Mütter, die gehen (I)

Ich bin 38, Mutter von drei Kindern und gegangen. 2015 verließ ich unser Haus auf dem Land, um im 50 km entfernten Ort ein künstlerisches Studium, zu beginnen.
Die darauf folgende Zeit war geprägt von Gewissensbissen, Vorwürfen, Unverständnis und – unfassbarer Entfaltung. Eine nicht gekannte Freiheit, mit der ich nach und nach lernte, umzugehen und sie zu nutzen.
Zunächst pendelte ich an den Montagen hin, freitags zurück, um die Wochenenden im Haus mit meinen Kindern und meinem Partner zu verbringen. Nachdem wir unsere Paarbeziehung ein halbes Jahr später beendeten, entschied ich mich auszuziehen und meinen Lebensmittelpunkt in den Studienort zu verlagern. Meine Kinder holte ich alle zwei Wochen an den Wochenenden sowie in der Hälfte der Ferien zu mir. Ich weiß nicht mehr, wie wir das im Detail organisiert haben – ich hatte anfangs nur ein WG-Zimmer, erst später zwei, – aber es ging. Und ich würde es wieder so machen. Heute lebe ich mit meinen Kindern im Wochenwechsel in Leipzig. Wir sind glücklich. Uns geht es gut. Und währenddessen sind wir in regelmäßigen Austausch über das Modell, welches wir leben.
Als Mutter zu gehen ist ein sensibles und schwieriges Thema, umso wichtiger, endlich in einen offenen Dialog darüber zu kommen, zu diskutieren, zu debattieren. Nicht jeder Frau ist es vergönnt, frei und bei vollem Bewusstsein für sich selbst zu entscheiden: Ja, ich will ein Kind, jetzt, in diesem Lebensabschnitt, mit genau dieser Person und mit allem, was dazu gehört. Abgesehen davon ist es bei der Entscheidung für ein Leben mit Kindern schlichtweg unmöglich, jegliche Konsequenzen mitzudenken. Auch wenn einige meiner Mitmenschen behaupten, dass ihnen das nicht passieren könnte. Nein. So etwas lässt sich nicht kontrollieren, geschweige denn vorausschauend kalkulieren. Du entscheidest dich für ein Kind, als Frau, als weiblich sozialisiertes Wesen, als Mutter, ja. Aber welchen Einschnitt es im Detail in die Beziehung zum anderen Elternteil bedeutet, wie sich diese Entscheidung tatsächlich auf dein Leben auswirkt, anfühlt, wie und ob du damit umgehst, das kann nicht mit einem Das hättest du vorher wissen müssen. abgetan werden.
Du hast dich doch dafür entschieden! Ja, wofür eigentlich?
Da musst du jetzt eben durch. Ach ja? Muss ich das?
Da musst du jetzt Verantwortung übernehmen! Ja, mache ich. Habe ich. Auf meine Art und Weise.
Und zwar indem ich als Mutter offen kommuniziere, dass ich mit der klassischen Kleinfamilie nicht mehr einverstanden bin, nachdem ich es mehrere Jahre probiert habe. Dass es mich krank macht, in einem Haus auf dem Dorf mit Mann und Kindern zu leben, ohne unter unserem Dach weitere Formen von Zusammenleben und Gemeinschaft erfahren zu dürfen.
Sei doch einfach mal glücklich!
Du solltest dankbar sein.
Aha. Sagen mir Menschen, die weder in meiner Situation noch in meiner Haut stecken.
Ja, richtig, ich brauche zum Glücklichsein mehr als meine Mutterschaft.
Und ja, bin ich. Dankbar dafür, dass ich noch mehr vom Leben erfahren möchte als Muttersein und Teilzeitjob.
Bis ich das erkannte und im nächsten Schritt den Mut hatte, das zu kommunizieren, vor meinem Partner und seiner Familie, die in unmittelbarer Nähe wohnte, schließlich auch vor mir selbst und der Gesellschaft, verging viel Zeit. Jahrelang wusste ich lediglich, es stimmt etwas nicht, das ist nicht das Leben, was ich leben möchte. Ich sehnte mich nach geistigen und körperlichen Freiräumen, nach einer anderen Aufgabe, aber vor allem nach Austausch und Verständnis für meine Gefühle und Gedanken als Mutter und Mensch.
Ich habe meine Kinder nicht zurückgelassen. Ich habe mich dafür entschieden, nicht mehr mit meinem Partner und in dieser Familie zu leben. Aber ich habe mich nie gegen meine Kinder entschieden. Mit der daraus entstehenden Reihe Mütter, die gehen möchte ich in einen Dialog kommen mit Frauen, die Ähnliches in ihren Biografien schreiben und darüber berichten, lesen, hören, wie es ist als Mutter, den Schritt zu gehen, aus der klassischen Kleinfamilie herauszutreten, ohne die Hauptfürsorge für die gemeinsamen Kinder mitzunehmen.

Ein Beitrag aus der Reihe Mütter, die gehen.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (I)

Liebe Sibylla,

wir haben schon so lang vor, uns über Schreiben und Kinder austauschen – ach nein, das ist falsch ausgedrückt. Wie sag ich eigentlich dazu – Schreiben mit Kindern? Oder Schreiben als Eltern? Weil meine beiden Töchter schon erwachsen sind (20 und 22 Jahre alt), scheine ich kein Gefühl mehr für einen passenden Begriff zu haben. Irgendwie denke ich bei “Schreiben mit Kindern” immer an kleine Kinder. Der Begriff “Kind” hat ja diese beiden Bedeutungen, einmal das (kleine) Kind, einmal – in einem übertragenen Sinn – die Verwandtschaftsbezeichnung. Meine Mutter sagt manchmal zu mir, dass ich immer noch ihr Kind sei. Da hat sie irgendwie recht. Auf das Schreiben mit erwachsenen Kindern kommen wir ja vielleicht noch später zu sprechen. Zuerst erzähle ich dir aber was aus der Perspektive von früher, als ich Mutter wurde bzw. als ich kleine Kinder hatte.

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Orangenhaut

II
Eine Woche später sitze ich auf der Terrasse und stille das Kind. Der Rock ist verrutscht und morgendliche Sonnenstrahlen fallen auf meine entblößten Schenkel, beleuchten Dellen, Dehnungsstreifen und Muttermale auf milchigweißer Haut, als der Lieferwagen um die Ecke biegt und mit quietschenden Bremsen in meiner Einfahrt hält. Ich hebe den Kopf, streiche die frisch gewaschenen Haare aus dem Gesicht, während der Junge die Fahrertür öffnet und gelenkig aus seiner Kabine klettert. Das Kind hat fertig getrunken, öffnet die Lippen und meine leckende Brustwarze rutscht aus seinem Mund hinaus, und ich setze es auf den Boden, richte mich auf und sage, ohne das Stück Brust unter meiner Bluse zu verstecken: „Die Orangen haben unglaublich geschmeckt.“ Der Junge hat meinen nackten Busen entdeckt, versucht wegzusehen, schafft es nicht und lächelt gequält. „Wollen Sie mehr?“ „Natürlich“, flüstere ich. Er zerrt einen Sack von der Ladefläche und legt ihn mir zu Füßen und mit fahrigen Händen zerreiße ich das Netz, sehe den Zitrusfrüchten zu, wie sie über die Stufen kullern, sich auf meiner Terrasse ergießen, greife gierig nach einer Frucht, umfasse ihr ledriges Rund und reiß sie in der Mitte entzwei, versenke die Zähne im süßen Fleisch. „Köstlich“, stöhne ich, während mir der klebrige Saft aus dem Mund läuft, „deine Orangen machen süchtig!“

III
Das Kind schläft in seinem Bettchen und ich stehe in der Küche und presse die letzten hart gewordenen Orangen zu Saft, als ich das Tuckern des Motors in der Einfahrt vernehme. „Komm rein“, ruf ich ihm entgegen und dann höre ich ihn eintreten, zögernd, mit unsicheren Schritten. Ich deute ihm, den Sack Orangen auf den Esstisch zu legen, verschlinge mit meinen Blicken seine lange, jugendliche Gestalt, die sich nur schwankend auf den Beinen hält, ein frischer Trieb im schnellwüchsigen Eukalyptuswald, bevor ich „Gracias“, flüstere und ihn, ohne ein weiteres Wort der Warnung, an mich ziehe. Er keucht vor Überraschung und dann taumeln wir durch die Küche, zwei ineinander verknäuelte Körper, ohne Anfang und Ende, stoßen an Stühle und reißen die Gardinen von den Stangen, bis wir strauchelnd auf dem Esstisch landen, Orangen unter dem Gewicht unserer Körper schmatzend, Säfte verspritzend, zerplatzen, und ihr süßer Duft vermischt sich mit dem herben Geruch seiner Achseln, während er mit jedem Stoß tiefer dringt, fast schon von selbst verschwindet, bis sich nur noch sein Kopf unter dem sanften Druck meiner Hände in mich schiebt – ein verblüffter Ausdruck der Entzückung liegt in seinem Gesicht, als er dorthin geht, wo er einmal hergekommen ist.

Auszug aus einem längeren Text.

Other Artists: Clara Alisch

Clara Alisch (geb. 1986 in Münster) schloss ihr Studium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg im Bereich der Zeitbezogenen Medien bei Prof. Matt Mullican und Prof. Michaela Melián 2021 mit dem Master of Fine Arts ab und absolviert derzeit einen Ergänzungsmaster im Bereich der Kunstwissenschaften, Medien und Ordnungen der (Un-)Sichtbarkeit in Kunst und Visueller Kultur an der Universität Bremen. Alisch arbeitet an Schnittstellen künstlerischer, politischer und wissenschaftlicher Diskurse über (Un-)Sichtbarkeitsverhältnisse, feministische Raumpraxen und kollektive Handlungstrategien. Sie befasst sich vor allem mit dem Sachverhalt von unbezahlter und somit unsichtbarerer Reproduktionsarbeit und lotet utopische sowie spekulative Potenziale für diesbezügliche andere (sozio)kulturelle Erzählungen aus.

Clara Alischs multimediale Videoinstallation „Lactoland“ aus dem Jahr 2021 besteht aus einer soundbegleiteten Videoarbeit, einem Bonbonglas, das für die Ausstellungsbesucher*innen frei zugänglich ist, und einem beweglichen Paravent. Das Video, als die Installation dominierendes Element, zeigt eine Milch abpumpende Frau in Arbeitskleidung, die sich in einer an eine Produktionshalle erinnernden Umgebung befindet, sowie folgend eine weitere „Milcharbeiterin“, die aus der gewonnenen Milch Bonbons herstellt – eben jene Bonbons, die den Betrachtenden der Installation im Ausstellungsraum dargeboten werden. Als Sicht- wie Spritzschutz fungierend bildet schließlich der im Video und auch in der Ausstellungsinstallation genutzte Paravent ein funktionales und außerdem Intimität gewährendes raumteilendes Element.
Im Detail wie in Gänze betrachtet ist „Lactoland“ vieles zugleich: eine provokante Unternehmensidee in gleichem Maße wie die subversive Aufforderung, einem gemeinschaftlichen Milchsee und damit der übergreifenden Versorgung der Kinder zuzuarbeiten. Der Versuch, der sogenannten „Muttermilch“ – über den Umweg eines Bonbons als für alle faßbares Produkt – wieder einen Wert beizumessen und damit auch dem Arbeitsprozess der Milchproduktion, der jener produktorientierten Wertbildung vorausgeht, zu Sichtbarkeit zu verhelfen. Clara Alischs Arbeit verweist außerdem auf die Geschichte der Frauenmilch, die mit ihrer Umdeutung zur „Muttermilch“ die stillenden Frauen in die Grenzen des eigenen Heims verwies, derer diese sich weit später, u.a. mithilfe des Griffs zur Milchpumpe, wieder zu entledigen versuch(t)en. Die realen räumlichen Grenzen des Heims, jene des Innens und Außens sowie die soziale Separation der sich zurückziehend Stillenden werden durch Alisch auf besondere Art und Weise auch mittels der in der Ausstellungssituation dargebotenen (tatsächlich nur fiktiv aus Frauenmilch gewonnenen) Bonbons thematisiert: Hier bewegt sich die Körperflüssigkeit Brustmilch als weiterverarbeitetes Produkt in den öffentlichen Raum – vom Familiären ins Gesellschaftliche –, wird Objekt, greifbar und sichtbar, das verborgene Feld des intimen Kontakts zwischen Mutter und Kind verlassend. Neben der Anregung, die eigene Haltung zu dem dem Produkt anhaftenden Ekel zu überdenken, ist die dargebotene Süßigkeit vor allem eine Einladung, teilzuhaben am Prozess des Nachdenkens über (und Vollziehens von) alltäglicher Sorgearbeit durch die Brusternährung.

„Lactoland“ wird vom 29.09 bis 03.10. 2022 im Rahmen der Auszeichnung mit dem Preis RUNDGANG 50HERTZ 2022 im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin ausgestellt. Hierzu erfolgt im Juni 2022 außerdem ein Onlineevent mit Video- und Katalogpräsentation zum Projekt (weitere Informationen hierzu in Kürze unter https://rundgang50hertz.de).

Im November 2022 wird „Lactoland“ zudem in einer Gruppenausstellung zum Thema Mutterschaft im Syker Vorwerk – Zentrum für Zeitgenössische Kunst bei Bremen zu sehen sein.

Take Care: Drei Briefe an William Saroyan von Selim Özdoğan

Lieber William,

vor kurzem habe ich dein Buch Tja, Papa gelesen. Im Vorwort schreibst du an deinen Sohn: Ich beschloss dieses Buch zu schreiben, weil du mich 1953 als Zehnjähriger darum gebeten hast und weil meine Fähigkeiten 1918, als ich selbst zehn Jahre alt war, für das, was ich sagen wollte, nicht ausreichten.

Wie schön du diese beiden Zehnjährigen zusammen bringst. Du beschreibst aus der Sicht des Sohnes die Beziehung zwischen Vater und Kind, die geprägt ist von Fürsorge, Verständnis und Zärtlichkeit. Es steckt so viel Weisheit in den kurzen Kapiteln, die nie belehrend wirkt, und es steckt Trost darin, wie du den Schmerz, der für uns alle unausweichlich ist, begreifst und beschreibst.

Vielleicht sollten alle Schriftstellerinnen mit Kindern versuchen, so ein Buch für ihr Kind zu schreiben. Vielleicht auch nicht, vielleicht hast du ein besonderes Talent, eine Kinderwelt zu schreiben, das ist mir schon in deinem Roman Die menschliche Komödie aufgefallen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Erinnerungen an deine eigene Kindheit schmerzhaft sind und sich diese Erfahrungen so tief in dir eingebrannt haben. Ein Kind, das mit drei Jahren seinen Vater verliert und dem die Mutter dann, bevor sie ihn mit seinen drei Geschwistern ins Waisenhaus gibt, sagt: Ich muss jetzt gehen, und du darfst nicht weinen. Du bist ein großer Junge. Erst einige Jahre später, als deine Mutter euch vier versorgen kann, wohnt ihr wieder zusammen.

Wie viel mehr als dein Vater konntest du deinem eigenen Sohn geben, einfach indem du da warst, und wie viel mehr konntest du ihm geben, weil du versucht hast, auf Augenhöhe mit ihm zu sein.

Ich habe dein Buch gelesen und mich unzulänglich gefühlt. Aber nicht auf eine hoffnungslose Weise. Wir versagen alle, aber das Buch rührt eine Saite in mir, die offenbar da ist. Ich danke dir dafür, dass du mich an sie erinnerst.

Herzlich

Selim

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Haltet euch bereit (I): Gegen die Fahrtrichtung

Illustration: Caroline Winkler

Ben ist immer gern mit Mathilde Auto gefahren, sie sind tausende Kilometer weit in den Urlaub gefahren, er war der perfekte Beifahrer, mit einer Menge Kartenmaterial auf dem Schoß, er hat Mathilde die Wasserflasche gereicht. Und sooft es nötig war, hat er ihr schnell das Käsebrot abgenommen, wenn sie beide Hände am Lenkrad brauchte.
Dass er selbst keinen Führerschein hat, wurde erst in der letzten Phase der Schwangerschaft zum Problem. Im achten und neunten Monat setzte Mathilde sich nicht mehr hinters Steuer. Doch seit der Geburt des Babys fährt sie wieder, glücklich trommelt sie mit den Fingern auf dem Schaltknüppel.
Ben reicht ihr immer noch die Wasserflasche. Aber Mathilde schnallt die Babyschale neben sich auf dem Beifahrersitz fest. Das Baby fährt gegen die Fahrtrichtung mit, und dadurch sieht es Ben, der hinter Mathilde sitzt, die ganze Zeit an. Ben starrt in die großen Augen des Babys. Du bist, sagen ihm die Augen, in den Hintergrund gerückt, ins Hintertreffen geraten. Das hier ist nicht mehr für dich. Du bist raus.
Das Baby blinzelt nicht.

Haltet Euch bereit ist ein Gemeinschaftsprojekt von Franziska Gerstenberg (Text) und Caroline Winkler (Illustration), das aus rund 20 gemeinsamen Arbeiten besteht. Other Writers Need to Concentrate publiziert eine Auswahl.

Other Writers trifft Café Entropy: Barbara Peveling im Café la Coopérative, Paris

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Ich liebe Milchkaffees und sie sind sicher die erste Erinnerung an Caféhausbesuche für mich. Ich bin auf dem Land aufgewachsen, außer einem Eiscafé und einer Kneipe gab es da nichts. Dann kam ich in die Stadt und die Cafés haben mich schwer beeindruckt. Später, als ich nach Frankreich kam, war ich frustriert, denn ich dachte immer, der Café au lait, wie wir ihn in Deutschland trinken, käme aus Frankreich, allerdings fehlte ihm dort die Milch. Ich habe lange gebraucht, um herauszufinden, wie man einen guten Milchkaffee in Frankreich bestellt. Es ist ein Café crème bien blanc.

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Während ich früher das soziale Zusammenkommen in Cafés sehr geliebt habe, vor allem das Freund*innentreffen und Quatschen, das Bandenbilden und Pläneschmieden, gehe ich heute fast nur noch in Cafés, um allein zu sein und zu schreiben.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind / deine Kinder dabei ist?
Die Veränderung ist vergleichbar mit dem Café au lait. Ich werde den Café au lait, wie ich ihn aus Deutschland kenne, nie in Frankreich bekommen. Und ich werde nie dieselbe Ruhe oder Gemeinsamkeit mit Freund*innen im Café erleben, wenn die Kinder dabei sind. Es ist anders, und wenn ich mich auf die Kinder einlassen kann, ist es sogar schön. Sie werden auch immer größer und mit meiner Großen habe ich schon gute Gespräche im Café geführt. Letztlich schmeckt der Kaffee auch überall anders, ein Genuss bleibt er aber, egal wie und wo man ihn trinkt. Man muss eben nur wissen, wie man ihn bestellt.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Lena Müller & Katharina Bendixen (III)

Teil I des Briefwechsels

Liebe Lena,

gleich kommen die Kinder zurück, sie waren für vier Tage bei den Großeltern. Zum ersten Mal seit J.s Geburt hatten D. und ich vier Tage für uns, und die Frage nach der Lebensform hat sich noch einmal anders gestellt. Diese vier Tage hätte ich ungern in einer Wohngemeinschaft verbracht. Es war wunderbar (und auch nötig), sich wieder in diese Welt zu begeben, die wir vor sechs Jahren freiwillig verlassen haben, wenn auch ohne zu wissen, was genau auf uns zukommen würde. Damals bestand unser Alltag aus Lesen und Gesprächen über diese Lektüren und über unsere eigenen Texte, aus Abenden mit DVDs, Kino, Theater (unvorstellbar im Moment), aus Spazierengehen oder Wandern, aus Kochen und Essen, manchmal gab es sogar Leerlauf … auch diese Aufzählung könnte lang sein. Und es ist ganz offensichtlich eine Aufzählung von zwei Einzelkämpfer*innen, Drinnies heißt das seit kurzem, glaube ich. Für die ist leider nur wenig Platz. L., der auch ein Drinnie ist, stößt im Kindergarten regelmäßig an alle möglichen Grenzen.

Wenn du von den verschiedenen Sphären schreibst, dann denke ich auch an Privilegien – einerseits an das Privileg, dass wir uns in dieser Form darüber austauschen können, andererseits an das Privileg, dass man sich die Form des Zusammenlebens überhaupt aussuchen kann. Dass man über die Summe verfügt, die in vielen Hausprojekten für den Einstieg nötig ist; dass man (vielleicht von den eigenen Eltern mitgegeben?) die nötige Gelassenheit und Sicherheit besitzt, um tolerant und großzügig mit den Bedürfnissen anderer umzugehen und dabei die eigenen Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren. Das Privileg, überhaupt zu wissen, dass verschiedene Formen des Zusammenlebens existieren. Und ich denke auch an das Privileg, Zeit aufzuwenden, um mit den Widersprüchen umzugehen, die entstehen müssen (oder nicht?), wenn man in einer Gesellschaft, in der alles auf Konkurrenz ausgerichtet ist, in einer solidarischen Form zusammenleben möchte. Tausend Stunden Plena schreibst du, da wird mir ganz schwindelig. Von Mediationen, Supervisionen, Trainings in gewaltfreier Kommunikation habe ich auch in „Links leben mit Kindern“ und in „Solidarisch gegen Klassismus“ gelesen – Dinge, die zeigen, dass eben auch die Mitglieder in solidarischen Zusammenhängen von dieser Gesellschaft geformt wurden und dass die Gesellschaft sich ändern müsste, um wirklich solidarisch zusammenleben zu können. Eine einzelne kann da nicht viel ausrichten, oder ist das jetzt eine Ausrede von mir, um meine Ausbruchsfantasie als bloße Fantasie erscheinen zu lassen?

Jetzt habe ich das Bedürfnis, zu einer Conclusio zu kommen – als Mutter, Partnerin, Frau, auch als Autorin, damit dieser Text rund wird. Ich könnte auf den Mangel zurückkommen, auf die Fülle. Auf das Über-sich-hinauswachsen und die Ideologie, die darin verborgen ist. Eine Conclusio gibt es natürlich nicht. Es gibt nur verschiedene Wege, und die meisten sind einfacher, wenn man sie nicht alleine geht. (Und doch: Ich bin froh, dass nur D. dabei ist, wenn ich vor Wut die Besteckschublade zuknalle oder abends vor Erschöpfung weine. (Schon wieder die Wut.)) In den sechs Jahren meiner Mutterschaft bin ich verschiedene Wege gegangen, von denen ich einige heute nicht mehr betreten könnte: Ich könnte nicht mehr ohne widersprüchliche Gefühle stillen, und ich würde mich wahrscheinlich auch nicht mehr freuen, wenn die Kassiererin im Supermarkt mich an der langen Schlange vorbei nach vorne ruft, weil ich hochschwanger bin und draußen 40 Grad herrschen. Und wenn ich jetzt noch einmal in diesem sonnigen Hinterhof im Leipziger Osten sitzen würde, würde ich vielleicht danach zu D. sagen: „Lass uns auf jeden Fall zum nächsten Treffen hingehen. Lass uns dranbleiben, das klingt gut.“ Aber wer weiß, was dort mit uns zwei Einzelkämpfer*innen passiert wäre?

Es müsste mehr familienfreundliche Räume geben, schreibt Nikola Richter in ihren Beitrag in „Reproduktion Reloaded“, und ich stelle mir vor, dass die Gärten der Leipziger Kitas am Wochenende ihre Tore für alle Kinder öffnen. Ich stelle mir Höfe vor, die nicht durch Mauern voneinander getrennt sind, und damit sind wir wieder bei der Frage nach dem Besitz. Meinst du, dass es ideologiefreie Räume gibt, wie nahe seid ihr in eurer Wohnung diesem Ideal? Und möchtest du woanders leben, wenn dein Kind aus dem Haus ist? Sehnst du dich dann nach mehr Stille und Alleinsein, oder freust du dich gerade darauf, dich mit weniger Verantwortung anderen Kindern zuzuwenden, andere Kinder aufwachsen zu sehen?

Es klingelt an der Tür, die Kinder sind zurück.

Mach’s gut

Katharina

 

Liebe Katharina,

gestern war ich im Schwimmbad. Ich mag öffentliche Bäder. Vor allem das Stadtbad bei mir um die Ecke. Die prachtvollen Mosaike wecken seltsamerweise immer fröhliche, optimistische Gefühle in mir. Bei seiner Eröffnung 1914 galt dieses Bad in einem Arbeiter*innen-Stadtteil als eines der schönsten und größten Europas und empfing angeblich bis zu zehntausend Menschen täglich. Ich finde, darin blitzt etwas gelingendes Gesellschaftliches auf. Es blitzt auf, dass die Schönheit öffentlicher Orte zählt, vor allem auch in von engen Wohnverhältnissen geprägten Stadtteilen. Dass alle die Möglichkeit haben sollten, sich unter dem warmen Strahl des Wassers zu verschwenden.

Ich habe mich länger nicht gemeldet. Letzte Woche war die Kitagruppe in Quarantäne. Und statt ins Gemeinschaftsbüro zu gehen, das ich mit einigen Freundinnen teile, habe ich versucht, zu Hause zu übersetzen. Und es erinnerte mich schlagartig an letzten Winter im Lockdown, unerwartet beklemmende Gefühle kamen an die Oberfläche. Wie es ist, wenn die Gedanken eng werden, weil der Tag immer zu wenig Stunden hat für alles, was reinpassen muss, und die Abgabefristen im Nacken sitzen. Wenn alles andere wegrutscht und nur das Abarbeiten von Aufgaben bleibt.

Zur Zeit verlangt das Kind nach mir, ständig. Es kommt immer wieder zu mir, wenn ich mich zum Übersetzen an den Schreibtisch setze. Ich frage mich: Geht es ihm nicht gut? Mein ständiger Wunsch, dass das Kind doch zufrieden sein soll – und nicht traurig, nicht fordernd, nicht zornig, nicht über die Maße hilfsbedürftig. Da wäre ich gerne geduldiger und gelassener.

Ich sitze also in einer warmen Wohnung mit einem gut versorgten Kind und warte auf den Moment, in dem ich abgelöst werde und wieder an den Schreibtisch kann. Und muss daran denken, wie es wäre, mit dem Kind bei eisigen Temperaturen in einem Wald an der Grenze zu warten. Oft stelle ich mir vor, was es bedeutet, in einer solchen Situation für ein Kind und sich selbst zu sorgen. In einem Notlager, in einem Wald. Oder auch in einer der abgelegenen Aufnahmeeinrichtungen in Deutschland, wo kein Platz für Rückzug und Privatsphäre ist. Das sind einige der Gleichzeitigkeiten, die mich beschäftigen, wenn ich über Bedingungen der Sorge nachdenke, über Care und Rage. Das bleibt wie eine bohrende, unbeantwortete Frage im Raum stehen.

Wie kommen wir zum Ende? Du sagst, wir haben schon zu viel geschrieben. Also keine weiteren Fragen mehr, nur noch Antworten oder Aussichten. Du fragst nach meinen Plänen, wie es weitergehen wird. Ich weiß noch nicht, wie lange ich so wohnen werde wie jetzt. Weiterhin folge ich keinem speziellen Plan. Ich freue mich auf das Kind, das eine langjährige Freundin mit ihrer Freundin bekommen wird. Darauf, die Kinder beim Aufwachsen zu begleiten. Mal sehen, welche Räume es dafür noch braucht.

Es ist schön, einander nicht zu kennen und Briefe zu schreiben. Es geht um viel und wenig, Fragen werden aufgeworfen, Themen gestreift und wieder aus dem Blick verloren. Die Unübersichtlichkeit bleibt, aber dieses gemeinsame Nachdenken ist gut. Vielleicht sollte insgesamt mehr gefragt werden: Wie hältst du es mit der Sorge? Wie gestaltet sich dein Netz an Beziehungen? Was fällt hinten runter? Woran verschwendest du dich und wo?

Sei herzlich gegrüßt

Lena

Same Work But Different: Sara Ehsan

Hast du das Erscheinen des Buches gefeiert?
Zuerst teilte ich es meiner Tochter mit. Sie meinte, sie hätte gerade keine Zeit und müsse noch Hausaufgaben machen. Dann habe ich meiner besten Freundin den Link zum Buch geschickt, sie schrieb, wir feiern es in Wien nach – das heißt im April. Es ist schwer alleine zu feiern. Der Co-Autor, Alexander Carberry aus Großbritannien, rief an und wir stießen in Gedanken darauf an. Ich will es noch richtig feiern, aber mit wirklichen Menschen, nicht virtuell oder per Telefon.

Gibst du das Buch deinen Kindern oder deinen Eltern zu lesen?
Ich dränge mich nicht gerne in die Lesevorlieben meines Kindes, meine Mutter liest so gut wie nie, vor allem nicht auf Deutsch, und mein Vater, der ein Vielleser war und mit weit über 80 Jahren eine Urkunde der Stadtbibliothek von Karaj/Iran bekam, als Bester Leser des Jahres, ist leider schon verstorben. Er hätte es sicher lesen wollen. Auch bei meinem ersten Gedichtband (2011) hat er mich bei jedem Telefonat gebeten, etwas für ihn zu übersetzen. Leider tat ich es nie. Meine Gedichte sind keine leichte Kost und nicht unbedingt für Kinder geeignet, für Jugendliche sicherlich schon. Aber sie stehen im Regal und meine Tochter hat auch schon mal reingeschaut und über einige Gedichte gelacht. Es hat sie angeregt, selbst zu schreiben. Natürlich schreibt sie viel besser als ich.

Was hältst du davon, das Entstehen eines Buches mit dem Heranwachsen eines Babys zu vergleichen und sein Erscheinen mit der Geburt? Ist dieser Vergleich für dich stimmig?
Nicht ganz, die Geburt fängt an, sobald der kreative Prozess in Gang gesetzt wird. Das Schreiben ist eine sehr intensive, widersprüchliche Tätigkeit. Die Buchstaben, Gedanken, Gefühle versammeln sich zu einem Konglomerat an Bedeutungen, erst danach reift der Text im Besprechen, Redigieren, Absprache mit dem Lektorat. Dazu entlässt man nicht selbst das Kind in die Welt, sondern der Verlag, der eher wie die Großeltern hinter uns und dem Kind steht und mit seinem Segen und seiner finanziellen Unterstützung das Kind auf die Reise schickt.

Auf welches Stipendium hast du dich nicht beworben, weil du ein Kind hast?
Auf etliche, vor allem Aufenthaltsstipendien. Ich liebe es, zu reisen und an fremden Orten unterwegs zu sein. Das bleibt momentan ferner Traum.

Von welchem*r Autor*in würdest du gerne einen Beitrag auf other-writers.de lesen?
Ich würde gerne mehr über Autor*innen erfahren, die in ihren Heimatländern oder international bekannt sind und in Deutschland leben, aber in der deutschsprachigen Literaturszene noch nicht entdeckt wurden. Sie schreiben nicht auf Deutsch und ihre Texte werden kaum ins Deutsche übersetzt. Es gibt da beispielsweise die palästinensische Kinder- und Jugendbuchautorin Dima Sehwail, den kurdischen Lyriker Autor Hussein Habasch oder die afghanische Lyrikerin Benafsha Bihishty Rahmani. Es ist sehr wichtig, unsere Erfahrungen mit dem deutschsprachigen Literaturbetrieb weiterzugeben an Autor*innen, die neu hier sind. Kollegialität ist essenziell, dafür gibt es für mich keine Sprachgrenzen.

Der Gedichtband Un-Liebesgedichte & Un-Love Poems. Eine Korrespondenz (gemeinsam mit Alexander Carberry) erschien im Februar 2022 in der Edition Delta.

Take Care: Lena Müller & Katharina Bendixen (II)

Teil I des Briefwechsels

Liebe Lena,

ich hoffe, deine Reise war schön und die Landung zurück im Familienalltag dann sanft! Ich bin gedanklich in deinem ersten Absatz hängengeblieben, in dem du über das geheime Wissen schreibst, das Eltern über ihre Kinder hüten. Aus den verschiedenen Emotionen, die mich in den sechs Jahren meiner Mutterschaft bisher überrollt haben, sticht dieses Gefühl vielleicht hervor – oder vielmehr das Wissen, dass ich einst für meine Eltern das war, was L. und J. jetzt für mich sind. Inzwischen bewundere ich meine Eltern fast für den Gleichmut, mit dem sie meine Wut ertrugen, die lange anhielt, bis in meine Zwanziger – Wut worauf eigentlich? Dass sie in ihrem geheimen Wissen manchmal falsch lagen, wie du schreibst? Aber lassen sich die Gefühle zwischen zwei Generationen überhaupt vergleichen? Angeblich ist die Gleichberechtigung in der DDR eine Legende – in Wirklichkeit mussten die Frauen beides leisten, Haushalt und Beruf. Vielleicht konnten sie ihrem Beruf aber mit mehr Selbstverständlichkeit nachgehen, mussten sich weniger rechtfertigen, wenn sie das Kind erst nach neun Stunden wieder im Kindergarten abholten. (Dass es in unserem Kindergarten eine Art Wettbewerb gibt, wer sein Kind besonders zeitig abholt, darauf musste mich erst eine gute Freundin hinweisen, deren zwei Kinder in dieselbe Einrichtung gehen. Sie ist übrigens einem Gemeinschaftszusammenhang völlig abgeneigt; vielleicht liegt es daran, dass sie mit einer Frau verheiratet ist und ihre Familie, die nicht der Norm entspricht und mit der sie durch zwei zeit- und kräftezehrende Adoptionsverfahren gehen musste, schützen und auch abgrenzen will?)

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