Das Problem liegt woanders

Mittlerweile denke ich, das Problem liegt gar nicht so sehr im Schreiben, denn das kann man zur Not als charmant und authentisch verkaufen (und das müssen wir). In Wahrheit wurde das kurze Stück mit letzter Kraft direkt vorm Umfallen des Abends kreiert, falls hier kreiert das angemessene Wort ist, im Vertrauen darauf, dass man „seine Hausaufgaben gemacht hat“. Ja, genau. Die Hausaufgaben! Was war das noch mal? Da steht ganz oben: denken. Nachdenken, bevor man was schreibt. Eben nicht einfach mal so auf die Schnelle, wie es, tsss, jede Bloggerin kann (ha-ha), oder Oli Pocher, die arme Nudel. Mal hypen oder haten oder gleich ein Video aufnehmen, Abstieg, soziale Ächtung, Abgrund, das Nichts. Das will ich verhindern: Ich muss geistig richtig tätig sein, also richtig tief denken (heißt es angeblich), und um zu denken, muss ich lesen. Wer nicht liest, denkt schlecht, sagen wir einander. Aber wann soll ich lesen? Lesen fühlt sich am schlimmsten, am unproduktivsten, am nutzlosesten von allen Beschäftigungen an, denn ich lese Schönes. Gut, es gab einmal eine Zeit, da sollten Inhalt und Form zueinander finden wollen, also das Schöne auch nützlich sein. Lese ich bei Lu Märten, zum Beispiel. Aber dieser Anspruch ist schon länger her. Wie kann ich rechtfertigen, dass ich das lese, obwohl ich nicht muss? Die Sachen, die ich lesen muss, fühlen sich ein bisschen legitimer an, aber dadurch zählen sie nur halb, denn sie werfen einen Nutzen ab. Zweckloses Lesen ist also der härteste Brocken an der Geschichte mit dem Schreiben. Ich lese gern.

Geliebte Sprache

Das Schreiben unterwirft sich nur zu einem Teil der Selbstdisziplin, die sehr wohl hilft, vielleicht sogar das Gerüst aller Texte stellt, aber nie den innig geliebten Kern dieser seltsamen geistigen Arbeit ausmacht. Der liegt tief im Pudel verborgen und lässt sich nicht ohne Weiteres herauskitzeln – diese magischen Momente des Fließens – wenn alles gelingt. Früher bekannt als: die Muse, die mich küsst oder bitte, bitte wenigstens mal ansieht. Dass die Sätze richtig gut klingen, Pointen setzen, Laune machen oder wenigstens nachdenklich stimmen. Erkenntnisspiralen, Feuerwerke, vertrackte Gedanken, die noch nie jemand zu denken wagte, Heureka! Wir müssen nicht darüber reden, wie das gar nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Die Wahrheit gestaltet sich eher wie in diesem wundervollen, von Geschlechterklischees und billigen Stereotypen nur so strotzenden sowjetischen Kurzfilm mit dem Titel Film, Film, Film (1968) (ein schwieriger Favorit mit unliebsamen Eigenschaften). Ab Laufzeit 0:50 der arme (Drehbuch-)Autor – mein Leben. Natürlich nicht nur meins, unser aller, zwar nicht mehr an der Schreibmaschine und kaum eine raucht noch, die letzten Qualmerinnen haben wegen Corona aufgehört, aber doch: Verdammte Sprache! Kreativität, zum Kuckuck. Ich quetsche also irgendeine gequirlte Grütze aus meinen Tasten. Das Kind kommt vom Spaziergang zurück, viel zu früh für meinen Geschmack. Es sucht nach dem Wort für „Ausblick“ und sagt: „Dort, wo es unten schön ist.“ Geliebte Sprache. Wir alle haben es leicht, mitunter.

Prinzessinnenmama

Dem Kind wurde eine Stoffhandpuppe geschenkt, gleich zur Geburt – eine Prinzessin, die mittlerweile selbst ein Kind hat, ein noch kleineres Püppchen. In der Lego-Duplo-Kiste liegt eine Art „Computer“-Teilchen, es könnte auch ein Seismograph oder etwas ähnliches sein. Wenn die Prinzessin „arbeitet“, holt das Kind diesen kleinen Lego-Computer: „Mama arbeitet.“ Aber zwischendurch muss diese Mama auch immer vom Computer weg- und zu ihrem Püppchen hinrennen, denn das Püppchen schreit nach Essen oder weint, weil es hingefallen ist, und muss getröstet werden. Irgendwann wirbelt diese Prinzessinnenmama zwischen Computer und Püppchen so wild umher, dass sie kurz völlig durchdreht („Aaaaaaaargh!!!“) und dann sagt: „So: Jetzt muss ich mich aber hinlegen, ich kann nicht mehr.“ Legt das Püppchen fest gepuckt in dessen Bett. Legt sich hin.

(Aber kaum, dass sie einschlummert, weil auch ihr Püppchen schlafen soll, da hört sie ein leises Wimmern und Gejammer und … das Ganze geht von vorne los.)