Other Writers trifft Café Entropy: Barbara Peveling im Café la Coopérative, Paris

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Ich liebe Milchkaffees und sie sind sicher die erste Erinnerung an Caféhausbesuche für mich. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, außer einem Eiscafé und einer Kneipe gab es da nichts. Dann kam ich in die Stadt und die Cafés haben mich schwer beeindruckt. Später, als ich nach Frankreich kam, war ich frustriert, denn ich dachte immer, der Café au lait, wie wir ihn in Deutschland trinken, käme aus Frankreich, allerdings fehlte ihm dort die Milch. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wie man einen guten Milchkaffee in Frankreich bestellt. Es ist ein Café crème bien blanc.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Während ich früher das soziale Zusammenkommen in Cafés sehr geliebt habe, vor allem das Freund*innentreffen und Quatschen, das Bandenbilden und Pläneschmieden, gehe ich heute fast nur noch in Cafés, um allein zu sein und zu schreiben.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind / deine Kinder dabei ist?
Die Veränderung ist vergleichbar mit dem Café au lait. Ich werde den Café au lait, wie ich ihn aus Deutschland kenne, nie in Frankreich bekommen. Und ich werde nie dieselbe Ruhe oder Gemeinsamkeit mit Freund*innen im Café erleben, wenn die Kinder dabei sind. Es ist anders, und wenn ich mich auf die Kinder einlassen kann, ist es sogar schön. Sie werden auch immer größer und mit meiner Großen habe ich schon gute Gespräche im Café geführt. Letztlich schmeckt der Kaffee auch überall anders, ein Genuss bleibt er aber, egal wie und wo man ihn trinkt. Man muss eben nur wissen, wie man ihn bestellt.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Lena Müller & Katharina Bendixen (III)

Teil I des Briefwechsels

Liebe Lena,

gleich kommen die Kinder zurück, sie waren für vier Tage bei den Großeltern. Zum ersten Mal seit J.s Geburt hatten D. und ich vier Tage für uns, und die Frage nach der Lebensform hat sich noch einmal anders gestellt. Diese vier Tage hätte ich ungern in einer Wohngemeinschaft verbracht. Es war wunderbar (und auch nötig), sich wieder in diese Welt zu begeben, die wir vor sechs Jahren freiwillig verlassen haben, wenn auch ohne zu wissen, was genau auf uns zukommen würde. Damals bestand unser Alltag aus Lesen und Gesprächen über diese Lektüren und über unsere eigenen Texte, aus Abenden mit DVDs, Kino, Theater (unvorstellbar im Moment), aus Spazierengehen oder Wandern, aus Kochen und Essen, manchmal gab es sogar Leerlauf … auch diese Aufzählung könnte lang sein. Und es ist ganz offensichtlich eine Aufzählung von zwei Einzelkämpfer*innen, Drinnies heißt das seit kurzem, glaube ich. Für die ist leider nur wenig Platz. L., der auch ein Drinnie ist, stößt im Kindergarten regelmäßig an alle möglichen Grenzen.

Wenn du von den verschiedenen Sphären schreibst, dann denke ich auch an Privilegien – einerseits an das Privileg, dass wir uns in dieser Form darüber austauschen können, andererseits an das Privileg, dass man sich die Form des Zusammenlebens überhaupt aussuchen kann. Dass man über die Summe verfügt, die in vielen Hausprojekten für den Einstieg nötig ist; dass man (vielleicht von den eigenen Eltern mitgegeben?) die nötige Gelassenheit und Sicherheit besitzt, um tolerant und großzügig mit den Bedürfnissen anderer umzugehen und dabei die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren. Das Privileg, überhaupt zu wissen, dass verschiedene Formen des Zusammenlebens existieren. Und ich denke auch an das Privileg, Zeit aufzuwenden, um mit den Widersprüchen umzugehen, die entstehen müssen (oder nicht?), wenn man in einer Gesellschaft, in der alles auf Konkurrenz ausgerichtet ist, in einer solidarischen Form zusammenleben möchte. Tausend Stunden Plena schreibst du, da wird mir ganz schwindelig. Von Mediationen, Supervisionen, Trainings in gewaltfreier Kommunikation habe ich auch in „Links leben mit Kindern“ und in „Solidarisch gegen Klassismus“ gelesen – Dinge, die zeigen, dass eben auch die Mitglieder in solidarischen Zusammenhängen von dieser Gesellschaft geformt wurden und dass die Gesellschaft sich ändern müsste, um wirklich solidarisch zusammenleben zu können. Eine einzelne kann da nicht viel ausrichten, oder ist das jetzt eine Ausrede von mir, um meine Ausbruchsfantasie als bloße Fantasie erscheinen zu lassen?

Jetzt habe ich das Bedürfnis, zu einer Conclusio zu kommen – als Mutter, Partnerin, Frau, auch als Autorin, damit dieser Text rund wird. Ich könnte auf den Mangel zurückkommen, auf die Fülle. Auf das Über-sich-hinauswachsen und die Ideologie, die darin verborgen ist. Eine Conclusio gibt es natürlich nicht. Es gibt nur verschiedene Wege, und die meisten sind einfacher, wenn man sie nicht alleine geht. (Und doch: Ich bin froh, dass nur D. dabei ist, wenn ich vor Wut die Besteckschublade zuknalle oder abends vor Erschöpfung weine. (Schon wieder die Wut.)) In den sechs Jahren meiner Mutterschaft bin ich verschiedene Wege gegangen, von denen ich einige heute nicht mehr betreten könnte: Ich könnte nicht mehr ohne widersprüchliche Gefühle stillen, und ich würde mich wahrscheinlich auch nicht mehr freuen, wenn die Kassiererin im Supermarkt mich an der langen Schlange vorbei nach vorne ruft, weil ich hochschwanger bin und draußen 40 Grad herrschen. Und wenn ich jetzt noch einmal in diesem sonnigen Hinterhof im Leipziger Osten sitzen würde, würde ich vielleicht danach zu D. sagen: „Lass uns auf jeden Fall zum nächsten Treffen hingehen. Lass uns dranbleiben, das klingt gut.“ Aber wer weiß, was dort mit uns zwei Einzelkämpfer*innen passiert wäre?

Es müsste mehr familienfreundliche Räume geben, schreibt Nikola Richter in ihren Beitrag in „Reproduktion Reloaded“, und ich stelle mir vor, dass die Gärten der Leipziger Kitas am Wochenende ihre Tore für alle Kinder öffnen. Ich stelle mir Höfe vor, die nicht durch Mauern voneinander getrennt sind, und damit sind wir wieder bei der Frage nach dem Besitz. Meinst du, dass es ideologiefreie Räume gibt, wie nahe seid ihr in eurer Wohnung diesem Ideal? Und möchtest du woanders leben, wenn dein Kind aus dem Haus ist? Sehnst du dich dann nach mehr Stille und Alleinsein, oder freust du dich gerade darauf, dich mit weniger Verantwortung anderen Kindern zuzuwenden, andere Kinder aufwachsen zu sehen?

Es klingelt an der Tür, die Kinder sind zurück.

Mach’s gut

Katharina

 

Liebe Katharina,

gestern war ich im Schwimmbad. Ich mag öffentliche Bäder. Vor allem das Stadtbad bei mir um die Ecke. Die prachtvollen Mosaike wecken seltsamerweise immer fröhliche, optimistische Gefühle in mir. Bei seiner Eröffnung 1914 galt dieses Bad in einem Arbeiter*innen-Stadtteil als eines der schönsten und größten Europas und empfing angeblich bis zu zehntausend Menschen täglich. Ich finde, darin blitzt etwas gelingendes Gesellschaftliches auf. Es blitzt auf, dass die Schönheit öffentlicher Orte zählt, vor allem auch in von engen Wohnverhältnissen geprägten Stadtteilen. Dass alle die Möglichkeit haben sollten, sich unter dem warmen Strahl des Wassers zu verschwenden.

Ich habe mich länger nicht gemeldet. Letzte Woche war die Kitagruppe in Quarantäne. Und statt ins Gemeinschaftsbüro zu gehen, das ich mit einigen Freundinnen teile, habe ich versucht, zu Hause zu übersetzen. Und es erinnerte mich schlagartig an letzten Winter im Lockdown, unerwartet beklemmende Gefühle kamen an die Oberfläche. Wie es ist, wenn die Gedanken eng werden, weil der Tag immer zu wenig Stunden hat für alles, was reinpassen muss, und die Abgabefristen im Nacken sitzen. Wenn alles andere wegrutscht und nur das Abarbeiten von Aufgaben bleibt.

Zur Zeit verlangt das Kind nach mir, ständig. Es kommt immer wieder zu mir, wenn ich mich zum Übersetzen an den Schreibtisch setze. Ich frage mich: Geht es ihm nicht gut? Mein ständiger Wunsch, dass das Kind doch zufrieden sein soll – und nicht traurig, nicht fordernd, nicht zornig, nicht über die Maße hilfsbedürftig. Da wäre ich gerne geduldiger und gelassener.

Ich sitze also in einer warmen Wohnung mit einem gut versorgten Kind und warte auf den Moment, in dem ich abgelöst werde und wieder an den Schreibtisch kann. Und muss daran denken, wie es wäre, mit dem Kind bei eisigen Temperaturen in einem Wald an der Grenze zu warten. Oft stelle ich mir vor, was es bedeutet, in einer solchen Situation für ein Kind und sich selbst zu sorgen. In einem Notlager, in einem Wald. Oder auch in einer der abgelegenen Aufnahmeeinrichtungen in Deutschland, wo kein Platz für Rückzug und Privatsphäre ist. Das sind einige der Gleichzeitigkeiten, die mich beschäftigen, wenn ich über Bedingungen der Sorge nachdenke, über Care und Rage. Das bleibt wie eine bohrende, unbeantwortete Frage im Raum stehen.

Wie kommen wir zum Ende? Du sagst, wir haben schon zu viel geschrieben. Also keine weiteren Fragen mehr, nur noch Antworten oder Aussichten. Du fragst nach meinen Plänen, wie es weitergehen wird. Ich weiß noch nicht, wie lange ich so wohnen werde wie jetzt. Weiterhin folge ich keinem speziellen Plan. Ich freue mich auf das Kind, das eine langjährige Freundin mit ihrer Freundin bekommen wird. Darauf, die Kinder beim Aufwachsen zu begleiten. Mal sehen, welche Räume es dafür noch braucht.

Es ist schön, einander nicht zu kennen und Briefe zu schreiben. Es geht um viel und wenig, Fragen werden aufgeworfen, Themen gestreift und wieder aus dem Blick verloren. Die Unübersichtlichkeit bleibt, aber dieses gemeinsame Nachdenken ist gut. Vielleicht sollte insgesamt mehr gefragt werden: Wie hältst du es mit der Sorge? Wie gestaltet sich dein Netz an Beziehungen? Was fällt hinten runter? Woran verschwendest du dich und wo?

Sei herzlich gegrüßt

Lena

Same Work But Different: Sara Ehsan

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert?
Zuerst teilte ich es meiner Tochter mit. Sie meinte, sie hätte gerade keine Zeit und müsse noch Hausaufgaben machen. Dann habe ich meiner besten Freundin den Link zum Buch geschickt, sie schrieb, wir feiern es in Wien nach – das heißt im April. Es ist schwer alleine zu feiern. Der Co-Autor, Alexander Carberry aus Großbritannien, rief an und wir stießen in Gedanken darauf an. Ich will es noch richtig feiern, aber mit wirklichen Menschen, nicht virtuell oder per Telefon.

Gibst du das Buch deinen Kindern oder deinen Eltern zu lesen?
Ich dränge mich nicht gerne in die Lesevorlieben meines Kindes, meine Mutter liest so gut wie nie, vor allem nicht auf Deutsch, und mein Vater, der ein Vielleser war und mit weit über 80 Jahren eine Urkunde der Stadtbibliothek von Karaj/Iran bekam, als Bester Leser des Jahres, ist leider schon verstorben. Er hätte es sicher lesen wollen. Auch bei meinem ersten Gedichtband (2011) hat er mich bei jedem Telefonat gebeten, etwas für ihn zu übersetzen. Leider tat ich es nie. Meine Gedichte sind keine leichte Kost und nicht unbedingt für Kinder geeignet, für Jugendliche sicherlich schon. Aber sie stehen im Regal und meine Tochter hat auch schon mal reingeschaut und über einige Gedichte gelacht. Es hat sie angeregt, selbst zu schreiben. Natürlich schreibt sie viel besser als ich.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?
Nicht ganz, die Geburt fängt an, sobald der kreative Prozess in Gang gesetzt wird. Das Schreiben ist eine sehr intensive, widersprüchliche Tätigkeit. Die Buchstaben, Gedanken, Gefühle versammeln sich zu einem Konglomerat an Bedeutungen, erst danach reift der Text im Besprechen, Redigieren, Absprache mit dem Lektorat. Dazu entlässt man nicht selbst das Kind in die Welt, sondern der Verlag, der eher wie die Großeltern hinter uns und dem Kind steht und mit seinem Segen und seiner finanziellen Unterstützung das Kind auf die Reise schickt.

Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du ein Kind hast?
Auf etliche, vor allem Aufenthaltsstipendien. Ich liebe es, zu reisen und an fremden Orten unterwegs zu sein. Das bleibt momentan ferner Traum.

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?
Ich würde gerne mehr über Autor*innen erfahren, die in ihren Heimatländern oder international bekannt sind und in Deutschland leben, aber in der deutschsprachigen Literaturszene noch nicht entdeckt wurden. Sie schreiben nicht auf Deutsch und ihre Texte werden kaum ins Deutsche übersetzt. Es gibt da beispielsweise die palästinensische Kinder- und Jugendbuchautorin Dima Sehwail, den kurdischen Lyriker Autor Hussein Habasch oder die afghanische Lyrikerin Benafsha Bihishty Rahmani. Es ist sehr wichtig, unsere Erfahrungen mit dem deutschsprachigen Literaturbetrieb weiterzugeben an Autor*innen, die neu hier sind. Kollegialität ist essenziell, dafür gibt es für mich keine Sprachgrenzen.

Der Gedichtband Un-Liebesgedichte & Un-Love Poems. Eine Korrespondenz (gemeinsam mit Alexander Carberry) erschien im Februar 2022 in der Edition Delta.

Take Care: Lena Müller & Katharina Bendixen (II)

Teil I des Briefwechsels

Liebe Lena,

ich hoffe, deine Reise war schön und die Landung zurück im Familienalltag dann sanft! Ich bin gedanklich in deinem ersten Absatz hängengeblieben, in dem du über das geheime Wissen schreibst, das Eltern über ihre Kinder hüten. Aus den verschiedenen Emotionen, die mich in den sechs Jahren meiner Mutterschaft bisher überrollt haben, sticht dieses Gefühl vielleicht hervor – oder vielmehr das Wissen, dass ich einst für meine Eltern das war, was L. und J. jetzt für mich sind. Inzwischen bewundere ich meine Eltern fast für den Gleichmut, mit dem sie meine Wut ertrugen, die lange anhielt, bis in meine Zwanziger – Wut worauf eigentlich? Dass sie in ihrem geheimen Wissen manchmal falsch lagen, wie du schreibst? Aber lassen sich die Gefühle zwischen zwei Generationen überhaupt vergleichen? Angeblich ist die Gleichberechtigung in der DDR eine Legende – in Wirklichkeit mussten die Frauen beides leisten, Haushalt und Beruf. Vielleicht konnten sie ihrem Beruf aber mit mehr Selbstverständlichkeit nachgehen, mussten sich weniger rechtfertigen, wenn sie das Kind erst nach neun Stunden wieder im Kindergarten abholten. (Dass es in unserem Kindergarten eine Art Wettbewerb gibt, wer sein Kind besonders zeitig abholt, darauf musste mich erst eine gute Freundin hinweisen, deren zwei Kinder in dieselbe Einrichtung gehen. Sie ist übrigens einem Gemeinschaftszusammenhang völlig abgeneigt; vielleicht liegt es daran, dass sie mit einer Frau verheiratet ist und ihre Familie, die nicht der Norm entspricht und mit der sie durch zwei zeit- und kräftezehrende Adoptionsverfahren gehen musste, schützen und auch abgrenzen will?)

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Und die Wut

Auf die Wut war ich vorbereitet, die Wut eines Kindes, das die Bohrmaschine selbst in die Hand nehmen und in die andere Richtung gehen möchte und dabei abwechselnd „nein“ und „doch“ schreit. Von dieser Wut habe ich gewusst, von dem, was viele immer noch Trotzphase nennen, auch wenn es ein Streben nach Autonomie ist.
Aber die andere Wut, die sollte es nicht geben, wurde mir vermittelt. Meine Wut. Ich sollte sie kleinhalten können, nicht gegen wütenden Protest von „nicht mage“ bis „Aua, doch Autos spielen will“ um Winterjacke und Haube und das endlich fertig Anziehen kämpfen und auch nicht anfangen zu schreien. Vorher hätte ich auch daran glauben wollen, dass ich lernen kann, damit umzugehen, mit der verwarteten Zeit, der zerschrienen und zerdiskutierten Zeit, mit der Zeit, in der keine Zeile geschrieben wird, und auch mit der, in der ermüdet keine Energie mehr da ist, auch nur eine Zeile zu denken.
Das nicht nur, weil ich das machen wollte und sollte, sondern auch, weil mit der Wut bei mir auch die Migräne im Hinterkopf heranwächst und sich über den Tag legt. Sie erinnert mich daran, dass die Wut nur der sichtbare Ausbruch ist, nachdem der Druck zu lange angestiegen ist. Und dass es nicht darum geht, diesen Druck einfach nach unten zu schieben, sondern ihn für andere sichtbar zu machen und ihm dadurch Raum zu geben, der ihn abebben lässt.
Manchmal sehe ich mir von außen zu und sage mir, dass ich doch die Erwachsene bin. Aber dann wieder schreien sich zwei vor dem Badezimmer an und mein Freund stellt sich dazwischen. Und dann sind da zwei, die erschöpft sind von ihrer Wut und der des anderen, und die sich darin, dass sie nicht getröstet werden wollen, und im Beharren darauf, dass sie doch zuvor gesagt haben, was ihnen wichtig ist, für Momente lang erschreckend ähnlich sind.
Aber ähnlich ist nicht dasselbe, weil ich immer noch die Erwachsene bin und sein muss. Weil ich mich nicht darauf vorbereitet habe oder mich niemand darauf vorbereitet hat, wie umfassend diese Wut sein kann. Weil ich zugleich denke, dass ich sie verstecken muss, dass das Kind in der Gasse draußen brüllen kann, bis es von den Hauswänden zurückschallt, aber ich nicht laut werden darf. Ich soll mich beherrschen, ich habe es mir selbst ausgesucht, Kinder sind nun einmal so. Und dann spüre ich schon wieder, wie ich die Luft anhalte und die Autos und die Bäume in der Gasse immer weiter wegrücken und das rote Gesicht mit seinen Tränen näherkommt.

Take Care: Lena Müller & Katharina Bendixen (I)

Liebe Lena,

es ist fast sieben Jahre her, dass D. und ich beim wöchentlichen Treffen eines neuen Hausprojekts waren. Unsere Teilnahme hatte sich eher durch Zufall ergeben, D. war einem alten Freund über den Weg gelaufen, der gemeinsam mit Bekannten vier unsanierte Mehrfamilienhäuser im Leipziger Osten aufgetan hatte. D. und ich wohnten damals noch nicht zusammen, ich war aber bereits schwanger – es war also die richtige Zeit, um über die Form des Zusammenlebens nachzudenken, die für uns zwei bzw. drei am besten wäre. Bei dem Treffen saßen fünfzehn Menschen im sonnigen Hinterhof, es ging um das Warmwasser und die Zusammenarbeit mit zwei Handwerker*innen, die Solaranlagen gemeinsam mit Hausprojekten installieren. Alle stimmten für die Zusammenarbeit, aber als gefragt wurde, wer im Sommer dafür Zeit hätte, meldete sich niemand. Das erschien uns seltsam, und noch viel befremdlicher erschien es uns, dass eines der vier Häuser ein Familienhaus werden sollte, mit einer Etage für alle Kindern und einzelnen Zimmer für die Eltern.

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Milch

Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären und so weiter, bla bla bla.
Sage: „Hatte mir das Kinder-Bekommen einfacher vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir das Kinder-Haben weniger anstrengend vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir den Bauch schon so einverleibt, bin ganz leer jetzt. Man könnte eine Feder fallen hören in mir drin.“
Schlafend schmatzt das Kind und will und will und fordert ein und ist nicht still, solange es nicht stillt, still, still, still, weil die Mama schlafen will! Werde vom Oxytocin geweckt, nachdem das Oxytocin vom Schmatzen des Kindes geweckt wurde. Der Körper sagt: Dein Kind will saugen, dein Kind will deine Brust, wach auf, auch wenn’s bloß die Flasche wird!
Der Vater hört den Panzer nicht durchs Schlafzimmer rollen. Der Vater schläft wie ein Stein. Sogar sein Weckertraining wird vereitelt vom guten Schlaf. Morgens prahlt die Energie des Vaters mit Tiefschlaf. Doch je mehr er sich kümmert, desto mehr holt auch ihn das Oxytocin ein.

Hormone sind nicht, Hormone werden.

Und das Kind ist vier Monate alt und fünf Monate alt wird es sein und sechs und es wird da sein, klopf auf Holz, wird es immer da sein, während wir da sind. Wir: In den Hauptrollen zwei mit Bewegungen, die noch kaum von der Hand gehen, und Bezeichnungen, die kaum schon über die Lippen kommen wollen: Vater und Papa. Und Mutter und Mama.

Mama!

Auszug aus einem längeren Text mit Videoarbeit

Other Writers trifft Café Entropy: Sandra Gugić im Café Strauss, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Wien gelebt. Und wenn ich heute, fern meiner hassgeliebten Stadt, etwas vermisse, sind es die alten Wiener Cafés. Das Café war immer der Ort, an dem ich am besten nachdenken konnte, für mich allein und doch unter Menschen, eingebettet in geschäftiges Hintergrundrauschen. Kinder sind dort eigentlich nicht vorgesehen, wenn, dann als geduldete Ausnahme. Auch in meinem Leben habe ich ein Kind lange nicht vorgesehen, das haben wir gemeinsam entschieden, bis zu einem gewissen Punkt, an dem ich mich anders entschieden habe. Nur die Möglichkeit von Veränderung und Offenheit ist das, was Menschen wach und lebendig hält, oder? Auch Kaffeehauskultur verändert sich, ich erinnere mich an das Kussverbot im Wiener Café Prückel und dessen kollektiver Verweigerung – als zwei lesbische Frauen des Cafés verwiesen wurden, gab eine Demo aus küssenden Paaren, Queers und Allies, eine eindeutige Antwort. Das Café also auch als eine Bastion des Spießertums und Touristenpilgerstätte? Wem gehören die Kaffeehäuser? Welche Regeln sollen dort gelten? Und wie ist das mit der Moral? Und mit den Kindern? Der Sänger Georg Danzer lässt einen Flitzer im Wiener Traditionscafé Hawelka Platz nehmen und singt: „Mach ma hoit a Ausnahm’ / Sei ma heut net grausam / Weu ein Pro-Milieu-Lokal / Scheißt auf Spießbürgermoral / Jö schau, so a Sau, Jössas na / Wos macht a Nackerter im Hawelka?“
Das Kaffeehaus gehört der Literatur, den Schreibenden, das Kaffeehaus lebt von Geschichten. Wenn mein Kleinkind mit mir am Tisch im Café sitzt, kann ich nicht sagen, was im nächsten Augenblick passieren wird. Wird es sich mit großen Augen umschauen, beobachten und schweigen, wird es alles kommentieren, fragen oder singen, wird es verschwörerisch mit dem Zuckerstreuer flüstern? Wird das Kind einen Stift verlangen, eine Serviette und etwas kritzeln, das ein Wort sein könnte, ein Anfang.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Sandra Gugić: Das Café ist für mich vorrangig ein analoger Arbeitsort, an den ich Ausdrucke oder Notizblock mitbringe, nur ganz selten meinen Laptop. Seit ich Mutter bin, ist meine Kaffeehauszeit nicht mehr Alltag, sondern mehr Ausnahme geworden. Jedes Zeitfenster allein ist kostbar.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Sandra Gugić: Mit meinem Kind bin ich selten im Café, und wenn doch, sprechen wir uns vorher ab, ob es gerade passt. Wenn ja, kann es ein großer gemeinsamer Spaß sein, der, wie alle Kind-Momente oder kindlichen Gefühle, auch schnell ins Drama kippen kann. Aber ist nicht gerade das Café eigentlich ein guter Ort für ein gepflegtes Drama? Es braucht auf jeden Fall Gelassenheit, Kinder zu haben, und erst recht, sie mit ins Café zu nehmen.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

the scheitern

Ich stehe mit dem Einkaufswagen und dem langen, vollgeschmierten Zettel vorm Supermarkt und es regnet und ich gratuliere noch schnell jemandem bei Twitter zum erschienenen Buch. Manchmal gratuliere ich uns insgesamt: Wir haben es hier ja alle irgendwie geschafft. Wir haben Opfer gebracht, was auf diesem Blog heißt: Care von Kindern oder die für uns wilde Kombination aus Sorgen und Schreiben.
Ich deute unsere Texte als Erfolge, als das Glück, die Möglichkeit gehabt zu haben, Einfälle nebst Elternschaft zu erheben: zu wenig Geld, Mental Load, under pressure sein oder ohne Schreibtisch. Vieles, was NICHT zu lesen war auf unseren Bildschirmen oder gedruckt, die Geschichten des Misserfolgs, des Scheiterns, ist ja versandet. Ist irgendwo liegengeblieben, wurde abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Viele haben’s nicht geschafft. Es gab zwar supergute Ideen, aber es gibt keinen Text.

Sich die Tatsache einzugestehen, dass gerade nichts geht, ist schon für ein paar Tage schlimm und man schämt sich, kaum nachvollziehbar, dafür vor sich selbst. Mit Kindern maximiert sich die Wahrscheinlichkeit, in diese Position zu geraten. Bei mir zeigt sich das so:
In den Sozialen Medien ist kaum Zeit zu reagieren, um spannenden Ereignissen zu folgen wie Diskussionen oder Lesungen zu verdammt nochmal genau dem Thema, zu dem ich eigentlich gerade recherchiere. Neulich meinte jemand, mein Twitteraccount sei unzuverlässig, und ist mir entfolgt. Ja ja, es gibt Schlimmeres.
Als nächstes wächst der Lesestapel. Schreiben heißt Lesen, hat mal jemand gesagt. Für eine Weile kann ich das noch müde leugnen. Dass es irgendwie stimmt, merke ich, wenn sowieso schon wenig Zeit da ist und der Modus lahmt, ich eh nicht richtig into bin.
Dann das mit dem begonnenen Dokument, das sich am Anfang so würdig angefühlt hat, jetzt aber schon seit zwei Wochen von mir weg liegt und wahrscheinlich kaum noch denkbar ist. Und hier wird es langsam ernst. Viele Texte reißen ab, und wenn ich sie öffne, legt sich die Scham auch über den wirren Kram, den ich da geschrieben habe. Bei kontinuierlicher Textarbeit fällt dieses Gefühl weg, beim Arbeiten in kleinen Schritten wird stetig ausgemistet.
Hin und wieder liegt das Postfach für ein paar Tage brach. Die schnelle Antwort schreibe ich dann einen Tag zu spät. Ich habe keine Lust, mich ständig bei anderen für sowas zu entschuldigen.

Es fühlt sich an, als wäre man in seinem Tun als Schreiber*in gerade krank. Dabei arbeitet man auf Hochtouren dafür, dass die Maschine läuft, und/oder lenkt seine Kraft in einen anderen Beruf, einen, der nicht wegfallen darf.
Viele Eltern schreiben an der Kante entlang. Wie knapp die Sache wirklich ausgeht, wie weit der Text schon weg von der*dem Autor*in ist, sobald er einmal erscheint, erfährt als Leser*in dann schließlich niemand.
Wir sollten uns noch öfter gratulieren.

Same Work But Different: Fabian Schwitter

Welchen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Fabian Schwitter: Das Herumturnen auf den Tummelfeldern des Betriebs habe ich aufgrund der Elternschaft stark reduziert. Mit der Entscheidung, die Care-Arbeit paritätisch mit der Mutter zu teilen, sind meine zeitlichen Möglichkeiten eingeschränkt. Hinzu kam mein Umzug nach Leipzig, sodass ich kaum mehr über ein Arbeitsnetzwerk verfüge, wie ich es früher einmal hatte. Diese Zusammenhänge betreffen zwar nicht das Schreiben unmittelbar. Sie sind dennoch wesentlich für ein literarisches Leben, das einen Lebensunterhalt anstrebt.

Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest Du es beschreiben?
Fabian Schwitter: Lustigerweise ist die Geschichte der fünfzeiler-Bände auf das Engste mit der Kita verbunden. Die Bücher sähen nicht aus, wie sie aussehen, wäre mir in der Kita im Frühling 2019 nicht die Verlagsherstellerin Franziska Reichert begegnet. Die Details – denn aus dieser Begegnung ist mit dem Kraken Verlag ein weiteres Projekt gewachsen – stehen hier. Die Bücher setzen sich aus den fünfzeilern als Elementarteilchen zusammen und haben weniger ein Thema als eine Struktur. Das Anschauen ist ebenso wichtig wie das Lesen. Leitend für die Gestaltung von tausendundein / fünfzeiler war jedoch der Wellen-Teilchen-Dualismus des Lichts. Gruppen von neun fünfzeilern bewegen sich auf den Seiten runter und rauf, sodass die Gruppen als Einzelteile, das Buch insgesamt aber als Welle erscheint. Innerhalb dieser Struktur finden sich – der Seitenzahl entsprechend – 110 verschiedene Themen in unterschiedlichen Facetten wie ein Mosaik.

Welche*n other writer würdest Du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest Du mit ihm*ihr sprechen?
Fabian Schwitter: Seit eh und je war mir das lokale Schaffen wichtig. Es ist zwar interessant, mit allerlei spannenden Menschen in aller Welt in Kontakt zu stehen. Lieber ist es mir aber, wenn die Möglichkeit, sich tatsächlich auf dem Spielplatz zu begegnen, gegeben ist. So freue ich mich über Kontakte in Leipzig. Clemens Böckmann habe ich einmal auf einen Kaffee getroffen. Mit Sibylla Vričić Hausmann war ich einmal in einer größeren Runde nach einer Lesung auf ein Bier. Katharina Bendixen habe ich einmal von Weitem gesehen. Und seit einer Lesung weiß ich, dass Janin Wölke im Eisenbahnstraßen-Viertel in Leipzig wohnt …

Der Gedichtband tausendundein / fünfzeiler erschien im Herbst 2021 in der Edition Howeg.