Lieber Papa

Lieber Papa,
natürlich muss ich mein Zimmer aufräumen, den Tisch decken, Sand aus den Schuhen schütten und zwei Mal am Tag die Zähne putzen, mindestens zwei Minuten lang – das weiß ich alles, ich werde doch in drei Tagen sieben Jahre und fünf Monate alt. Nur hetz mich nicht immer so, ich mach doch schon, in meinem Tempo. Wenn der Bus sich verspätet oder der Postbote dein Buch knickt, brüllst du doch auch nicht gleich los. Natürlich wurdest du als Kind herumbefohlen und bestraft, weinen durftest du nicht. Nur: Die Zeiten haben sich geändert, das weißt du viel besser als ich, du lebst in einem anderen Land, du bist nicht wie dein Vater und die Väter vor ihm. Aber sie stecken noch in dir und brechen aus, besonders, wenn du gestresst bist (was du oft bist, seit du den Job bei dem Magazin angenommen hast – aber das ist ein anderes Thema). Frag mich bitte, Papa, akzeptiere, wenn ich Nein sage, verhandle mit mir. Lass mir meinen Willen, ich werde ihn später noch brauchen.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Wenigstens keine Angst

Nein, ein Kind habe ich mir nicht gewünscht. Es konnte mir auch niemand schlüssig erklären, weshalb ich Vater werden sollte. Weder die beiden Freunde, deren Kinderwunsch ausgeprägter war als derjenige ihrer Partnerinnen – das eine Paar einigte sich schließlich auf ein Kind (inzwischen haben sie zwei), das andere trennte sich – noch mein Vater, der hartnäckig auf Enkelkinder pochte, obwohl ich mit dem Studium noch nicht fertig und Single war. Ich las keine Bücher über Elternschaft. Ich ging selten und nie aus eigener Initiative zu Diskussionsrunden über Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ich hatte es nicht besonders eilig und fand es auch nicht so schlimm, als es mit dem Kind nicht sofort klappte. Wenigstens hatte ich keine Angst: Das wird schon, irgendwie. Gegen ein zweites Kind hätte ich nichts einzuwenden. Warum, weiß ich auch nicht.

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Trennt euch doch!

Aber etwas Gutes hat das Getrenntsein, hatte ich dem befreundeten Kitavater geantwortet. Es war ein feuchter Herbstabend, längst dunkel, in jener Zeit, als Kinder noch gemeinsam durch die Straßen schwärmen und ihre bunten Laternen schwingen durften, rabimmel, rabammel, rabumm. Die mäandernde Masse aus Kindern und Eltern hatte unsere Söhne verschluckt, und der Vater und ich nutzten die plötzliche Stille für ein Gespräch unter Erwachsenen.
Er fragte, wo ich jetzt eigentlich wohnte.
Ich lächelte. Und erzählte, dass ich für die nächsten Monate eine Zwischenmiete in Mitte hätte, groß genug für Kind und mich … Und sonst? Der Kleine würde wieder in die Hose machen manchmal vermisse er seine Mama traurig und verletzt viel organisieren die Übergaben planen Unterhalt regeln streiten klar nach der Affäre es tue mir sehr leid das Kind sie auch ich.
Aber etwas Gutes hat das Getrenntsein, fügte ich dann noch an: Ich habe wieder Zeit für mich.
Als wir eine Familie zu planen begannen, war es für meine Ex-Partnerin und mich klar, dass wir unserem Kind gleich viel Zeit widmen wollen. Natürlich hatten wir, beide schreibende Freiberuflerinnen, die Möglichkeit, unsere Arbeit frei einzuteilen, bis in die Nacht und, wenn Deadlines es verlangten, auch darüber hinaus zu tippen und dafür ganze Tage auf dem Spielplatz oder im Zoo zu verbringen. An der halbhalben Aufteilung rüttelte die Trennung nicht.
Lange Jahre hatten wir unseren Sohn zwei Tage hier, zwei Tage da und Freitag bis Sonntag abgewechselt. Während des ersten Lockdowns, zur Schule hin, und auch weil der inzwischen Sechsjährige artikulieren konnte, dass er der häufigen Wechsel müde war, stellten wir auf das berühmte Wochenmodell um. Seitdem ist an sieben Tagen steten Energieflusses vor allem Care-Arbeit angesagt, sprechen, kuscheln, vorlesen, baden, Nägel schneiden, Fußball spielen, diskutieren, streiten und derzeit auch homeschoolen. Darauf folgt eine Woche, in der ich für mich bin, schreibe und weiteren Geldarbeiten nachgehe, oft bis abends spät, lustvoll und exzessiv, zweisame Abende mit meiner Partnerin verbringe, andere Erwachsene zum Spazieren treffe. Ich weiß meinen Sohn in guten Händen und glücklich, wenn ich am leeren Kinderzimmer vorbeilaufe, und auch auf die Minute genau, wann er es wieder mit Leben füllen wird.
Warum war das vorher nicht möglich? Warum schafften es zwei Erwachsene, die sich reif und reflektiert fühlten, nicht, einem Kind, einander als Paar und je sich selbst gerecht zu werden – und warum geht es jetzt, wenn wir nicht mehr zusammen sind und jeweils in neuen Partnerschaften?
Immer wieder höre oder lese ich von jungen Eltern, die ähnlich zu leiden scheinen wie wir damals. Auch der befreundete Kitavater wirkte während des Laternenumzugs müde und matt. Dennoch antwortete er, auffällig heftig, dass er gern Zeit mit seiner Familie verbringe. Inzwischen ist auch er getrennt. Ist Trennung wirklich der einzige Ausweg?
Oft genug empfinden wir, Getrennterziehende, den Makel, es nicht geschafft, als Kleinfamilie und Liebesbeziehung versagt zu haben. Aber können wir, sobald die Tränen getrocknet, die Scherben aufgewischt, genug Stunden auf der Therapeutencouch verbracht sind, gemeinsam und allein, nicht auch Vorbilder sein? Dafür, wie man ungesunde Verstrickungen zerreißt zum Beispiel. Zeiten durch verbindliche Absprachen einzäunt. Und, klar, Verantwortung übernimmt, für die eigenen Entscheidungen, Bedürfnisse, Sehnsüchte.

Spül wenigstens die Tasse

Kann das wirklich nicht bis nächste Woche warten? Seit einer Stunde schon läuft deine Zeit, deine Woche für dich allein, und noch immer hast du dich nicht vom Fleck bewegt, noch immer ist der Schreibtisch eine halbe Radstunde entfernt, noch immer läuft die Übergabe des Kindes an das andere Elternteil. Du findest es sogar schön, idyllisch, am Montagmorgen in deiner früheren Küche über dampfendem Tee zu sitzen, oder? Dabei solltest du jetzt wirklich… Warum gähnst du? Trink einen Kaffee! Scheißegal, wenn es schon dein vierter ist an diesem Vormittag. Reiß dich zusammen, konzentrier dich. Du bist endlich im Atelier, keiner will was von dir, das hat dir doch die ganze letzte Woche gefehlt. Oder hast du uns was vorgemacht? Nein, nicht auf die Couch. Du bist eine Schande, weißt du? Spül wenigstens die Tasse, bevor der Satz eintrocknet.

Ein Beitrag aus der Reihe Wunde – Texte zwischen Schreiben und Sorgen.

Echte Fichte

Jetzt pass doch. Schleich nicht immer so. Fast wäre ich auf dich. Wenn du schon. Machst du bitte die Balkontür? Schnell, ich trage den ganzen Schnee ins. Ok, aber. Nur einen Blick und dann. Nicht dass du dir wieder eine Mandelentzündung. Ist sie nicht? Echte Fichte. Sonst hatten sie nur noch Kiefern und. Aus den Karpaten. Aber sie sprachen doch reinstes. Warte kurz. Nächstes Jahr. Ich sagte, warte. Die Erwachsenen müssen kurz. Okay, nächstes Jahr kannst du selbst. Kannst du nicht fünf Minuten allein? Meine. Meinetwegen mit Geigerzähler. Raus hier, hab ich doch schon. Du bist viel zu. Zieh dir was. Ich kann nicht schon wieder. Wegen dir verliere ich noch meine. Nur weil du dich nicht. Was bist du nur für ein. Kannst du nicht ein bisschen. Mir. Genug. Auf dein. Sofort.

Ein Beitrag aus der Reihe Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten.

Zusätzlicher Förderbedarf

Und du willst später Abitur machen, gar auf die Universität? Setzt dich erstmal richtig hin. Rücken gerade. Ellbogen auf den Tisch. Im Deutsch, ausgerechnet im Deutsch. Wie hält man den Stift richtig? Hast du vergessen, was deine Eltern von Beruf sind? Nein, in der Schule kannst du die Buchstaben nicht mehr auf deine Art schreiben. Im Kunstunterricht, meinetwegen im Kunstunterricht, kannst du es machen, ganz wie du willst. Du blamierst uns. Alles ausradieren und von vorne. Schon besser, bravo. Geht doch, siehst du? Jetzt wisch dir mal diese Tränen weg. Ich habe die Schule als Klassenbester abgeschlossen. Es gibt keinen Grund, warum du das nicht auch schaffen solltest.

Ein Beitrag aus der Reihe „pfeilend“ – Texte zu Celans Gedicht „Für Eric“.

Danksagung

Allein hätte ich diesen Text niemals schreiben können.
Ohne dich wäre ich bestimmt zu spät aufgestanden, zu spät ins Bett gegangen, die Zeit dazwischen vergeudet.
Ich würde seltener warm kochen, mich insgesamt weniger vollwertig und vitaminreich ernähren.
In den Coronatagen wäre mein Bauch noch dicker geworden und mein Rücken noch runder. So aber fingen die Morgen mit gemeinsamer Gymnastik an und gingen, als die Sportplätze wieder aufmachten, mit Fußball und Frisbee weiter.
Ohne dich wüsste ich höchstens vom Hörensagen, dass Berlin zwei Zoos hat, ich wäre nur zu Recherchezwecken im Technikmuseum gewesen und hätte Michel aus Lönneberga nie kennengelernt.
Dank dir habe ich meinen Vater in mir entdeckt, der sich nur durchsetzen konnte, indem er laut wurde und mit dem Gürtel drohte. Du hilfst mir, die Manipulationsmaschen meiner Mutter zu durchschauen. Seit es dich gibt, werde ich selbst erwachsen.
Als du sagtest, du würdest lieber vor mir sterben, um mich nicht alt werden zu sehen, da antwortete ich kategorisch: Nein. Ich zitierte König der Löwen, den Kreislauf des Lebens. Davor hatte ich insgeheim gehofft, die Ausnahme zu sein. Die, so Irmtraud Morgner, dem Tod ein Schnippchen schlägt.
Apropos: Weißt du, dass du mir das Leben gerettet hast? Eigentlich wollte ich der Hautärztin bloß dein Muttermal am Rücken zeigen, aber da ich schon mal da war, zeigte ich ihr auch meine eigenen. Das kleine schwarze muss sofort weg, sagte sie, und die Laboruntersuchung gab ihr recht.
Du kannst dich nicht in Luft auflösen. Damit müssen auch meine Auftraggeber leben. Ich kann mit dir nicht zu meinen Eltern oder Freunden auf die Couch ziehen, wenn mir das Geld ausgeht, deshalb kann ich auch keine unbezahlten Aufträge annehmen, tut mir leid.
Und seien wir ehrlich, ohne dich wäre der Roman auch noch nicht fertig. Aber du bist natürlich die allerbeste, glaubhafteste Ausrede.