An meine Kinder

Mitten in einem Schlag, der uns in die Knie zwingt, weil er gesessen hat, und mehr noch, weil wir seine Rechtfertigung nicht sehen, mitten in diesem wortlosen Schlag sehen wir plötzlich den Horizont dahinter.

Uns blutet die Lippe, uns pocht die Wange, etwas knirscht, wenn wir den Kiefer bewegen, und wir fragen uns stumm, woher ist das gekommen, trifft uns das wieder, und wann. Die Lippe, die Wange, der Kiefer, das wird wieder zuwachsen, aber wir sind schon andere. Wörter haben wir dafür nicht, und als wir das bemerken, will sich uns die Faust ballen zum Schlag.

Und doch: Irgendwann werden wir dahinter ankommen. Es wird ein Wind gehen, und wir werden nicht heil sein, aber eine Frage stellen können.

Es ist keine leichte Aufgabe, herauszufinden, wie wir dahinter kommen, ohne mitten hindurch zu gehen.

Zum Glück helft ihr mir suchen.

Gespräche zwischen Müttern und Töchtern, 2023

Warum kämpfen die Frauen, fragt mich mein Kind beim Frühstück am 8. März. Kämpfen ist doch nicht gut.
Ja, sage ich, aber die Frauen kämpfen nicht mit Fäusten oder Waffen, sondern mit Worten dafür, dass sie für die gleiche Arbeit gleich viel bezahlt bekommen.
Gibt es auch Männer mit wenig Geld, fragt mein Kind.
Ja, antworte ich, aber bei gleicher Arbeit sollte man gleich viel bezahlt bekommen. Ich zum Beispiel verdiene vielleicht weniger Geld als mein Kollege, obwohl wir gleich viel und gleich lang arbeiten.
Im Kindergarten, sagt mein Kind, da haben die Erzieherinnen auch gestreitet.
Gestreikt, verbessere ich. Ja, die haben gestreikt, weil es wichtig ist, dass sie mehr bezahlt bekommen.
Ist kämpfen uns streiten, äh streiken manchmal wichtig, fragt mein Kind.
Ja, wenn sich dann auch wirklich etwas ändert. Sonst muss man gehen, antworte ich.

Aber es ändert sich nichts. Ich öffne Briefe mit Zahlungen, damit Gerichte sich mit dem Unterhalt für mein Kind beschäftigen. Ich bekomme keinen Ganztageskindergartenplatz, ich gehe halbtags arbeiten. Es ändert sich nichts, denke ich so oft und ich weiß nicht: Wohin sollen wir? Wo ist die Utopie? Wann beginnt sie? Und wie soll ich meinem Kind all das vermitteln, wenn ich selbst keine Antworten weiß?

Kopfsteinpflaster

Gerbergasse hoch, Amalienstraße runter und einmal quer über den Schlosshof. Um den Springbrunnen und zurück. Der Kinderwagen, das Kind und ich: Wir ruckeln uns durch die Route. Nur hier gibt es durchgängig Kopfsteinpflaster. Und Kopfsteinpflaster ist key für den Mittagsschlaf: Untergrund, Grundlage, Grundstein.

Die Räder rattern.
Ein älterer Herr, der im Schlosshof Kaffee trinkt, blickt auf.
Würde das Kind in seinem Bett nicht besser schlafen?
Im Zweifelsfall Fläschchen statt Stillen, das sättigt.
Ich warte auf den Moment, in dem das Blinzeln länger wird.
Eine Frau im Kostüm wirft eine Münze in den Brunnen.
Im Zweifelsfall ruhig mal schreien lassen.
Auch ich hätte einen Wunsch.
Ich halte Ausschau nach einer Bank, auf die ich mich setzen kann, wenn der Schlaf sich vor die Mittagssonne schiebt.
Mit Buch (zum Lesen), Notizbuch und Stift (zum Schreiben).
Die Mutter aus der Krabbelgruppe, deren Kind seit Monaten durch- und im Bett schläft, winkt mir zu. Gute Ratschläge inklusive. Pucken solltest du mal versuchen. Rituale. Feste Zeiten. Ein Fellchen. Ich kann nicht anhalten. Amalienstraße hoch, Gerbergasse runter. Das Kind schließt die Augen. Keine Bank in Sicht. Im Zweifelsfall: Selber schuld.

in breve

wenn du schon fragst: es war so, dass deine Mama ein Wort
und dass ich ein Wort verschlungen
haben ineinander. worauf ein Schaufenster entstand,
darin lag Quark. du
weißt ja, so wie der, als du noch minus eins warst.
deine Mama und ich, wir mochten uns, wir mögen uns,
wir mögen unsere Worte.
die manchmal wie Geschenkpapier sind
für die Dinge.
aber auch die Dinge können schöner sein
als man sie ausspricht –
das Mögen etwa und das Ineinanderführen von Wörtern,
die zu Kindern führen.
führt das zu weit oder zu nah?
jedenfalls warst du schon ein wenig da,
bevor es dich ganz wirklich gab:
als Zuneigung und Wörter,
die wie gemacht sind füreinander.

Überirdisch

Mein Kind kommt von einem anderen Planeten. Es beschreibt ihn, seit es reden kann, in allen Einzelheiten. Dort leben auch, erklärt es, seine echten Eltern. Die Mutter heißt Sarah. Wie der Planet heißt, darf ich nicht sagen, auf diesen Namen hat mein Kind ein Copyright. Aber, dass man sich von Feuer ernährt dort, darf ich erwähnen. Das passt zu dem Kind.

Irgendwann hat es also entschieden, dass es die restliche Welt erkunden will. Es ist durch Teleportation in meinen Bauch gelangt, weil es von oben heruntergeguckt und seinen Papa und mich für seine terrestrischen Abenteuer ausgewählt hat.

In der Vorschule hat mein Kind monatelang vor anderen Leuten steif und fest behauptet, wir seien nicht seine wirklichen Eltern. Das hat sich zum Glück gegeben.

Ich wurde von meiner Mutter aufgeklärt und fand das alles ungeheuer spannend und cool. Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, denn ich hatte ab diesem Zeitpunkt Vertrauen in meinen Körper und war immer froh, ein weibliches Wesen sein zu dürfen.

Mein Kind ist acht. Vor ein paar Jahren habe ich ihm in Kurzform erzählt, was es wissen muss, wenn es in der Schule um das Thema geht. Es hat bisher nicht nachgehakt, was das Mechanische betrifft, das Ganze ist ihm in dem Alter noch etwas suspekt. Fragen hat es zum Thema Babys, und verlobt war es auch schon dreimal. Ich muss ihm öfters die turbulente und gefährliche Geschichte seiner Geburt erzählen.

Mein Kind ärgert sich, dass es keine gleichaltrigen Geschwister hat und auch keine mehr bekommen wird. Irgendwann kam die Rede auf Verhütungsmittel und warum die wichtig sind. Mein Kind empörte sich! Mit bösem Blick blitzte es mich an. Medikamente nehmen, um Babys zu verhindern? Hütchen, die es, wenn es später mal soweit ist, an bestimmten Stellen aufsetzen soll, um nicht zu früh Papa zu werden? Bei den Krankheiten waren wir noch nicht. Verhütungstheorie findet mein Kind offensichtlich barbarisch. Ich glaube, es hatte in diesem Moment eine archaische Angst, dass ich vielleicht keine Kinder gewollt haben könnte.

Wir haben in den nächsten Jahren wohl noch ein paar Dutzend ernsthafte Gespräche vor uns. Wenn es will. Wenn es fragt.

Abends nehme ich es in den Arm und versichere ihm, dass es die tollste Überraschung ist, die mir je passiert ist. Auch wenn es irrsinnig anstrengend ist, das mit dem Kind, dem Beruf und dem Schreiben. Dass ich aber ohne es so viel weniger gelacht hätte. Lachen würde. Dass ich froh bin, dass es von seinem Feuerplaneten in meinen Bauch heruntergestiegen ist!

Weil niemand gefragt hat (Aufklärungen)

Nipple confusion ist eine Punkband

und auch mit Baby bleibt Bachmann dank Mindset machbar

wenn man sich auf seine vier Buchstaben setzt, verschwindet ADHS von ganz allein,

während

jeder Text mit Kind-Content das Prädikat Männerliteratur verdient.

Jedem*, der* in diesem Genre schreibt, winkt eine Sonderehrung (auch den Frauen, die sind immer

mitgemeint), und begleitet der Nachwuchs bei einer Preisverleihung, werden ihm feierlich überreicht:

1 Fan-Shirt

und 1 Care-Paket.

So freuen sich selbst Teenies an schreibenden Eltern, rollen Woche für Woche

Sushi deluxe, während auf Residenz jene ganz still ihrer Muse lauschen.

Doch Obacht: Texte, die man verwöhnt, wachsen einem schnell über den Kopf.

Baby Blues übrigens und apropos Lauschen bezeichnet frühen, sehr, sehr frühen Jazz.

 

Same Work But Different: Laura Vogt

Hatte Deine Mutterschaft/Vaterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf Dein Buch? Welchen?

Laura Vogt: Ja! Das Thema Mutterschaft (und Elternschaft allgemein) hat mich während dem Schreiben umgetrieben, und das zeigt sich auch bei den drei Hauptfiguren von „Die liegende Frau“. Romi ist schwanger mit ihrem zweiten Kind und fragt sich, was Verantwortung meint und wie diese Familie prägt. Szibilla hingegen bezeichnet sich als Antinatalistin und möchte keine Kinder haben. Nora wiederum steckt in einer Krise und schweigt – was sicherlich auch mit ihrer Mutterschaft zu tun hat.

Wenn Dich vor der Kita oder vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in Deinem neuen Buch geht – wie würdest Du es beschreiben?

Laura Vogt: Es geht um drei Frauen, die miteinander mehr oder weniger eng verbunden sind. Eigentlich wollten sie gemeinsam einen Kurztrip nach Berlin machen, aber dann erfahren Romi und Szibilla von Noras Krise und reisen zu ihr an den Ort, wo Nora aufgewachsen ist. Dort sind die beiden konfrontiert mit ihren sehr unterschiedlichen Lebensentwürfen, und ein je eigener Prozess beginnt … bis Nora ihr Schweigen bricht. Es geht also, grob gesagt, um die Frage nach der Rolle(n) der Frau und um die der Mutter. Es geht um die Frage nach dem „guten Leben“, nach Prägungen, Beziehungen, Verantwortung, Familie und Freundschaft.

Was hast Du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?

Laura Vogt: Ich war in den Ferien und konnte mich daher zwei Wochen lang darauf freuen, das Paket zu öffnen. Dafür habe ich mir dann viel Zeit genommen. Ich habe das Buch ein erstes, zweites, drittes Mal betrachtet, darin gelesen, und es mir so zu einer Art Freundin gemacht.

Stehst Du wegen der vermehrten Schreibzeit oder nun kommender Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Laura Vogt: Der Vater meiner Kinder und ich haben ab der Geburt unseres Erstgeborenen gleichberechtigt gelebt, gearbeitet, betreut. Das ging fast immer gut auf. Und das ist ein Privileg. Grossartig sind auch die Betreuungsarbeit meines Freundes, meiner Mutter und ihres Partners und die Genossenschaft, in der wir leben und in der so einiges abgefedert werden kann. Für all das bin ich sehr dankbar – aber ich stehe deswegen in keiner Schuld.

Was hältst Du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für Dich stimmig?

Laura Vogt: Vielleicht ein etwas abgedroschener Vergleich, aber für mich ist er stimmig. Ich gehe mit den Themen schwanger wie mit einem Baby. Das Baby – der Text – wächst in mir heran, bis das Baby – das Buch – auf die Welt kommt. Das Buch am Erscheinungstermin loszulassen, fühlt sich ähnlich schwierig an, wie mein Baby nach der Geburt aus den Händen zu geben. Es seine eigenen Wege gehen zu lassen, ist gar nicht so einfach für mich. Aber beide – Buch und Baby – brauchen mich ja doch noch eine ganze Weile …

 

Laura Vogts dritter Roman Die liegende Frau erschien im September 2023 in der Frankfurter Verlagsanstalt.

 

Das Alphabet des Brav-Seins

Dokumentation der Maternal Night zum Thema Brav-Sein

Am 15. Juni 2023 fand die erste „Maternal Night“ statt, das neue digitale Austauschtreffen der Other Writers zu einem festgelegten Thema, diesmal: „Brav-Sein“.

Bettina Wilpert und Sibylla Vričić Hausmann gaben ein Kurzreferat dazu, wie sie als Menschen und Schreibende dazu stehen, was sie von ihren Kindern erwarten – und ob sie vielleicht selbst manchmal zu brav sind, in ihrem Handeln, in ihren Texten. Danach fand eine gemeinsame Diskussion mit den zehn Teilnehmenden statt – nicht nur Netzwerkmitglieder, auch alle Gäst*innen sind zu diesen Treffen willkommen.

A

Autoritär: Weil so viele Denkweisen aus der autoritären Erziehung noch immer unreflektiert im Umlauf sind – „Kinder sollen die Erwachsenen im öffentlichen Raum nicht stören“, „Kleinkindern soll man nicht nachgeben, weil sie sonst immer mehr fordern“, „Kinder müssen zu gesellschaftsfähigen Menschen geformt werden“ und und und – ist es oft schwer, in der Beziehung zu Kindern die eigene Intuition zuzulassen und für falsch Befundenes zurückzuweisen. Dasselbe gilt dafür, wie sich Eltern, v.a. Mütter zu verhalten haben. Auch hier sind überkommene Vorstellungen noch sehr präsent und wirkmächtig. Die Frage ist doch: „Wie kann ich mein Kind nicht-autoritär erziehen und trotzdem das Gefühl haben, es gibt auch gewisse Grenzen, die das Kind nicht überschreiten darf?“

Autofiktionalität: Autofiktionale Texte sind ungehörig. (Bruch mit Milieu) – Autofiktionale Texte sind so en vogue, dass sie schon wieder brav sind.

B

Bedürfnisse: Um als Elternteil auch auf meine eigenen Bedürfnisse achten zu können, muss ich sie erst einmal kennen. Auch mein Kind soll seine Bedürfnisse kennen lernen.

Beruf: Die Entscheidung, Schriftsteller*in zu werden, ist an sich nicht brav, weil sie gegen die Konvention eines klassischen nine-to-five-Jobs verstößt.

Bindung: Ist die persönliche Bindung da (z.B. auch mit Schüler*innen in der Lehrer*innenposition), dann klappt es meist mit der Kooperation, auch bei vermeintlich schwierigen Fällen.

Brav-Sein als Kind: Ich war als Kind eher wild, aber irgendwann war ich dann doch eingenordet. – Ich war als Kind viel zu brav und bin dann mit 19 weggezogen.

Brave Mutter: Darf ich alleine wegfahren, feiern gehen, mein Kind anschreien, mein Kind verkatert betreuen?

Braver Vater: Bin ich ein braver Vater? Darf ich mir abends einen Drink machen, rauchen?

Brotjob: Jeden Morgen, als ich die Kinder zur Kita gebracht habe, war ich total neidisch, auf die, die nicht nach Hause zurück mussten, auf die, die irgendwo hingehen konnten, wo sie andere Leute getroffen haben.

D

Drinnen und Draußen: Zu Hause können die Kinder machen, was sie wollen, draußen gelten die Wünsche der anderen.

E

Eigene Erziehungserfahrung als Kind: Sie läuft bei Eltern innerlich immer mit.

Essen: Ich mag einfach nicht, wenn mein Kind beim Essen herumläuft, auch wenn ich mir immer wieder sage, dass es noch klein ist/ADHS hat.

Ehrgeiz (z.B. als Wissenschaftler*in, Künstler*in) ist eine Form der Bravheit (vgl. Arno Gruen, Der Fremde in uns: „Ehrgeiz ist wohl der am besten verhüllte Auswuchs des Gehorsams. Verhüllt deshalb, weil der Unterworfene sich als autonom erlebt, da er glaubt, eigene Ziele zu verwirklichen.“ Doch sind diese Ziele nach Gruen nicht autonom, sondern gehorchen unserer „auf Erfolg und Leistung ausgelegten Kultur: Ehrgeiz und Leistung, das Schaffen von Größe als Selbstzweck. Erfolg und Leistung beeindrucken natürlich, deshalb wird auch nicht sichtbar, dass sie dem Destruktiven dienen.“)

Elternschaft: Elternschaft ist im Literaturbetrieb nicht erwartet. Allein, dass ich über Elternschaft schreibe, kommt mir manchmal verboten vor. Ich denke: „Wen interessiert denn das?“

Erlebnisse: Inwiefern dürfen persönliche Erlebnisse im Schreiben Platz haben? Inwiefern trifft man Leute aus dem Umfeld damit oder stellt sie dar? Inwiefern darf ich das? s. „Autofiktionalität“

Erwartungen: Brav-Sein – als Wort spielte es weder in meiner eigenen Erziehung noch jetzt gegenüber der Kinder eine Rolle. Jedoch sind andere Worte für eine ähnliche Sache sehr wohl da: Erwartung, Konvention und diese ggf. zu brechen.

F

Figuren: Die jugendlichen Figuren in meinen Romanen sind niemals brav. Was gäbe es dann schon zu erzählen?

Funktionieren: Man darf halt nicht ganz aus dem Raster fallen. Der Druck, dass die eigenen Kinder und man selbst in der Betreuungs-/Erziehungsperformance außen gestellten Erwartungen entspricht ist riesig. Gesellschaftliche Ächtung ist schließlich das Schlimmste, was Menschen passieren kann.

Frankreich: Kinder werden mehr in der Kollektivität erzogen, wie in der DDR, nur ohne Ideologie – es wird sehr viel Druck auf sie ausgeübt.

G

Geschwister: Wie „brav“ eine erwachsene Person, auch als Elternteil und beruflich ist, liegt u.a. an Faktoren, die man selbst gar nicht beeinflussen kann. Ganz oben wären da Geschwisterreihenfolge, aber auch Geschlecht, Einstellung der Eltern, usw. zu nennen.

Gesellschaft: Mein Stress war ein „Mehr-Brav-Sein-zu-wollen“, aus der Angst vor den negativen Konsequenzen in Form von Ausschluss aus Gruppen oder der Gesellschaft. s. „Funktionieren“

Grenzen: Anderen Grenzen zu setzen ist die größte Herausforderung in meinem Leben. s. „Bedürfnisse“ und „Autoritär“

K

Kompromisse: In meinem Schreiben bin ich kompromisslos. Ich versuche, mich, Schreibregeln, Genres zu entwinden. Absichtlich kein Show-don’t-tell zu machen, absichtlich keinen Roman zu schreiben.

Körperarbeit: Beim Mutterwerden geht es auch um viel Körperarbeit, neben der emotionalen Arbeit. Ich glaube, dass es oft noch als „Frauenliteratur“ abgetan wird, wenn jemand über etwas Körperliches schreibt.

L

Literaturbetrieb: Brave Texte will niemand. – Ich würde mir weniger Bravheit auf der Bühne wünschen, mehr unterminierte Wettbewerbe, Autor*innen, die ihre Preise teilen und sich nicht von einer Jury still und artig bewerten lassen wollen. – Ich will meine Enttäuschung nicht runter schlucken müssen, wenn ich einen Preis nicht bekommen habe. – Es gibt eine positive Entwicklung hin zu weniger Bravheit gegenüber den Mächtigen im Betrieb.

P

Pubertät: Das Bild, dass brave Jugendliche ein Problem haben, ist auch falsch. Manchmal ist es einfach schön, dass sie bei sich bleiben, vielleicht bereits abgegrenzt genug sind und ihre Rebellion nicht durch z.B. exzessives Feiern oder so ausdrücken müssen.

R

Regeln: Wenn Regeln sinnvoll und nachvollziehbar sind, dann verlangt es nicht unbedingt Bravheit, ihnen zu folgen.

S

Schuldgefühle: Sie sind das Schlimmste!

Sicherheit: Gegen Regeln verstoßen, nicht-Brav-Sein und widersprechen, sind auch ein Zeichen dafür, dass ein Kind sich sicher fühlt. s. „Pubertät“

Sichtbarkeit: Ich habe meine Hauptabrechnung bekommen und war schockiert, weil es so wenig war – weil ich nicht sichtbar bin.

Spaß: Das „brave Schreiben“, das man mir in der Schule beibrachte, zu durchbrechen, macht mir großen Spaß.

Still sitzen: s. „Essen“

U

Überforderung: Kinder müssen brav sein, wenn man als Eltern/Betreuungsperson überfordert ist, weil ein Mangel an Nerven, Zeit, Schlaf oder anderen Ressourcen herrscht.

V

Verantwortliches Schreiben: Was kann ich über nahe Personen preisgeben in meinen Texten? s. „Autofiktionalität“

W

W-Fragen: Der Druck, die richtigen Entscheidungen zu treffen, über was man wann wie wo schreibt, ist groß. Die Erwartungen sind hoch. Durch die offene Form des Autor*innenberufs können die Erwartungen immer weiter hochgeschraubt werden.

Was ist aber dann überhaupt „nicht brav“? Wenn alles Kritische eh „reingeholt“, eingepasst und letztlich marktfähig gemacht wird? Einfach ganz bei sich zu sein? Nichts zu machen? Das kann es auch nicht sein. s. „Autofiktionalität“

 

Same Work But Different: Ann Kathrin Ast

Hatte deine Mutterschaft einen inhaltlichen Einfluss auf dein Buch? 

Sehr! Nach der Geburt meines ersten Kinds habe ich mich buchstäblich sprachlos gefühlt, konnte auf Fragen wie „wie geht’s dir?“ selbst engen Freundinnen nichts antworten. Auf das Gedicht „Morning Song“ aus Sylvia Plath‘ „Ariel“ zu stoßen, hat ein bisschen geholfen. Wenige Tage nach der Geburt kamen beim Stillen dann die ersten Zeilen zu einem Langgedicht übers Gebären. Ich habe schnell gemerkt, dass ich jetzt sowieso über nichts anderes schreiben könnte, musste versuchen, das Gebären und die Veränderungen in der Wochenbettzeit in der Sprache zu bannen. Es war schön, dass mich die Arbeit an diesen Gedichten im Jahr nach der Geburt begleitet hat. Jetzt machen sie etwa den halben Gedichtband aus.

Stehst du wegen Schreibzeit oder Lesungen in der Schuld anderer Familienmitglieder?

Ja. Ein halbes Jahr nach der Geburt meines zweiten Kinds sind mein Debütroman und mein Debütgedichtband erschienen. Mein Baby war bei allen Lesungen dabei, in Berlin, Leipzig, Vorarlberg … Es ging nur, weil meine Eltern/Schwiegereltern als Babysitter mitgekommen sind. Für diese Unterstützung bin ich sehr dankbar. Im Alltag dagegen habe ich keine Entlastung, kann deshalb zurzeit fast gar nicht schreiben. Bei einem Kind ging das noch gut, bei zwei Kindern gibt es einfach zu wenig parallele Schlafphasen der Kinder, finde ich. Das heißt, ich warte jeden Tag sehnsüchtig auf den Anruf einer Tagesmutter oder Krippe, dass sie einen Platz für meinen Einjährigen haben.

Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest du es beschreiben?

Unter anderem um Geburt und Wochenbettzeit als Grenzerfahrung, die besondere Wahrnehmung und Zeitlosigkeit. Die Zweifel, die überwältigende Zartheit, die existenzielle Angst, die Suche (danach, wer dieses Kind ist und wer ich jetzt bin). Die Perspektiven von Mutter und Kind verschränken sich.
Der Text ist teils als Schnipsel wie bei einer Pinnwand über die Seite verteilt, das lässt mir und den Leuten, die es lesen, Freiräume.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?

Eines, wo ich ein paarmal für einige Tage an einen anderen Ort komme für Eindrücke, Lesungen, Workshops, wo es keine dauerhafte Präsenzpflicht gibt und ich am besten die Kinder und einen Babysitter mitbringen darf, der dann auch da schläft. Präsenzpflicht finde ich nicht zeitgemäß, wo doch sonst gerade überall Homeoffice üblich ist …

Ann-Kathrin Asts Gedichtband vibrieren in dem wir erschien im Januar 2023 in der parasitenpresse.

Wenn ich groß bin, will ich aber nicht so eine Arbeit wie du!

Jedes Mal, wenn wir an einem schönen Haus vorbeilaufen, sagt meine Tochter, wie schön es sein müsse, darin zu wohnen.

Sie haben bestimmt ein Kamin darin und eine schöne Aussicht.
Ich rate ihr: Dann musst du eben Ärztin oder Anwältin werden, dann kannst du dir so ein Haus kaufen. Ich weiß, dass sie weder Ärztin noch Anwältin werden will, sie findet beides
schrecklich.

Nee, Ärztin werde ich nicht, ich werde Anwältin.

Dann musst du Jura studieren und viele Gesetzestexte auswendig kennen und viel lernen.

Jura? Was ist das? Nee, ich will lieber so eine Arbeit wie Tante.

Tante hat die Stelle auch nur durch Zufall bekommen, sie hat etwas ganz anderes studiert.

Echt?

Ja, sie hat eigentlich Übersetzen studiert. Chinesisch und Arabisch.

Das wusste ich gar nicht. Egal, ich will aber in so einer Firma arbeiten wie Tante. Das Gefühl, nicht gerade ein Vorbild für das eigene Kind zu sein, was die Berufswahl anging, traf mich diesmal etwas härter. Ich stelle mir, vor wie mein hochsensibles Kind später in einem Konzern arbeiten und so tun wird, als sei sie zufrieden mit ihrem Leben. Gleich zwei mittellose durchgeknallte Eltern zu haben, muss schon eine Bürde sein. Ich konnte wenigstens auf eine wohlhabende Familienzeit in meinen ersten acht Jahren zurückschauen
mit Kindermädchen, Urlaub, Villa am Strand, Hochzeiten, riesigen Familienfesten, Liebe von allen Seiten – aber sie? Eine Mietwohnung nach der anderen. Urlaub? In elf Jahren zweimal. Das ist bescheiden. Wir besuchten eben mehr Freunde oder gingen auf Festivals mit ihr. Aber sie tut mir leid, irgendwie. Nicht nur wegen Corona, nicht nur wegen ihren durchgeknallten Eltern, nicht nur wegen ihrer chronischen Krankheit, nicht nur wegen ihrem
Dasein als Einzelkind, nicht nur wegen dem Ausbleiben einer Einladung zu einer Hochzeit in elf Jahren, nicht nur weil das Treffen mit Freundinnen die Ausnahme statt die Regel ist. Diese Kindheit ist so anders als meine eigene, dass es mir schwer fällt, sie als schön zu empfinden. Ich werde meinen Job trotzdem nicht wechseln. Jedes Mal, wenn ich sage: Ich habe eine gute Nachricht, fragt sie, hast du einen Job bekommen? Habe ich ihr meine Existenzangst vererbt? Wie oft fragte ich mich, ob unsere bescheidene Behausung der Grund sei, warum sie keine Freundin nach Hause einlädt.
Nach neun Tagen Quarantäne musste ich mit ihr in die Klinik. Als wir nach drei Tagen nach Hause durften, sagte sie, sie wolle lieber in der Klinik bleiben, einfach mal was anderes sehen. Urlaub in der Kinderklinik sozusagen.
Diese triste Kindheit von mittellosen Eltern, was wird sie mit ihr anstellen? Werden diese Kinder uns eines Tages als zu offen und egozentrisch und sich selbst als konservativ bezeichnen? Werden sie ein Kredit aufnehmen, um auf einer Privatuni zu studieren? Die Kinder der 68er wurden ja die größten Spießer, sagt man, vielleicht wird meine Tochter ja in einer Bank arbeiten, um immer Geld um sich zu haben und die Kontrolle darüber. Wenn auf
Menschen kein Verlass ist, muss es wenigstens aufs Geld sein. Wird sie auf ihre innere Stimme hören, die vielleicht gerne etwas ganz anderes gemacht hätte, etwas nicht wirklich Lukratives? Wie bringt man Kindern bei, dass Geld nicht glücklich, aber vielleicht etwas
sorgloser macht?