Sandmann, lieber Sandmann?

Fiktive Charaktere sollten möglichst vielschichtig angelegt sein, so ist zumindest der Tenor in Schreibwerkstätten und -ratgebern. In der Medienwelt unserer Kinder jedoch dominieren auf den ersten Blick simple Figuren. Der Sandmann beispielsweise scheint ausschließlich über positive Eigenschaften zu verfügen: Er ist vielseitig begabt, beruflich breit aufgestellt und finanziell exzellent ausgestattet – das schließe ich allein schon aus dem Besitz eines Unterseebootes, eines Heißluftballons, einer Mondlandefähre und so ziemlich jedes anderen Fortbewegungsmittels dieser Galaxie. Er ist immer pünktlich und achtet auf ein gepflegtes Äußeres. (Wie kriegt er nur immer den Bart so perfekt hin?) Vor allem aber ist er bei all dem Stress, Abend für Abend global die Kinder ins Bett zu schicken, unfassbar gutmütig und geduldig. Was es allein für einen Aufwand sein muss, für jeden dieser unzähligen Besuche das passende Mitbringsel – den Peitschenkreisel für die Prädigitalen, den Expander für die Adipösen, die Heckenschere für Dornröschen – zu besorgen! Der Sandmann würde einen großartigen Partner abgeben – da war ich mir immer sicher!
Erst mit dem für die Tiefe von Charakteren sensibilisierten Blick ist mir die subtile Abgründigkeit aufgegangen, die in der Figur angelegt ist. Als Vater würde dieser Sandmann nämlich kolossal versagen. Wenn die Kitas schließen, wäre er gerade dabei, letzte Besorgungen zu machen – man bedenke nur die etwas eitle Angewohnheit, zu jedem Anlass im passenden Outfit zu erscheinen! Während des Abendessens würde er mit einem aufgemotzten Rennauto durch die Gegend heizen oder seinen fliegenden Teppich ausklopfen. Und wenn die Nachtruhe seines eigenen Kindes ansteht, streut er gerade seinen Schlafsand in allen Himmelsrichtungen. Sandmann junior würde seinen alten Herrn nur von Fotos und aus dem Fernsehen kennen – der Papa ist noch auf Arbeit! Gerade die Überfigur des Knirpsekosmos’ ist als moderner Vater eigentlich undenkbar. Natürlich will ich nicht ausschließen, dass der Sandmann möglicherweise gar nicht gebunden ist. Derart kinderfreundlich wäre er unter den Kinderlosen jedoch eine singuläre Erscheinung. In der Art und Weise, wie er uns alltäglich präsentiert wird, käme er als Familienmitglied allerdings nur infrage, wenn irgendjemand im Hintergrund die Sorgearbeit verrichtet. Equal Care? Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit!
Stellen sich möglicherweise auch eindimensionale Indianerjungen und Honigbienen als vielschichtig heraus, sobald wir einmal damit anfangen, sie nicht nur Abend für Abend anzuglotzen, sondern auch die unzureichend ausgeleuchteten Facetten ergründen? Was bürden wir unseren Kindern gerade mit den schablonenhaften Gestalten auf? Ich zumindest werde wachsam sein und mir nicht mehr so einfach Sand in die Augen streuen lassen!

Eine Sekunde

Mein Sohn ist jetzt vier, viereinhalb, fast fünf, und es ist nicht lange her, dass er das erste Freundschaftsbuch mit nach Hause brachte. Wo befindet sich Deine Burg? Was ist Deine Lieblingsfarbe? Das wünsche ich Dir …! Natürlich habe ich mich mit ihm an den Wohnzimmertisch gesetzt und die Fragen beantwortet, die ich ja auch einmal mit … – nein, mich hat damals niemand unterstützt. Das lag nicht an mangelnder Wertschätzung meiner Eltern, nein, Freundschaftsbücher waren ja gerade eine der ersten Möglichkeiten, den zart sich entwickelnden eigenen Charakter in den eigenen Worten aufzuschreiben und auszudrücken. Doch erst als ich meinen Sohn nach seinem Lieblingsessen fragte, wurde mir das Offensichtliche gewahr: Mein Sohn ist jetzt vier, viereinhalb, fast fünf, und natürlich kann er weder lesen noch schreiben! Erst jetzt fielen mir die Handschriften als Handschriften der Eltern auf, als Schreibweisen, die absolut nichts über das Kind aussagten. Unter den kulinarischen Vorlieben waren Obst und Gemüse auffällig oft nachträglich hinzuaddiert worden. Immer zählten die Geschwister zu den besten Freunden. Und unter den angegebenen Mobilfunknummern würde sich nie und nimmer ein Kinderstimme melden.
Auf einer Seite hatte eine Mutter Wörter mit dem Bleistift vorgeschrieben, damit sie das Kind mit einem Filzstift nachziehen konnte – und irgendwie erschien mir diese Form der Fürsorge sehr schön und sehr schrecklich zugleich. Dass die Kinder die Eltern ihre persönlichen Vorlieben niederschreiben lassen, kann man als einen großen Vertrauensbeweis ansehen. Aber wäre es nicht ehrlicher, diese Freundschaftsverzeichnisse umzubenennen? Und zuzugeben, dass es sich dabei eher um Bücher handelt, mit denen sich Eltern gegenseitig ihre Wunschkinder zeigen?
Mein Sohn ist fast fünf, viereinhalb, er ist vier Jahre alt. Er hat schon drei dieser Bücher ausgefüllt, die ersten zwei Buchstaben seines Vornamens kann er schon alleine schreiben. Und zwischen bestem Freund und größtem Feind liegt bei ihm manchmal nur eine Sekunde.

Meisenknödel

Aufmerksamkeit, Tadel, Zucker – die Problemstellungen, mit denen sich moderne Eltern tagtäglich auseinandersetzen müssen, sind vielfältig. Wann ist es genug, wann es ist es zu viel? Ist ein Bild zu schwach, bleibt der Zusammenhang oft unklar. Ist die Metapher zu dick, droht schnell das Klischee. Auf unserem Hinterhof steht eine Vogeltränke, ich erzählte bereits davon. Eine Nachbarin versorgt damit vermeintlich verdurstende Vögel. Dass es einen Fluss in der Nähe gibt, ist unerheblich. Dass sich die Kinder das wertvolle Wasser regelmäßig ausschütten, ein Ärgernis. Die Tränke bleibt. Und nicht nur das: Die Äste einer Forsythie biegen sich ganzjährig unter dem Gewicht der daran befestigten Meisenknödel. Jungvögel, muss man wissen, sind auf Subventionen aus Menschenhand nicht angewiesen – sie kommen mit von den gefiederten Eltern beständig herbeigeflogenen proteinreichen Insekten gut durch die ersten Monate. Im Gegenteil: Am Knödelbruch können die Kleinen ersticken, fettreiches Futter zwar schlucken, jedoch kaum verdauen. Vogelsnacks sind für den Winter gedacht, im Sommer wirkt das Übermaß fatal. An den Polkappen zergehen die Eismassen, in unserem Hinterhof schmelzen die Meisenknödel. Das darin enthaltene Fett tropft auf die Beete und fängt an zu schimmeln. Die Forsythie leidet, die Nachbarin hängt eifrig nach. Wann ist es genug, wann es ist es zu viel? Hinter unserem Haus, zwischen Mülltonnen und Fahrradständern, hat sich poetischer Raum aufgetan – darin gedeiht die treffendste Metapher der Welt. Sie leuchtet so grell, dass kein Text sie fassen kann, und doch ist es möglich, sie zu übersehen. Wie unschuldig die Kinder neben ihr spielen.

Anekdoten aus Schöppingen

Wir erreichen das Künstlerdorf am späten Nachmittag. Es dämmert bereits, in der hauseigenen Bibliothek brennt schon Licht. Ein junger Mann hat seinen Arbeitsplatz hinter einer bodentiefen Glasscheibe eingerichtet. Illuminiert von der Schreibtischlampe sitzt er wie in einem Schaufenster. Er sieht, dass wir auf den Eingang zusteuern, steht auf und öffnet die Tür. Er erklärt uns, wie wir an die Schlüssel kommen. „Wir treffen uns abends im Kaminzimmer.“, sagt er. „Kommt doch vorbei. So gegen elf.“ „Klingt gut“, sage ich, wohl wissend, dass das nicht passieren wird. Unsere Tage beginnen zwischen fünf und sechs, und um 23 Uhr liegen wir längst im Bett.
Ich habe dem Künstlerdorf vorab mitgeteilt, dass ich mit Anhang anreisen würde, und so hat man uns eine große Wohnung freigehalten. Sogar ein Kinderbett finden wir darin. Ich darf einen weiteren Schreibtisch in die Bibliothek stellen und mir dort einen Arbeitsplatz einrichten. Den Autor, der im Schaufenster arbeitet, bekomme ich nur selten zu Gesicht. Und an Arbeit ist in den ersten Tagen sowieso nicht zu denken. Erst einmal: Babybadewanne kaufen. Spielplätze finden. Einen Rhythmus etablieren, der uns allen entspricht. Und: einen Infekt überstehen. Die zweite Nacht in Schöppingen endet nach drei Stunden. Der Kleine sitzt im Bett und übergibt sich. Im Schlafanzug eile ich zu den Gemeinschaftsräumen, um frische Bettwäsche zu besorgen. Auf dem Weg lerne ich die anderen Stipendiaten kennen. Sie sitzen vor dem Kamin, rauchen, trinken, unterhalten sich. Ich grüße und wühle in den Schränken nach Bezügen und Laken.
Während meine Frau und ich uns zwischen Laptop und Spieledecke abwechseln, verpassen wir so gut wie jede gemeinschaftliche Aktivität. Den allabendlichen Treff im Kaminzimmer. Die nächtlichen Besuche in den wenigen Bars des Ortes. Die wöchentlichen halb ironisch gemeinten, halb sportlichen Ausflüge auf die Kegelbahn. Den von reichlich Stroopwafels und ähnlichen Substanzen flankierten Trip ins deutsch-niederländische Grenzgebiet. Dass ich aufs Nachtleben verzichte, macht mir nicht zu schaffen, ich habe mich längst damit abgefunden. Aber die Erkenntnis, dass ein nicht zu verachtender Aspekt des Stipendiums an mir vorbeigeht – der Austausch mit anderen Autoren –, stimmt traurig.
An einem Wochenende verbringen wir mehr Zeit als sonst mit einem Mitstipendiaten – er hat Besuch von seiner Frau und den drei kleinen Kindern. Sie kümmert sich sechs Monate lang alleine um die drei, während der Vater Kunst macht. Er ist ein aufstrebender Komponist und seine Auftragsarbeiten entstehen im Akkord, ausufernde Schaffensperioden wechseln mit Phasen großer Erschöpfung. Er ist ein Künstler, wie er im Buche steht, berufen dazu, sich für die Musik zu verzehren – und ein Vater, den eine zweistündige Autofahrt von seiner Familie trennt.
Wir können die anderen zu einem Kaffee- und Kuchentreff am Nachmittag überreden, manchmal treffen wir uns auch schon vor 23 Uhr. Das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören, bleibt. Ich kann nicht sagen, ob es von den anderen ausgeht oder ob ich selbst es mir einrede.
Dann kommt der letzte Abend. Die Stipendiaten grillen, Treffpunkt achtzehn Uhr – wieder eine Ausnahme für uns. Wie die anderen Künstler reisen wir am nächsten Tag ab. Viele unserer Mitstreiter müssen früh fort, sie haben noch einiges zu erledigen. Wir bleiben sitzen, bis zur Feuerstelle reicht der Empfang des Babyfons und unsere Koffer sind längst gepackt. Irgendwann gehe ich eine letzte Runde um das Haus. Das bodentiefe Fenster der Bibliothek ist erleuchtet, der Schreibtisch verwaist. Aber es ist ja auch schon spät.

Ein historischer Moment

Three. Two. One. Zero. Bevor wir an diesem Pfingstmontag zu unserer Radtour aufbrechen, schaue ich mit den Kindern den Raketenstart an. Der Feuerstrahl drückt die Falcon 9 in den Überschall, das Kennedy Space Center verschwindet in einer Rauchwolke, es ist ein historischer Moment. L. fragt, ob die Rakete noch höher fliegt, und ich sage, ja, noch viel, viel höher, und überlege, was genau eigentlich daran so bedeutend sein soll. Dass die Astronauten mit dem Tesla zur Startrampe gefahren werden? Oder dass die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt Launch America überschatten? Der US-Präsident erscheint auf dem Bildschirm, ich klappe den Laptop zu und versuche die Kinder dazu zu bewegen, Schuhe und Jacken anzuziehen und die Wohnung zu verlassen. Was ist eigentlich das Gegenteil von Schallgeschwindigkeit? Dass man lauter und lauter wird und alles dabei zum Stillstand kommt?
Endlich rollen die Räder über die Waldwege. Lesen, ich würde jetzt gerne lesen, der Verantwortung und den Ansprüchen kurz entfliehen – wir gucken Wildschweine an. Die Bachen wühlen mit den Schnauzen die Erde auf, und ich belausche das Gespräch nebenan. „Dreimal hat sie es schon versucht, mit Gepäck und allem, und dreimal musste sie wieder zurück ins Hostel“, sagt eine Frau, deren Tochter auf ihrem Work & Travel-Jahr in Neuseeland offenbar ein Virus in die Quere kam. Eine Pandemie ist doch ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Man kann Wildschweine anschauen, und es ist leichter, die Erdanziehung zu überwinden, als den Kontinent zu wechseln.
Die Kinder haben sich rasch satt gesehen, sie steigen freiwillig in den Anhänger, und nach wenigen Minuten ist es verdächtig still hinter mir. Ich steige ab und schaue mir an, wie sie nebeneinander schlafen. Sie schlafen nicht Hand in Hand, haben aber die Köpfe wie einer unausgesprochenen Abmachung folgend gegeneinander gelehnt. Zuletzt passiert es nur noch selten, dass sie zeitgleich Mittagsschlaf machen, und es scheint mir jedes Mal wie ein historischer Moment. Ich habe vorgesorgt für diesen Moment und schiebe das Rad zur nächsten Bank. Ich habe blindlings eines der angelesenen Bücher in den Rucksack geworfen, suche nach der Seite mit dem Eselsohr, fahre mit dem Finger die Zeilen entlang, three, two, one, zero: Liftoff, we have a liftoff!

Die Vogeltränke

Seit der Kontaktsperre wegen des Corona-Virus‘ gibt es ein Thema, das mich fast mehr noch als die Krankheit an sich beschäftigt: Zum Spielen mit den Kindern ist uns, von kurzen Streifzügen durch den Volkspark einmal abgesehen, nur ein kleines zubetoniertes Viereck im Hof geblieben – dass zwei Autos rund ein Viertel der Fläche blockieren, sei hier nur am Rande erwähnt. Eine Nachbarin sorgt sich seit Jahren um die Vogelschicksale in unserer Umgebung, behängt die dürren Äste einer Forsythie ganzjährig mit zu vielen Meisenknödeln und füllt Futter in ein kleines Vogelhäuschen. Zusätzlich tauscht sie täglich das Wasser in einem mit zwei faustgroßen Steinen beschwerten Untersetzer für Blumentöpfe. Die Kinder lieben es, Sand in diese provisorische Vogeltränke zu schütten, sie umzustürzen oder mit einer verräterischen Spur verlorenen Wassers über den Hof zu zerren. Um die Lage zu entspannen, hat der zweite, handwerklich ungleich begabtere Familienvater in unserem Haus – er ist auf Kurzarbeit wie ich – eine Halterung an der Hofmauer befestigt, unerreichbar für die Kinder. Die Vögel, sie könnten so glücklich sein – wäre da nicht die Nachbarin, die nicht müde wird, die Tränke immer wieder zurück auf den Boden zu stellen, und uns mit kühler Begrüßung im Hausflur zu verstehen gibt, dass sie nicht toleriert, wenn wir über den Standort dieser für das Federvieh überlebenswichtigen Einrichtung bestimmen.
Wenn ich mich gerade nicht mit der Vogeltränke oder dem auf diese oder andere Weise das Leben einschränkenden Virus beschäftige, dann arbeite ich an meinem Roman. Und manchmal, nach einem halben Tag mit den Kindern, an dem ich unentwegt auf die Uhr gesehen habe, ob meine Freundin nicht endlich nach Hause kommt, nach einer Auseinandersetzung mit ihr, wann ich wieder zu Hause zu sein habe, und nach einem überstürzten Aufbruch in das kleine Büro, das wir gerade als Homeoffice bezeichnen; wenn ich also endlich am Rechner sitze und endlich die Zeit habe, das zu schreiben, wovon mich das ach so arge Leben momentan noch ein Stück mehr abhält, dann weiß ich gar nichts mehr von dem Text, dann denke ich an den Hinterhof, von dem ich mich wie oft schon fortgewünscht habe, und frage mich, wo die Vogeltränke wohl gerade steht.