Auf die Wut war ich vorbereitet, die Wut eines Kindes, das die Bohrmaschine selbst in die Hand nehmen und in die andere Richtung gehen möchte und dabei abwechselnd „nein“ und „doch“ schreit. Von dieser Wut habe ich gewusst, von dem, was viele immer noch Trotzphase nennen, auch wenn es ein Streben nach Autonomie ist.
Aber die andere Wut, die sollte es nicht geben, wurde mir vermittelt. Meine Wut. Ich sollte sie kleinhalten können, nicht gegen wütenden Protest von „nicht mage“ bis „Aua, doch Autos spielen will“ um Winterjacke und Haube und das endlich fertig Anziehen kämpfen und auch nicht anfangen zu schreien. Vorher hätte ich auch daran glauben wollen, dass ich lernen kann, damit umzugehen, mit der verwarteten Zeit, der zerschrienen und zerdiskutierten Zeit, mit der Zeit, in der keine Zeile geschrieben wird, und auch mit der, in der ermüdet keine Energie mehr da ist, auch nur eine Zeile zu denken.
Das nicht nur, weil ich das machen wollte und sollte, sondern auch, weil mit der Wut bei mir auch die Migräne im Hinterkopf heranwächst und sich über den Tag legt. Sie erinnert mich daran, dass die Wut nur der sichtbare Ausbruch ist, nachdem der Druck zu lange angestiegen ist. Und dass es nicht darum geht, diesen Druck einfach nach unten zu schieben, sondern ihn für andere sichtbar zu machen und ihm dadurch Raum zu geben, der ihn abebben lässt.
Manchmal sehe ich mir von außen zu und sage mir, dass ich doch die Erwachsene bin. Aber dann wieder schreien sich zwei vor dem Badezimmer an und mein Freund stellt sich dazwischen. Und dann sind da zwei, die erschöpft sind von ihrer Wut und der des anderen, und die sich darin, dass sie nicht getröstet werden wollen, und im Beharren darauf, dass sie doch zuvor gesagt haben, was ihnen wichtig ist, für Momente lang erschreckend ähnlich sind.
Aber ähnlich ist nicht dasselbe, weil ich immer noch die Erwachsene bin und sein muss. Weil ich mich nicht darauf vorbereitet habe oder mich niemand darauf vorbereitet hat, wie umfassend diese Wut sein kann. Weil ich zugleich denke, dass ich sie verstecken muss, dass das Kind in der Gasse draußen brüllen kann, bis es von den Hauswänden zurückschallt, aber ich nicht laut werden darf. Ich soll mich beherrschen, ich habe es mir selbst ausgesucht, Kinder sind nun einmal so. Und dann spüre ich schon wieder, wie ich die Luft anhalte und die Autos und die Bäume in der Gasse immer weiter wegrücken und das rote Gesicht mit seinen Tränen näherkommt.
Take Care: Lena Müller & Katharina Bendixen (I)
Liebe Lena,
es ist fast sieben Jahre her, dass D. und ich beim wöchentlichen Treffen eines neuen Hausprojekts waren. Unsere Teilnahme hatte sich eher durch Zufall ergeben, D. war einem alten Freund über den Weg gelaufen, der gemeinsam mit Bekannten vier unsanierte Mehrfamilienhäuser im Leipziger Osten aufgetan hatte. D. und ich wohnten damals noch nicht zusammen, ich war aber bereits schwanger – es war also die richtige Zeit, um über die Form des Zusammenlebens nachzudenken, die für uns zwei bzw. drei am besten wäre. Bei dem Treffen saßen fünfzehn Menschen im sonnigen Hinterhof, es ging um das Warmwasser und die Zusammenarbeit mit zwei Handwerker*innen, die Solaranlagen gemeinsam mit Hausprojekten installieren. Alle stimmten für die Zusammenarbeit, aber als gefragt wurde, wer im Sommer dafür Zeit hätte, meldete sich niemand. Das erschien uns seltsam, und noch viel befremdlicher erschien es uns, dass eines der vier Häuser ein Familienhaus werden sollte, mit einer Etage für alle Kindern und einzelnen Zimmer für die Eltern.
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Milch
Mit Schmerzen sollst du Kinder gebären und so weiter, bla bla bla.
Sage: „Hatte mir das Kinder-Bekommen einfacher vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir das Kinder-Haben weniger anstrengend vorgestellt.“
Sage: „Hatte mir den Bauch schon so einverleibt, bin ganz leer jetzt. Man könnte eine Feder fallen hören in mir drin.“
Schlafend schmatzt das Kind und will und will und fordert ein und ist nicht still, solange es nicht stillt, still, still, still, weil die Mama schlafen will! Werde vom Oxytocin geweckt, nachdem das Oxytocin vom Schmatzen des Kindes geweckt wurde. Der Körper sagt: Dein Kind will saugen, dein Kind will deine Brust, wach auf, auch wenn’s bloß die Flasche wird!
Der Vater hört den Panzer nicht durchs Schlafzimmer rollen. Der Vater schläft wie ein Stein. Sogar sein Weckertraining wird vereitelt vom guten Schlaf. Morgens prahlt die Energie des Vaters mit Tiefschlaf. Doch je mehr er sich kümmert, desto mehr holt auch ihn das Oxytocin ein.
Hormone sind nicht, Hormone werden.
Und das Kind ist vier Monate alt und fünf Monate alt wird es sein und sechs und es wird da sein, klopf auf Holz, wird es immer da sein, während wir da sind. Wir: In den Hauptrollen zwei mit Bewegungen, die noch kaum von der Hand gehen, und Bezeichnungen, die kaum schon über die Lippen kommen wollen: Vater und Papa. Und Mutter und Mama.
Mama!
Auszug aus einem längeren Text mit Videoarbeit
Other Writers trifft Café Entropy: Sandra Gugić im Café Strauss, Berlin

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich in Wien gelebt. Und wenn ich heute, fern meiner hassgeliebten Stadt, etwas vermisse, sind es die alten Wiener Cafés. Das Café war immer der Ort, an dem ich am besten nachdenken konnte, für mich allein und doch unter Menschen, eingebettet in geschäftiges Hintergrundrauschen. Kinder sind dort eigentlich nicht vorgesehen, wenn, dann als geduldete Ausnahme. Auch in meinem Leben habe ich ein Kind lange nicht vorgesehen, das haben wir gemeinsam entschieden, bis zu einem gewissen Punkt, an dem ich mich anders entschieden habe. Nur die Möglichkeit von Veränderung und Offenheit ist das, was Menschen wach und lebendig hält, oder? Auch Kaffeehauskultur verändert sich, ich erinnere mich an das Kussverbot im Wiener Café Prückel und dessen kollektiver Verweigerung – als zwei lesbische Frauen des Cafés verwiesen wurden, gab eine Demo aus küssenden Paaren, Queers und Allies, eine eindeutige Antwort. Das Café also auch als eine Bastion des Spießertums und Touristenpilgerstätte? Wem gehören die Kaffeehäuser? Welche Regeln sollen dort gelten? Und wie ist das mit der Moral? Und mit den Kindern? Der Sänger Georg Danzer lässt einen Flitzer im Wiener Traditionscafé Hawelka Platz nehmen und singt: „Mach ma hoit a Ausnahm’ / Sei ma heut net grausam / Weu ein Pro-Milieu-Lokal / Scheißt auf Spießbürgermoral / Jö schau, so a Sau, Jössas na / Wos macht a Nackerter im Hawelka?“
Das Kaffeehaus gehört der Literatur, den Schreibenden, das Kaffeehaus lebt von Geschichten. Wenn mein Kleinkind mit mir am Tisch im Café sitzt, kann ich nicht sagen, was im nächsten Augenblick passieren wird. Wird es sich mit großen Augen umschauen, beobachten und schweigen, wird es alles kommentieren, fragen oder singen, wird es verschwörerisch mit dem Zuckerstreuer flüstern? Wird das Kind einen Stift verlangen, eine Serviette und etwas kritzeln, das ein Wort sein könnte, ein Anfang.
Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Sandra Gugić: Das Café ist für mich vorrangig ein analoger Arbeitsort, an den ich Ausdrucke oder Notizblock mitbringe, nur ganz selten meinen Laptop. Seit ich Mutter bin, ist meine Kaffeehauszeit nicht mehr Alltag, sondern mehr Ausnahme geworden. Jedes Zeitfenster allein ist kostbar.
Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Sandra Gugić: Mit meinem Kind bin ich selten im Café, und wenn doch, sprechen wir uns vorher ab, ob es gerade passt. Wenn ja, kann es ein großer gemeinsamer Spaß sein, der, wie alle Kind-Momente oder kindlichen Gefühle, auch schnell ins Drama kippen kann. Aber ist nicht gerade das Café eigentlich ein guter Ort für ein gepflegtes Drama? Es braucht auf jeden Fall Gelassenheit, Kinder zu haben, und erst recht, sie mit ins Café zu nehmen.
Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.
the scheitern
Ich stehe mit dem Einkaufswagen und dem langen, vollgeschmierten Zettel vorm Supermarkt und es regnet und ich gratuliere noch schnell jemandem bei Twitter zum erschienenen Buch. Manchmal gratuliere ich uns insgesamt: Wir haben es hier ja alle irgendwie geschafft. Wir haben Opfer gebracht, was auf diesem Blog heißt: Care von Kindern oder die für uns wilde Kombination aus Sorgen und Schreiben.
Ich deute unsere Texte als Erfolge, als das Glück, die Möglichkeit gehabt zu haben, Einfälle nebst Elternschaft zu erheben: zu wenig Geld, Mental Load, under pressure sein oder ohne Schreibtisch. Vieles, was NICHT zu lesen war auf unseren Bildschirmen oder gedruckt, die Geschichten des Misserfolgs, des Scheiterns, ist ja versandet. Ist irgendwo liegengeblieben, wurde abgebrochen oder gar nicht erst angefangen. Viele haben’s nicht geschafft. Es gab zwar supergute Ideen, aber es gibt keinen Text.
Sich die Tatsache einzugestehen, dass gerade nichts geht, ist schon für ein paar Tage schlimm und man schämt sich, kaum nachvollziehbar, dafür vor sich selbst. Mit Kindern maximiert sich die Wahrscheinlichkeit, in diese Position zu geraten. Bei mir zeigt sich das so:
In den Sozialen Medien ist kaum Zeit zu reagieren, um spannenden Ereignissen zu folgen wie Diskussionen oder Lesungen zu verdammt nochmal genau dem Thema, zu dem ich eigentlich gerade recherchiere. Neulich meinte jemand, mein Twitteraccount sei unzuverlässig, und ist mir entfolgt. Ja ja, es gibt Schlimmeres.
Als nächstes wächst der Lesestapel. Schreiben heißt Lesen, hat mal jemand gesagt. Für eine Weile kann ich das noch müde leugnen. Dass es irgendwie stimmt, merke ich, wenn sowieso schon wenig Zeit da ist und der Modus lahmt, ich eh nicht richtig into bin.
Dann das mit dem begonnenen Dokument, das sich am Anfang so würdig angefühlt hat, jetzt aber schon seit zwei Wochen von mir weg liegt und wahrscheinlich kaum noch denkbar ist. Und hier wird es langsam ernst. Viele Texte reißen ab, und wenn ich sie öffne, legt sich die Scham auch über den wirren Kram, den ich da geschrieben habe. Bei kontinuierlicher Textarbeit fällt dieses Gefühl weg, beim Arbeiten in kleinen Schritten wird stetig ausgemistet.
Hin und wieder liegt das Postfach für ein paar Tage brach. Die schnelle Antwort schreibe ich dann einen Tag zu spät. Ich habe keine Lust, mich ständig bei anderen für sowas zu entschuldigen.
Es fühlt sich an, als wäre man in seinem Tun als Schreiber*in gerade krank. Dabei arbeitet man auf Hochtouren dafür, dass die Maschine läuft, und/oder lenkt seine Kraft in einen anderen Beruf, einen, der nicht wegfallen darf.
Viele Eltern schreiben an der Kante entlang. Wie knapp die Sache wirklich ausgeht, wie weit der Text schon weg von der*dem Autor*in ist, sobald er einmal erscheint, erfährt als Leser*in dann schließlich niemand.
Wir sollten uns noch öfter gratulieren.
Same Work But Different: Fabian Schwitter
Welchen Einfluss hatte deine Vaterschaft auf die alltägliche Schreibarbeit?
Fabian Schwitter: Das Herumturnen auf den Tummelfeldern des Betriebs habe ich aufgrund der Elternschaft stark reduziert. Mit der Entscheidung, die Care-Arbeit paritätisch mit der Mutter zu teilen, sind meine zeitlichen Möglichkeiten eingeschränkt. Hinzu kam mein Umzug nach Leipzig, sodass ich kaum mehr über ein Arbeitsnetzwerk verfüge, wie ich es früher einmal hatte. Diese Zusammenhänge betreffen zwar nicht das Schreiben unmittelbar. Sie sind dennoch wesentlich für ein literarisches Leben, das einen Lebensunterhalt anstrebt.
Wenn dich vor der Kita ein anderes Elternteil fragt, worum es in deinem neuen Buch geht – wie würdest Du es beschreiben?
Fabian Schwitter: Lustigerweise ist die Geschichte der fünfzeiler-Bände auf das Engste mit der Kita verbunden. Die Bücher sähen nicht aus, wie sie aussehen, wäre mir in der Kita im Frühling 2019 nicht die Verlagsherstellerin Franziska Reichert begegnet. Die Details – denn aus dieser Begegnung ist mit dem Kraken Verlag ein weiteres Projekt gewachsen – stehen hier. Die Bücher setzen sich aus den fünfzeilern als Elementarteilchen zusammen und haben weniger ein Thema als eine Struktur. Das Anschauen ist ebenso wichtig wie das Lesen. Leitend für die Gestaltung von tausendundein / fünfzeiler war jedoch der Wellen-Teilchen-Dualismus des Lichts. Gruppen von neun fünfzeilern bewegen sich auf den Seiten runter und rauf, sodass die Gruppen als Einzelteile, das Buch insgesamt aber als Welle erscheint. Innerhalb dieser Struktur finden sich – der Seitenzahl entsprechend – 110 verschiedene Themen in unterschiedlichen Facetten wie ein Mosaik.
Welche*n other writer würdest Du gern zufällig auf einem Spielplatz treffen und worüber würdest Du mit ihm*ihr sprechen?
Fabian Schwitter: Seit eh und je war mir das lokale Schaffen wichtig. Es ist zwar interessant, mit allerlei spannenden Menschen in aller Welt in Kontakt zu stehen. Lieber ist es mir aber, wenn die Möglichkeit, sich tatsächlich auf dem Spielplatz zu begegnen, gegeben ist. So freue ich mich über Kontakte in Leipzig. Clemens Böckmann habe ich einmal auf einen Kaffee getroffen. Mit Sibylla Vričić Hausmann war ich einmal in einer größeren Runde nach einer Lesung auf ein Bier. Katharina Bendixen habe ich einmal von Weitem gesehen. Und seit einer Lesung weiß ich, dass Janin Wölke im Eisenbahnstraßen-Viertel in Leipzig wohnt …
Der Gedichtband tausendundein / fünfzeiler erschien im Herbst 2021 in der Edition Howeg.
Das Känguru ist wieder da
Es ist Donnerstag, es ist Montag, es ist Zeit vergangen, so viel Zeit, dass ich mittlerweile nicht mehr klein schreibe, sondern sich die Orthographie, die Visualität meines Schreibens geändert hat, woran das liegt, weiß ich nicht so genau, überhaupt, weiß ich wenig dieser Tage, so vieles ändert sich,
gleich bleibt, wiederkehrend, dass ich in der Früh jetzt als Erstes die Zahlen nachsehe, die steigenden Werte, zu verstehen versuche, was sie bedeuten, während ich wieder in der Küche stehe, Kaffee aufgieße, auch das bleibt, die Kanne, der Filter, der Geruch, das Geräusch von Wasser, wie es tropft, und das Känguru ist wieder da, einfach so, müde sieht es aus, ein wenig grau ist es geworden, um die Schnauze, und ich frage, ob es auch Kaffee möchte, es nickt, während die Kinder durch die Küche gehen, sich an den Tisch setzen, Kaffee trinken, sich ein Glas Wasser nehmen, ein Stück Toast essen,
und dann aufbrechen, ein Kind geht in die Schule, das andere an seinen PC, denn die Welt zeigt sich bruchstückhaft wieder im Online-Modus, und ich sehe mich selbst, wie ich dem Känguru Kaffee einschenke, und dann mir, die zwei Tassen in die Hand nehme, zur Couch gehe und mich neben’s Känguru setze.
Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, nach all der Zeit, denn sonst schreibe ich ja. Ich schreibe Postkarten, das mache ich jetzt wieder, jeden Tag, ich schreibe manchmal auch Briefe, überhaupt, ich schreibe beim Sprechen, ich schreibe dann, wenn ich ins Auto steige, wenn ich einkaufe, währenddessen überlege, was ich kochen werde, was wer mag, und ja,
ich sehe zum Känguru, ich weiß, dass es Pfannkuchen mag, aber das wird nichts, es braucht mich gar nicht zu fragen, keine Pfanne oder sonst irgendetwas aus seinem Beutel zu holen, mich auch nicht anzugrinsen, das bringt alles nichts, ich kann keine Pfannkuchen, überhaupt kann ich nicht backen, zumindest nicht besonders gut, schon immer ist das so, und das wird wohl so bleiben, auch dieses darin wohnende, seltsam irrationale Schuldgefühl, keine gute Mutter zu sein, woher das kommt, frage ich nicht mehr, ich nehme das jetzt so hin, meistens,
schiebe das Bild zur Seite, schiebe es dem Känguru zu, meine Angst, anders lässt sich das nicht nennen, und bevor es etwas sagen kann, erzähle ich ihm, von diesem Film, The Hours, wie ich ihn das erste Mal gesehen habe, und wie ich hineingefallen bin, in diesen Film, aufgesogen von Julianne Moore und wie sie diese Frau spielt, die nicht backen kann, und ich werde nie dieses Gefühl vergessen, wie ich ihr und mir zugesehen habe, diese Verzweiflung angesichts der Zutaten, die nicht in ein richtiges Mischungsverhältnis wollen, die unglückliche Konsistenz des Teigs, als ob es der eigene Körper wäre, der einem abhandenkommt, sich entzieht,
und bei jedem Kuchen, der mir misslingt, habe ich Angst, dass ich mich irgendwann an einem anderen Ort dieser Welt in einer Bibliothek wiederfinde, meine Familie einfach so verlassen habe, so wie in The Hours, und manchmal bin ich in Sorge, dass ich mir genau das wünsche, dass ich das großartig fände, einfach in eine Bibliothek zu ziehen, zwischen den Büchern zu wohnen, dort zu schreiben, und das Känguru nickt jetzt, es holt die Pfanne aus seinem Beutel, steht auf und geht zum Herd. Ich sehe ihm zu, wie es Pfannkuchen macht, wie es einen Satz nach dem andern von mir im Teig einrührt, aufschlägt, aufschäumt, ihn gehen lässt, wie es das einfach so macht, wie ein Text daraus wird, wie gut das tut, und ich bin froh, dass das Känguru wieder da ist.
Nullerjahre
„Keiner hat dich gezwungen, ein Kind zu bekommen.“
(Quelle unbekannt)
Als ich noch eine alleinerziehende Mutter war, habe ich nie darüber geschrieben, wie ich Elternschaft und Schreiben unter einen Hut bekomme. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen. Doch – einmal! Ich sollte einen Artikel für eine pädagogische Zeitschrift schreiben. Weil ich alleinerziehend war, sollte ich Erziehungstipps für Alleinerziehende geben. Ich brauchte das Geld, also begann ich zu schreiben und stellte fest, dass ich keine Tipps für Alleinerziehende hatte. Ich stellte fest, dass ich eher wenig über die Situation Alleinerziehender wusste. Ich wusste eher wenig über meine eigene Situation. Für den Artikel forderte ich vom Statistischen Bundesamt Statistiken an über die Situation von Alleinerziehenden; es gab keine. Nur dass es vor allem Frauen sind, die alleinerziehend sind, ließ sich herausfinden, und dass ein hoher Prozentsatz Alleinerziehender von Armut betroffen ist. Die finanzielle Situation Alleinerziehender führe dazu, so recherchierte ich weiter, dass sie schlecht bezahlte Arbeit annehmen müssen, dadurch oft noch mehr arbeiten, dadurch noch weniger Zeit für das Kind haben. Oder sie beziehen Hartz IV und lassen sich permanent demoralisieren. All dies führe am Ende auch zu permanenter Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse. Das kannte ich. Ich nannte es chronischen Sexmangel. Ich beendete den Artikel mit der Empfehlung, die gesellschaftliche und finanzielle Situation von Alleinerziehenden drastisch zu verbessern. Der Beitrag wurde von der Redaktion abgelehnt, er böte zu wenig pädagogischen Input.
Ich habe nie über diese Zeit als Alleinerziehende und Schriftstellerin geschrieben. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, ich habe mich noch nicht einmal als Schriftstellerin empfunden. Das lag daran, dass ich auch als Schriftstellerin nicht richtig funktionierte. Immer wieder wurde mir gesagt, ich würde zu wenig emotional schreiben. Meine Figuren würden zu wenig leiden, und wenn, dann litten sie unter dem Falschen. Ich sei nicht nah genug dran an ihren Gefühlen. Doch meine Heldinnen empfanden einfach weniger als andere, im Grunde arbeiteten sie daran, gar nichts zu empfinden. Sie wollten nichts über sich selbst wissen. Sie hatten keine Ziele außer den nächsten Tag zu überstehen. Sie sehnten sich nach Sex, hatten flüchtige Beziehungen und tranken gerne Bier. Sie verliebten sich nicht in schwierige Männer, sie waren selbst schwierig. Sie waren Betrügerinnen oder hatten Jobs, die es gar nicht gab. Menschen, die meine Geschichten lasen, konnten sich mit meinen Figuren nicht identifizieren. Niemand wollte blöde Jobs oder flüchtige Beziehungen.
Ich schrieb trotzdem weiter und manchmal gewann ich einen Preis, weil irgendjemand verstanden hatte, um was es eigentlich ging. Mein Kind wurde größer, meine Jobs wurden besser, und ich hatte auch wieder öfter Sex. Als das Kind erwachsen war, drehte sich das Blatt. Mir wurde ein Residenzstipendium angeboten und ich musste es nicht ablehnen. Endlich konnte ich wieder reisen. Ich bewarb mich auf weitere Aufenthaltsstipendien, bekam Geld, Essen oder eine Wohnung dafür, dass ich Schriftstellerin war und Figuren erfand, mit denen sich niemand identifizieren konnte. Ich schrieb über das Fremdsein im eigenen Zuhause, im eigenen Körper, über sprachlos sein und sprechen lernen. Meine Romane wurden veröffentlicht und in Rezensionen besprochen. Mein Kind freute sich, dass aus seiner Mutter doch noch etwas zu werden schien. Elternschaft und Schreiben standen sich nicht mehr gegenseitig im Weg. Ich versuchte, die Nullerjahre zu vergessen, meine persönlichen Nullerjahre. Und nach und nach vergaß ich, wie ich mich gefühlt hatte in einer Welt, die nur mit denen solidarisch ist, mit denen sie sich identifizieren kann.
Dann kam Corona. Ich las auf Twitter von der Verzweiflung der Eltern, der Verzweiflung der Mütter, der Verzweiflung der Alleinerziehenden. Ich konnte das erste Mal so etwas wie Mitgefühl mit meinem vergangenen Ich empfinden. Jemand schrieb während des Lockdowns, man würde mutterseelenallein gelassen, ein Ausdruck, den auch ich benutzt hatte in dem Beitrag, der nie veröffentlicht wurde. Ich hatte mein Déjà-vu. Es hat sich in den letzten zwanzig Jahren offenbar nichts geändert – und doch sehr viel. Mutter-Bashing ist nicht mehr hip. Armut von Alleinerziehenden ist jetzt ein Thema. Es gibt den Begriff Care-Arbeit. Schriftstellerinnen und Schriftsteller sprechen über ihr Elternsein, über Sexismus, über familienfeindliche Bedingungen im Literaturbetrieb. Es gibt diesen Blog. Und immerhin darf Verzweiflung jetzt empfunden werden.
Verschwinden
„Das ist ein schwerer Tag“, sagt das große Kind, als es die Entbindungsstation verlässt, in der es zum ersten Mal seinen kleinen Bruder gesehen hat. „Wie heißt der Kleine nochmal? Ich habe den Namen vergessen.“
„Ich komme gleich“, sage ich zum großen Kind. „Ich stille gerade.“
„Du bist meine Mama“, sagt das große Kind. „Deine Mama ist Oma Eva. Oma Evas Mama ist Uroma Irmgard. Die ist tot, genau wie Uropa Heinz.“
„Aber im Kindergarten sind doch Kinder, mit denen du spielen kannst“, sage ich zum großen Kind. „Dort gibt es so viel Spielzeug, das haben wir hier gar nicht alles, willst du wirklich nicht mehr hin?“
„Kann man ein Messer abwehren?“, fragt das große Kind. „Man muss den Arm ausstrecken, hat Ben gesagt, stimmt das?“
„Ich bleibe deine Mama“, sage ich zum großen Kind. „Ich bin für immer deine Mama, fest versprochen.“
„Nicht dass ich mit ablaufe“, sagt das große Kind, nachdem es den Badewannenstöpsel gezogen hat. Da steht es, bis zu den Knöcheln im Schaum, und schaut zu, wie das Wasser nach und nach verschwindet.
Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.
Für einen Monat weg …
Für einen Monat weg, einen ganzen, das erste Mal seit zehn Jahren, seit ich schwanger, hatte noch nie eine ganze Wohnung für mich allein, drei Zimmer und sechs Betten, in jedem Bett fünf Mal schlafen, staubsaugen höchstens ab und zu, Müll rausbringen, aber sonst nichts, wirklich gar nichts, wenn ich alles schaffe, was ich will, schreibe ich hier einen Roman zu Ende und einen Lyrikband und beginne einen neuen und habe alle Notizen und Entwürfe sortiert und sieben Bücher gelesen. Ich wache auf, wann ich will, gehe schlafen, wann ich möchte, um die gleiche Zeit wie sonst zwar, aber mit einem anderen Gefühl, ich sitze den ganzen Tag vor dem Laptop, an einem eigenen Tisch, schaue auf die Berge und trinke Bier und schleiche abends raus, wenn der Kühlschrank leer wird, der Wein hier ist schlecht, aber das Bier, das ist ganz in Ordnung, die Flaschen stapeln sich in der Küche. In der Apotheke eine Duftkerze für sechzehn Euro, umgerechnet, Sandalwood Macadamia, im Lebensmittelladen eine Gesichtsmaske Nivea, Grüner Tee, ich schäme mich, weil es mir gut geht, überlege, früher abzureisen, den Koffer zu packen, reiße mich zusammen, gehe nochmal die Textentwürfe durch. Am letzten Freitag dann gedeckter Tisch und Kerze, Kinderfrüchtetee ohne künstliches Aroma, belegte Brote, geschnittene Pflaumen, Äpfel, und ich dusche zum dritten Mal und ziehe mich um wie für einen Empfang oder eine Trauerfeier. Wenn sie schon auf dem Weg, dann, bei einem Unfall, diese Straßen hier, bergauf, bergab, verrückte Überholer in den Kurven, oder einfach Müdigkeit und Kurzschlaf, oder, oder, und ich sitze hier in der Küche und spüre, dass etwas passiert sein könnte, bin ich dann schuld daran und meine verflixte Residenz und das Talent, ständig allen Umstände zu bereiten, Gefahren, lebensbedrohliche Gefahren zu verursachen vielleicht …
Ein Beitrag aus der Reihe Und wenn ich falle? – Texte über Trennungen.
