Take Care: Dima Sehwail & Sara Ehsan (I)

Liebe Dima,

ich schreibe dir während der Zeit, in der meine Tochter in der Schule ist. Vormittags ist neben abends, nachdem sie ins Bett geht, meine Hauptarbeitszeit. Manchmal kann ich mich auch während ihrer Hausaufgaben an den Schreibtisch setzen. Ich empfinde oft die Zeit, in der ich kochen und putzen muss, als Vergeudung. Das finde ich schade, denn ich würde gerne z.B. „lustvoller“ kochen und nicht nur, um satt zu werden, aber ich muss ständig an meinen Schreibtisch denken.
Seitdem ich nicht mehr im Angestelltenverhältnis arbeite, das ist schon seit einem Jahr, ist das Schreiben meine Hauptaktivität. Der Wunsch nach diesem Leben war immer da, aber nicht die Möglichkeit, die Zeit, die Kraft dazu. Ich bewerbe mich aber auch weiterhin für eine Stelle, denn ich will finanziell unabhängig sein. Ich merke, wie ich jetzt viel entspannter und resilienter gegenüber all den schwierigen Zeiten in meinem Leben bin. Ich wäre der glücklichste Mensch, wenn es meiner Tochter dabei auch gut gehen würde.
Manchmal frage ich mich, was sie wohl über mich denkt, was sie vermisst, welche Aufmerksamkeiten ich ihr vielleicht verwehre, aber dann denke ich mir, was für ein Geschenk das für sie ist, eine Mutter, die nicht jeden Tag müde und genervt von der Arbeit um fünf nach Hause kommt, eine die immer Zuhause ist, das Essen steht immer warm auf dem Tisch, außer sie geht zu Lesungen oder Stipendienaufenthalten, bei denen sie bald mitkommen darf, die ihren Beruf liebt und schwer dafür arbeitet. Das Schreiben bringt soviel Organisation und Planung mit sich, Berge von Anträgen, und Absagen und ab und zu das Glück, doch eine Zusage zu bekommen.

Wie geht es dir als Autorin und Mutter, und wie als Autorin mit Kindern in Deutschland? Du schreibst hauptsächlich Kinder- und Jugendbücher, aber auch Gedichte auf Arabisch. Was sagen deine Kinder dazu? Haben deine Bücher etwas mit deiner Rolle als Mutter zu tun, gibt es auch eine Autorin als Figur?

Herzliche Grüße

Sara Ehsan

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Wasserkinder

Ich habe gelesen dass in Japan Fehlgeburten
Wasserkinder genannt werden: Kreaturen die
diesen ersten Ozean nie verlassen
Kinder die
ihre Luft zu lange anhalten und
nie zu atmen lernen die
aus der Flüssigkeit segeln so wie sie hineingesegelt sind:
Ein kaputtes Schiff
in zerbrechender Flasche. Letzte Nacht
träumte ich du seist zerborsten und
ich musste alles von neuem beginnen
das Erträumen von Namen
das gewaltsame Öffnen meines Herzens
diese umgekehrte Seekrankheit.

Das englische Original erschien in The Fairy Tales Mammals Tell (2013, Monkey Puzzle Press, Harrison, Arkansas). Übersetzung von Anna Ospelt.

Other Writers trifft Café Entropy: Elisabeth R. Hager im Fräulein Wild, Berlin

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

Baby im Café Museum

Herr Ober?
Herr Ober, die Karte bitte.
Herr Ober! Herr Ober!? Hunger hab ich!
H U N G E R!!! Verdammte Scheiße! Ich heul’ gleich!
HEERRRRR OOOOBBBBEEEERRRRRRRRRRRRRRR!
Ah, danke. Besteck? Nein, das ess’ ich mit den Händen. Danke vielmals.
Ach. Herr Ober? Herr Ober, da ist mir leider gerade … Ja. Mhm.
Alles nass. Sie sehen ja selber, was passiert ist. Dürfte ich …
Danke, Herr Ober. Ich glaub, ich nehm dann doch die Schnabeltasse.
Mhm! Herr Ober, ganz vorzüglich heute wieder, der Babyccino!
Und diese Servietten! Mhm! Auch nicht zu verachten.
Oh. Herr Ober. Eine weitere Unpässlichkeit …
Herr Ober? HERR OBER!!!
Die Windel ist voll!!!!

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du Kinder hast?
Lange Jahre waren Cafés für mich Denk- und Arbeitsräume, Knotenpunkte in der Stadt, an denen ich mich niederlassen konnte zum Schreiben, Reden, Rauchen, Lachen und Diskutieren. Kaffee trank ich auch gerne, vor allem aber ging es um diesen halbprivaten Raum, der meine Gedanken stimulierte und es mir erleichterte, mich auszudrücken.
Seit ich Kinder habe, hat sich die Funktion dieser Knotenpunkte gewandelt. Ich stelle andere Fragen. Ich frage nicht mehr: Ist es hier gemütlich? Gibt es W-Lan? Gefällt mir die Musik? Und: Wie schmeckt mir der Café? Stattdessen frage ich: Gibt es einen Wickeltisch? Wie groß ist die Toilette? Stehen Gerichte auf der Karte, die die Kinder mögen? Gibt es eine Spielecke? Und: Wie laut darf man sein?

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn deine Kinder dabei sind?
Die Anwesenheit meiner Kinder (im Café) ist wie ein heiß geliebtes Störgeräusch. Sie durchtrennen nach Belieben meine mühevoll gesponnenen Gedankenfäden. Sie lenken mich kolossal ab. Zugleich bescheren sie mir viele neue Impulse. Ich bin wacher. Ich lerne mich selbst neu kennen. Und wachse jeden Tag ein winziges Stück mit ihnen. Manchmal aber bin ich temporär taub. Dann hör ich nur meine eigene Stimme. Die Kinder sind toll. Sie verzeihen es mir.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Woche zwei

Nun bin ich hier, in meiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung, Reichsstraße, Hinterhaus. Bin nicht mehr jung und frisch getrennt. Reich war ich noch nie. Die gute Nachricht: Ich mache jetzt nur noch eine Woche lang das, was ich sonst täglich getan hätte, ohne Pause, ohne Unterlass: HAUSHALTSLISTE MIT DARIN VERFLOCHTENEM DAUERAPPELL AN MICH ALS MAMA, WAS, WENNGLEICH VIELSTIMMIG, NICHT ZUR PROSAISCHEN VERARBEITUNG TAUGT. Danach habe ich eine Woche frei, in der ich meiner vormals gedrosselten, selbstständigen Tätigkeit als Videoproducerin wieder stärker nachgehe. Die Pandemie wird die Gleichberechtigung um Jahre zurückwerfen, las ich damals in einer Zeitung, und heute: Die jüngsten Errungenschaften weiblicher Emanzipation sind leider… Ach – wenn ich nur einmal wieder meinen Kaffee trinken und apathisch aus dem Fenster sehen darf! Ab wann sagt man eigentlich DAMALS? Am Beginn von Woche Zwei, die die Kinder bei ihrem Vater verbringen, in der Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock, im Übrigen Vorderhaus, lasse ich mir Zeit, sodass der Rückstau meiner Erinnerung allmählich in den Verarbeitungsmodus übergeht. Dann denke ich an den Ausflug DAMALS, aufs Tempelhofer Feld, wo die Freiheit plötzlich wieder aufblitzte und so schmerzlich alles Vergessene verriet.
Als wir zu viert aus dem Bus stiegen, nieselte es. Ich ging stur vorneweg, am Corona-Impfzentrum vorbei. Auf dem Weg durch das Biotop in der Mitte vom Feld wurde aus dem Niesel Regen, doch beharrlich zwang ich den Buggy weiter, durch Pfützen, Erdlöcher und Geröll. Es fühlte sich fantastisch an: echter Widerstand, gegen den man kämpft! Es schien, das Meer sei nicht mehr weit, feucht war die Luft und salzig von den Tränen, die der Wind in die Augen trieb. So hatte meine eigene Mutter mich einst an der Nordsee durch den Regen gepeitscht. EINST. Ein anderes DAMALS. Kein Restaurant weit und breit, keine Wärme, kein Klo. Nur das Grau am Himmel, ein endloser Strand und die Meeresbrandung. Tom versuchte zu intervenieren, jedoch verhalten. „Es fängt an zu regnen.“ „Wir sollten vielleicht zurück.“ „Zum Glückt habt ihr zwei eure Regenhosen an.“ Ich ignorierte alle Appelle zur Umkehr von hinter mir und behielt ausnahmsweise Recht. Der Regen legte sich. Für Fritz gab es eine Flugzeugruine, für Elli Rollerskates. Und für uns alle die HISTORISCHE Start- und Landebahn. In Wahrheit hängen ja alle Zeiten zusammen. Es war noch immer bitterkalt, ein eisiger Ostwind wehte, der Winter wie der Lockdown zogen sich wie zähes Kaugummi.

Auszug aus einem längeren Text

Der Wasserlauf

Hallo Papa! Heute zeige ich dir den Wasserlauf!, sagt A. zu Beginn des Videos, das sie mir während einer Woche schickt, in der wir uns nicht sehen werden. Dann fängt sie an zu trinken, mit zwei Strohhalmen gleichzeitig, aus zwei vollen, großen Wassergläsern. Sie trinkt und trinkt, anfangs mit großer Begeisterung, später mit zunehmender Verzweiflung, schließlich kämpft sie damit, dass sie sich wahrscheinlich doch zu viel vorgenommen hat. Woher sie das Wort „Wasserlauf“ hat, weiß ich nicht, und was das, was sie da tut, mit einem Lauf zu tun hat, kann ich mir auch nicht erklären. Aber „Wasserlauf“ wird für die nächsten Tage ein kleines Lieblingswort von mir, und auch wenn ich sie für ihre Bauchschmerzen und Übelkeit bedaure, die sich schon am Ende des Videos zeigen, trage ich ihren Mut und ihre Verwegenheit in dieser Woche mit mir herum und bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie diesen Anflug kindlichen Wahnsinns ausgerechnet mit mir teilen wollte.

Haltet euch bereit (II): Ein guter Hahn legt auch mal ein Ei

Illustration: Caroline Winkler

Herr Hahn hatte, seinem Namen zum Trotz, keinen Erfolg bei den Frauen. Er war im besten Alter, lebte aber allein, und langsam musste er davon ausgehen, dass sich sein Wunsch nach Familie nicht erfüllen würde.
Es gab eigentlich keinen Grund dafür. Er hatte einen vernünftigen Beruf, in dem er genügend Geld verdiente. Er wohnte in einer großzügigen Dreizimmerwohnung mit Rasen hinterm Haus. Er konnte kochen und mochte Tiere, er war eine gute Gesellschaft, sah auch nicht schlecht aus, sah normal aus. Vielleicht lag es daran: Er war, in allen Bereichen, ein wenig zu normal.
Es kam ihm deshalb nicht ungewöhnlich vor, als er mit Ende dreißig das eine oder andere Kilo zunahm. Er hörte mit dem Rauchen auf, der Gesundheit wegen. Instinktiv beschloss er, auch keinen Alkohol mehr zu trinken, er vermisste das Bier am Abend nicht. Stattdessen überkam ihn nun manchmal ein unstillbarer Appetit auf rote Beete. Herr Hahn schlief länger, trank nach dem Aufstehen koffeinfreien Kaffee. Er nahm mehr und mehr zu, doch es störte ihn nicht, er fühlte sich angekommen.
Was wirklich vorging, verstand er erst, als er anfing, Folsäure einzunehmen. Überrascht hielt er eine Hand vor den Mund. Dann stellte er sich vor den Spiegel und legte dieselbe Hand auf den prallen, runden Bauch.

Haltet Euch bereit ist ein Gemeinschaftsprojekt von Franziska Gerstenberg (Text) und Caroline Winkler (Illustration), das aus rund 20 gemeinsamen Arbeiten besteht. Other Writers Need to Concentrate publiziert eine Auswahl.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (III)

Liebe Martina,

in deinem Brief sprichst du ein Thema kritisch an, das für Other Writers zentral ist: Das „Nachdenken über Aspekte der Kunstausübung“ – wie du es so genial nennst. Eigentlich ist das ja der Kern des Blogs: Unter welchen Umständen schreibe ich? Warum geht das so schwer zusammen, das Schreiben und Kinder großziehen? Pragmatismus ist bei diesen Fragen ganz sicher der richtige Ansatz, wenn es um konkrete Fälle, um die Ausrichtung des eigenen Arbeitsalltags geht. Ja, das ist es, das muss ich ganz ehrlich sagen, was mich auch ein bisschen Distanz halten lässt zu Projekten, die strukturelle Schwierigkeiten dokumentieren, wie eben unser Blog. Weil das – ehrliche und voll gerechtfertigte – Lamento eben auch entmutigen kann. Und irgendwie muss ich ja mit meinem Leben und mit meinem Schreiben zurande kommen. Reflexion hat auch Grenzen, es muss sich was ändern. Und wenn es erstmal nur Lösungen im Kleinen sind, sie müssen her, jetzt. (Und dann, an gewissen Punkten, immer für eine Weile, gibt es noch den „Zustand der Akzeptanz“ – der auch Energien freisetzen kann. Aufhören zu kämpfen. Eigenes Ding machen. Sich nicht verzetteln.) Ein uraltes Problem. Reden über Probleme ist unverzichtbar, aber es gibt auch Grenzen des Redens. Es gibt auch Gespräche, die verpuffen, weil sie dann doch nichts zu verändern vermögen. Oder die schlimmstenfalls sogar so viel Energie rauben, dass es danach erst recht an Tatkraft fehlt.

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Sounds Different: Malika Alaoui

An einem dunklen Berliner Nachmittag empfängt mich Malika Alaoui in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen Obst und Kaffee, auf dem Arm trägt sie ein achtmonatiges Kind, das mich aus großen dunklen Augen mustert. In ihrem Blick entdecke ich die typische Erschöpfung der ersten Jahre des Mutterseins und der (sehr) schlechten Nächte. In ihm nehme ich auch einen neuen Ausdruck wahr, den ich von ihr nicht kenne. Entspannung? Reifung? Bewusstsein? Wahrscheinlich alles zusammen.
Die Bühne, das Musikmachen und die musikalische Zusammenarbeit mit anderen Musiker:innen sind seit ihrer frühesten Kindheit ein zentraler Bestandteil von Malikas Leben. Wenn sie mir von ihrem Werdegang erzählt, habe ich das Gefühl, ein Bühnenwunder vor mir zu haben; jemanden, der nicht leben kann, ohne Musik und Emotionen mit dem Publikum zu teilen. Sie ist in erster Linie Sängerin, aber auch Tänzerin, Songwriterin und Projektinitiatorin und interessiert sich für alle Formen der darstellenden Kunst. „Selbst in Zeiten von Covid und Lockdown“, erzählt sie mir mit leuchtenden Augen, „habe ich es geschafft, wenigstens ein paar Mal aufzutreten.“

Bevor sie Mutter wurde, hetzte Malika Alaoui von einem Konzert zum nächsten, von der Berliner Jazzszene gefragt, aber auch von zahlreichen Weltmusik- und Zirkusprojekten, Masterclasses, und dies europa- und weltweit. Wie sieht es heute aus? Sie und ihr Lebensgefährte haben die Entscheidung getroffen, ihr Kind nicht vor seinem ersten Geburtstag in die Kita zu schicken. Malika erinnert sich daran, dass sie sich vor der Geburt überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte und dass sie, als das Kind da war, weder Zeit noch Energie hatte, sich mit der Frage zu beschäftigen. „Außerdem hätte ich ihn nicht jeden Tag in die Betreuung geben können „, fügt sie hinzu. Wir waren ja in Corona-Zeiten; auch dies habe sie nicht dazu besonders ermutigt. „Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, während dieser Zeit nichts von meinen künstlerischen Verpflichtungen abzusagen“, sagt sie weiter. Hut ab!, denke ich. Sie erzählt weiter, dass sie sogar regelmäßig – mit ihrem Säugling im Publikum – auf der Bühne stehen und weiterhin an Aufnahmen mitarbeiten konnte. „Ich hatte vor, wenn ich ein Kind bekommen würde, es vollständig in mein musikalisches Leben zu integrieren, und deshalb war ich gerührt, als ich sah, dass es gut funktioniert“, sagt sie und schaukelt sanft ihr Baby.

Erstmal klingt es ziemlich gut, wie sich bei ihr alles einpendelt, denke ich nicht ohne Neid – denn ich empfand dieses erste Jahr damals wie ein einziges Chaos. Dennoch ist die Musikbranche noch nicht sensibilisiert für diese Fragen. Die Betreuung von Künstler:innen, die mit einem Kind oder Säugling auf Tournee gehen, ist nach wie vor rudimentär oder schlecht organisiert, Kinderbetreuung wird kaum bzw. gar nicht finanziell unterstützt. Es liegt an den Künstler:innen, zu kämpfen und von Fall zu Fall bessere Bedingungen einzufordern, wie Malika es macht, auch auf die Gefahr hin, die Arbeitsatmosphäre mit bestimmten Kulturstätten oder Institutionen zu verschlechtern. Malika sagt noch, sie sei froh, einen Partner zu haben, der sich engagiert und ihre beruflichen Anforderungen versteht. Auch wenn sie die Hauptlast der Betreuung des Kindes trägt, konnte sie dank seiner Hilfe und Begleitung auf Tourneen ihre Arbeit wieder aufnehmen.

Am schlimmsten ist der Schlafmangel. Bis vor kurzem wachte ihr Baby nachts unzählige Male auf. Und auch die Tage sind kurz. Malika nutzt jede freie Sekunde, um zu proben, zu singen, Aufnahmen zu machen und berufliche E-Mails zu beantworten. Eine Stunde hier, zwei Stunden dort. Nachdem das Baby ins Bett gebracht wurde, sitzt sie noch lange an den Aufnahmen, die sie fertigstellen muss. Mit oder ohne Konzentration, mit oder ohne Muse, es ist hier egal, die kostbare Zeit muss genutzt werden. Manchmal frustriert sie das Gefühl, ihrem künstlerischen Anspruch nicht hundertprozentig gerecht werden zu können. Teufelskreis der Überforderung… Letztens hat sie festgestellt, dass sie für sich selbst so gut wie keine Erholungszeit nimmt.

Ja, das wird sich alles wieder einrenken. Wenn es älter werden wird, wird dieses kleine Kind mit dem intensiven Blick selbstständiger werden und seine Eltern werden nach und nach ihr eigenes Leben wieder in den Griff bekommen. Malika Alaoui wird wieder persönliche Projekte initiieren und mit anderen Künstler:innen zusammenarbeiten können. Sie wird wieder mit oder ohne ihren Sohn auf Tournee gehen und weiterhin ihre Karriere als Bühnenfrau verfolgen. Aber sind diese schwierigen ersten Elternschaftsjahre ein unabwendbares Schicksal? Ich kann nicht anders, als zu hoffen, dass den Müttern und Vätern nach uns während ihres Starts in das Elternleben von der Musikszene mehr Unterstützung und mehr Verständnis zuteilwird. Für unsere Entfaltung, die unserer Kinder und die unserer Kunst.

Mehr zur Arbeit von Malika Alaoui unter www.malika-alaoui.com. Hörempfehlung: Auszug aus ihrer Performance „NOW“.

Other Writers trifft Café Entropy: Barbara Rieger im Wirr (Bar & Restaurant), Wien

Foto: Alain Barbero | Blog Café Entropy

wir wie Verbrecher*innen
kehren an Tatorte zurück
Europa Espresso Alt Wien Anno
WIRR wie die Zeit sich in
neue Einheiten teilt mit dir
im Phil im Podium wie
jemand sagt „nur wer sich
um Kinder gekümmert hat,
hat das Leben wirklich verstanden“
wie Zwischenapplaus
wir wie eine Familie
vertauschen Bunkerei und Moserei
„ein großer Turm“ sagst du und sammelst
Steine während immer irgendwo
während immer auch in mir ein
KRIEG und wir mit Luxusproblemen
bestellen Verlängerten Melange
und Milchschaum für dich
und für eine Zeiteinheit ist
alles gut

Welche Bedeutung haben Cafés für dich, seit du ein Kind hast?
Am Land, wo ich derzeit lebe, gibt es das kinderfreundliche Café „treibgut“. Oft gehe ich alleine hin, um dort zu arbeiten, oft auch mit meinem Kind. Für uns beide ist es ein Kraftort, ein Ort zum Runterkommen und Auftanken.

Wie verändert es deine Café-Zeit, wenn dein Kind dabei ist?
Mit Kind schreibe ich nicht, beobachte weniger und wische dafür mehr Tropfen und Krümel vom Tisch.

Eine Kooperation mit Café Entropy – Literatur- und Fotoblog.

Take Care: Martina Hefter & Sibylla Vričić Hausmann (II)

Liebe Martina,

ich habe mich so gefreut, deinen Brief zu erhalten! Ich schätze deine eher positive, optimistische Perspektive auf das Care-Thema sehr und finde es wichtig, dass wir uns hier im Blog über gelungene Modelle der schriftstellerischen Mutterschaft oder des mütterlichen Schriftstellerinnentums austauschen. (Du siehst schon, mir fällt es auch schwer, die richtige Bezeichnung zu finden. Am liebsten mag ich momentan die offene englische Wendung „Writing with Care“.) Das ist es ja, worum es am Ende geht. Zu zeigen, dass Kinder aufziehen und künstlerisch arbeiten sich nicht gegenseitig verbieten, sondern dass diese Kombination verbreitet ist und zudem wunderschön und konstruktiv sein kann. Für Personen jeglichen Geschlechts. Dass das aber durch äußere Strukturen wahrgenommen, unterstützt und gefördert werden muss. Das Lebensglück von vielen kleinen und großen Menschen hängt schließlich daran. Dass deine Kinder dir sagen, sie hatten eine glückliche Kindheit, ist wunderbar! Ein größeres, tolleres Kompliment kann ich mir als Mutter (oder Elternteil) kaum vorstellen. Und auch du hast dich selbst „glücklich“ gemacht, indem du die Kunst parallel zur Mutterschaft mit vollem Ernst betrieben hast. Natürlich wäre es auch für die Kinder falsch gewesen, hättest du dir „ihnen zuliebe“, einer vermeintlichen „Stabilität“ zuliebe, einen Job gesucht. Es wäre falsch gewesen, weil es dir dann schlecht gegangen wäre. Bei mir selbst fällt mir ja immer wieder auf, wieviel zugewandter und kreativer ich im Umgang mit meinen Kindern bin, wenn es mir gut geht.

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