Rarely Asked Questions: Maria Hummitzsch

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Maria Hummitzsch: Elternschaft findet in einem für die Literatur reizvollen Spannungsfeld statt: zwischen dem Ideal (des Heilen) und der Realität (des Brüchigen), zwischen inneren und äußeren Beschränkungen, Bewusstsein und Unterbewusstsein. Die literarische Verarbeitung ist ein Entlangschreiben an Ambivalenzen und Leerstellen, an Durcheinander und Unfertigsein und einer fortwährenden Auseinandersetzung mit dem Eigenen und Anderen, aus der man nicht aussteigen kann.

Stehen Übersetzer*innen mit Kindern vor besonderen Problemen?
Maria Hummitzsch: Gute Frage. Klar ist, Verallgemeinerungen helfen kaum weiter. Eine Herausforderung für alle Literaturübersetzer:innen ist der immense Zeitdruck bei vielen Projekten: Durch die immer schneller werdenden Produktionsabläufe und die Entscheidung vieler Verlage, vor allem Übersetzungen aus dem Englischen zeitgleich mit dem Original auf den Markt zu bringen, muss man immer wieder bereit sein, wochenlang auch Abend- und Nachtschichten zu fahren, was schon im Normalfall, aber gerade mit Kindern eine enorme Belastung ist. Zudem stagnieren die Normseitenhonorare seit Jahren nicht nur, sondern sie sinken inflationsbereinigt sogar. Altersarmut ist ein großes Thema. Lukrativere Tätigkeiten, die sich gut mit dem Literaturübersetzen verbinden lassen – Moderationen, Workshops, Vorträge etc. –, gehen in der Regel mit Reisen einher. Das muss man familiär stemmen können. Die Strukturen des Literaturbetriebs und Berufs sind jedoch das eine, das andere ist, wie gut man sich in ihnen einrichtet, Gestaltungsspielräume für sich nutzt.

Hast Du Dich aufgrund Deiner Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Maria Hummitzsch: Ehrlich gesagt nein, im Gegenteil: Ich wurde beispielsweise schon für Übersetzungen angefragt, weil ich selbst Mutter bin, und ich habe mehrfach mit Lektor:innen zusammengearbeitet, die in persönlichen Ausnahmezuständen mitfühlend und entgegenkommend reagiert haben. Bezeichnend ist aber, dass ich schon mehrfach – interessanterweise jedoch nie von Verlagsseite –  darauf hingewiesen wurde, dass ich in meiner Kurzvita immer auch angebe, mit meinen Kindern in Leipzig zu leben. Ich gebe mein Muttersein also preis. Bevor ich darauf aufmerksam gemacht wurde, habe ich über diesen Nebensatz nie nachgedacht, seither ist er eine bewusste Entscheidung. Bei manchen führt das Erwähnen von Mutterschaft bzw. Elternschaft offenbar zu einer Aufweichung des Bilds von Professionalität und Erfolg. Bei mir hingegen hat die Erwähnung einen anderen Effekt: Sie verweist auf Welthaltigkeit – eine für das Literaturübersetzen enorm nützliche Qualität. 

Kannst Du ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Maria Hummitzsch: Unbedingt. Ann Petrys Debüt „The Street“ von 1946 in der Neuübersetzung von Uda Strätling (2020 bei Nagel & Kimche erschienen) mit der Geschichte über eine alleinerziehende schwarze Mutter im Harlem der 40er Jahre, die sich auch heute noch erschreckend aktuell liest.

Maria Hummitzsch lebt als Literaturübersetzerin aus dem Englischen und Portugiesischen in Leipzig. Von 2017 bis 2021 war sie zweite Vorsitzende des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) und ist Gründerin des Übersetzerzentrums der Leipziger Buchmesse. Ihre Kinder kamen 2007 und 2020 zur Welt.

Traum IV

Anne träumt: Im Kindergarten findet das Sommerfest statt. Es gibt Schokokuchen und Käsespieße und Melone, und die Sensation ist ein echter Gorilla, der Saxofon spielt und mit den Kindern aus Junis‘ Gruppe ein Lied aufführen wird. Der Gorilla sei häufig in Kindergärten, hört Anne eine Erzieherin sagen, es gebe keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Erst ein einziges Mal habe er eine Mutter angegriffen.
Anne hat trotzdem ein ungutes Gefühl, auch weil es ihr wieder nicht gelingt, mit den anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Immer wieder geht sie auf irgendwelche Mütter zu, aber nie kommt das Gespräch über zwei oder drei Sätze hinaus. Dann zieht Junis sie auch noch zu einem Stuhl in der ersten Reihe. Sie will dort nicht sitzen, aber sie weiß, dass ein Streit mit Junis noch auffälliger wäre als dieser Platz. Also setzt sie sich, macht sich klein. Wenigstens um Liam muss sie nicht kümmern, der ist hinten bei der Matschstrecke, und er taucht auch nicht auf, als das Programm endlich beginnt.
Als Tiere verkleidet betreten die Kinder die improvisierte Bühne. In der Mitte läuft der Gorilla, und natürlich kommt er genau vor Anne zum Stehen. Sie gibt sich Mühe, an ihm vorbeizusehen, während er zusammen mit Junis‘ Gruppe das Programm abspult. Aber Anne müht sich umsonst, der Gorilla hat sie längst in den Blick genommen. Kaum ist der letzte Ton verklungen, lässt er das Saxofon fallen. Mit einem einzigen Schritt ist er bei ihr und umgreift ihren Kopf. Im Traum spürt sie nichts. Sie weiß aber, dass sein Griff unendlich schmerzhaft ist.
„Wo ist der Tierpfleger?“, hört Anne einen Vater rufen, und eine Erzieherin ruft: „Holt die Erste-Hilfe-Box!“
Anne will sagen, dass es ihr Leid tut. Alles tut ihr Leid – dass sie sich nicht zu wehren weiß und dass die Kinder das mitansehen müssen und dass sie den Erzieherinnen solche Umstände macht, und zum nächsten Sommerfest wird sie auch einen Kuchen mitbringen, da wird sie sich wirklich mit den anderen Eltern unterhalten. Aber bevor sie auch nur ein Wort herausbekommt, wacht sie auf.

Rarely Asked Questions: Maria-Christina Piwowarski

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Maria-Christina Piwowarski: Mutterschaft und autofiktionales Schreiben – das ist seit einiger Zeit meine liebste literarische Kombination. Ein Schreiben, das ohne die Krücke der Fiktion auskommt, das aus dem persönlichen (Er)Leben erzählt und trotzdem eindeutig Literatur ist. Hier sind beeindruckende Texte übers Eltern- und vor allem übers Muttersein zu finden, die erfreulich oft auch die (Un)Vereinbarkeit von Kindern und dem Literaturbetrieb thematisieren.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Maria-Christina Piwowarski: So wie Männer meines Erachtens nach grundsätzlich vor weniger gesellschaftlichen Problemen stehen, wenn sie sich öffentlich äußern, also angreifbar machen – ja. Zumindest erlebe ich, dass der Rechtfertigungsdruck bei schreibenden Müttern ganz andere Dimensionen annimmt. Nicht nur die Frage, wo denn das arme Kind während einer abendlichen Lesung sei, müssen wohl mehr Mütter als Väter beantworten. Es herrscht auch immer noch das Vorurteil, schreibende Mütter würden damit ein wenig Selbstfindung während ihrer Elternzeit betreiben. Während schreibende Väter ja in bester Tradition ihr Genie beweisen. Es sind mittlerweile ganze Anthologien darüber erschienen, in denen Schriftstellerinnen berichten, welche Hürden sie überwinden müssen, um ihre Arbeit zu tun – gerade weil sie vielleicht so hürdenlos erscheint. Schriftstellerinnen, die ebenfalls Mütter sind, bekommen hier noch einmal extra Gegenwind. Während man sich bei schreibenden Vätern maximal Gedanken macht, ob sie denn hoffentlich ein abschließbares Arbeitszimmer haben und möglichst wenig gestört werden, wird schreibenden Müttern noch immer noch gern die literarische Relevanz abgesprochen.

Hast Du Dich aufgrund Deiner Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Maria-Christina Piwowarski: Als Buchhändlerin muss ich sagen, dass ich auch den kompletten Einzelhandel enorm familienunfreundlich finde. Der Literaturbetrieb hört ja nicht an den Verlagstüren auf. Nur wegen meiner grandios verständnisvollen Kolleg*innen konnte ich zum Beispiel viele Frühschichten machen und dann pünktlich zum Ende von Kita und Hort zu Hause sein. Wenn Kita und Schule geschlossen hatten und ich die Kinder mit zur Arbeit bringen konnte, war ich meistens dankbar, dass das überhaupt geht. Wobei … diese beschissene Dankbarkeit ist vielleicht eher ein Dilemma. Egal wo, im Café, in der Warteschlange, wenn man seine Kinder mitnimmt, um seinen Job zu tun – da ist immer dieser Drang, sich für vermeintlich störende Kinder zu entschuldigen, dieser elterliche Druck, keine besonderen Umstände zu machen und der besonders mütterliche Druck, auf keinen Fall über diese Mehrbelastung zu klagen. Jahrelang waren alle Abendtermine, alle Lesungen und Veranstaltungen ein enormer familiärer Balanceakt, obwohl ich beim zweiten Kind nicht mehr alleinerziehend war. Und dann die Pandemie! Was für ein Desaster für alle Eltern! Geblieben ist mir davon, dass ich darüber reden will. Dass ich es leid bin, mich für alles dreimal so sehr anstrengen und zerteilen zu müssen, und jahrelang dachte, ich dürfte nicht darüber sprechen, wie unendlich zehrend das Elternsein ist, weil ich die Kinder ja selbst wollte. (Der Dank für diese Erkenntnis geht übrigens an Mareice Kaiser und ihr Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“.) Die große Befreiung kommt für mich zu spät. Ich bin von außen nicht mehr zwangsläufig und sofort als Mutter erkennbar. Ich bin sogar manchmal regelrecht frei in meiner Zeiteinteilung, unsere Kinder kommen auch mal einen Nachmittag allein zurecht. Aber die Solidarität bleibt. Und das Interesse. Und die Forderung nach echter gesellschaftlicher Unterstützung für Eltern.

Maria-Christina Piwowarski leitet seit 2015 die Buchhandlung ocelot. Ihre Kinder kamen 2003 und 2010 zur Welt.

Traum III

Anne träumt: Sie schließt das Fahrrad vor dem Kindergarten an, ausnahmsweise ist sie nicht verschwitzt. Ausnahmsweise konnte sie das Büro zeitig verlassen, auf dem Weg hat sie sogar noch Brötchen gekauft.
Obwohl die Sonne scheint, sind die Kinder heute nicht im Hof. Anne steigt die Stufen nach oben. Schon von draußen hört sie, wie laut es im Innern ist. Sie müssen mehr rausgehen mit den Kindern, denkt sie, warum gehen sie mit ihnen nicht raus? Als sie die Tür öffnet, sieht sie einen Schatten ins Spätdienstzimmer huschen. Sie folgt dem Schatten, folgt dem Lärm. Auf der Schwelle des Spätdienstzimmers bleibt sie stehen: Der Raum ist voller Tiere. Kleine Affen, kleine Bären, kleine Löwen springen an ihr hoch, einer zieht einen Faden aus ihrer Strumpfhose, ein anderer fingert ein Käsebrötchen aus ihrem Rucksack. Anne weiß nicht, woran sie Liam und Junis erkennt. Es besteht aber kein Zweifel, dass es sich bei einem Tiger um Junis handelt, und Liam ist eine kleine Katze. Sie lockt die beiden mit Brötchen auf ihren Arm, die Krallen schneiden ihr schmerzhaft in die Haut.
Draußen setzt sie die zwei Tiere in den Anhänger, der sich in einen Käfig verwandelt hat. Der Käfig ist erschreckend schwer, und während sie durch den Park nach Hause radelt, gerät sie doch noch ins Schwitzen. Was Daniel wohl sagen wird, wenn er am Abend nach Hause kommt? Dass Junis‘ Fell sehr wertvoll ist? Dass sie Liams Krallen kürzen müssen? Dass sie, Anne, endlich strenger sein muss?
Sie schiebt das Fahrrad in den Hof und jagt die zwei Tiere durchs Treppenhaus in die Wohnung. Auch das Kinderzimmer ist ein Käfig, und als Junis und Liam drin sind, schlägt Anne schnell das Gitter zu. Im Kühlschrank findet sie einen Klumpen rohen Fleisches, von dem sie zwei dicke Scheiben abschneidet. Das Fleisch ist eiskalt, und Anne ist, als würden ihre Finger daran festkleben. Ihr ist, als könnte sie die Finger nie wieder davon lösen.

Rarely Asked Questions: Moritz Malsch

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Moritz Malsch: Eltern sind quantitativ und qualitativ eine gesellschaftlich relevante Gruppe. Mit unseren Elternentscheidungen prägen wir im Guten wie im Schlechten Menschen, die zum Teil das 22. Jahrhundert erleben werden. Und: Wir sind viele! Immer noch. Jede gesellschaftlich relevante Gruppe ist auch literarisch relevant, wenn man voraussetzt, dass in Literatur Gesellschaft verhandelt wird. Nebenbemerkung: Was Elternschaft für mich zu einer interessanten Erfahrung gemacht hat, ist das Hundertprozentige daran. Das Baby duldet keinen Aufschub seiner Bedürfnisse, egal ob nachts um 3 oder während einer Videokonferenz mit der Bundeskanzlerin. In einer ultravernetzten Multitasking-Welt ist das eine unerhörte Erfahrung. Aber auch eine dezidiert unliterarische. Am Wickeltisch stehend, habe ich noch nie über Literatur nachgedacht.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft? Und wieso kommt Vaterschaft als Thema seltener vor, oder ist das gar nicht so?
Moritz Malsch: Frauen haben es seit Jahrzehnten zu recht aktiv in die Hand genommen, ihre Rollen neu zu definieren. Zwar herrscht noch lange keine Gender-Gerechtigkeit, aber wenigstens reden wir über das Problem. Eine Neudefinition der Frauenrollen bedingt aber zwangsläufig auch eine Neudefinition der Männerrollen. Und Männer haben sich demgegenüber, wo nicht ablehnend, doch eher abwartend, passiv und verunsichert gezeigt. Ich bin überzeugt, dass es inzwischen genügend „anwesende“ Väter gibt, aber sie sind (noch) nicht wirklich gesellschaftlich sichtbar. Insofern wäre Vaterschaft literarisch vielleicht sogar das interessantere Thema? Mich hat übrigens noch nie jemand gefragt, wie ich Beruf und Familie unter einen Hut kriege. Danke, dass Ihr es in gewisser Weise getan habt!

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Moritz Malsch: Ob der Literaturbetrieb für mich familienfreundlich ist oder nicht, hängt von meiner Position darin ab. Let’s talk about class. Im Literaturbereich arbeiten sehr viele freiberuflich, und das aus einem oft beengten Zuhause. Die Einkommenslage ist prekär. Wie soll das mit Familie gehen? Als ich noch verhältnismäßig erfolgreich als freier Lektor arbeitete, hatte ich immer genug Aufträge und konnte meinen Lebensunterhalt bestreiten, aber für eine Familie oder den Erwerb ausreichender Rentenpunkte hätte es nicht gereicht. Es ist jedenfalls keine Lösung, bei Veranstaltungen Kinderbetreuung oder bei Residenzen eine größere Wohnung zur Verfügung zu stellen. Als wenn Kinder so eine Art Verschiebemasse wären. Autor*innen und Übersetzer*innen müssen genügend verdienen, dann organisieren sie sich ihre*n Babysitter*in schon selbst.

„Wir hatten schon Stadtschreiber*innen, die im Garten ein Zelt für die Familie aufgestellt haben“, antwortete uns eine Kulturbehörde, als wir uns erkundigten, ob man zum Aufenthaltsstipendium mit Familie anreisen kann. Habt Ihr ein Zelt für uns?
Moritz Malsch: Ich empfehle als Zelt das vom Netzwerk freie Literaturszene Berlin vorgeschlagene Modell des Tandem-Stipendiums: Fünf Jahre sozialversicherungspflichtig im Literaturbereich beschäftigt, die Hälfte des Tages freigestellt fürs Schreiben. Dann ist diese Art von prekärem Stipendientourismus nicht mehr nötig.

Moritz Malsch, Mitgründer und seit 2016 auch Mitarbeiter des Literaturhauses Lettrétage, Vorsitzender des Netzwerks freie Literaturszene Berlin e. V. und der Anna-Seghers-Stiftung, Mitinitiator des Branchentreffs Literatur im Projekt „schreiben&leben“, der vom 18. bis 20.6.2021 unter dem Motto „Vor-care-ungen – Freiberuflich mit Zukunft“ stattfindet. Vater von zwei Kindern der Jahrgänge 2015 und 2020.

Traum II

Anne träumt: Sie öffnet den Kühlschrank, holt Käse, Salami, Tomaten heraus. Im Kinderzimmer surrt schon wieder das ferngesteuerte Auto, Anne hasst dieses Geräusch. Als sie die Butterdose auf den Tisch stellt, rutscht der Deckel herunter. Er fällt auf den Stuhl und von dort auf die Fliesen, und es ist seltsam leise, wie er in drei fast gleich große Teile zerbricht.
Anne will sich bücken, verschiebt es aber auf später. Stattdessen nimmt sie das Brot.
„Ich“, hört sie Liam im Kinderzimmer sagen.
„Kriegst du aber nicht“, sagt Junis.
„Ich“, beharrt Liam.
„Noch eine Minute“, ruft Anne. „Dann kriegt Liam die Fernbedienung. Alles klar, Junis?“
Im Kinderzimmer knallt etwas, Liam schreit, und Anne rutscht mit dem Brotmesser ab. Der Schnitt ist tief, tut aber nicht weh. Blut tropft auf das Brett, Anne wischt es mit dem Ärmel weg. Sie schneidet weiter, wirft die blutigen Scheiben in den Brotkorb. Sie will Milch eingießen, bekommt den Tetrapak mit der verletzten Hand aber nicht richtig zu fassen. Er fällt um, die Milch läuft auf den Boden. Annes Socken saugen sich voll.
„Eine Minute ist um“, ruft sie. „Liam ist jetzt dran, Junis, okay?“
Sie nimmt drei Teller aus dem Regal, zwei davon rutschen runter. Den dritten, vierten, fünften stellt sie auf den Tisch. Dass sie in eine Scherbe getreten ist, merkt sie nur daran, dass sich die Milch auf dem Fußboden rosa färbt. Sie fährt sich durch die Haare, etwas klebt darin, Butter oder noch mehr Blut oder vielleicht sogar etwas, was sie von draußen mit hereingebracht hat. Bei der Vorstellung muss sie lächeln, und als sie zwei Finger in den Frischkäse taucht und sich damit die Wangen schminkt, lacht sie laut.
„Abendessen ist fertig!“, ruft sie. „Liam? Junis? Kommt ihr bitte?“

Rarely Asked Questions: Sebastian Wolter

Wie hat sich dein Arbeitsalltag verändert, seit du Kinder hast?
Sebastian Wolter: Die Arbeitstage sind kürzer und komprimierter geworden, denn ich möchte abends und am Wochenende Zeit mit meiner Familie verbringen. Das heißt auch, dass ich in meiner Arbeitszeit effizienter sein muss. Manuskripte lese ich vor allem nachts und im Zug.

Hat sich durch die Vaterschaft dein Blick auf Literatur verändert?
Sebastian Wolter: Auf Kinderbücher ganz sicher. Ich begrüße es sehr, wenn sie stilistisch und thematisch originell sind, die Bücher von Andreas Steinhöfel oder Kirsten Fuchs finde ich beispielsweise toll. Ansonsten hat sich mein Literaturgeschmack nicht groß geändert, aber natürlich liest der Vater in mir immer mit. Szenen, in denen Kindern ein Unglück widerfährt oder sie irgendwie scheitern, gehen mir nah. Dann frage ich mich: Könnte das auch meinem Kind passieren? Was haben die Eltern da falsch gemacht? Die Elternperspektive hatte ich so früher nicht.

Was ist für dich als Verleger die größte Bereicherung durch die Kinder, was ist für Dich die größte Schwierigkeit?
Sebastian Wolter: Als Verleger von Kinderbüchern ist es eine Bereicherung, die Kinderperspektive direkt im Haus zu haben. Die Schwierigkeit ist, genügend Zeit mit den Kindern zu verbringen, aber das trifft auf alle berufstätigen Eltern zu, das ist keine Spezialität des Literaturbetriebs. Natürlich sind meine Kinder aber vor allem an sich eine Bereicherung in meinem Leben, das würde ich nicht an meinem Beruf festmachen.

Hast du dich durch deine Elternschaft im Literaturbetrieb jemals diskriminiert gefühlt?
Sebastian Wolter: Nein, das kann ich nicht sagen. Aber als Verleger war ich auch nie in der Situation von Schriftsteller*innen, die Kinder haben und auf Lesereise gehen oder sich um Stipendien bewerben. Das ist noch mal was ganz anderes.

Deine Kinder sind acht und zehn – was war die schwierigste Zeit, was war die schönste Zeit?
Sebastian Wolter: Ich kann mich nicht an eine extrem schwierige Zeit erinnern, oder sie ist einfach schon zu lange her. Wobei, zuletzt war natürlich das Homeschooling zu stemmen, während meine Partnerin und ich weiter normal gearbeitet haben. Ging dann aber auch irgendwie, bei allem Ärger, den wir damit hatten. Ich glaube ja, die schönste Zeit war und ist immer die jetzige. Es gab immer große und kleine Herausforderungen und dazwischen viel Schönes, und ich vermute, so bleibt es auch. Was ich schön finde, ist, dass ich mich mit meinen Kindern mittlerweile auch über Bücher unterhalten kann.

Sebastian Wolter war von 2004 bis 2020 Verleger bei Voland & Quist, seit 2020 ist er Verleger bei Katapult. Seine Kinder kamen 2010 und 2012 auf die Welt.