Lieber Papa

Lieber Papa,
natürlich muss ich mein Zimmer aufräumen, den Tisch decken, Sand aus den Schuhen schütten und zwei Mal am Tag die Zähne putzen, mindestens zwei Minuten lang – das weiß ich alles, ich werde doch in drei Tagen sieben Jahre und fünf Monate alt. Nur hetz mich nicht immer so, ich mach doch schon, in meinem Tempo. Wenn der Bus sich verspätet oder der Postbote dein Buch knickt, brüllst du doch auch nicht gleich los. Natürlich wurdest du als Kind herumbefohlen und bestraft, weinen durftest du nicht. Nur: Die Zeiten haben sich geändert, das weißt du viel besser als ich, du lebst in einem anderen Land, du bist nicht wie dein Vater und die Väter vor ihm. Aber sie stecken noch in dir und brechen aus, besonders, wenn du gestresst bist (was du oft bist, seit du den Job bei dem Magazin angenommen hast – aber das ist ein anderes Thema). Frag mich bitte, Papa, akzeptiere, wenn ich Nein sage, verhandle mit mir. Lass mir meinen Willen, ich werde ihn später noch brauchen.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Französische Übersetzung

Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis

Franz Kafkas „Brief an den Vater“ zeigt beispielhaft, wie komplex und prägend Vaterbeziehungen sein können. Konflikte wie auch Gemeinsamkeiten zwischen Vätern und Kindern, scheint es, bleiben oft unausgesprochen. (Kafka jedenfalls hat seinen Brief nie abgeschickt.) Drohen Vater-Erinnerungen ungeteilt zu versinken? Siegt das Schweigen, das Verstummen? In ihrem ersten gemeinsamen Schreibprojekt prüfen die Autor*innen des Réseau des Autrices und von Other Writers Need to Concentrate den Vater auf Herz und Nieren. Über sprachliche und andere Grenzen hinweg. Denn am Ende kommt es auf sie an, auf die Väter. Auf die alten Väter, die unsere Leben begleite(te)n – oder nicht. Auf die jungen, mit denen wir unsere Kinder aufziehen – oder nicht. Auf die Väter, die wir lieben, und die Väter, die wir sind.

Mein lieber Papa, Papa P. B. von Marie-Pierre Bonniol
Lieber Papa von
Papa von Cécile Calla
Baba von Alexandra Ivanova
Robertsong von Ann Gaspe
Lieber Papa von Eva Brunner
Erlaubnis von Ana Cazor
Brief über keinen Vater von Janin Wölke
An jenem Abend von Julie Degaumin
Lieber Vater von Kerstin Campbell
Brief an meinen Vater von Laurence ErmacoVa
Lieber Papa von Marylise Dumont
Auch gestern war einer, wo ich noch nicht war, was ich bereits sein sollte von Clemens Böckmann
Brief an meinen Vater von Laure Zehnacker
Lieber Vater von Lorenz Just
Lieber Du von Dorothée Fraleux

Mein lieber Papa, Papa P. B.

Der Versuch, dir zu schreiben, bringt mich in ein höllisches Dreieck zwischen Realität, Fiktion und deinem Sprachverlust, deinem kollabierenden psychischen Inneren, deinem Körper, der sich kaum noch bewegt. Wie kann ich Worte verwenden? Ich kann dich nur in meinem Herzen ansprechen, ohne zu wissen, auf welcher Seite du dich befindest und ob und wie du uns siehst und wahrnimmst. Du gehst. Ich liebe dich. Du hast mir einen Strom des Vertrauens und des Glaubens gegeben. Ich verwandle sie meinerseits in einen weichen Schleier, den ich um dein Gesicht, deine Hände und deine Gedanken wickle. Ich bin etwas, das es nicht gibt, aber das dir gut ist. Ich bin eine Nachkommenschaft. Ein Mädchen mit deinem Namen, deinem Vornamen, deiner Größe, deiner Brille. Deine Nase. Schlaf großer Papa. Du warst ein guter Vater. Fühl dich geliebt.

Ein Beitrag aus der Reihe Lieber Vater – Texte über ein prägendes Verhältnis. Übersetzung: Barbara Peveling. Französisches Original

Rarely Asked Questions – Hella Dietz

Was macht Elternschaft zu einem literarisch interessanten Thema?
Hella Dietz: Mich interessieren literarische Texte über Elternschaft, wenn sie jene tiefsten Gefühlen oder Ambivalenzen erkunden, denen zu begegnen uns schwerfällt – den schmalen Grenzen zwischen Liebe und Vereinnahmung, Glück und Bedrängnis, Freiraum und Vernachlässigung. Dazu zählen auch Texte, die wie Maren Wursters „Papa stirbt, Mama auch“ Elternschaft gewissermaßen vom Ende her erzählen: Was bleibt? Was erinnern wir Kinder von dieser Elternschaft – und wie prägt sie wiederum unsere eigene?

Wieso beschäftigen sich derzeit so viele Neuerscheinungen mit Mutterschaft, und wieso kommt Vaterschaft als Thema ungleich seltener vor?
Hella Dietz: In gewisser Weise spiegelt sich in der Dominanz der Mutterschaft ja durchaus die Realität: Elternschaft wird zwar in der Theorie und in manchen urbanen Milieus gleichberechtigt gedacht, im Alltag aber weit stärker von Müttern verantwortet, Sorgearbeit wird (noch immer) häufiger für Frauen zu einer „zweiten Schicht“ (Arlie Hochschild), die gesellschaftlichen Erwartungen richten sich stärker auf Mütter als auf Väter, auch alleinerziehend sind in der großen Mehrzahl die Mütter. Diese Ausgangssituation zeigt sich in den Themen: den Erkundungen abwesender Väter, den Auseinandersetzungen mit Erwartungen an Mütter (etwa in „Ich, eine schlechte Mutter“ von Marguerite Andersen) oder mit Kinderlosigkeit. Sie erklärt, warum für Mütter die schwierigen Voraussetzungen des Schreibens ein wiederkehrendes Thema bleiben, während Väter häufiger betonen (können), dass Kinder keineswegs Kreativitätsbremsen seien. Zugleich ändert sich einiges. Elternschaft wird seit einigen Jahren vermehrt in autofiktionalen Formaten verhandelt – auch von Vätern. Und je mehr auch Vaterschaft als „Erfahrung von biographiestrukturierender Kraft“ (Hans Joas) erlebt wird, desto eher wird sich das Verhältnis auf lange Sicht ausgleichen.

Stehen schreibende Väter vor anderen Problemen als schreibende Mütter?
Hella Dietz: Wenn wir auf die gesellschaftliche Realität, die unterschiedlichen Erwartungen und den vielzitierten Rat Reich-Ranickis an Judith Herrmann blicken: ja. Aber andererseits sind Väter und Mütter ja zwei höchst heterogene Gruppen, die Elternschaft ganz unterschiedlich und keineswegs entlang dieser Zuordnungen erleben – auch engagierte Väter müssen ihr Schreiben mit dem Alltag des Kindes in Einklang bringen, wie beispielsweise Jochen Schmidt in „Zuckersand“ beschreibt. Wichtiger scheinen mir gute Rahmenbedingungen, ein modernes Äquivalent des vielbeschworenen Dorfes, die gutes Schreiben ermöglichen.

Können Sie ein Buch empfehlen, in dem die Herausforderungen der Care-Arbeit literarisch überzeugend dargestellt werden?
Hella Dietz: Gabriele von Arnims „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“.

Dr. Hella Dietz lebt als Soziologin, Autorin und Beraterin in Berlin. Ihre Kinder kamen 2008 und 2013 zur Welt.

Brandbekämpfung

Mein Sohn mag die Polizei, jeder vorbeirauschende Einsatzwagen wird von ihm registriert. Auch Rettungswagen stehen hoch im Kurs, sobald das Martinshorn in unserer Straße ertönt, flitzt er zum Fenster und klettert auf das Fensterbrett. Allein die Brandbekämpfung weiß ihn noch mehr zu begeistern. Mein Sohn ist Feuerwehr-Fan – so weit, so unspektakulär.
Letztens waren wir auf dem nordsächsischen Land, das Wetter war schlecht, das kulturelle Angebot rar. Geöffnet hatte allein das örtliche Feuerwehrmuseum, es war kein Problem, meinen Sohn zu einem Besuch zu überreden. Misstrauisch wurde ich bereits, als der ehrenamtlich arbeitende Museumsvorsteher uns unmaskiert entgegentrat und auf meine Frage, ob ich eine Mundbedeckung aufsetzen solle, knapp erwiderte: „Wegen mir nicht.“ Nun, dachte ich, er ist ja sozusagen ein Fachmann für Aerosole, er weiß, wohin der Rauch zieht, er wird die Luftzirkulation in seiner Ausstellungshalle überblicken können.
Im Innern der alten Feuerwache erwarteten uns Schläuche, Spritzen und Einsatzwagen, mein Sohn jagte von Exponat zu Exponat. Mir dagegen fiel mehr und mehr der Fokus auf die „Feuerschutzpolizei“ aus dem Dritten Reich auf, mir fiel das Schild an der Treppe auf, das den Weg zum als „Führerhauptquartier“ bezeichneten Museumsbüro wies. Weitere eindeutige Exponate gab es im Garten zu sehen – sie hatten allerdings mehr mit Brandstiftung denn mit Feuerbekämpfung zu tun. Mein Sohn ist Feuerwehr-Fan, und ich gab mir alle Mühe, ihn so schnell wie möglich aus dem Museum zu bugsieren.
Am Abend telefonierte ich nach langer Zeit wieder einmal mit meinem Vater. Ich erfuhr, dass er sich zwar spritzen lassen habe, aber nicht an die Impfung glaube. Danach beschwerte er sich, dass er nicht in den Urlaub jetten könne wegen der Brände am Mittelmeer. Ich dachte an das Löschflugzeug, das am Vortag in die Flammen gestürzt war. Ich dachte an meinen Sohn, der nebenan unter seiner Feuerwehrdecke schlief. Ich freute mich darauf, dass wir uns bald auf Augenhöhe begegnen würden – und ich hoffte, dass die Welt dann eine andere, eine bessere wäre.

Überfahrt

Unsere Wohnung lag in einem etwas heruntergekommenen ehemaligen Schlossverwaltungsgebäude, in dem fast niemand mehr wohnte. Wir nahmen die mit Ikeamöbeln, Klavier, Kronleuchtern und glänzenden, vier Meter langen Vorhängen mit Quasten ausgestattete Wohnung von der Vermieterin entgegen, die, während sie sich wortreich über die Beschaffung eines Kinderbettes Sorgen machte, die ausgespuckte Milch des Kindes vom Boden aufwischte. Bald besorgten wir gebraucht: ein Kinderbett, einen Kinderhochstuhl, zwei Kinderbadewannen, eine Wickelkommode. Ich organisierte die Übergabetermine für die Kindermöbel, und mein Mann – ich lernte beim Telefonieren von „meinem Mann“ zu sprechen, das schaffte Vertrauen – transportierte sie zu Fuß, per Bus, Metro und Vorortszug in die Puschkiner Wohnung. Der Umzug mit Baby nach Puschkin entfernte mich mit einem Mal von allem, was bis dahin Bedeutung für mich gehabt hatte. Bisher hatte ich bei Reisen nach Russland: studiert, ich war bei Kulturveranstaltungen, auf Demonstrationen, in Zügen, bei neuen Bekannten zu Hause. Ich hatte mich treiben lassen, war durch Moskauer Vorstädte flaniert, hatte auf Märkten eingekauft und geplaudert, hatte auf Bergen gezeltet, mich mit dem stalinistischen Lagersystem und sowjetischer Siedlungspolitik befasst. Jetzt wurde das Leben konzentrisch. Der Säugling brauchte mich als Stillerin, seine zarte Haut wollte gestreichelt werden, er wollte plaudern und dabei meinen Mund und meine Augen auf sich gerichtet wissen. Ich lief immer die gleichen Wege durch die Puschkiner Parks, ging auf dem Markt einkaufen, ging zum Yoga mit Baby. Dabei immer beschwert und eilig, beschwert durch das Kind am Körper oder im sperrigen Kinderwagen, eilig, weil das Kind bei Laufschritt am tiefsten schlief. Mit jedem Tag wuchsen Bewegungsdrang und Neugier des Kindes und mein Körper war psychisch und physisch davon beansprucht, es davon abzuhalten, alles abzuschlecken, alles vollzuschmieren, alles auszuräumen. Ich musste mich daran gewöhnen, ständig zu schwitzen: wenn ich auf einer Zugtoilette ohne Wickeltisch oder bei Tauwetter irgendwo draußen das Kind wickeln musste, wenn ich im Bus die kräftige Stimme des schreienden Kindes bändigen wollte, wenn ich ohne das Kind zu einem Termin in das Petersburger Zentrum fuhr, aber zum abendlichen Stillen wieder zu Hause sein musste. Durch diesen neuen Einsatz meines Körpers begriff ich, wie sehr das Kind mich ganz körperlich veränderte und als nicht neutral markierte. Dieses Begreifen, und es gefällt mir in diesem Zusammenhang, wie haptisch und materiell das Wort ist, geschah erst während dieser Monate, in denen das Kind immer agiler wurde. Der Umzug nach Puschkin war zu einem Rückzug geworden. Für diesen Rückzug und die Mühe, die er mich kostete, schämte ich mich insgeheim. Wenn mein Partner den Säugling für einen langen Spaziergang übernahm, während der Schläfchen tagsüber und abends, schrieb ich unter großer Anstrengung meine Masterarbeit zu Ende. Zu Veranstaltungen oder Demos konnte ich nicht gehen, ich konnte nichts schreiben, kaum Kontakte pflegen, selten telefonieren, nicht durch soziale Netzwerke streifen. Mein Partner und ich wurden zu einem unzertrennlichen Arbeitsteam. Wer ohne Kind war, eilte und hatte ein schlechtes Gewissen. Ich hatte das Gefühl zu verschwinden, als eigenständige Frau, als schreibende, politisch und intellektuell aktive Person.

Traum IV

Anne träumt: Im Kindergarten findet das Sommerfest statt. Es gibt Schokokuchen und Käsespieße und Melone, und die Sensation ist ein echter Gorilla, der Saxofon spielt und mit den Kindern aus Junis‘ Gruppe ein Lied aufführen wird. Der Gorilla sei häufig in Kindergärten, hört Anne eine Erzieherin sagen, es gebe keinen Grund, sich vor ihm zu fürchten. Erst ein einziges Mal habe er eine Mutter angegriffen.
Anne hat trotzdem ein ungutes Gefühl, auch weil es ihr wieder nicht gelingt, mit den anderen Eltern ins Gespräch zu kommen. Immer wieder geht sie auf irgendwelche Mütter zu, aber nie kommt das Gespräch über zwei oder drei Sätze hinaus. Dann zieht Junis sie auch noch zu einem Stuhl in der ersten Reihe. Sie will dort nicht sitzen, aber sie weiß, dass ein Streit mit Junis noch auffälliger wäre als dieser Platz. Also setzt sie sich, macht sich klein. Wenigstens um Liam muss sie nicht kümmern, der ist hinten bei der Matschstrecke, und er taucht auch nicht auf, als das Programm endlich beginnt.
Als Tiere verkleidet betreten die Kinder die improvisierte Bühne. In der Mitte läuft der Gorilla, und natürlich kommt er genau vor Anne zum Stehen. Sie gibt sich Mühe, an ihm vorbeizusehen, während er zusammen mit Junis‘ Gruppe das Programm abspult. Aber Anne müht sich umsonst, der Gorilla hat sie längst in den Blick genommen. Kaum ist der letzte Ton verklungen, lässt er das Saxofon fallen. Mit einem einzigen Schritt ist er bei ihr und umgreift ihren Kopf. Im Traum spürt sie nichts. Sie weiß aber, dass sein Griff unendlich schmerzhaft ist.
„Wo ist der Tierpfleger?“, hört Anne einen Vater rufen, und eine Erzieherin ruft: „Holt die Erste-Hilfe-Box!“
Anne will sagen, dass es ihr Leid tut. Alles tut ihr Leid – dass sie sich nicht zu wehren weiß und dass die Kinder das mitansehen müssen und dass sie den Erzieherinnen solche Umstände macht, und zum nächsten Sommerfest wird sie auch einen Kuchen mitbringen, da wird sie sich wirklich mit den anderen Eltern unterhalten. Aber bevor sie auch nur ein Wort herausbekommt, wacht sie auf.