Wer fängt mich auf?

Warum habe ich ihm nicht die Hand auf den Mund gedrückt oder ihr die Ohren zugehalten?
Wer geht jetzt mit mir ins Schwimmbad?
Wird Papa seinen Wintermantel auch unter meinem Bett suchen?
Stirbt Mama, wenn ihre Tropfen alle sind?
Kann Opa auch Brot backen?
Was wird nun aus meiner kleinen Schwester, kann mir das bitteschön jemand sagen?
Wollen sich deine Eltern auch trennen?
Kann ich bitte meine Mama anrufen?
Wer fängt mich auf, wenn ich aus dem Fenster springe?

Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.

Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen

Den Gedanken an Trennung kennen wir alle, die Angst davor auch – als Kind, als Eltern, als Mensch überhaupt. Aber können wir unsere Kinder vor dieser Angst bewahren, und sollen wir das überhaupt? Was bedeutet Trennung für Elternschaft und Schreiben? Wie überstehen wir die vielen kleinen Trennungen im Alltag und was passiert, wenn wir die große, letzte Trennung einfach verweigern? Über diese und andere Fragen reflektieren Dmitrij Gawrisch, Chris Roth, Eva Brunner, Sara Ehsan, Clemens Böckmann, Selim Özdogan, Laura Vogt, Slata Roschal und Katharina Bendixen. Vielstimmig erzählen sie vom Verlust und vermitteln vor allem Eines: Es gibt immer ein Danach.

Wer fängt mich auf? von Dmitrij Gawrisch
Was bleibt von Chris Roth
Unvermeidbar von Eva Brunner
Die Zeichen waren … von Sara Ehsan
Trennen im Gesicht von Clemens Böckmann
Menschen sehen sich als autonome Wesen … von Selim Özdogan
Keine Trennung von Laura Vogt
Für einen Monat weg … von Slata Roschal
Verschwinden von Katharina Bendixen

Same Work But Different: Slata Roschal

Welchen Einfluss hatte deine Mutterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Slata Roschal: Einen Text aus dem Buch, „Die Entdeckung Amerikas“ habe ich zum Beispiel bei einer Konferenz in Boston geschrieben. Während der Vorträge tat ich so, als würde ich mitschreiben, und abends saß ich in meinem Zimmer in einem Studentenwohnheim und schrieb weiter, so habe ich von Amerika nur die Uni und das Wohnheim gesehen. Meine Lieblingstexte entstehen auf Reisen zu irgendwelchen formalen Tagungen, in Hotelzimmern, da habe ich einen Anlass, alleine zu sein, es ist eine kostbare Zeit.

Wenn dich vor der Schule ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest Du es beschreiben?
Slata Roschal: Es geht viel ums Sterben, um Ängste und Einsamkeit. Meine Bekanntschaften teilen sich eigentlich in zwei Kategorien auf: Die erste – Eltern aus der Kita, Schule oder aus dem Hort – interessieren sich kaum für Bücher, höchstens, wenn ich sage, dass ich Preisgeld erhalten habe. Und die zweite – andere Autoren – interessieren sich meist nicht für Kinder und alles, was damit zusammenhängt. Es sind parallele Welten, und in einer Art Code-Switching wechsle ich Themen, Motivationen, fast die Sprachen selbst.

Gibst du das Buch deinem Kind zu lesen? Warum (nicht)?
Slata Roschal: Mein Sohn (9) weiß mittlerweile, dass ich Bücher schreibe, er hat sie nicht gelesen, weil es genug andere spannende Sachen zu tun gibt, was ich total verstehen kann. Mir gefällt es, dass er offen protestiert, wenn es langweilig wird. Wenn er groß genug ist, wird es wiederum nicht pädagogisch sein, aus meiner Sicht, alles in Schwarz, Tod und Trauer, so ein Buch würde ich ihm nicht kaufen.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?
Slata Roschal: Total, weil der entscheidende Punkt ist: Ein Baby wächst heran zu einem erwachsenen Organismus, zieht als selbständiges Wesen in die Welt hinaus, gerät in immer mehr Bezüge, die nichts mehr mit dem elterlichen Körper zu tun haben, und wenn einem Buch immer noch ein Autor hinterherläuft, unangenehme Fragen oder Rezensionen abzuwenden versucht, ergibt es keinen Sinn.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?
Slata Roschal: Mein Traum ist es gerade, ein Arbeitsstipendium zu bekommen, das für ein Jahr reicht – einfach genug Geld zu haben, um an eigenen Texten zu schreiben, und die ersten paar Monate keine Bewerbungen parallel zu verfassen, es muss grandios sein.

Das Gedicht stammt aus dem Band wir tauschen ansichten und ängste wie weiche warme tiere aus, erschienen bei Hochroth München, Herbst 2021.

Morgens, zwischen vier und halb sechs

Ich bin besorgt, dass meine Kinder sich in der Schule anstecken, dass sie krank werden, Long-Covid entwickeln, das erste Kind werden, dass auch in Deutschland die Gefährlichkeit der Krankheit für kleine Kinder beweist. Ich bin gestresst und überfordert, weil ich parallel arbeiten soll wie immer, weil ich zusehe, wie die Große wieder Zugänge und Kurseinladungen zu Lernplattformen auf ihrem Tablett einrichtet, weil die Mittlere wieder jeden Tag all ihre Schulbücher hin- und herträgt, weil niemand weiß, ob sie morgen wieder in die Schule gehen kann. Ich bin besorgt, weil die Schutzmaßnahmen in der Schule quasi nicht vorhanden sind, viele Kinder sich effektiv gar nicht testen, auch wenn es auf ihren Zetteln steht, weil einige Kinder ganz sicher ungeimpfte Eltern haben, weil in den Klassenräumen bei einem Grad statt Luftfiltern offene Fenster die Viren vertreiben sollen, weil im Hort alle Kinder durcheinanderrennen, ganz gleich, was für die Schule gilt. Ich bin gestresst und überfordert, weil ich Igel ausmale, Tu-Wörter aufzähle, Rechenmauern kontrolliere, Französischvokabeln abfrage, Verben dekliniere, Zirkel repariere, Äpfel schneide und auch noch eine der Glücklichen sein soll, die ja immerhin parallel von zu Hause aus arbeiten kann und sich nicht krankmelden muss. Wie muss es erst dem Pflegepersonal gehen? Den Erzieher*innen, Lehrer*innen, die zum Beispiel meine Kinder betreuen und nicht nur irgendeine homogene Masse, sondern ebenso wie ich denkende, fühlende, besorgte und sicher auch ängstliche Menschen sind? Wie muss es all den Menschen gehen, die nicht zu Hause bleiben können, weil sie keine Kinderkrankentage, Urlaubstage oder sonstiges mehr haben, weil sie sich nicht trauen, sich krankschreiben zu lassen aus Angst, den Job zu verlieren? Ich sage mir: Denk an diese Menschen, und zwinge mich, nicht zu verzweifeln, immerhin ist die Welt voller Menschen, denen es noch schlechter geht, nicht wahr. Also weiter funktionieren und sich selbst dabei mehr und mehr vergessen, bis auf morgens zwischen vier und halb sechs, da kannst du alles tun! Ich bin müde.
Manchmal schalte ich statt des TVs lieber das Smartphone ein und geh zu Twitter, Facebook, Instagram, kurz, in die Hölle. Ich like das Foto des männlichen Autoren, der grad von einem Aufenthaltsstipendium zum nächsten flaniert, sehe zu, wie er seinen Erfolg feiert, ständig Zusagen zu bekommen, ohne zu reflektieren, dass die Mutter-Autorinnen sich aktuell einfach auf nichts zu bewerben brauchen. Wozu? Wer hat Kraft, die Foren durchzugehen, wer hat Energie, eine Bewerbung zu schreiben und sowieso, Kinder mitnehmen? Nein, danke, wir brauchen hier unsere Working-Ruhe. Also freie Bahn für die, deren Bahn schon immer viel freier gewesen ist. Manche ziehen ihre beruflichen Runden, andere ziehen an den unter dem Sofa verklemmten Socken.

Auszug aus einem längeren Text

Rarely Asked Questions: Nora Gomringer

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Nora Gomringer: Wer Vater, Mutter, Betreuer, Umsorgender wird, lernt sich in einer neuen Rolle kennen. Diese Selbsterfahrung sorgt für neue Energien und Erfahrungen, die verarbeitet und eben auch geteilt werden wollen. Es ist eine produktive Phase, eine Phase des Erstaunens. Ein paar Autoren gelingt es, aus dieser persönlichen Novität etwas Gemeingültiges zu schaffen.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Nora Gomringer: Das hängt sehr von der Struktur ab, die man sich aufbaut, wenn man zu zweit für ein Kind oder mehrere sorgt. Ein schreibender Mensch hat besondere Bedürfnisse, die mit Kindern und ihren Bedürfnissen nur schwer zu verbinden sind. Ich staune immer, wie mutig schreibende Menschen sind, dass sie sich überhaupt auf Kinder einlassen. Sie müssen viel Vertrauen in ihre Kräfte haben.

Kann der Literaturbetrieb familienfreundlicher gestaltet werden, und wenn ja wie?
Nora Gomringer: Der Betrieb kann familienfreundlicher werden, aber ich glaube nicht, dass er es wirklich will. Es ist etwas anderes, eine Familie einzuladen – warum sollte das einen Stipendiengeber interessieren? – oder einen Menschen, der als Solitär in eine Gemeinschaft oder an einen Ort gelangt. „Community spirit“ im Rahmen einer Residenz entstehen zu sehen, ist fast nur mit Einzelpersonen möglich, die sich aufeinander einlassen. Wer mit Familie kommt, ist auch abgeschlossener gleichzeitig. Allerdings auch oft glücklicher, weil er sich nicht so sehr zerreißen muss und der Partner einbezogen ist. Wie bei allem ist es eine Frage der Kommunikation und Prioritäten. Nie kann man alles haben. Das ist Illusion.

Nora Gomringer, geboren 1980, Lyrikerin und Performerin. Seit 2010 Direktorin des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, die Residenz des Freistaats Bayern, die Prä-Corona die Familien von Stipendiatinnen und Stipendiaten gerne willkommen hieß.

Sounds Different: Und was macht die Musik?

Oh la barbe!!, wie man bei mir in Frankreich sagen würde. Wieder einmal um die Zukunft zittern, um unsere Gesundheit oder die unserer Kinder … Wieder einmal überlegen, welchen Sinn es hat, weiterhin eine brotlose Kunst zu praktizieren, in einer Welt, in der Kultur nicht als Grundbedürfnis eingestuft wird, sondern als „systemirrelevant“ … Gerade jetzt, wo wir von einer rasanten Pandemiewelle heimgesucht werden und wir uns erneut von beruflicher Unsicherheit oder einer weiteren Verlangsamung unserer Aktivitäten bedroht fühlen, mag es lächerlich erscheinen, über unser Eltern- und Künstler:innendasein und alle damit verbundenen gesellschaftlichen und beruflichen Fragen nachzudenken. Und doch …
Nie schien es wichtiger, den zwiespältigen Platz, den unsere Gesellschaft der Familie einräumt, zu hinterfragen als in diesen Zeiten der Pandemie. Eine Familie zu gründen gleicht heute dem Leistungssport, so wenig offen ist die Arbeitswelt, so wenig auf die zeitlichen Bedürfnisse von Eltern und Kindern zugeschnitten. Ganz zu schweigen von unseren künstlerischen Berufen, in denen es ein Balanceakt ist, Kreativität, Karriere und Kindererziehung in Einklang zu bringen.
Die Auswirkungen der Gesundheitsmaßnahmen auf Eltern und Kinder waren und sind noch enorm, sowohl in beruflicher als auch in wirtschaftlicher, psychischer und erzieherischer Hinsicht. Größtenteils weil die kreativen Berufe mehr denn je von Prekarität bedroht sind und eine absolute Notsituation sie nur noch mehr schwächen konnte. Aber wenn man der Gesundheitskrise, die wir seit zwei Jahren durchmachen, einen Vorteil abgewinnen kann, dann ist es vielleicht die Tatsache, dass wir uns heute gezwungen sehen, nach Lösungen zu suchen, um unser Leben als Künstler:innen und Eltern zu verbessern.
Und die gute Nachricht ist, dass sich die Dinge ändern. Langsam, aber sicher. Musikerinnen und Musiker aus allen Bereichen nehmen die Dinge selbst in die Hand. Sie laden das Thema Elternschaft in ihre Werke ein. Sie fordern mehr Raum und Aufmerksamkeit für ihre Kinder. Wir werden ihnen hier regelmäßig in dieser Kolumne begegnen und sie über ihr Leben, ihre Visionen, ihre Schwierigkeiten und ihre Lösungen sprechen lassen.
Wir sehen uns hier im Dezember für einen ersten Einblick in die zeitgenössische Musik- und Elternrealität. Bleibt gesund!

Same Work But Different: Lisa Kreißler

Welchen Einfluss hatte deine Mutterschaft auf dein Buch?
Seit der Geburt meines ersten Kindes hat sich mein Blick auf Leben und Schreiben stark erweitert. Ich befrage die Wirklichkeit jetzt immer aus zwei Perspektiven: aus meiner und aus der des Neulings in der Welt. Wie spricht man mit einem Dreijährigen über den Tod? Was lehrt er mich über die Natur? Ist es möglich, sich den Blick des Kindes zurückzuerobern? Und: Was sehe ich dann? Wie bringe ich es in Sprache? All diese Fragen waren beim Schreiben von „Schreie & Flüstern“ immer in der Nähe.

Was hast du gerade gemacht, als das Paket mit den Belegen eintraf?
Ich war mit den Kindern an einem Flussbett. Es war warm. Sie spielten mit dem Wasser. Es war einer der seltenen Tage, an denen sie mich nicht brauchten. Ich habe japanische Erzählungen gelesen, mich über die Harmonie und die schönen Sätze gefreut. Als wir nach Hause kamen, stand ein großes Paket im Flur. Ich wusste sofort, was darin war. „Schreie & Flüstern“ ist meinem ältesten Sohn gewidmet. Das hatte ich ihm schon erzählt. Gemeinsam packten wir ein Buch aus. „Ist das mein Buch?“, fragte er. Ich nickte. Und als er seinen Namen vorn im Buch selbst las und dabei kurz innehielt, nahm der Text für mich eine neue Gestalt an. Das Buch war da.

Welches Stipendium würdest du auch mit Kind nicht ablehnen?
Ich träume davon, mit den Kindern und meinem Freund für eine längere Zeit ins Ausland zu gehen, in die Villa Massimo nach Rom zum Beispiel. Dort gibt es eine deutsche Schule. Mein Freund würde in einer italienischen Bäckerei arbeiten und ich würde mich in die Stadt vertiefen, mich durchschütteln lassen von den neuen Erfahrungen. Meinem Schreiben tut es gut, wenn das Leben mich durcheinanderbringt.

Welche*n other writer würdest du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest du mit ihm*ihr sprechen?
Ich würde gern Sibylla Vričić Hausmann treffen! Wir haben uns vor ein paar Jahren am LCB kennengelernt. Später habe ich dann ihre Gedichte gelesen, die einfach toll sind. Am LCB hat Sibylla mir von einem Roman erzählt, an dem sie schreibt. Ich würde sie gern ausquetschen, wie weit sie damit ist, wann ich ihn endlich lesen kann. Und ich würde sie fragen, ob sie einen guten Ratschlag für mich hat, wie man mit dem Gedichte schreiben anfängt.

Lisa Kreißlers Roman Schreie & Flüstern erschien im September 2021 im mairisch Verlag.