttersein zum Thema zu machen, über Muttersein zu lesen. Für Männer gab es schon immer eine größere Selbstverständlichkeit, beides zu sein, Künstler und Vater, und weniger Zerrissenheit zwischen dem Alltag als Vater und Autor, es gab und gibt weniger Infragestellen der eigenen Position.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Julia Eichhorn: Ja, das Problem der Unvereinbarkeit von Beruf und Familie stellt sich ihnen meist viel weniger. Es ist vielleicht vor allem ein Problem jener Väter, bei denen das anders ist, sich Gehör zu verschaffen.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Julia Eichhorn: Ja, unbedingt, vor allem bei der Förderung, vor allem bei Aufenthaltsstipendien, sollte darauf geachtet werden, dass auch Eltern mit Kindern teilnehmen und arbeiten können, zum Beispiel durch eine Betreuungsmöglichkeit der Kinder. Das ist aber nur ein sehr praktisches Beispiel. Die vielen Schranken im Kopf gilt es langfristig aufzubrechen.

Haben Sie sich aufgrund Ihrer Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Julia Eichhorn: Ja, jedes Mal, wenn ich mir überlege, ob ich die Kinder überhaupt erwähnen soll. Und bei den mitleidigen Blicken oder Nachfragen, nachdem ich sie erwähnt habe, auf der Messe oder bei Abendveranstaltungen, wie lange ich die Kinder „alleine“ lasse.

Können Sie ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Julia Eichhorn: „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling.

Julia Eichhorn gründete 2019 die Julia Eichhorn Literaturagentur und lebt in Berlin. Ihre Kinder kamen 2014 und 2018 auf die Welt.

2 x 2 Skizzen über Zeit

Ich komme ungern zu spät. Meistens radle ich so zeitig los, dass ich mir Zeit nehmen kann, obwohl ich sie eigentlich nicht habe. Auch als das Auto mich trifft, bin ich nicht besonders schnell. Ich fahre auf dem Radweg, das Auto kommt von rechts und schiebt mich zwei Meter weit auf die Fahrbahn. Es geht unglaublich langsam, und ich bin viel zu erstaunt, als dass mein Leben an mir vorüberziehen könnte, oder was in einem solchen Moment sonst passieren müsste. Als das Auto endlich bremst, kippe ich nach vorn. Wie ich aufstehe und mein Rad auf den Gehweg schiebe, daran habe ich keine Erinnerung. Ich weiß aber noch, wie ich mir die Mütze vom Kopf reiße und den Autofahrer anschreie: „Ich fasse es nicht! Sind Sie verrückt? Ich habe zwei kleine Kinder!“ Dann setze ich mich auf den Gehweg und weine.

*

Meine engste Freundin kommt aus dem Westen. Sie hat zwei Geschwister, und ihre Mutter war immer zu Hause. Damals, während des Studiums, als wir uns anfreundeten, kam mir das ungeheuerlich vor. War das nicht – ich fand dafür nicht einmal die richtigen Worte: faul? Langweilig? Komplett verschenkte Zeit? Meine Mutter hat bis zur Rente lohngearbeitet. Wahrscheinlich lag es nicht nur daran, dass sie auch an den Abenden und den Wochenenden nicht zur Ruhe gekommen ist. Auch jetzt, als Rentnerin, ist sie immer auf den Beinen. Malt mit meinen Kindern. Schlägt die Zeitung auf. Geht in die Küche, um schon mal die Kartoffeln zu schälen. Holt einen Artikel, den sie für mich ausgeschnitten hat. Ich kenne sie nicht als eine Frau, die sich in die Dinge versenkt.

*

Der Autofahrer, der mich umgefahren hat, wartet eine Woche nach dem Unfall vor dem Institut, an dem ich Kreatives Schreiben unterrichte. Obwohl ich nicht verletzt war, haben wir Adressen ausgetauscht, und anhand meines Namens hat er meine Kurszeiten herausgefunden. Er entschuldigt sich noch einmal und hält mir einen Umschlag hin. Ich lehne ab, er insistiert: „Nehmen Sie es für Ihre Kinder.“ Ich wäge ab. Ich schätze, dass in dem Umschlag 100 Euro sind. Von 100 Euro kann ich für zwei Monate mein Schreibatelier bezahlen. Der Autofahrer ist mir sympathisch, trotzdem will ich ihn für seine Unaufmerksamkeit bestrafen. Oder nein: Ich will ihm nicht das Gefühl geben, dass Geld alle Dinge regelt. „Ich verstehe Sie“, sagt er. „An Ihrer Stelle würde ich auch ablehnen.“ Er steckt den Umschlag ein und geht davon.

*

Letzte Woche war ich so erschöpft, dass ich beschlossen habe, ein paar Tage nicht ins Atelier zu gehen. Ich mache die Wäsche, bestelle Passfotos für den Großen, der traurig ist, weil Mats sein Bild von der KiTa-Garderobe gerissen hat, suche nach einem Fahrradhelm für den Kleinen. Wie meine Mutter springe ich von einer Tätigkeit zur nächsten, und abends bin ich genauso erschöpft wie nach einem Schreibtag. Trotzdem treffe ich mich noch mit meiner Freundin, wie immer reden wir über die Kinder. Damals, als wir uns anfreundeten und noch keine Ahnung hatten, was Elternsein bedeutet, haben wir oft über unsere Eltern geredet. Ich erinnere mich an vieles, was sie mir erzählte. Wie sie Ostern mit ihren Eltern bei einem dreistündigen Gottesdienst sitzen musste. Wie sie schon als Jugendliche begann, das Leben ihrer Mutter abzulehnen. Wie sie zum ersten Mal schwanger wurde und mit ihrem Vater telefonierte. „Du gehst dann aber schon wieder arbeiten, oder?“, sagte er am Telefon zu ihr. „Bitte mach es nicht wie die Mama.“