Wer sonst

Wenige Dinge nur habe ich aus purer Freude gemacht oder aus einem einfachen, instinktiven, dringenden Wunsch heraus. Ein Kind zu bekommen gehörte zu diesen Dingen, die sich nicht instrumentalisieren oder pragmatisch mit Vor- und Nachteilen angehen ließen. Das heißt, es ließe sich natürlich eins bekommen, um in die Altersvorsorge zu investieren, um eigene Komplexe daran abzuarbeiten, diktatorische Neigungen auszuleben, aber sowas kam uns nie in den Sinn. Ich weiß nicht, warum ich, warum wir ein Kind wollten, aber, mal ehrlich, wer sonst, wenn nicht wir.

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Horkruxe

Die Stelle, aus der ein Kind gezogen wird, stellte ich mir als eine große Wunde vor, ins Äußerste gedehnte Haut, blutige Abdrücke, gelegte und gezogene Nähte, Narben. Aber ich spürte nichts und sah nichts.

Jetzt bin ich von allen Seiten verwundbar geworden, habe die Grenzen ausgedehnt und verloren, mein Innerstes verteilt sich über den meinen und einen anderen Körper von seltsamen, mir unähnlichen Proportionen. Ich lege Horkruxe an wie Voldemort, Garanten für das weitere, vielleicht endlose Dasein, aber sie machen mich nur angreifbarer, von allen Seiten, und wenn sie zusammengeführt werden in einem Raum, im gleichen Zimmer, mein Körper, mein Schreiben, mein Kind, wissen sie nicht, ob sie wirklich Teil eines Ganzen sind.

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.