Die Sache mit Mau

Mau wurde am selben Tag in Betrieb genommen, an dem unsere sechsjährige Tochter mit einem Tattoo des letzten Abendmahls auf dem Arm nach Hause kam. Aber von vorne: Mau ist batteriebetrieben, zwölf Zentimeter groß und aus goldenem Plastik. Sie ist eine chinesische Winkekatze und der Alptraum jedes Einrichtungsberaters. Aber Mau hat magische Kräfte. Möglicherweise jedenfalls. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass sie noch nicht im Müll gelandet ist?
Unsere Tochter fühlt sich in ihrem Kindergarten sicher und aufhoben. Dass es sich um einen konfessionellen Kindergarten handelt, erschien uns zunächst nebensächlich. Das Tattoo verschwand, nachdem sie gebadet hatte. Aber andere Dinge blieben und wurden uns unheimlich, zumal sie nicht mit uns darüber reden wollte: Dass alle Kuscheltiere sich auf Noahs Arche retten mussten, dass sie beim Spielen Er hält die ganze Welt in seiner Hand summte und nicht verstand, warum wir kein Tischgebet sprachen. Vielleicht kam uns Mau mit ihren magischen Kräften aus diesem Grund gelegen. Nach und nach stellte sich nämlich heraus, dass der Parkplatz vor unserem Haus immer frei war, wenn Mau in unserem Wohnzimmer winkte. Unsere Tochter begann zurückzuwinken und ihre Hypothese zu überprüfen. Gab ihr der Erfolg nicht Recht? War der Parkplatz vor unserer Wohnung in letzter Zeit nicht immer frei gewesen? War der einzige Tag, an dem wir einige Straßen entfernt parken mussten, nicht ausgerechnet der gewesen, an dem wir vergessen hatten, Maus erschöpfte Batterie zu wechseln? Erstaunt registrierten wir, dass wir uns neuerdings zuhause nicht mehr über den Urknall, sondern über die richtige Winktechnik stritten, dass auf dem Heimweg im Auto Stoßgebete an Mau gerichtet wurden, dass darüber diskutiert wurde, ob Mau nun in die Geschehnisse eingreifen konnte oder nicht. Dass unsere Tochter uns schließlich zuzwinkerte, lachte und den Kopf schüttelte, wenn wir über Mau sprachen, und immer öfter vergaß, zu winken. Mit einem Tattoo kam sie seitdem nicht mehr nach Hause.
Mau ist eine chinesische Winkekatze und der Alptraum jedes Einrichtungsberaters. Aber Mau hat magische Kräfte. Möglicherweise jedenfalls.

Ausgewandert

Wir sind ausgewandert.
Ich würde nicht sagen überstürzt oder über Nacht.
Ich würde nicht sagen: Nacht und Nebel. Wir waren vorbereitet, verdammt.
Monatelang, was sage ich, jahrelang diese Reiseberichte.
Wir kannten jede Doku, jeden Bildband, jede Klimatabelle.
Und ich streite ja auch nicht ab, dass wir es schön haben hier.
Ich meine: Das Haus. Ich meine: Den Garten. Ich meine: Wir – Direkt am Meer.
Wer träumt nicht davon? Haben wir geträumt? Aber hallo!
Klar, bisschen viel Sand manchmal. Sand auf dem Teller, Sand im Bett und manchmal ist der Sand so heiß, dass man nicht mal drauf laufen kann.
Aber hey – wir leben den Traum. Und der Traum ist nicht schlecht, das heißt,
wenn wir zum Schlafen kommen zwischen Salz und Sand, ist der Traum nicht schlecht.
Außerdem schmeckt uns der Kaffee besser mit weniger Schlaf.
Oder: Wegen Blick aufs Meer.
Wir sind ausgewandert ins Land unseres Kindes.
Ich meine: Das Land, das unser Kind ist.
Haben wir Heimweh? Nach uns selbst? Wir doch nicht. Gar keine Frage.

Ein Beitrag aus der Reihe in dir menschen sehen – Texte zum Kinderwunsch.

Wir schauen ins Blau …

… vor uns die Scheibe, die weiter nach oben reicht, als wir zusammen groß sind, wenn ich mein Mädchen auf den Schultern trage. Aber jetzt will sie wieder auf den Boden. Die Pinguine werden gefüttert und schnellen wie kleine Raketen durchs Bild.
Mein Mädchen drückt die Nase an die Scheibe und gleich muss ich ihr sagen, dass sie das lassen muss. Wegen der anderen Nasen, die da täglich drangedrückt werden, und weil jemand das putzen muss. „Wenn ich mal ein Pinguin bin“, sagt sie und benutzt keinen Konjunktiv, „dann kann ich auch so schwimmen, oder?“ Sie sagt es, wie sie es meint. Nicht als Hypothese, nicht als Wunsch oder Möglichkeit, sondern als etwas, dass in der Zukunft mit ziemlicher Sicherheit eintritt. So wie sie sagt: „Wenn ich groß bin, dann kann ich auch lesen oder? Dann kann ich mir selbst ein Eis kaufen.“
Ich räuspere mich, will sagen: „Ich glaube, du wirst nie ein Pinguin.“
„Warum nicht?“, würde sie fragen und mich verständnislos ansehen.
„Das stimmt“, sage ich stattdessen, „das habe ich vorhin auch schon gedacht. Wenn ich mal ein Elefant bin, dann kann ich mich an alles erinnern. Weißt du. An das, was du gerade machst, an das, was du tun wirst, alles. Dann vergesse ich nichts mehr. Und wenn ich mal eine Eule bin, dann bin ich die ganze Nacht wach und kann all die Arbeit erledigen, die liegen bleibt. Und tagsüber kann ich schlafen, nur schlafen.“
„Du kannst keine Eule sein“, sagt mein Mädchen.
„Wieso denn?“, frage ich und schaue sie verständnislos an.
„Du bist doch schon meine Mama.“
„Ach so“, sage ich, „ja, das stimmt.“

Eine Geschichte

2020
Wir in der Fußgängerzone. Meine sechsjährige Tochter und ich. Über unseren Köpfen Lichterketten, in unseren Köpfen Fragen, die ich denke; die sie ausspricht. Wie Weihnachten wird? Ob wir die Uroma sehen können?

1999
Ganz zuletzt zieht meine Großtante ein seltsames Geschenk unter dem Baum hervor. Ich bin dreizehn und frage mich, was das soll? Drei Blätter, eng mit der Hand beschrieben, gelocht und zusammengehalten von einer goldenen Kordel. Meine Großtante glättet das Papier und rückt ihre Lesebrille gerade.

1944
Alle Familien im Haus waren evakuiert. Nur meine Familie war geblieben. Unser Haus war mit Soldaten belegt, da eine Flakeinheit in der Nähe stationiert war. Während der Luftangriffe verbrachten wir viele Stunden im Keller. Wir hatten keine Zutaten, um zu backen. Das hörte ein Soldat, dessen Eltern in der Nähe einen Bauernhof hatten. Er besorgte Mehl, Zucker, Eier und Butter. Wir waren überglücklich und backten mit Hilfe von Mama große Schüsseln voll.

 1999
Mein kleiner Cousin hat einen Zimtstern mit vier Zacken in seiner Kinderhand vergessen. Auch den anderen Plätzchen sieht man an, dass sie von Kindern gebacken wurden. Dem Rentier fehlt der Kopf und der Nikolaus hat seinen Sack verloren. Meine Oma ist auf dem Sofa ganz nah an ihre lesende Schwester gerückt.

 1944
Meine Schwester war 13 Jahre alt und hatte mehrere Verehrer. Hans kam aus Wien. Er spielte Gitarre und wir alle sangen dazu. Mama hatte einen schönen Alt, nur Papa war völlig unbegabt. Es waren noch zwei Tage bis Heilig Abend. Die Sirenen heulten. Ein schwerer Angriff folgte. Als wir aus dem Keller kamen, konnten wir es kaum fassen; unter den Toten war unser Hans aus Wien.

2020
Vor der Einkaufspassage sitzt ein junger Mann. Er trägt eine Maske und einen Handschuh. Der andere Arm fehlt ihm von der Schulter abwärts. Ob es auch Leute gibt, die Weihnachten im Krieg verbringen, will meine Tochter wissen. Wir können dieses Jahr nicht mit der ganzen Familie feiern. Aber vielleicht schenke ich meiner Tochter zu Weihnachten eine Geschichte.

(Ich danke meiner Großtante Maria Iwanicki, der Urheberin des kursiven Textes.)

Ein Beitrag aus der Reihe Alles war perfekt gewesen – Texte zu Weihnachten.

Masken

Wir müssen uns jetzt noch viel mehr als vorher auf unsere Augen verlassen. Es ist so schwierig zu sehen, wer hinter der Maske noch lächelt. Über den dreiundzwanzig Masken dreiundzwanzig Augenpaare. Manche Kinder meiner Klasse tragen süße selbstgenähte Masken mit Dinosauriern oder Einhörnern, manche, so wie ich selbst, die lieblosen blauen OP-Masken, die im 50er-Pack aus dem Internet kommen. Einem Kind beschlägt ständig die Brille. „Ihr dürft sie jetzt abnehmen“, sage ich, „aber nicht auf den Tisch legen. Ab damit in die Tasche.“ Die Kinder verstauen die Masken irgendwo am Körper oder im Rucksack und beginnen, Spaghetti Bolognese in sich reinzuschaufeln. Neben uns essen drei weitere Stöpsel-Klassen in der Mensa. Es gibt nur wenige Fenster. Einige Straßen weiter sitzen meine eigenen Kinder in ihrem Kindergarten. Mittagessen gibt es dort seit Wochen nicht mehr. Personalmangel. Die zweite Lunchbox für die Große, die als Ersatz dienen soll, habe ich heute vergessen, weil der Kleine geschrien hat. Wenn man sich in der Mensa unterhalten will – und das wollen alle –, dann geht das nur sehr laut. John-Lukas erzählt von Minecraft. Spaghettifetzen fliegen aus seinem Mund auf Leons Teller. Leon will sich beschweren und wirft sein Glas um. Er darf nicht selbst sauber machen. Das Mensapersonal kommt, wischt und sprüht mit Desinfektionsmittel um sich. Aerosole landen auf meinem Teller und hinterlassen einen bitteren Geschmack. Majas Eltern beschweren sich, weil ich im Unterricht zu viel, Luisas Eltern, weil ich zu wenig lüfte. Luisa sitzt am Tischende und starrt auf ihren Teller. „Was ist denn los?“, frage ich. Sie zuckt mit den Schultern, sie hat ihre FFP2-Maske nicht abgesetzt. „Hast du Angst, dich anzustecken?“, frage ich. Sie nickt. Ich weiß nicht, was ich ihr raten soll. Vor zwei Wochen gab es drei Fälle in meiner Klasse. Eine Woche zuhause, das war’s. Das Gesundheitsamt ist kaum zu erreichen. Tests werden wenn, dann freiwillig gemacht und bezahlt. Währenddessen Angst, die eigene Familie, meine Kinder oder sonst wen angesteckt zu haben. Abends die Übersetzung der Unterrichtsstunden ins Digitale und kaum noch Zeit für das Buch. Das Buch, das fertig werden soll trotz Job und Masken und Kindern. Luisa holt ihre gelbe Brotdose mit Minion-Motiv aus dem Rucksack. Sie neigt ihren Teller und kippt einen Teil der Nudeln hinein, neben ein angebissenes Stück Apfel. „Für später“, sagt sie und schließt den Deckel. Ausnahmsweise lasse ich sie gewähren. Es klingelt. Wir müssen weiter. Die Kinder setzen die Masken wieder auf und sortieren die Tabletts in den Wagen.