Lieber Papa

wenn ich an Dich denke, spüre ich noch das kleine Mädchen in mir. Ich sehe sie an den Orten meiner Kindheit, wie sie hier und da steht und sich nach deiner Nähe sehnt.

Ein Mann von wenigen Worten. Zahlen und Zitate, Fakten, Wortspiele.

Stark. Undurchdringlich. Stabil. Fleißig. Leistungsorientiert. Schulischer Erfolg. Begabung. Elite. Diplome. Institution. Fähigkeitsteste. Elefantengedächtnis.

Kaum in deinem Leben hast du dich vor Kummer gekrümmt.

Nicht einmal wenn die, da oben, die sich in Ambrosia wälzen, dir deine Frau aus heiterem Himmel weggenommen haben.
Unsere Maman.
Doch hast du dein Bestens getan, um uns vor dem Schmerz zu schützen.
Du hast eine neue Frau geliebt und geheiratet.

Nicht einmal wenn deine Blutplättchen plötzlich abgehaut sind, als du mit blauen Flecken im Krankenhaus lagst und sie dein Knochenmark durchstochen.

Pa. Pa. Zweimal wärst du fast gestorben.

Du bist sofort wieder aufgestanden.
Einfach mit einer Glatze zur Arbeit zurückgegangen und geschuftet, als wäre nichts geschehen.

In der Ewigkeit werden wir viel Zeit zum Ausruhen haben, sagst du oft.

Elefantengedächtnis.
Deine Gefühle werden irgendwo, ganz weit unten, im tiefsten Dunkeln gelagert – oder eben zerquetscht.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Brief an meinen Vater

Abend in einem Karton voller alter Kassetten
Kilometer von abgewickeltem Tonband
Störgeräusch und Märchen, habe ich deine Stimme gehört
Zufällig aus einer Aufnahme auftauchend.

Ich habe dich nicht erkannt.

Du hattest mir nicht gesagt dass du einen Akzent hast
wenn du sprachst, machte es dir Schwierigkeiten
den Unterschied zwischen den Lauten é und è und dass deine Stimme zögerte
im Moment als du die bedeckten Wörter des Französischen aussprachest.

Ich habe dich sofort erkannt.

Du hattest mir von den metallisierten Flügeldecken der Käfer erzählt
an den Rändern versunkener Pfade, den Fußabdrücke von Meerjungfrauen
ertrunken in Flusstiefen. Du hast mich nicht gewarnt
dass du mir als Geschenk die Last deiner Fremdheit hinterlassen würdest.

Ich war wütend auf dich.

Aber heute Abend, in den Lücken der Leerräume, die die é und è deiner Aufnahme lassen
habe ich die Unendlichkeit berührt. Meine Stimme, wie deine,
vibriert vor Ungewissheit, wenn ich Worte spreche, die mit Fremdheit bedeckt sind,
in denen sich dann unweigerlich die Laute ö und ä unsicher vermischen.

Habe ich mich selbst erkannt.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Barbara Peveling. Französisches Original

Lieber Vater

Lieber Vater,
du, der sagt, noch nie ein Buch gelesen zu haben, hast mir die Freiheit mit den Gutenachtgeschichten eingeträufelt. Wachse größer, mache Abitur, sei kein abhängiger Arbeiter wie ich. Jedes Buch, das ich las, jeder Text, den ich aus dem Lateinischen übersetzte, dehnte das Unverständnis zwischen uns. Ich streckte mich hinaus in eine andere Welt, ließ dich in deiner zurück. Die Freiheit für mich hattest du dir in Blazer gekleidet und mit Machtsymbolen ausgestattet vorgestellt, nicht wie ich jetzt lebe. Ich verstumme beim Besuch, du gibst den Ton an, so ist es in deinem Haus, meine Gedanken klingen nicht in der zurückgelassenen Welt, nur in meiner, in die ich nach ein paar Tagen aufbrechen muss, weil wir keine gemeinsame Sprache finden, weil das Unverständnis zu groß ist, ich mich nicht in dein Frauenbild füge. Das zwischen dir und mir geknüpfte Band ist angespannt, droht zu zerreißen, wenn wir beisammen sind, und doch gibt es darin einen Herzfaden, der alles aushält, unzertrennbar. Du sagst, dass du vorne in meinem Buch gelesen hast und in der Mitte, und dass es schon was hermache. Ich fühle Dankbarkeit, dass du meinen Wildwuchs, auch wenn er dir fremd ist, immer unterstützt hast.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

An jenem Abend

Ich bin fünf oder sechs
es ist Abend und mir ist kalt
man hat mich zum Duschen geschickt
dein Vater kommt gleich
man, das ist Jocelyne
Jocelyne ist die Nachbarin
sie hat mich von der Schule abgeholt
sie hat mir den Platz auf dem Sofa zugewiesen
mit dem Hund mir zu Füßen
enge Überwachung
dann hat sie gesagt geh duschen
dein Vater kommt gleich.

Ich ziehe langsam den Schlafanzug an
langsam
die Ohren Richtung Tür gespitzt
es klopft
endlich bist du da, mein Riese
ja!
meine Stimme überschlägt sich
mein Gesicht bekommt Risse
dein breiter Daumen wischt meine Wangen ab
mit einer Hand hältst du mich aufrecht
während ich auf die Knie fallen möchte
nimmst du mich heim mir dir?
Papa nimmst du mich heim?
Papa
schlaf gut mein Kätzchen.

Erinnerst du dich Papa?
erinnerst du dich an jene Abende?
du gingst heim
allein
jedes Mal
verließt mich jedes Mal
mit nackten Füßen auf den kalten Fliesen
klebrig und feucht
zitternd im Schlafanzug.

Was blieb mir anderes übrig
einleuchtende
vorübergehende
Lösung
Mama am Krankenbett von
ich allein zu Haus
ging früh raus
kam spät zurück
wie hätte ich glauben
wie hätte ich wissen können?

Du hättest nur hinschauen müssen, Papa
nur hinschauen.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Till Roeskens. Französisches Original

Brief über keinen Vater

Die Abwesenheit eines Vaters ist offensichtlich.

Die Anwesenheit der Abwesenheit eines Vaters ist offensichtlich groß.

Die Anwesenheit der Abwesenheit eines Vaters ist offensichtlich groß in einem Leben.

Die Anwesenheit der Abwesenheit meines Vaters ist offensichtlich groß in meinem Leben.

Die Abwesenheit meines Vaters ist.

Bereits kurz nach dem Beginn meiner Existenz war ich aus dem Einflussbereich seines Gewissens verschwunden. Seine Person als Vater hat mir den Stempel der Abwesenheit aufgedrückt. Er, ich, abwesend im jeweils anderen Leben. Meinerseits trug es zur eigenen Abwesenheit bei, seinerseits kann ich es nicht sagen. Ihm schien meine Anwesenheit nie zu fehlen oder etwas zu einer von ihm empfundenen Abwesenheit beizutragen.

Das meine Abwesenheit seine Abwesenheit nicht beeinflusst, ist wohl die reinste und schönste Form der Abwesenheit.

Keine Tochter

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Erlaubnis

Tag und Nacht, jeden Tag hast du gearbeitet.
Du warst dennoch da, ich nahm dich wahr.
Meine Albträume, meine Schlaflosigkeit hörtest du nicht.
Wer hätte sie denn verstehen sollen?
Mama sagte: Papa liebt dich.

Ich habe deinen Hang zum Schweigen geerbt.
Aber die Donnerstagnachmittage, beim Verbinden von Amour de Tiri,
Da haben wir die Hürde des Unausgesprochenen genommen.
Die Zeit, die du mir gabst, alles was du tatest, ich verstand:
Papa liebt mich sehr.
Ich war 16.

Eines Tages, ich weiß nicht mehr wann, hast du gesprochen.
Eines Tages, weil es der richtige Zeitpunkt war, hast du es gesagt.
Wahrscheinlich einer jener Tage, wo ich gefallen war.
Und ich sage es dir auch: Ich liebe dich.

Du hast alles mit mir geteilt: die Bienen und deinen gesundesten Zorn.
Deine Messlatte der Menschlichkeit ist hoch.
Sie ist mein Kompass, wenn ich verunsichert (unsicher) bin.

Ich werde diesen Brief mit meinem Namen unterschreiben,
Nicht mit dem, den du mir gabst,
Nicht, dass er mir nicht gefällt, das sei gesagt,
Ich meine den Dichternamen, den ich gewählt habe.
In deinen Augen las ich die Erlaubnis, zu sein, wer ich bin:
Dichterin, mit der Kraft einer bedingungslosen Liebe.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Till Roeskens. Französisches Original

Lieber Papa

ich hoffe, du weißt, dass ich dir dankbar bin. Du warst ein selbstbewusster und gutgelaunter Vater, den auch andere Kinder gerne mochten. Du hattest die Geduld, mir Schwimmen, Fahrradfahren und Schach beizubringen. Hast mein Bett und den Kaninchenstall selbst gebaut.
Gabst mit oft das Gefühl, stolz auf mich zu sein. Vielleicht hatte ich manchmal den Eindruck, mich beweisen zu müssen, dich überraschen zu wollen. Besonders im Vergleich zu Mirjam, die dich so leicht zum Lachen bringen konnte.
Auch heute noch hängt es von meiner Tagesform ab, ob ich mich neben dir anstrenge oder unbekümmert bin. Wir haben einen guten Kontakt, aber eine kleine Distanz hat sich aufgebaut, seit du damals, kurz bevor ich vierzehn wurde, auszogst. Plötzlich war unsere Beziehung weniger selbstverständlich. Wir gewöhnten uns eine gewisse Vorsicht, eine übertriebene Höflichkeit an.
Vielleicht frage ich dich eines Tages, ob du das auch so siehst.

Deine Anna

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Robertsong

Prophezeiung deines Herzens

K L A N G

Ein Sommer, noch

K L A N G

K L A N G

K L A N G

Mon cher Robert, du wusstest es

 

K L A N G

rein von

ich werde gehen

WIR                                            K L A N G

da

Ein paar rote und salzige Tränen        und wieder gehen

 

Du schliefst ein

du und deine Asche

 

K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G K L A N G

 

verstreut             auf             deinem         Wunschozean

 

Stirb wooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooohl

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Song auf Französisch. Französisches Original

Baba

nichts wünsche ich mir sehnlicher – Gott sei mein Zeuge, Erbarmungsvoller –, als dass Du endlich aufhören mögest, mich zu fragen, wann ich wieder heimkehren würde. Baba, versteh: Selbst wenn ich zu Euch oder auch einfach nach Molussien zurückkäme, würde ich nicht mehr Dombra spielen. Ich würde sie nicht einmal mehr richtig stimmen können, Wunschwunderkind hin oder her. Wirst Du das je anerkennen? Bitte, Baba, hör auf, mich mit diesem mitleidigen Blick anzuschauen, der mir sagt, dass mir das Wichtigste fehlt, das Schönste entgeht und mein Leben misslingt ohne Dombra. Nimm Mitja, er spricht schon im gleichen Tonfall davon: „Ach“, und er seufzt ganz wie Du, „Mama, wenn Du nur so gut spielen könntest.“ Er meint natürlich: So gut wie Du. Ja, nein, ich spiegele nicht den Glanz Deiner Größe. Ich habe Dich enttäuscht, und das bleibt die schlimmste Strafe. Ich verlasse die Dynastie – so lass mich in Frieden gehen, Baba.

                                            Firangiz

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Papa

Du hast es nicht zu sagen gelernt. Du kannst es nicht zeigen. Dein Vaterherz ist eine Schnitzeljagd. Keine große Empfangshalle. Niemand an der Gefühlsrezeption, um den richtigen Schlüssel auszuhändigen. Da galt es die Hintertürchen zu finden, die Spuren zu lesen, den Geheimgängen zu folgen, rauf und runter zu sausen im Paternoster. Ich dreh mich im Kreis, stelle die gleichen Frage, bekomme die gleichen Antworten. Der Vater und seine Tochter, die Älteste und ihr Alter, ein unmögliches Paar, ein Fantasie-Duo.
Angeblich wollte ich dich unbedingt heiraten. Laut Mama hatte ich einen ausgeprägten Ödipuskomplex. Du hast nichts davon erwähnt. Hast du es vergessen?
Erinnerungsblitze an diese Wut über alles, was unserer Annäherung im Wege stand, unsere Einsamkeit zu zweit. Die Abwesenheit war deine Vertretung. Und wenn du kamst, vergaßt du die Worte. Ich habe immer noch nicht das Rätsel dieses Schweigens gelöst. Die Wut ist verraucht. Die Liebe ist geblieben.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Till Roeskens. Französisches Original