Ein abgeschminktes Gesicht zu sehen stimmt mich traurig …
Ein abgeschminktes Gesicht zu sehen stimmt mich traurig
Ich denke dann an Baumrinde oder Sandalöl
An dünne blasse Bambusstäbchen
Spüre die Füße in den Boden Wurzeln schlagen
Es macht mich unruhig dass keiner mich um die Erlaubnis fragte
Ob ich hinausgezogen werden wollte
Man sagte mir ich kam zu früh zur Welt
Ich weiß nicht ob es stimmt und wer mich dazu zwang
Ob ich am Täter Rache nehmen sollte
Selbst die Kakteensammlung auf der Fensterbank
Zeigt mehr Temperament
Das Gedicht stammt aus dem Band wir tauschen ansichten und ängste wie weiche warme tiere aus, erschienen bei Hochroth München, Herbst 2021.
Rarely Asked Questions: Fabienne Imlinger
Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Fabienne Imlinger: Die Autorin und Buchhändlerin A N Denvers sagte einmal: „Moms are not a niche – they literally make ALL THE PEOPLE.“ Insofern finde ich die Kategorisierung von Elternschaft als Nischenthema – das jetzt irgendwie entdeckt wird – erstaunlich. Literatur hat sich doch immer schon mit dem Thema Elternschaft auseinandergesetzt und mit den spezifischen Konflikten, die darin liegen. Worum geht es denn, um jetzt mal ganz weit auszuholen, in den antiken Geschichten um Ödipus, Antigone oder Medusa? Neu ist – das beantwortet vermutlich auch gleich die nächste Frage – aber womöglich, dass andere Perspektiven hinzugekommen sind. Etwa die von Frauen*, die über Mutterschaft schreiben, oder umgekehrt von Töchtern, die über die Beziehungen zu ihren Müttern oder Vätern schreiben. Da fallen mir sofort Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“ oder Lucy Frickes Roman „Töchter“ ein. Hinzugekommen ist auch Thematisierung nicht-heteronormativer Elternschaft, wie etwa in Maggie Nelsons „The Argonauts“.
Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft, und kommt Vaterschaft als Thema möglicherweise seltener vor?
Fabienne Imlinger: Ich vermute, es gibt aktuell einen Markt bzw. eine Nachfrage für Bücher, die sich mit dem Thema Mutterschaft auseinandersetzen – und zwar insbesondere Bücher von Frauen. Dass sie dies auf eine bestimmte Weise tun, ist meiner Meinung nach neu. Da werden Tabus gebrochen, Rollenbilder, Klischees und gesellschaftliche Erwartungen hinterfragt. Aber ich glaube, man darf sich auch nicht täuschen: Diese Bücher kriegen vielleicht mehr Aufmerksamkeit (oder werden eben überhaupt veröffentlicht), aber insgesamt scheinen mir das immer noch nicht gar so viele Bücher zu sein. Die Annahme, es gäbe jetzt mehr Bücher zum Thema, kann auch schnell umgemünzt werden in: „Es reicht jetzt auch wieder, wir haben schon genug davon.“ Ich muss daran denken, was Maggie Nelson einmal im Anschluss an eine Lesung aus „The Argonauts“ erzählt hat – nämlich dass jemand ihr einmal gesagt habe, es gäbe genug Schilderungen von Geburten in Romanen, warum müsse sie das jetzt auch noch so ausführlich machen? Tatsächlich aber fiel ihr so gut wie keine vergleichbare Schilderung einer Geburtsszene ein. (Mir übrigens auch nicht.) Ob das Thema Vaterschaft weniger vorkommt, da bin ich mir nicht sicher – vielleicht ist das wieder eine Frage der Perspektive. Was vermutlich weniger vorkommt, sind Vater-Figuren, die Care-Arbeit übernehmen oder sich gar zum Großteil um Kinder kümmern, und zwar selbstverständlich und nicht so, dass das schon die eigentliche Geschichte ist. Und wenn das mal passiert, spontan fällt mir da z. B. Karl Ove Knausgard ein, dann nimmt die Care-Arbeit in diesen Tausend-Seiten-Büchern gefühlte drei Seiten ein.
Kannst du ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Fabienne Imlinger: Eines auszuwählen fällt schwer, deshalb hier gleich zwei, zuerst „A life’s work: on becoming a mother“ („Lebenswerk“) von Rachel Cusk. Als das Buch in England 2001 erschien, gab es Stimmen, die meinten, man solle Rachel Cusk das Sorgerecht für ihr Kind entziehen. Als die deutsche Übersetzung 2019 erschien, wurde Cusk gefeiert für die Schonungslosigkeit, mit der sie ihre eigenen Erfahrungen und die gesellschaftlichen Verhältnisse und Erwartungen im Hinblick auf Mutterschaft beschreibt. Wie in ihren Romanen ist Cusk auch hier eine unvergleichliche Erzählerin und Meisterin der klugen, nuancierten Beobachtungen. Als zweites möchte ich „Chanson douce“ („Dann schlaf auch du“) von Leila Slimani empfehlen. Das Buch liest sich wie ein Psychothriller: Am Anfang steht die Ermordung von zwei Kleinkindern durch ihr Kindermädchen Louise. Warum es dazu kam, versucht dieser Roman nicht zu erklären. Slimani beschreibt vielmehr in starken Bildern, wie es dazu kam: Sie zeichnet subtil die Machtverhältnisse nach und beleuchtet die Art und Weise, wie sich Klasse und race in Care-Arbeit einschreiben.
Fabienne Imlinger arbeitet als Literaturwissenschaftlerin und Autorin in München. Gemeinsam mit Martina Kübler betreibt sie den Podcast „Ich lese was, was du auch liest“. Ihr Kind kam 2015 zur Welt.
Other Writers Readings: Jessica Lind
Same Work But Different: Selim Özdogan
Welchen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Selim Özdogan: Vor den Kindern konnte ich meine Tage freier gestalten. Ich habe morgens Yoga gemacht, bin einkaufen gegangen, habe gelesen, Kaffee getrunken, Musik gehört, habe angenehm meine Zeit vertrödelt und ab mittags geschrieben, bis es Zeit wurde, Abendessen zu machen. So richtig viel hat sich nicht geändert, der Unterschied ist, dass ich alles in die Zeit zwischen 8.00 und 14.45 packe, bis es an der Zeit ist, die Kinder abzuholen. Lesen und trödeln fällt halt weg. Die Zeit der Schul-, und Kitaschließungen war dann natürlich nochmal ganz anders …
Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für Dich stimmig?
Selim Özdogan: Nicht ganz. Ich möchte die Metapher gerne etwas verschieben. Die Geburt ist möglicherweise die erste Idee zu einem Buch oder einem Text. Der Text wächst dann heran und muss jeden Tag umsorgt, gepflegt, genährt werden. Unterwegs oder später sieht man die Fehler, die man gemacht hat, allerdings hat man die Möglichkeit, vor Erscheinen viel davon auszubügeln, ohne dass Spuren bleiben. Wenn das Buch dann erscheint, ist es erwachsen, es zieht aus und muss selber Verantwortung übernehmen. Der Text muss für sich allein stehen können. Ich kann dann nicht mehr hinterherrennen, erklären, entschuldigen, Lesarten vorgeben, loben, sorgen, spielen. Ich kann nur versuchen, ihm während der Promophase den Weg zu ebnen. Und manchmal kommt es dann zurück, weil es übersetzt wird, und wohnt noch einmal ein paar Wochen bei mir …
Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du Kinder hast?
Selim Özdogan: Auf so ziemlich jedes Auslandsstipendium, das ich noch nicht hatte, das sind einige …
Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?
Selim Özdogan: Ich rede grundsätzlich gerne mit Eltern auf dem Spielplatz – wenn sie mich nicht gerade fragen, was für eine Sprache ich da mit den Kindern spreche, aber das ist eine andere Geschichte –, über Kaffee, Yoga, Atmung, Urlaub oder was immer ihr Interesse und ihre Leidenschaft weckt. Oder ich lasse mir die beeindruckenden Geschichten von ihren Kindern erzählen: Dann ist Karl (7) im Freibad plötzlich aufgesprungen und hat gesagt: Ich springe jetzt vom Zehner. Ehe ich die Kleine einsammeln konnte, war er schon oben und dann habe ich gedacht, der kommt schon wieder oder der Bademeister schickt ihn runter, aber der ist gesprungen … Das Schöne an diesen Gesprächen ist die Unvorhersagbarkeit, dann sind sie lebendig, unabhängig vom Gegenüber.
Selim Özdogans Erzählband Die Musik auf den Dächern erschien im September 2021 im Nautilus Verlag.
Other Writers Readings: Gespräch mit Eva Brunner und Jessica Lind
Die Sache mit Mau
Mau wurde am selben Tag in Betrieb genommen, an dem unsere sechsjährige Tochter mit einem Tattoo des letzten Abendmahls auf dem Arm nach Hause kam. Aber von vorne: Mau ist batteriebetrieben, zwölf Zentimeter groß und aus goldenem Plastik. Sie ist eine chinesische Winkekatze und der Alptraum jedes Einrichtungsberaters. Aber Mau hat magische Kräfte. Möglicherweise jedenfalls. Denn wie sonst ließe sich erklären, dass sie noch nicht im Müll gelandet ist?
Unsere Tochter fühlt sich in ihrem Kindergarten sicher und aufhoben. Dass es sich um einen konfessionellen Kindergarten handelt, erschien uns zunächst nebensächlich. Das Tattoo verschwand, nachdem sie gebadet hatte. Aber andere Dinge blieben und wurden uns unheimlich, zumal sie nicht mit uns darüber reden wollte: Dass alle Kuscheltiere sich auf Noahs Arche retten mussten, dass sie beim Spielen Er hält die ganze Welt in seiner Hand summte und nicht verstand, warum wir kein Tischgebet sprachen. Vielleicht kam uns Mau mit ihren magischen Kräften aus diesem Grund gelegen. Nach und nach stellte sich nämlich heraus, dass der Parkplatz vor unserem Haus immer frei war, wenn Mau in unserem Wohnzimmer winkte. Unsere Tochter begann zurückzuwinken und ihre Hypothese zu überprüfen. Gab ihr der Erfolg nicht Recht? War der Parkplatz vor unserer Wohnung in letzter Zeit nicht immer frei gewesen? War der einzige Tag, an dem wir einige Straßen entfernt parken mussten, nicht ausgerechnet der gewesen, an dem wir vergessen hatten, Maus erschöpfte Batterie zu wechseln? Erstaunt registrierten wir, dass wir uns neuerdings zuhause nicht mehr über den Urknall, sondern über die richtige Winktechnik stritten, dass auf dem Heimweg im Auto Stoßgebete an Mau gerichtet wurden, dass darüber diskutiert wurde, ob Mau nun in die Geschehnisse eingreifen konnte oder nicht. Dass unsere Tochter uns schließlich zuzwinkerte, lachte und den Kopf schüttelte, wenn wir über Mau sprachen, und immer öfter vergaß, zu winken. Mit einem Tattoo kam sie seitdem nicht mehr nach Hause.
Mau ist eine chinesische Winkekatze und der Alptraum jedes Einrichtungsberaters. Aber Mau hat magische Kräfte. Möglicherweise jedenfalls.
Other Writers Readings: Eva Brunner
Rarely Asked Questions: Maria Hummitzsch
Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Maria Hummitzsch: Elternschaft findet in einem für die Literatur reizvollen Spannungsfeld statt: zwischen dem Ideal (des Heilen) und der Realität (des Brüchigen), zwischen inneren und äußeren Beschränkungen, Bewusstsein und Unterbewusstsein. Die literarische Verarbeitung ist ein Entlangschreiben an Ambivalenzen und Leerstellen, an Durcheinander und Unfertigsein und einer fortwährenden Auseinandersetzung mit dem Eigenen und Anderen, aus der man nicht aussteigen kann.
Stehen Übersetzer*innen mit Kindern vor besonderen Problemen?
Maria Hummitzsch: Gute Frage. Klar ist, Verallgemeinerungen helfen kaum weiter. Eine Herausforderung für alle Literaturübersetzer:innen ist der immense Zeitdruck bei vielen Projekten: Durch die immer schneller werdenden Produktionsabläufe und die Entscheidung vieler Verlage, vor allem Übersetzungen aus dem Englischen zeitgleich mit dem Original auf den Markt zu bringen, muss man immer wieder bereit sein, wochenlang auch Abend- und Nachtschichten zu fahren, was schon im Normalfall, aber gerade mit Kindern eine enorme Belastung ist. Zudem stagnieren die Normseitenhonorare seit Jahren nicht nur, sondern sie sinken inflationsbereinigt sogar. Altersarmut ist ein großes Thema. Lukrativere Tätigkeiten, die sich gut mit dem Literaturübersetzen verbinden lassen – Moderationen, Workshops, Vorträge etc. –, gehen in der Regel mit Reisen einher. Das muss man familiär stemmen können. Die Strukturen des Literaturbetriebs und Berufs sind jedoch das eine, das andere ist, wie gut man sich in ihnen einrichtet, Gestaltungsspielräume für sich nutzt.
Hast Du Dich aufgrund Deiner Elternschaft im Literaturbetrieb schon einmal diskriminiert gefühlt?
Maria Hummitzsch: Ehrlich gesagt nein, im Gegenteil: Ich wurde beispielsweise schon für Übersetzungen angefragt, weil ich selbst Mutter bin, und ich habe mehrfach mit Lektor:innen zusammengearbeitet, die in persönlichen Ausnahmezuständen mitfühlend und entgegenkommend reagiert haben. Bezeichnend ist aber, dass ich schon mehrfach – interessanterweise jedoch nie von Verlagsseite – darauf hingewiesen wurde, dass ich in meiner Kurzvita immer auch angebe, mit meinen Kindern in Leipzig zu leben. Ich gebe mein Muttersein also preis. Bevor ich darauf aufmerksam gemacht wurde, habe ich über diesen Nebensatz nie nachgedacht, seither ist er eine bewusste Entscheidung. Bei manchen führt das Erwähnen von Mutterschaft bzw. Elternschaft offenbar zu einer Aufweichung des Bilds von Professionalität und Erfolg. Bei mir hingegen hat die Erwähnung einen anderen Effekt: Sie verweist auf Welthaltigkeit – eine für das Literaturübersetzen enorm nützliche Qualität.
Kannst Du ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Maria Hummitzsch: Unbedingt. Ann Petrys Debüt „The Street“ von 1946 in der Neuübersetzung von Uda Strätling (2020 bei Nagel & Kimche erschienen) mit der Geschichte über eine alleinerziehende schwarze Mutter im Harlem der 40er Jahre, die sich auch heute noch erschreckend aktuell liest.
Maria Hummitzsch lebt als Literaturübersetzerin aus dem Englischen und Portugiesischen in Leipzig. Von 2017 bis 2021 war sie zweite Vorsitzende des Verbands deutschsprachiger Übersetzer/innen literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ) und ist Gründerin des Übersetzerzentrums der Leipziger Buchmesse. Ihre Kinder kamen 2007 und 2020 zur Welt.
Sätze
Der Schwangerschaftstest sagt positiv.
Mein Partner sagt, wir haben alle Möglichkeiten.
Der Frauenarzt sagt, gratuliere Ihnen zur Schwangerschaft.
Der Frauenarzt sagt, er kann mich nicht über Abtreibung aufklären. Er sagt, wenn ich beim Klettern ins Seil falle, habe ich vielleicht Glück und verliere das Kind.
Sie sagen, ein Kind ist das größte Glück.
Sie sagen, dein Leben ist jetzt vorbei.
Sie sagen, jetzt seid ihr eine Familie.
Meine Hebamme sagt, erzähle lieber nicht, dass du eine Hausgeburt machst.
Sie sagen, mutig.
Sie sagen, sie würden sich das ja nicht trauen.
Sie sagen, es kann so viel passieren.
Sie fragen, Mädchen oder Junge?
Sie sagen, Hauptsache gesund.
Sie sagen, wenn du ein Kind hast, arbeitest du weniger, aber effizienter.
Sie sagen, wenn du ein Kind hast, willst du nicht mehr arbeiten.
Wir sagen, 50:50.
Sie nicken, wissend.
Sie sagen, das geht nur, weil ihr beide selbständig seid.
Meine Mutter sagt, ein Kind gehört zu seiner Mutter.
Sie fragen, schläft dein Baby schon durch?
Sie sagen, schlafe, wenn dein Baby schläft.
Sie sagen, verwöhne dein Kind nicht.
Sie sagen, lass dein Kind nicht weinen.
Sie sagen zu meinem weinenden Baby im Kinderwagen, ist dir kalt? Bist du hungrig?
Sie sagen, im Kindergarten gehört weinen dazu.
Sie sagen, oft ist die Mutter das Problem, weil sie nicht loslassen kann.
Mein Kind sagt, ich bin ein großes Kind.
Mein Kind sagt, ich bin Astronautin. Mein Kind sagt, ich bin Herr Bulle.
Sie sagen, Buben sind so.
Sie sagen, ein liebes Mädchen.
Mein Körper sagt, er braucht eine Pause.
Ich sage, später.
Ich sage, es geht sich alles aus. Irgendwie.
