Brief an meinen Vater

Abend in einem Karton voller alter Kassetten
Kilometer von abgewickeltem Tonband
Störgeräusch und Märchen, habe ich deine Stimme gehört
Zufällig aus einer Aufnahme auftauchend.

Ich habe dich nicht erkannt.

Du hattest mir nicht gesagt dass du einen Akzent hast
wenn du sprachst, machte es dir Schwierigkeiten
den Unterschied zwischen den Lauten é und è und dass deine Stimme zögerte
im Moment als du die bedeckten Wörter des Französischen aussprachest.

Ich habe dich sofort erkannt.

Du hattest mir von den metallisierten Flügeldecken der Käfer erzählt
an den Rändern versunkener Pfade, den Fußabdrücke von Meerjungfrauen
ertrunken in Flusstiefen. Du hast mich nicht gewarnt
dass du mir als Geschenk die Last deiner Fremdheit hinterlassen würdest.

Ich war wütend auf dich.

Aber heute Abend, in den Lücken der Leerräume, die die é und è deiner Aufnahme lassen
habe ich die Unendlichkeit berührt. Meine Stimme, wie deine,
vibriert vor Ungewissheit, wenn ich Worte spreche, die mit Fremdheit bedeckt sind,
in denen sich dann unweigerlich die Laute ö und ä unsicher vermischen.

Habe ich mich selbst erkannt.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Barbara Peveling. Französisches Original

Brandbekämpfung

Mein Sohn mag die Polizei, jeder vorbeirauschende Einsatzwagen wird von ihm registriert. Auch Rettungswagen stehen hoch im Kurs, sobald das Martinshorn in unserer Straße ertönt, flitzt er zum Fenster und klettert auf das Fensterbrett. Allein die Brandbekämpfung weiß ihn noch mehr zu begeistern. Mein Sohn ist Feuerwehr-Fan – so weit, so unspektakulär.
Letztens waren wir auf dem nordsächsischen Land, das Wetter war schlecht, das kulturelle Angebot rar. Geöffnet hatte allein das örtliche Feuerwehrmuseum, es war kein Problem, meinen Sohn zu einem Besuch zu überreden. Misstrauisch wurde ich bereits, als der ehrenamtlich arbeitende Museumsvorsteher uns unmaskiert entgegentrat und auf meine Frage, ob ich eine Mundbedeckung aufsetzen solle, knapp erwiderte: „Wegen mir nicht.“ Nun, dachte ich, er ist ja sozusagen ein Fachmann für Aerosole, er weiß, wohin der Rauch zieht, er wird die Luftzirkulation in seiner Ausstellungshalle überblicken können.
Im Innern der alten Feuerwache erwarteten uns Schläuche, Spritzen und Einsatzwagen, mein Sohn jagte von Exponat zu Exponat. Mir dagegen fiel mehr und mehr der Fokus auf die „Feuerschutzpolizei“ aus dem Dritten Reich auf, mir fiel das Schild an der Treppe auf, das den Weg zum als „Führerhauptquartier“ bezeichneten Museumsbüro wies. Weitere eindeutige Exponate gab es im Garten zu sehen – sie hatten allerdings mehr mit Brandstiftung denn mit Feuerbekämpfung zu tun. Mein Sohn ist Feuerwehr-Fan, und ich gab mir alle Mühe, ihn so schnell wie möglich aus dem Museum zu bugsieren.
Am Abend telefonierte ich nach langer Zeit wieder einmal mit meinem Vater. Ich erfuhr, dass er sich zwar spritzen lassen habe, aber nicht an die Impfung glaube. Danach beschwerte er sich, dass er nicht in den Urlaub jetten könne wegen der Brände am Mittelmeer. Ich dachte an das Löschflugzeug, das am Vortag in die Flammen gestürzt war. Ich dachte an meinen Sohn, der nebenan unter seiner Feuerwehrdecke schlief. Ich freute mich darauf, dass wir uns bald auf Augenhöhe begegnen würden – und ich hoffte, dass die Welt dann eine andere, eine bessere wäre.

Überfahrt

Unsere Wohnung lag in einem etwas heruntergekommenen ehemaligen Schlossverwaltungsgebäude, in dem fast niemand mehr wohnte. Wir nahmen die mit Ikeamöbeln, Klavier, Kronleuchtern und glänzenden, vier Meter langen Vorhängen mit Quasten ausgestattete Wohnung von der Vermieterin entgegen, die, während sie sich wortreich über die Beschaffung eines Kinderbettes Sorgen machte, die ausgespuckte Milch des Kindes vom Boden aufwischte. Bald besorgten wir gebraucht: ein Kinderbett, einen Kinderhochstuhl, zwei Kinderbadewannen, eine Wickelkommode. Ich organisierte die Übergabetermine für die Kindermöbel, und mein Mann – ich lernte beim Telefonieren von „meinem Mann“ zu sprechen, das schaffte Vertrauen – transportierte sie zu Fuß, per Bus, Metro und Vorortszug in die Puschkiner Wohnung. Der Umzug mit Baby nach Puschkin entfernte mich mit einem Mal von allem, was bis dahin Bedeutung für mich gehabt hatte. Bisher hatte ich bei Reisen nach Russland: studiert, ich war bei Kulturveranstaltungen, auf Demonstrationen, in Zügen, bei neuen Bekannten zu Hause. Ich hatte mich treiben lassen, war durch Moskauer Vorstädte flaniert, hatte auf Märkten eingekauft und geplaudert, hatte auf Bergen gezeltet, mich mit dem stalinistischen Lagersystem und sowjetischer Siedlungspolitik befasst. Jetzt wurde das Leben konzentrisch. Der Säugling brauchte mich als Stillerin, seine zarte Haut wollte gestreichelt werden, er wollte plaudern und dabei meinen Mund und meine Augen auf sich gerichtet wissen. Ich lief immer die gleichen Wege durch die Puschkiner Parks, ging auf dem Markt einkaufen, ging zum Yoga mit Baby. Dabei immer beschwert und eilig, beschwert durch das Kind am Körper oder im sperrigen Kinderwagen, eilig, weil das Kind bei Laufschritt am tiefsten schlief. Mit jedem Tag wuchsen Bewegungsdrang und Neugier des Kindes und mein Körper war psychisch und physisch davon beansprucht, es davon abzuhalten, alles abzuschlecken, alles vollzuschmieren, alles auszuräumen. Ich musste mich daran gewöhnen, ständig zu schwitzen: wenn ich auf einer Zugtoilette ohne Wickeltisch oder bei Tauwetter irgendwo draußen das Kind wickeln musste, wenn ich im Bus die kräftige Stimme des schreienden Kindes bändigen wollte, wenn ich ohne das Kind zu einem Termin in das Petersburger Zentrum fuhr, aber zum abendlichen Stillen wieder zu Hause sein musste. Durch diesen neuen Einsatz meines Körpers begriff ich, wie sehr das Kind mich ganz körperlich veränderte und als nicht neutral markierte. Dieses Begreifen, und es gefällt mir in diesem Zusammenhang, wie haptisch und materiell das Wort ist, geschah erst während dieser Monate, in denen das Kind immer agiler wurde. Der Umzug nach Puschkin war zu einem Rückzug geworden. Für diesen Rückzug und die Mühe, die er mich kostete, schämte ich mich insgeheim. Wenn mein Partner den Säugling für einen langen Spaziergang übernahm, während der Schläfchen tagsüber und abends, schrieb ich unter großer Anstrengung meine Masterarbeit zu Ende. Zu Veranstaltungen oder Demos konnte ich nicht gehen, ich konnte nichts schreiben, kaum Kontakte pflegen, selten telefonieren, nicht durch soziale Netzwerke streifen. Mein Partner und ich wurden zu einem unzertrennlichen Arbeitsteam. Wer ohne Kind war, eilte und hatte ein schlechtes Gewissen. Ich hatte das Gefühl zu verschwinden, als eigenständige Frau, als schreibende, politisch und intellektuell aktive Person.

Traum IV

Anne träumt: Im Kindergarten findet das Sommerfest statt. Es gibt Schokokuchen und Käsespieße und Melone, und die Sensation ist ein echter Gorilla, der Saxofon spielt und mit den Kindern aus Junis‘ Gruppe ein Lied aufführen wird. Der Gorilla sei häufig in Kindergärten, hört Anne eine Erzieherin sagen, es gebe keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Erst ein einziges Mal habe er eine Mutter angegriffen.
Anne hat trotzdem ein ungutes Gefühl, auch weil es ihr wieder nicht gelingt, mit den anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Immer wieder geht sie auf irgendwelche Mütter zu, aber nie kommt das Gespräch über zwei oder drei Sätze hinaus. Dann zieht Junis sie auch noch zu einem Stuhl in der ersten Reihe. Sie will dort nicht sitzen, aber sie weiß, dass ein Streit mit Junis noch auffälliger wäre als dieser Platz. Also setzt sie sich, macht sich klein. Wenigstens um Liam muss sie nicht kümmern, der ist hinten bei der Matschstrecke, und er taucht auch nicht auf, als das Programm endlich beginnt.
Als Tiere verkleidet betreten die Kinder die improvisierte Bühne. In der Mitte läuft der Gorilla, und natürlich kommt er genau vor Anne zum Stehen. Sie gibt sich Mühe, an ihm vorbeizusehen, während er zusammen mit Junis‘ Gruppe das Programm abspult. Aber Anne müht sich umsonst, der Gorilla hat sie längst in den Blick genommen. Kaum ist der letzte Ton verklungen, lässt er das Saxofon fallen. Mit einem einzigen Schritt ist er bei ihr und umgreift ihren Kopf. Im Traum spürt sie nichts. Sie weiß aber, dass sein Griff unendlich schmerzhaft ist.
„Wo ist der Tierpfleger?“, hört Anne einen Vater rufen, und eine Erzieherin ruft: „Holt die Erste-Hilfe-Box!“
Anne will sagen, dass es ihr Leid tut. Alles tut ihr Leid – dass sie sich nicht zu wehren weiß und dass die Kinder das mitansehen müssen und dass sie den Erzieherinnen solche Umstände macht, und zum nächsten Sommerfest wird sie auch einen Kuchen mitbringen, da wird sie sich wirklich mit den anderen Eltern unterhalten. Aber bevor sie auch nur ein Wort herausbekommt, wacht sie auf.

Ich, wir

Heute Morgen fuhr ich ins Atelier ohne Fahrradhelm. Hier schreibe ich nun ein paar Stunden lang.
Gestern Nachmittag fuhr ich ausnahmsweise mit den Kindern im Anhänger ins Atelier und trug einen Fahrradhelm. Im Atelier haben wir gemeinsam einen Tee getrunken.
Wir, das waren, beim Teetrinken: 2 Kinder und ich – eine Mutter mit ihrem Nachwuchs.
Wir, das sind, zu Hause: 2 Kinder, 2 Erwachsene – eine Familie.
Wir, das sind eigentlich: 2 Kinder, 3 Erwachsene; aber nicht alle leben im selben Haushalt – eine Familie?
Wir, das sind: 4 Familien, 3 Einzelpersonen – eine Genossenschaft.
Wir, das bin ich mit meinen Figuren im Atelier – eine Gemeinschaft?
Ich fahre täglich ins Atelier, am liebsten alleine.
Das Atelier: Ein einfacher Raum; zerschlissener Teppich, ein rotes Bücherregal, ein grosser Schreibtisch, Blick auf eine Autogarage.
Im Sommer ist es heiss hier drin, im Winter ist es kalt, aber das Atelier ist mir Raum genug. Ist mir Denkraum. Ist mir Spielraum. Ist ein Ich-Raum. Ist ein Wir-Raum. Leute kommen und gehen. Kinder kommen und gehen. Figuren komen und gehen. Buchstaben kommen und gehen. Ich bleibe gerne für mich.
Ich werde bald nach Hause fahren ohne Fahrradhelm. Am Tisch werden die beiden Kinder sitzen, mit von der Tomatensosse rotverschmierten Mündern. Der Papa der Kinder schöpft mir eine Kelle Nudeln auf meinen Teller.
Ich wusste nicht immer um die breite Variabilität des Wortes „Wir“.

nachflug

da ist er wieder

am Himmel
schraubt sich der Turmfalke
nach oben
lässt sich fallen

flankiert von einer Krähe
und
einem Rotmilan
Sie zanken

um die Beute
jeder für seine Küken

Traum III

Anne träumt: Sie schließt das Fahrrad vor dem Kindergarten an, ausnahmsweise ist sie nicht verschwitzt. Ausnahmsweise konnte sie das Büro zeitig verlassen, auf dem Weg hat sie sogar noch Brötchen gekauft.
Obwohl die Sonne scheint, sind die Kinder heute nicht im Hof. Anne steigt die Stufen nach oben. Schon von draußen hört sie, wie laut es im Innern ist. Sie müssen mehr rausgehen mit den Kindern, denkt sie, warum gehen sie mit ihnen nicht raus? Als sie die Tür öffnet, sieht sie einen Schatten ins Spätdienstzimmer huschen. Sie folgt dem Schatten, folgt dem Lärm. Auf der Schwelle des Spätdienstzimmers bleibt sie stehen: Der Raum ist voller Tiere. Kleine Affen, kleine Bären, kleine Löwen springen an ihr hoch, einer zieht einen Faden aus ihrer Strumpfhose, ein anderer fingert ein Käsebrötchen aus ihrem Rucksack. Anne weiß nicht, woran sie Liam und Junis erkennt. Es besteht aber kein Zweifel, dass es sich bei einem Tiger um Junis handelt, und Liam ist eine kleine Katze. Sie lockt die beiden mit Brötchen auf ihren Arm, die Krallen schneiden ihr schmerzhaft in die Haut.
Draußen setzt sie die zwei Tiere in den Anhänger, der sich in einen Käfig verwandelt hat. Der Käfig ist erschreckend schwer, und während sie durch den Park nach Hause radelt, gerät sie doch noch ins Schwitzen. Was Daniel wohl sagen wird, wenn er am Abend nach Hause kommt? Dass Junis‘ Fell sehr wertvoll ist? Dass sie Liams Krallen kürzen müssen? Dass sie, Anne, endlich strenger sein muss?
Sie schiebt das Fahrrad in den Hof und jagt die zwei Tiere durchs Treppenhaus in die Wohnung. Auch das Kinderzimmer ist ein Käfig, und als Junis und Liam drin sind, schlägt Anne schnell das Gitter zu. Im Kühlschrank findet sie einen Klumpen rohen Fleisches, von dem sie zwei dicke Scheiben abschneidet. Das Fleisch ist eiskalt, und Anne ist, als würden ihre Finger daran festkleben. Ihr ist, als könnte sie die Finger nie wieder davon lösen.

Die böse Hexe des Westens / Die böse Hexe des Ostens

Die böse Hexe des Westens

Diesen Sommer sollte wie immer ein gigantomanischer Hurrikan kommen – selbstverständlich aus dem Land der Gigantomanie. Gleichzeitig schaute sich meine Tochter „The Wizard of Oz“ an, in der die Hauptdarstellerin in einer Windhose durch den Himmel gefegt wird. Dieser Film fesselte sie schon lange, nicht nur weil die böse Hexe des Westens ihr eine Heidenangst einjagte, sondern auch, weil sie in ihren Kinderbüchern alle Seiten mit einer Hexe ähnlichen Aussehens übersprang – bis ich eines Tages die glorreiche Idee hatte, die Hexen mit Aufklebern zu überkleben. So besaß sie nun zahlreiche Kinderbücher, in denen sämtliche Hexengesichter von Aufklebern verdeckt waren.
Ausgerechnet an dem Tag, an dem ihre Oma kam, die sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, wollte sie wieder „The Wizard of Oz“ sehen. Die Oma hat lange schwarze Haare und trägt grüne Kontaktlinsen. Wir ließen meine Tochter schauen, aber als es ins Bett gehen sollte, weinte sie und wollte nicht in ihrem Zimmer bei der Oma schlafen: „Sie ist so hässlich, ich habe Angst vor ihr, sie sieht aus wie eine Hexe, wie diese Hexe vom Wizard of Oz.“ Ich wusste nicht, ob ich lachen sollte oder ihre Ehrlichkeit bewundern. Schlussendlich schlief sie die ganzen zwei Wochen bei uns im Bett, bis die Oma auf ihrem Besen zurückflog ins Land der Tornados und Hurrikans.

 

Die böse Hexe des Ostens

Damit sie ihre Horrorvorstellung vielleicht überwindet, nahm ich sie heute mit ins Freibad. Ich fragte sie wieder, ob sie immer noch vor ihrer Oma Angst hat, und sie bejahte es, sie wisse nicht warum. Gerne hätte ich ihr gesagt, dass ich so froh war, mit ihr im Bad zu sein und keine Zeit mit der bösen Hexe des Westens verbringen zu müssen. Das ist ja auch interessant, die böse Hexe des Ostens wird von Dorothy zerquetscht, einer weißen Göre aus dem Biblebelt: Kansas. Ich bin keine Orientalistin und symbolisch gesehen zerstört vielleicht ein naives weißes Mädchen das Böse aus dem Osten – heutzutage würde man sagen die „muslimischen Länder“. Leider bleibt dann noch das Böse aus dem Westen, das wiederum nur mit der Hilfe des Scharlatans, des Zauberers von Oz, besiegt werden kann. Es reicht, einen Eimer Wasser über die hässliche Westhexe zu schütten und den „Blechmann“ zum Herrscher zu machen – und schon bekommt die Biblebelt-Tristesse ihre verlorengeglaubte Dorothy zurück.

Kein Manifest

Denke seit Längerem darüber nach, dass ich einen Text schreiben möchte, ein Manifest, eine Streitschrift über Mütter. Und Väter. Aber ich habe Angst, dass dann jemand sauer auf mich ist, dass ihr entsetzt seid, dass ich über uns alle nachdenke, dass ich es nicht fassen kann, in welche Rollen wir verfallen. Dass ihr traurig seid, dass ich euch verrate. Ich muss aber doch tolerant sein, denke ich dann, dass jede Mutter (und ich bleibe hier bei den heteronormativen CIS-Müttern, zu denen ich auch gehöre) es machen darf, wie sie möchte. Aber dann sorge ich mich, dass ihr erschöpft seid und eure Wut verdrängt. Manche Frauen* SIND DAS NICHT. Sind nicht diese Mutter. Sind noch keine Mutter. Hätten gern ein Kind, wären sie dann auch diese MUTTER? ICH WEIß ES AUCH NICHT IMMER BESSER. Ja, alle können ihr Kind so umsorgen, wie sie möchten. IHR SEID FREI. (Seid ihr frei? Bin ich frei?) Aber ich kenne dieses Gefühl sehr gut, dass man es vielleicht grade doch lieber selbst macht, weil es schneller geht, weil man denkt, der VATER, und ja, einer dieser heteronormativen CIS-VÄTER, was denkst du dann: der kann das nicht? Wieso sollte er es nicht können? ER kann das und er muss das, denn immerhin hat er seinen erigierten Penis mit großer Lust von deiner feuchtroten Vagina einlullen lassen, KERNSCHMELZE, und dann ist es, wie es ist: anders. Und dann hat man nämlich neun Monate Zeit – Zeit zu lesen und zu reden und sich aufzuteilen. Wer kann was, was gibt es für Möglichkeiten? Wie kann man als Vater, ja, du, VATER, aktiv denken, handeln und sich kümmern. Wie kann man die Elternzeit so organisieren, dass du, VATER, ein halbes Jahr Elternzeit nimmst? Egal Geld, egal Stillen (und ich weiß genau, Geld und Stillen sind sowas von nicht egal), EGAL Mama, wenn du sagst, du möchtest aber gern die Elternzeit zu Hause, DENN wieso solltest du, MAMA, mehr Recht darauf haben, diese wunderschöne Zeit mit dem Kind zu Hause zu haben? WARUM SOLLTEST DU, PAPA, nicht wissen, wie es ist, wenn das Kind sich hochzieht am Möbel und dich anstrahlt, dabei vor Erschöpfung nicht mehr zu spüren, wer du bist und wann du deine Haare gewaschen hast? Und dann sendest du deiner Partnerin eine MMS und sie ist ein bisschen sehnsüchtig und schickt ein Herzemoji zurück. Und abends weiß Person nur ein bisschen, wie es ist, den Anforderungen der Lohn-/Care-Arbeit zu entsprechen, und man MUSS SICH EINFÜHLEN und reden und streiten und weinen, und jetzt habe ich Angst, dass jemand verletzt ist, weil klar, kann man auch fünf Jahre stillen und das Baby nicht in die Kita bringen. Klar, kann man alles so machen, wie man will, ihr Wolleseidefreaks, aber ich frage mich, warum man sich so oft nicht sagt, was man braucht, und warum man diese Struktur nicht aufbrechen kann? Die Elternzeit, davon bin ich überzeugt, ist der Anfang, der alles bestimmt. Danach geht es erst richtig los, Freunde. Alles muss klar sein. Es ergibt sich nicht automatisch und romantisch. Es ergibt sich so, wie es sich seit langer Zeit eingeschliffen hat.
Ich hab doch keine Ahnung, was besser für wen ist, aber ich kämpfe dafür, dass man diese Struktur nicht nur durchbricht, indem man drüber spricht, sondern indem man TUT. PLANT. KOMMUNIZIERT, STREITET. Ohne Anstrengung keine Veränderung. Aber ohne Anstrengung auch eh nichts. Die ausgetretenen Pfade sind nicht die besseren.
Ihr könnt jetzt auch sagen, halt’s Maul, Jenny, Verräterin. Aber ich will niemanden verraten. Ich will doch nur ein bisschen an dem System kratzen, das sich bei uns eingeschlichen hat. Oder eigentlich: ich will es umstürzen. Ganz klein, ganz von unten und von der Seite. Wir machen das zusammen.
Übrigens: weiß, studiert, Arbeiterkind, Wessi, Eltern mit Behinderung, angelerntes kulturelles Kapital: vorhanden. Minderwertigkeitskomplex: vorhanden. Heteronormative Kleinfamilie: am Start.
Eine Freundin meinte neulich, als ich sie fragte, wie ich diesen Text schreiben soll, er solle nicht so aggressiv sein, eher beobachten, beschreiben. Leute, das kann ich nicht.

Sandmann, lieber Sandmann?

Fiktive Charaktere sollten möglichst vielschichtig angelegt sein, so ist zumindest der Tenor in Schreibwerkstätten und -ratgebern. In der Medienwelt unserer Kinder jedoch dominieren auf den ersten Blick simple Figuren. Der Sandmann beispielsweise scheint ausschließlich über positive Eigenschaften zu verfügen: Er ist vielseitig begabt, beruflich breit aufgestellt und finanziell exzellent ausgestattet – das schließe ich allein schon aus dem Besitz eines Unterseebootes, eines Heißluftballons, einer Mondlandefähre und so ziemlich jedes anderen Fortbewegungsmittels dieser Galaxie. Er ist immer pünktlich und achtet auf ein gepflegtes Äußeres. (Wie kriegt er nur immer den Bart so perfekt hin?) Vor allem aber ist er bei all dem Stress, Abend für Abend global die Kinder ins Bett zu schicken, unfassbar gutmütig und geduldig. Was es allein für einen Aufwand sein muss, für jeden dieser unzähligen Besuche das passende Mitbringsel – den Peitschenkreisel für die Prädigitalen, den Expander für die Adipösen, die Heckenschere für Dornröschen – zu besorgen! Der Sandmann würde einen großartigen Partner abgeben – da war ich mir immer sicher!
Erst mit dem für die Tiefe von Charakteren sensibilisierten Blick ist mir die subtile Abgründigkeit aufgegangen, die in der Figur angelegt ist. Als Vater würde dieser Sandmann nämlich kolossal versagen. Wenn die Kitas schließen, wäre er gerade dabei, letzte Besorgungen zu machen – man bedenke nur die etwas eitle Angewohnheit, zu jedem Anlass im passenden Outfit zu erscheinen! Während des Abendessens würde er mit einem aufgemotzten Rennauto durch die Gegend heizen oder seinen fliegenden Teppich ausklopfen. Und wenn die Nachtruhe seines eigenen Kindes ansteht, streut er gerade seinen Schlafsand in allen Himmelsrichtungen. Sandmann junior würde seinen alten Herrn nur von Fotos und aus dem Fernsehen kennen – der Papa ist noch auf Arbeit! Gerade die Überfigur des Knirpsekosmos’ ist als moderner Vater eigentlich undenkbar. Natürlich will ich nicht ausschließen, dass der Sandmann möglicherweise gar nicht gebunden ist. Derart kinderfreundlich wäre er unter den Kinderlosen jedoch eine singuläre Erscheinung. In der Art und Weise, wie er uns alltäglich präsentiert wird, käme er als Familienmitglied allerdings nur infrage, wenn irgendjemand im Hintergrund die Sorgearbeit verrichtet. Equal Care? Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht soweit!
Stellen sich möglicherweise auch eindimensionale Indianerjungen und Honigbienen als vielschichtig heraus, sobald wir einmal damit anfangen, sie nicht nur Abend für Abend anzuglotzen, sondern auch die unzureichend ausgeleuchteten Facetten ergründen? Was bürden wir unseren Kindern gerade mit den schablonenhaften Gestalten auf? Ich zumindest werde wachsam sein und mir nicht mehr so einfach Sand in die Augen streuen lassen!