Milch

Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären und so weiter, bla bla bla.
Sage: „Hatte mir das Kinder-Bekommen einfacher vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir das Kinder-Haben weniger anstrengend vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir den Bauch schon so einverleibt, bin ganz leer jetzt. Man könnte eine Feder fallen hören in mir drin.“
Schlafend schmatzt das Kind und will und will und fordert ein und ist nicht still, solange es nicht stillt, still, still, still, weil die Mama schlafen will! Werde vom Oxytocin geweckt, nachdem das Oxytocin vom Schmatzen des Kindes geweckt wurde. Der Körper sagt: Dein Kind will saugen, dein Kind will deine Brust, wach auf, auch wenn’s bloß die Flasche wird!
Der Vater hört den Panzer nicht durchs Schlafzimmer rollen. Der Vater schläft wie ein Stein. Sogar sein Weckertraining wird vereitelt vom guten Schlaf. Morgens prahlt die Energie des Vaters mit Tiefschlaf. Doch je mehr er sich kümmert, desto mehr holt auch ihn das Oxytocin ein.

Hormone sind nicht, Hormone werden.

Und das Kind ist vier Monate alt und fünf Monate alt wird es sein und sechs und es wird da sein, klopf auf Holz, wird es immer da sein, während wir da sind. Wir: In den Hauptrollen zwei mit Bewegungen, die noch kaum von der Hand gehen, und Bezeichnungen, die kaum schon über die Lippen kommen wollen: Vater und Papa. Und Mutter und Mama.

Mama!

Auszug aus einem längeren Text mit Videoarbeit

the scheitern

Ich stehe mit dem Einkaufswagen und dem langen, vollgeschmierten Zettel vorm Supermarkt und es regnet und ich gratuliere noch schnell jemandem bei Twitter zum erschienenen Buch. Manchmal gratuliere ich uns insgesamt: Wir haben es hier ja alle irgendwie geschafft. Wir haben Opfer gebracht, was auf diesem Blog heißt: Care von Kindern oder die für uns wilde Kombination aus Sorgen und Schreiben.
Ich deute unsere Texte als Erfolge, als das Glück, die Möglichkeit gehabt zu haben, Einfälle nebst Elternschaft zu erheben: zu wenig Geld, Mental Load, under pressure sein oder ohne Schreibtisch. Vieles, was NICHT zu lesen war auf unseren Bildschirmen oder gedruckt, die Geschichten des Misserfolgs, des Scheiterns, ist ja versandet. Ist irgendwo liegengeblieben, wurde abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Viele haben’s nicht geschafft. Es gab zwar supergute Ideen, aber es gibt keinen Text.

Sich die Tatsache einzugestehen, dass gerade nichts geht, ist schon für ein paar Tage schlimm und man schämt sich, kaum nachvollziehbar, dafür vor sich selbst. Mit Kindern maximiert sich die Wahrscheinlichkeit, in diese Position zu geraten. Bei mir zeigt sich das so:
In den Sozialen Medien ist kaum Zeit zu reagieren, um spannenden Ereignissen zu folgen wie Diskussionen oder Lesungen zu verdammt nochmal genau dem Thema, zu dem ich eigentlich gerade recherchiere. Neulich meinte jemand, mein Twitteraccount sei unzuverlässig, und ist mir entfolgt. Ja ja, es gibt Schlimmeres.
Als nächstes wächst der Lesestapel. Schreiben heißt Lesen, hat mal jemand gesagt. Für eine Weile kann ich das noch müde leugnen. Dass es irgendwie stimmt, merke ich, wenn sowieso schon wenig Zeit da ist und der Modus lahmt, ich eh nicht richtig into bin.
Dann das mit dem begonnenen Dokument, das sich am Anfang so würdig angefühlt hat, jetzt aber schon seit zwei Wochen von mir weg liegt und wahrscheinlich kaum noch denkbar ist. Und hier wird es langsam ernst. Viele Texte reißen ab, und wenn ich sie öffne, legt sich die Scham auch über den wirren Kram, den ich da geschrieben habe. Bei kontinuierlicher Textarbeit fällt dieses Gefühl weg, beim Arbeiten in kleinen Schritten wird stetig ausgemistet.
Hin und wieder liegt das Postfach für ein paar Tage brach. Die schnelle Antwort schreibe ich dann einen Tag zu spät. Ich habe keine Lust, mich ständig bei anderen für sowas zu entschuldigen.

Es fühlt sich an, als wäre man in seinem Tun als Schreiber*in gerade krank. Dabei arbeitet man auf Hochtouren dafür, dass die Maschine läuft, und/oder lenkt seine Kraft in einen anderen Beruf, einen, der nicht wegfallen darf.
Viele Eltern schreiben an der Kante entlang. Wie knapp die Sache wirklich ausgeht, wie weit der Text schon weg von der*dem Autor*in ist, sobald er einmal erscheint, erfährt als Leser*in dann schließlich niemand.
Wir sollten uns noch öfter gratulieren.

Das Känguru ist wieder da

Es ist Donnerstag, es ist Montag, es ist Zeit vergangen, so viel Zeit, dass ich mittlerweile nicht mehr klein schreibe, sondern sich die Orthographie, die Visualität meines Schreibens geändert hat, woran das liegt, weiß ich nicht so genau, überhaupt, weiß ich wenig dieser Tage, so vieles ändert sich,
gleich bleibt, wiederkehrend, dass ich in der Früh jetzt als Erstes die Zahlen nachsehe, die steigenden Werte, zu verstehen versuche, was sie bedeuten, während ich wieder in der Küche stehe, Kaffee aufgieße, auch das bleibt, die Kanne, der Filter, der Geruch, das Geräusch von Wasser, wie es tropft, und das Känguru ist wieder da, einfach so, müde sieht es aus, ein wenig grau ist es geworden, um die Schnauze, und ich frage, ob es auch Kaffee möchte, es nickt, während die Kinder durch die Küche gehen, sich an den Tisch setzen, Kaffee trinken, sich ein Glas Wasser nehmen, ein Stück Toast essen,
und dann aufbrechen, ein Kind geht in die Schule, das andere an seinen PC, denn die Welt zeigt sich bruchstückhaft wieder im Online-Modus, und ich sehe mich selbst, wie ich dem Känguru Kaffee einschenke, und dann mir, die zwei Tassen in die Hand nehme, zur Couch gehe und mich neben’s Känguru setze.
Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, nach all der Zeit, denn sonst schreibe ich ja. Ich schreibe Postkarten, das mache ich jetzt wieder, jeden Tag, ich schreibe manchmal auch Briefe, überhaupt, ich schreibe beim Sprechen, ich schreibe dann, wenn ich ins Auto steige, wenn ich einkaufe, währenddessen überlege, was ich kochen werde, was wer mag, und ja,
ich sehe zum Känguru, ich weiß, dass es Pfannkuchen mag, aber das wird nichts, es braucht mich gar nicht zu fragen, keine Pfanne oder sonst irgendetwas aus seinem Beutel zu holen, mich auch nicht anzugrinsen, das bringt alles nichts, ich kann keine Pfannkuchen, überhaupt kann ich nicht backen, zumindest nicht besonders gut, schon immer ist das so, und das wird wohl so bleiben, auch dieses darin wohnende, seltsam irrationale Schuldgefühl, keine gute Mutter zu sein, woher das kommt, frage ich nicht mehr, ich nehme das jetzt so hin, meistens,
schiebe das Bild zur Seite, schiebe es dem Känguru zu, meine Angst, anders lässt sich das nicht nennen, und bevor es etwas sagen kann, erzähle ich ihm, von diesem Film, The Hours, wie ich ihn das erste Mal gesehen habe, und wie ich hineingefallen bin, in diesen Film, aufgesogen von Julianne Moore und wie sie diese Frau spielt, die nicht backen kann, und ich werde nie dieses Gefühl vergessen, wie ich ihr und mir zugesehen habe, diese Verzweiflung angesichts der Zutaten, die nicht in ein richtiges Mischungsverhältnis wollen, die unglückliche Konsistenz des Teigs, als ob es der eigene Körper wäre, der einem abhandenkommt, sich entzieht,
und bei jedem Kuchen, der mir misslingt, habe ich Angst, dass ich mich irgendwann an einem anderen Ort dieser Welt in einer Bibliothek wiederfinde, meine Familie einfach so verlassen habe, so wie in The Hours, und manchmal bin ich in Sorge, dass ich mir genau das wünsche, dass ich das großartig fände, einfach in eine Bibliothek zu ziehen, zwischen den Büchern zu wohnen, dort zu schreiben, und das Känguru nickt jetzt, es holt die Pfanne aus seinem Beutel, steht auf und geht zum Herd. Ich sehe ihm zu, wie es Pfannkuchen macht, wie es einen Satz nach dem andern von mir im Teig einrührt, aufschlägt, aufschäumt, ihn gehen lässt, wie es das einfach so macht, wie ein Text daraus wird, wie gut das tut, und ich bin froh, dass das Känguru wieder da ist.

Nullerjahre

„Keiner hat dich gezwungen, ein Kind zu bekommen.“
(Quelle unbekannt)

Als ich noch eine alleinerziehende Mutter war, habe ich nie darüber geschrieben, wie ich Elternschaft und Schreiben unter einen Hut bekomme. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen. Doch – einmal! Ich sollte einen Artikel für eine pädagogische Zeitschrift schreiben. Weil ich alleinerziehend war, sollte ich Erziehungstipps für Alleinerziehende geben. Ich brauchte das Geld, also begann ich zu schreiben und stellte fest, dass ich keine Tipps für Alleinerziehende hatte. Ich stellte fest, dass ich eher wenig über die Situation Alleinerziehender wusste. Ich wusste eher wenig über meine eigene Situation. Für den Artikel forderte ich vom Statistischen Bundesamt Statistiken an über die Situation von Alleinerziehenden; es gab keine. Nur dass es vor allem Frauen sind, die alleinerziehend sind, ließ sich herausfinden, und dass ein hoher Prozentsatz Alleinerziehender von Armut betroffen ist. Die finanzielle Situation Alleinerziehender führe dazu, so recherchierte ich weiter, dass sie schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen, dadurch oft noch mehr arbeiten, dadurch noch weniger Zeit für das Kind haben. Oder sie beziehen Hartz IV und lassen sich permanent demoralisieren. All dies führe am Ende auch zu permanenter Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse. Das kannte ich. Ich nannte es chronischen Sexmangel. Ich beendete den Artikel mit der Empfehlung, die gesellschaftliche und finanzielle Situation von Alleinerziehenden drastisch zu verbessern. Der Beitrag wurde von der Redaktion abgelehnt, er böte zu wenig pädagogischen Input.
Ich habe nie über diese Zeit als Alleinerziehende und Schriftstellerin geschrieben. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ich habe mich noch nicht einmal als Schriftstellerin empfunden. Das lag daran, dass ich auch als Schriftstellerin nicht richtig funktionierte. Immer wieder wurde mir gesagt, ich würde zu wenig emotional schreiben. Meine Figuren würden zu wenig leiden, und wenn, dann litten sie unter dem Falschen. Ich sei nicht nah genug dran an ihren Gefühlen. Doch meine Heldinnen empfanden einfach weniger als andere, im Grunde arbeiteten sie daran, gar nichts zu empfinden. Sie wollten nichts über sich selbst wissen. Sie hatten keine Ziele außer den nächsten Tag zu überstehen. Sie sehnten sich nach Sex, hatten flüchtige Beziehungen und tranken gerne Bier. Sie verliebten sich nicht in schwierige Männer, sie waren selbst schwierig. Sie waren Betrügerinnen oder hatten Jobs, die es gar nicht gab. Menschen, die meine Geschichten lasen, konnten sich mit meinen Figuren nicht identifizieren. Niemand wollte blöde Jobs oder flüchtige Beziehungen.
Ich schrieb trotzdem weiter und manchmal gewann ich einen Preis, weil irgendjemand verstanden hatte, um was es eigentlich ging. Mein Kind wurde größer, meine Jobs wurden besser, und ich hatte auch wieder öfter Sex. Als das Kind erwachsen war, drehte sich das Blatt. Mir wurde ein Residenzstipendium angeboten und ich musste es nicht ablehnen. Endlich konnte ich wieder reisen. Ich bewarb mich auf weitere Aufenthaltsstipendien, bekam Geld, Essen oder eine Wohnung dafür, dass ich Schriftstellerin war und Figuren erfand, mit denen sich niemand identifizieren konnte. Ich schrieb über das Fremdsein im eigenen Zuhause, im eigenen Körper, über sprachlos sein und sprechen lernen. Meine Romane wurden veröffentlicht und in Rezensionen besprochen. Mein Kind freute sich, dass aus seiner Mutter doch noch etwas zu werden schien. Elternschaft und Schreiben standen sich nicht mehr gegenseitig im Weg. Ich versuchte, die Nullerjahre zu vergessen, meine persönlichen Nullerjahre. Und nach und nach vergaß ich, wie ich mich gefühlt hatte in einer Welt, die nur mit denen solidarisch ist, mit denen sie sich identifizieren kann.
Dann kam Corona. Ich las auf Twitter von der Verzweiflung der Eltern, der Verzweiflung der Mütter, der Verzweiflung der Alleinerziehenden. Ich konnte das erste Mal so etwas wie Mitgefühl mit meinem vergangenen Ich empfinden. Jemand schrieb während des Lockdowns, man würde mutterseelenallein gelassen, ein Ausdruck, den auch ich benutzt hatte in dem Beitrag, der nie veröffentlicht wurde. Ich hatte mein Déjà-vu. Es hat sich in den letzten zwanzig Jahren offenbar nichts geändert –  und doch sehr viel. Mutter-Bashing ist nicht mehr hip. Armut von Alleinerziehenden ist jetzt ein Thema. Es gibt den Begriff Care-Arbeit. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sprechen über ihr Elternsein, über Sexismus, über familienfeindliche Bedingungen im Literaturbetrieb. Es gibt diesen Blog. Und immerhin darf Verzweiflung jetzt empfunden werden.

Morgens, zwischen vier und halb sechs

Ich bin besorgt, dass meine Kinder sich in der Schule anstecken, dass sie krank werden, Long-Covid entwickeln, das erste Kind werden, dass auch in Deutschland die Gefährlichkeit der Krankheit für kleine Kinder beweist. Ich bin gestresst und überfordert, weil ich parallel arbeiten soll wie immer, weil ich zusehe, wie die Große wieder Zugänge und Kurseinladungen zu Lernplattformen auf ihrem Tablett einrichtet, weil die Mittlere wieder jeden Tag all ihre Schulbücher hin- und herträgt, weil niemand weiß, ob sie morgen wieder in die Schule gehen kann. Ich bin besorgt, weil die Schutzmaßnahmen in der Schule quasi nicht vorhanden sind, viele Kinder sich effektiv gar nicht testen, auch wenn es auf ihren Zetteln steht, weil einige Kinder ganz sicher ungeimpfte Eltern haben, weil in den Klassenräumen bei einem Grad statt Luftfiltern offene Fenster die Viren vertreiben sollen, weil im Hort alle Kinder durcheinanderrennen, ganz gleich, was für die Schule gilt. Ich bin gestresst und überfordert, weil ich Igel ausmale, Tu-Wörter aufzähle, Rechenmauern kontrolliere, Französischvokabeln abfrage, Verben dekliniere, Zirkel repariere, Äpfel schneide und auch noch eine der Glücklichen sein soll, die ja immerhin parallel von zu Hause aus arbeiten kann und sich nicht krankmelden muss. Wie muss es erst dem Pflegepersonal gehen? Den Erzieher*innen, Lehrer*innen, die zum Beispiel meine Kinder betreuen und nicht nur irgendeine homogene Masse, sondern ebenso wie ich denkende, fühlende, besorgte und sicher auch ängstliche Menschen sind? Wie muss es all den Menschen gehen, die nicht zu Hause bleiben können, weil sie keine Kinderkrankentage, Urlaubstage oder sonstiges mehr haben, weil sie sich nicht trauen, sich krankschreiben zu lassen aus Angst, den Job zu verlieren? Ich sage mir: Denk an diese Menschen, und zwinge mich, nicht zu verzweifeln, immerhin ist die Welt voller Menschen, denen es noch schlechter geht, nicht wahr. Also weiter funktionieren und sich selbst dabei mehr und mehr vergessen, bis auf morgens zwischen vier und halb sechs, da kannst du alles tun! Ich bin müde.
Manchmal schalte ich statt des TVs lieber das Smartphone ein und geh zu Twitter, Facebook, Instagram, kurz, in die Hölle. Ich like das Foto des männlichen Autoren, der grad von einem Aufenthaltsstipendium zum nächsten flaniert, sehe zu, wie er seinen Erfolg feiert, ständig Zusagen zu bekommen, ohne zu reflektieren, dass die Mutter-Autorinnen sich aktuell einfach auf nichts zu bewerben brauchen. Wozu? Wer hat Kraft, die Foren durchzugehen, wer hat Energie, eine Bewerbung zu schreiben und sowieso, Kinder mitnehmen? Nein, danke, wir brauchen hier unsere Working-Ruhe. Also freie Bahn für die, deren Bahn schon immer viel freier gewesen ist. Manche ziehen ihre beruflichen Runden, andere ziehen an den unter dem Sofa verklemmten Socken.

Auszug aus einem längeren Text

Ein abgeschminktes Gesicht zu sehen stimmt mich traurig …

Ein abgeschminktes Gesicht zu sehen stimmt mich traurig
Ich denke dann an Baumrinde oder Sandalöl
An dünne blasse Bambusstäbchen
Spüre die Füße in den Boden Wurzeln schlagen
Es macht mich unruhig dass keiner mich um die Erlaubnis fragte
Ob ich hinausgezogen werden wollte
Man sagte mir ich kam zu früh zur Welt
Ich weiß nicht ob es stimmt und wer mich dazu zwang
Ob ich am Täter Rache nehmen sollte
Selbst die Kakteensammlung auf der Fensterbank
Zeigt mehr Temperament

Das Gedicht stammt aus dem Band wir tauschen ansichten und ängste wie weiche warme tiere aus, erschienen bei Hochroth München, Herbst 2021.

Rarely Asked Questions: Fabienne Imlinger

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Fabienne Imlinger: Die Autorin und Buchhändlerin A N Denvers sagte einmal: „Moms are not a niche – they literally make ALL THE PEOPLE.“ Insofern finde ich die Kategorisierung von Elternschaft als Nischenthema – das jetzt irgendwie entdeckt wird – erstaunlich. Literatur hat sich doch immer schon mit dem Thema Elternschaft auseinandergesetzt und mit den spezifischen Konflikten, die darin liegen. Worum geht es denn, um jetzt mal ganz weit auszuholen, in den antiken Geschichten um Ödipus, Antigone oder Medusa? Neu ist – das beantwortet vermutlich auch gleich die nächste Frage – aber womöglich, dass andere Perspektiven hinzugekommen sind. Etwa die von Frauen*, die über Mutterschaft schreiben, oder umgekehrt von Töchtern, die über die Beziehungen zu ihren Müttern oder Vätern schreiben. Da fallen mir sofort Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“ oder Lucy Frickes Roman „Töchter“ ein. Hinzugekommen ist auch Thematisierung nicht-heteronormativer Elternschaft, wie etwa in Maggie Nelsons „The Argonauts“.

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft, und kommt Vaterschaft als Thema möglicherweise seltener vor?
Fabienne Imlinger: Ich vermute, es gibt aktuell einen Markt bzw. eine Nachfrage für Bücher, die sich mit dem Thema Mutterschaft auseinandersetzen – und zwar insbesondere Bücher von Frauen. Dass sie dies auf eine bestimmte Weise tun, ist meiner Meinung nach neu. Da werden Tabus gebrochen, Rollenbilder, Klischees und gesellschaftliche Erwartungen hinterfragt. Aber ich glaube, man darf sich auch nicht täuschen: Diese Bücher kriegen vielleicht mehr Aufmerksamkeit (oder werden eben überhaupt veröffentlicht), aber insgesamt scheinen mir das immer noch nicht gar so viele Bücher zu sein. Die Annahme, es gäbe jetzt mehr Bücher zum Thema, kann auch schnell umgemünzt werden in: „Es reicht jetzt auch wieder, wir haben schon genug davon.“ Ich muss daran denken, was Maggie Nelson einmal im Anschluss an eine Lesung aus „The Argonauts“ erzählt hat – nämlich dass jemand ihr einmal gesagt habe, es gäbe genug Schilderungen von Geburten in Romanen, warum müsse sie das jetzt auch noch so ausführlich machen? Tatsächlich aber fiel ihr so gut wie keine vergleichbare Schilderung einer Geburtsszene ein. (Mir übrigens auch nicht.) Ob das Thema Vaterschaft weniger vorkommt, da bin ich mir nicht sicher – vielleicht ist das wieder eine Frage der Perspektive. Was vermutlich weniger vorkommt, sind Vater-Figuren, die Care-Arbeit übernehmen oder sich gar zum Großteil um Kinder kümmern, und zwar selbstverständlich und nicht so, dass das schon die eigentliche Geschichte ist. Und wenn das mal passiert, spontan fällt mir da z. B. Karl Ove Knausgard ein, dann nimmt die Care-Arbeit in diesen Tausend-Seiten-Büchern gefühlte drei Seiten ein.

Kannst du ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Fabienne Imlinger: Eines auszuwählen fällt schwer, deshalb hier gleich zwei, zuerst „A life’s work: on becoming a mother“ („Lebenswerk“) von Rachel Cusk. Als das Buch in England 2001 erschien, gab es Stimmen, die meinten, man solle Rachel Cusk das Sorgerecht für ihr Kind entziehen. Als die deutsche Übersetzung 2019 erschien, wurde Cusk gefeiert für die Schonungslosigkeit, mit der sie ihre eigenen Erfahrungen und die gesellschaftlichen Verhältnisse und Erwartungen im Hinblick auf Mutterschaft beschreibt. Wie in ihren Romanen ist Cusk auch hier eine unvergleichliche Erzählerin und Meisterin der klugen, nuancierten Beobachtungen. Als zweites möchte ich „Chanson douce“ („Dann schlaf auch du“) von Leila Slimani empfehlen. Das Buch liest sich wie ein Psychothriller: Am Anfang steht die Ermordung von zwei Kleinkindern durch ihr Kindermädchen Louise. Warum es dazu kam, versucht dieser Roman nicht zu erklären. Slimani beschreibt vielmehr in starken Bildern, wie es dazu kam: Sie zeichnet subtil die Machtverhältnisse nach und beleuchtet die Art und Weise, wie sich Klasse und race in Care-Arbeit einschreiben.

Fabienne Imlinger arbeitet als Literaturwissenschaftlerin und Autorin in München. Gemeinsam mit Martina Kübler betreibt sie den Podcast „Ich lese was, was du auch liest“. Ihr Kind kam 2015 zur Welt.

Die Sache mit Mau

Mau wurde am selben Tag in Betrieb genommen, an dem unsere sechsjährige Tochter mit einem Tattoo des letzten Abendmahls auf dem Arm nach Hause kam. Aber von vorne: Mau ist batteriebetrieben, zwölf Zentimeter groß und aus goldenem Plastik. Sie ist eine chinesische Winkekatze und der Alptraum jedes Einrichtungsberaters. Aber Mau hat magische Kräfte. Möglicherweise jedenfalls. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass sie noch nicht im Müll gelandet ist?
Unsere Tochter fühlt sich in ihrem Kindergarten sicher und aufhoben. Dass es sich um einen konfessionellen Kindergarten handelt, erschien uns zunächst nebensächlich. Das Tattoo verschwand, nachdem sie gebadet hatte. Aber andere Dinge blieben und wurden uns unheimlich, zumal sie nicht mit uns darüber reden wollte: Dass alle Kuscheltiere sich auf Noahs Arche retten mussten, dass sie beim Spielen Er hält die ganze Welt in seiner Hand summte und nicht verstand, warum wir kein Tischgebet sprachen. Vielleicht kam uns Mau mit ihren magischen Kräften aus diesem Grund gelegen. Nach und nach stellte sich nämlich heraus, dass der Parkplatz vor unserem Haus immer frei war, wenn Mau in unserem Wohnzimmer winkte. Unsere Tochter begann zurückzuwinken und ihre Hypothese zu überprüfen. Gab ihr der Erfolg nicht Recht? War der Parkplatz vor unserer Wohnung in letzter Zeit nicht immer frei gewesen? War der einzige Tag, an dem wir einige Straßen entfernt parken mussten, nicht ausgerechnet der gewesen, an dem wir vergessen hatten, Maus erschöpfte Batterie zu wechseln? Erstaunt registrierten wir, dass wir uns neuerdings zuhause nicht mehr über den Urknall, sondern über die richtige Winktechnik stritten, dass auf dem Heimweg im Auto Stoßgebete an Mau gerichtet wurden, dass darüber diskutiert wurde, ob Mau nun in die Geschehnisse eingreifen konnte oder nicht. Dass unsere Tochter uns schließlich zuzwinkerte, lachte und den Kopf schüttelte, wenn wir über Mau sprachen, und immer öfter vergaß, zu winken. Mit einem Tattoo kam sie seitdem nicht mehr nach Hause.
Mau ist eine chinesische Winkekatze und der Alptraum jedes Einrichtungsberaters. Aber Mau hat magische Kräfte. Möglicherweise jedenfalls.

Sätze

Der Schwangerschaftstest sagt positiv.
Mein Partner sagt, wir haben alle Möglichkeiten.
Der Frauenarzt sagt, gratuliere Ihnen zur Schwangerschaft.
Der Frauenarzt sagt, er kann mich nicht über Abtreibung aufklären. Er sagt, wenn ich beim Klettern ins Seil falle, habe ich vielleicht Glück und verliere das Kind.
Sie sagen, ein Kind ist das größte Glück.
Sie sagen, dein Leben ist jetzt vorbei.
Sie sagen, jetzt seid ihr eine Familie.
Meine Hebamme sagt, erzähle lieber nicht, dass du eine Hausgeburt machst.
Sie sagen, mutig.
Sie sagen, sie würden sich das ja nicht trauen.
Sie sagen, es kann so viel passieren.
Sie fragen, Mädchen oder Junge?
Sie sagen, Hauptsache gesund.
Sie sagen, wenn du ein Kind hast, arbeitest du weniger, aber effizienter.
Sie sagen, wenn du ein Kind hast, willst du nicht mehr arbeiten.
Wir sagen, 50:50.
Sie nicken, wissend.
Sie sagen, das geht nur, weil ihr beide selbständig seid.
Meine Mutter sagt, ein Kind gehört zu seiner Mutter.
Sie fragen, schläft dein Baby schon durch?
Sie sagen, schlafe, wenn dein Baby schläft.
Sie sagen, verwöhne dein Kind nicht.
Sie sagen, lass dein Kind nicht weinen.
Sie sagen zu meinem weinenden Baby im Kinderwagen, ist dir kalt? Bist du hungrig?
Sie sagen, im Kindergarten gehört weinen dazu.
Sie sagen, oft ist die Mutter das Problem, weil sie nicht loslassen kann.
Mein Kind sagt, ich bin ein großes Kind.
Mein Kind sagt, ich bin Astronautin. Mein Kind sagt, ich bin Herr Bulle.
Sie sagen, Buben sind so.
Sie sagen, ein liebes Mädchen.
Mein Körper sagt, er braucht eine Pause.
Ich sage, später.
Ich sage, es geht sich alles aus. Irgendwie.