Fallhöhe

Es gibt diese Angst, nicht gut genug zu sein, nicht zufrieden zu sein, das Leben zu verschwenden oder die Kontrolle zu verlieren. Diese Angst gibt es schon lange und der Wunsch nach Kindern entspringt auch dem Wunsch, ihr etwas entgegensetzen, sie durch Sinn und Form zu ersetzen. Nicht allzu überraschend, geht das nur halb auf. Die Motivation, gut zu sein, ist tatsächlich höher, wenn das Glück Unschuldiger daran hängt, aber höher ist auch die Fallhöhe.
Stabilität ist gefragt und gleichzeitig umso schwieriger zu erreichen. Groß die Angst, etwas zu versäumen, nicht zu genügen, falsch zu entscheiden.

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Unsere Kirche

Der dunkelbraune Holzboden schwingt und knarrt, als wir uns der freien Bank auf der Empore nähern. Schnell lassen wir uns nieder. Die Schwester zwischen den Eltern, ich außen, neben der Mutter. Wenn ich mich ein bisschen recke, kann ich gerade noch hinunter zum Altarraum schauen, wo gleich die Weihnachtsgeschichte verlesen wird. Meine beste Freundin sitzt mit ihrer Familie im gleichen Block und ich winke den zwei Jungs aus meiner Klasse zu, die gegenüber auf der anderen Empore sind. Wie schön unsere Kirche ist. Sie ist alt und eine der größten der Umgebung. Unten in der Mitte teilt ein breiter Gang den Block mit den seitlichen Bankreihen von dem hinteren Block, in dem die Reihen nach vorne gerichtet sind und wo wir nie sitzen. Dort, in der Lücke, steht der drei Meter hohe Weihnachtsbaum, geschmückt mit echten Kerzen, Strohsternen und roten Bändern. Auch der Papierstern mit seinen unzähligen gelb-weißen Spitzen, der von der gebogenen Decke hängt, ist der größte, den ich je gesehen habe. Unser Pastor besteigt in seinem langen Gewand die Kanzel. Wir sehen ihn von oben im Profil und seine volle Stimme erinnert mich an den Sprecher von Benjamin Blümchen. Wie es wohl ist, dort ganz alleine zu stehen und vor so vielen Menschen zu sprechen? – Nachdem ich mit der Gemeinde, begleitet von der Orgel und dem festlichen Bläserchor, „Vom Himmel hoch“ gesungen habe, denke ich an die Bescherung, die gleich zu Hause folgen wird, kann es kaum erwarten und möchte trotzdem am liebsten die Zeit anhalten.

Ein Beitrag aus der Reihe Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten.

Ganz wie du

Du machst mich oft wütend oder überforderst mich einfach, manchmal mache ich mir Sorgen, dass du nicht genug gemocht wirst, denn du willst immer gehört werden, hast ständig einen Einfall, eine Frage oder einen Witz auf den Lippen, möchtest Reaktionen sehen, redest beim Essen, beim Vorlesen, beim Schuhe anziehen und spazieren gehen. Du weißt, was du magst und nicht magst, machst wenig Kompromisse, bist oft erschüttert über schlechtes menschliches Verhalten, freust dich kurz darauf über ein Easteregg. In vielem war ich ganz wie du, und deute die Reaktionen der Erwachsenen rückblickend neu. Weiß nicht, ob ich das lustig, schön oder traurig finden soll.

Ein Beitrag aus der Reihe „pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“.

Alles ist Körper …

Alles ist Körper.
Nie war mein Körper wichtiger.
Gleichzeitig ist er Zweck.
Heute soll er ein Kind gebären.
Es ist mein Körper, noch wohnt das Kind dort.
Deswegen ist es auch nicht mein Körper.
Er ist verwandelt, zum Haus geworden.
Heute soll alles zusammenpassen.
Mein Wille, der Wille des Kindes.
Die Programme unserer Körper.
Alle um uns herum sollen helfen.
Erkennen was hilft, vermeiden was stört.
Ihnen muss ich meinen Körper geben.
Meinen Willen, mein Vertrauen.
Dabei das Zentrum bleiben.
Ein Akt so fragil wie gewaltsam.
Endlich ist es soweit, ein Übergang.
Ich bin nicht überrascht, habe gewartet.
Lange gewartet, endlich passiert das Theoretische.
Jetzt ist alles Praxis.
Noch soll ich mich gedulden.
Der Badezusatz ist blau. Blau für Beruhigung.
Später werden die Farben andere sein.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

Ich will …

1. weniger gestresst sein
2. mehr schreiben
3. den Kindern ausgeglichen begegnen
4. weiter so viel verdienen, dass unser 50/50-Modell funktioniert
5. den Kindern helfen, selbstständige, selbstbewusste und kritische Menschen zu werden
6. mehr lesen
7. politisch sein
8. viel schlafen und essen
9. mich mehr bewegen
10. alles dafür tun, dass meine Kinder nicht-sexistische und nicht-rassistische Männer werden
11. das Leben genießen
12. intelligent sein
13. dass mein Rasen grüner ist als der der Nachbarn
14. mich und meine Texte nicht so oft mit anderen vergleichen
15. den Vater meiner Kinder weiter lieben, möglichst für immer
16. Bewertungen von außen und Kritik weniger an mich herankommen lassen
17. gut aussehen
18. eine gute Freundin sein

Winkelkinder

was ist das Eigene am gerundeten Kind, der finnische Tango
grüßt im Hintergrund mit süßer Schwere, die Hand knickt
im Schlaf ab, leicht geöffnete Finger, der Mund sowieso
ob mein oder dein Winkel, Widerhall auf jeden Fall

—–

schon lange nicht mehr essen, was auf … warten nicht, bis …
aber es soll doch, gepflegter Tausch aus, Anschauen, klirr
zappeln die Kinderhände, sprechen wir zu Sternen
oder teilen Mundverbot aus. Unser tägliches Brot …

—–

spielen wir mehr, Mensch, nicht ärgern, grün, rot
angezählt, ausgezählt, unser Schicksal kippt voran
quadratisch, rund, Kind, lass mich in deiner Bahn
ich leg ja das Handy weg, Würfel schenk uns Ruh‘

Spielkreis

Ein Kreis nackter Babys in einem warmen Raum. Weil gerade Winter ist, bin ich mit den T-Shirts aus der Übung. Hätte lieber etwas anderes an. Aber es geht sowieso nicht um mich, sondern um mein Baby, das fünf Monate alt ist und heute unruhig. Wir hatten eine schwierige PEKiP-Stunde, sind gemeinsam aus dem Gleichgewicht geraten. Ich weiß nicht, wer von uns beiden zuerst nervös wurde. Schon die Kursanfangszeit passte heute nicht. Das Baby war weder satt noch ausgeschlafen, als wir überstürzt aufbrachen. Aber ich nehme den Kurs ernst, alle sieben Mütter und ein Vater buchen Kurs um Kurs, bis ihre gleichaltrigen Babys fast ein Jahr alt sind. Acht Monate altersgerechte Spielanregungen, Babys, die sich ohne Windeln besser bewegen können, Eltern, die ständig Pfützen aufwischen. Ein paar der Spielzeuge gefallen auch meinem Baby. Oft gehen meine Blicke zu den anderen Müttern und ihren Babys und ich frage mich, welchen tollen Job die Mutter des Babys hat, das mit seinem Vater da ist. Ich habe keine Arbeit. Letzte Woche kam wieder eine Absage auf eine Bewerbung für ein Promotionsstipendium. Nach meinem Beruf gefragt, lasse ich einige „Eigentlichs“ und „Vielleichts“ fallen, versuche souverän zu klingen. Mein sonst in den Augen der Kursleitern fast zu entspanntes Baby weint heute so viel, dass ich die meiste Zeit mit ihm am Rand sitze. Auf die Frage, was los ist, zucke ich nur die Achseln, „schlechter Tag“. Am Ende, beim Anziehen, schreit mein Baby mit hochrotem Kopf und ich schwitze. In diesem Moment merke ich, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Ich kann kaum reagieren, nicht richtig denken, mich zu keiner Handlung entschließen, bin äußerlich wie eingefroren und innerlich voller Panik.

Kompromisse. Ein fiktives Interview

Wie sieht deine Konstellation als Autorin und Mutter aus?

Ich habe zwei Kinder, 10 und 6 Jahre alt, und bin seit ca. 12 Jahren nebenberuflich Autorin.

Was heißt “nebenberuflich”?

Viele Autorinnen müssen zusätzlich Geld verdienen, aus angrenzenden Tätigkeiten oder literaturfremden. Für mich war es nach ein paar Jahren im wissenschaftlichen Prekariat wichtig, ein festes Einkommen zu haben und meinen Leistungen und meiner Ausbildung entsprechend bezahlt zu werden. Ich arbeite als Redakteurin und Konzepterin in einer Design/Digital-Agentur. Nie habe ich für mich die Möglichkeit gesehen, primär zu schreiben, immer gab es erst etwas anderes, das wissenschaftliche Studium, die Doktorarbeit, den Beruf. Gleichzeitig merke ich, wie die Uhr tickt, weil mein eigentlicher (heimlicher) Berufswunsch schon als Kind der der Autorin war.

Das klingt konfliktreich, oder?

Es ist sowieso schwierig, Arbeit und Familie zu vereinen, wenn dann noch ein Nebenberuf hinzukommt, wird es nicht leichter. Aber für mich ist es so, zumindest im Moment, der beste oder einzig mögliche Kompromiss.