Dein erstes Geschenk …

… ist ein blaues Deckchen. Du bist dreiunddreißig Minuten alt, als ich das Päckchen öffne, das uns lächelnd die Hebamme reicht.

Wir wickeln dich jeden Tag in das Deckchen ein, es ist weich und dehnbar. Jeden Abend ziehe ich dir das Deckchen über die Augen, und du drückst es dir mit deinen Fäusten ganz fest ans Gesicht, bis du eingeschlafen bist.

Du liegst nass und bewegungslos auf dem Boden, auf dem ich hocke, atmest still. Ich greife nach dir, ziehe dich hoch, drücke dich an meine blanke Brust, endlich der Schrei. Langsam färbst du dich ein, das Blau verschwindet.

Das Blau in deinen Augen bleibt. Es ist dunkel wie Meerwasser und hat an manchen Tagen etwas von Schiefer. Du siehst aus wie dein Vater, nur die Augen sind von mir. Wenn ich dich halte, blicke ich mir aus dem Gesicht eines anderen entgegen.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

PoetinnenTreffen

Den sich wölbenden Bauch verbarg ich unter weiten Hemden. Vielleicht war ich die erste Schwangere, die einen Poetry-Slam gewann. Der blaue Renault Twingo war ein Geschenk, kein Ersatz für einen Partner. Poetinnen waren es schon, solche, mit denen Schreiben ging und Lesen und Teetrinken bei Kerzenschein. So eine war S. Sie sagte:
– Ich bin bei der Geburt dabei..
Den Twingo ließ ich am Studienort, genau wie alle Babysachen, keine bösen Geister wecken bei dieser letzten Reise.
Drei Uhr morgens, die Stimme klang nicht mal verschlafen.
– Können Sie bitte eine Textnachricht an S. verschicken?
– Selbstverständlich, welche?
– Ich habe einen Blasensprung!
Die Frau am anderen Ende der Leitung räusperte sich und tippte.
– Ich wünsche gute Besserung.
– Das ist keine Krankheit!
Eine Wehenwelle riss mich mit, ich wunderte mich über meine Kraft, noch Worte zu finden.
S. setzte sich in den blauen Twingo und fuhr die 700 km ohne Pause. Mein Poetenkind wurde eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft geboren.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

Nach jeder Wehe …

… habe ich Baumwipfel gesehen. Jedes Mal, wenn der Schmerz vorüber war, schwebte ich über einem unüberblickbaren Wald, weit und weich, unendlich die Baumwipfel der Blautannen. Sie gingen im Wind hin und her.
Nach jeder Wehe, sagte ich, ich habe die Baumwipfel wieder gesehen. Wie gut, da bin ich froh, sagte er neben mir und versuchte die gleichen Baumwipfel zu sehen. Wie sahen sie aus? Fragte er. Sie waren weich, sie bewegten sich im Wind, hin und her, vielleicht auch im Wasser, im Gang der Wellen, hin und her. Sie waren viele, sagte ich, ich sagte das durch viele Stunden. Wir sind auch viele, sagte er und drückte seine Handflächen an meinen Rücken. Jetzt, die Wipfel. Sagte ich. Gottseidank, sagte er.
Wir versuchen alles, was Familie ist, zu teilen. Ich und er.
Nicht alles ist teilbar. Wissen wir.
Das nicht Teilbare versuchen wir zu beschreiben. Das ist dann auch unser Beruf.
Eine Möglichkeit das Unteilbare zu teilen.

Blaue Baumwipfel zum Beispiel, nach Wehen, die hin und her gehen im Wind.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

Alles ist Körper …

Alles ist Körper.
Nie war mein Körper wichtiger.
Gleichzeitig ist er Zweck.
Heute soll er ein Kind gebären.
Es ist mein Körper, noch wohnt das Kind dort.
Deswegen ist es auch nicht mein Körper.
Er ist verwandelt, zum Haus geworden.
Heute soll alles zusammenpassen.
Mein Wille, der Wille des Kindes.
Die Programme unserer Körper.
Alle um uns herum sollen helfen.
Erkennen was hilft, vermeiden was stört.
Ihnen muss ich meinen Körper geben.
Meinen Willen, mein Vertrauen.
Dabei das Zentrum bleiben.
Ein Akt so fragil wie gewaltsam.
Endlich ist es so weit, ein Übergang.
Ich bin nicht überrascht, habe gewartet.
Lange gewartet, endlich passiert das Theoretische.
Jetzt ist alles Praxis.
Noch soll ich mich gedulden.
Der Badezusatz ist blau. Blau für Beruhigung.
Später werden die Farben andere sein.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

Geburt

Es ist Nacht, das Haus still, ich habe keine Lust, ins Spital zu fahren, schwimme im Blau des Zimmers; Tapete, Bettwäsche, alles blau; und ich weiss, dass das nicht stimmt, dass da im Grunde alle Farben sind, aber in mir fliesst es blau, und manchmal stockt mein Atem – in meinem Bauch brennt’s blau; ich fühle, wie ich mich weite, wie ich Platz schaffe für das Kind.

Es ist Tag, das Haus still, die Vorhänge gezogen, draussen spielt der Grosse mit Freunden; das Sofa haben wir mit Leintüchern ausgelegt, darunter eine Plastikfolie gespannt; die Tücher sind gelb, ich fühle dieses Gelb, überall, auch an meiner Haut und in meinem Bauch – die Bewegungen fliessen wie Licht, es ist heiss, ich atme Platz auch für dieses Kind.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

vom aufblauen

es ist der rechte arm. genauer: der rechte unterarm, die stelle kurz vorm ellbogen. ein seltener ort sei das. sagen sie. zu ihr. später zu mir. ungewöhnlich. das zähe der zeichnung, des geäderten. der verlauf unter der haut. nahezu kreisförmig. von storch, von biss keine spur. im kreißsaal. dass es sich verwachsen würde, sagen sie. wie sich so vieles verwächst. dass es in mich wächst, leise weiter wuchern, sich ausstrecken wird, das sagen sie nicht. dass ich mich gewöhnen, die zeichnung vergessen werde. sie immer mit mir trage. mal mehr, mal weniger sichtbar. dazwischen: ein aufblauen. das erschrecken der kinder. ob ich mich verbrannt hätte. mich angestoßen. ob es eine narbe sei. oder nur ein blauer fleck. ob es wehtun würde. ihr abwarten, ihre neugier. mein verneinen, ihr annähern. ihre finger und wie sie vorsichtig die linie nachfahren. immer wieder. ihre stimmen darüber streichen, zartes. wörter malen. großbuchstaben. sprache entbinden.

Ein Beitrag aus der Reihe Etwas von Schiefer. Texte zur Geburt.

An die Last

Streptin, 17.09.2020

Hallo Last,

ich weiß jetzt, dass Du neuerdings einen Namen hast: mental load. Und dass Du es bist, die mich krank gemacht hat. Nicht ich, sondern Du bist Schuld. Ich habe eine chronische Sinusitis, weil ich nicht nein sagen kann. Wegen Dir. Die Selbstdiagnose liegt klar auf der Hand. Ich kann sie genau sehen. Aber ich kann nicht erkennen, an welcher Stelle ich das Knäuel auflösen soll.
Nach dem Lockdown, der sich erst einmal befreiend anfühlte, weil nach und nach alle Verabredungen und Termine abgesagt wurden, türmen sich die alten, jetzt nachzuholenden und die neuen Termine über mir auf. Wie eine Ozeanwelle. Auf ihrem Peak schwimmen aber nicht verrottender Müll und Plastikteile, sondern die Termine. Sie verharren für eine Sekunde über mir, bilden einen Schatten, in dem ich stehe. Dann stürzen sie auf mich ein.
Alles ist irgendwie wichtig. Keiner der Termine ist nun aufschiebbar. Alles muss gemacht werden: sich getroffen, verabredet, besprochen, die Ausstellung aufgebaut, die Workshops geplant, das Kind zum Schwimmunterricht gebracht, Geburtstagsgeschenke ausgesucht, das Bad geputzt, Zuständigkeiten verteilt. Doch jetzt liege ich seit Tagen auf dem Sofa herum, weil ich mich nicht anstrengen darf, hat die Ärztin befohlen. Die Wohnung ist unordentlich. Bett nicht gemacht. Tisch nicht abgeräumt. Berge schmutzigen Geschirrs, trotz Geschirrspüler. Wenigstens die Waschmaschine wäscht.
Ich habe kürzlich Das Loch von Simone Hirth gelesen. Sie hatte die Idee, Briefe zu schreiben. An Leute, aber auch an abstrakte Dinge. Um sich ihrer Situation bewusst zu werden. Etwas mehr Klarheit zu erlangen. Für sich zu reflektieren. Das erschien mir sehr einleuchtend. Ein kluges, berührendes Buch. Eine großartige Idee! Ich habe das hiermit auch versucht. Es fühlt sich ganz gut an.

Danke, kluge Simone.
Nicht danke, blöde Last.

Deine Lena

Die unberechenbare Überraschung – Geschichten von Lorenz und Haldor Just

Es war einmal eine riesige Burg an einem riesigen See, und in diesem See schwamm jeden Tag eine große, große Qualle, und diese Qualle jagte jeden Tag einen Fisch. Eines Tages lief ein Ritter direkt an der Qualle, die gerade Luft geholt hatte, vorbei und erstach sie mit seinem Schwert. Aber was war das? Aus der toten Qualle kam ein Zombie und verwandelte sich in eine Eidechse, der blitzschnell Flossen wuchsen, und sie schwamm durch den See in einen Fluss und den Fluss entlang bis ins Meer. Und der Ritter ging in seine Burg.Da freute sich der Fisch, der von der großen, großen Qualle jeden Tag gejagt worden war, denn nun hatte er endlich seine Ruhe und den gesamten See für sich allein. Als sich der Ritter am nächsten Morgen auf seinem Spaziergang um den See befand, schwamm der Fisch zum Ufer und sagte: „Vielen Dank, lieber Ritter, dass du mich von der großen, großen Qualle befreit hast.“
Der Ritter aber verstand nicht, was der Fisch da sagte, er sah nur den großen Fisch, und dachte sich: „Was für ein Leckerbissen“, zückte sein Schwert und wollte den Fisch totschlagen. Da aber verwandelte sich der Fisch vor lauter Schrecken und Angst in ein gewaltiges Seeungeheuer und fraß den Ritter mit einem einzigen Haps auf. Und eine riesige Ritterarmee lief zu dem Seeungeheuer hin und schlug ihm alle Tentakel ab, die es hatte. Da sank der schwere Körper des Ungeheuers bis auf den Grund des Sees, wo er liegen blieb. Und in diesem Körper saß der Ritter und fragte sich verzweifelt, ob er je wieder das Licht der Welt erblicken würde.

*

Es gab eine kleine, weltliche Landschaft und in dieser Landschaft wohnten drei neugierige, achtjährige Kinder. Plötzlich kam ein Fahrrad angefahren und auf diesem Fahrrad saß ein dunkelgrün gekleideter Mann und dieser Mann hatte auf dem Gepäckträger einen Rucksack und der Rucksack war offen und aus diesem Rucksack fielen viele Karten und Brecheisen. Der Mann kletterte zum Baumhaus hinauf, das den drei Kindern gehörte. Sie kletterten sofort den Notausgang hinunter, dafür mussten sie durch ein Fenster auf eine als Waldboden getarnte Matte springen. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern weg.
Der Mann in den schwarzgrünen Kleidern hatte die Kinder aus dem Fenster stoßen wollen, nun stand er unverrichteter Dinge im Baumhaus und blickte zum offenen Fenster hinaus.

*

Ein Detektiv in Ägypten verfolgte eine lange Kette von Spuren: Er lief von einem Fußabdruck zu einer Blutspur zu einem roten Haar, das auf einem blauen Kopfkissen lag, zu einer geheimen Botschaft, die in Zauberschrift an eine schwarze Wand geschrieben war, er öffnete eine verbotene Tür, er sammelte Tausende von Fingerabdrücken, er blickte den verdächtigen Menschen tief in ihre Augen, bis er wusste, wer der Mörder war.

Other Artists: Henrieke Ribbe


Henrieke Ribbe (geb. 1979 in Hannover) hat an der Hochschule für bildende Künste Hamburg Freie Kunst studiert und ist seit 2004 Mitglied der Künstlerinnengruppe 3 Hamburger Frauen. Mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann lebt sie in Berlin.
In ihrer aus großformatigen Standesportraits bestehenden Arbeit „Der kaukasische Kreidekreis – Working Moms“, die sie u.a. 2019 im Hamburger Ausstellungsraum Westwerk vorstellte, portraitierte sie Künstlerkolleginnen mit ihren Kindern. Sie beschäftigt sich damit mit einem auch in der bildenden Kunst zwar brandaktuellen, aber nach wie vor weitestgehend tabuisierten und verdrängten Thema: der Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Karriere. „Aus Sicht des Kunstmarktes“, schreibt Henrieke Ribbe, „scheint die Entscheidung für Kinder gleichbedeutend mit der Entscheidung gegen eine erfolgreiche Laufbahn als Künstlerin zu sein.“ Für Ribbe, der die Arbeit am kaukasischen Kreidekreis auch der „Reflexion von Aspekten der eigenen Biografie“ diente, bedeutet die Darstellung ihrer Kolleginnen – lebensgroß in Öl fixiert, mit stolzem, herausfordernden Blick und durchweg selbstbewusst auftretend – einen Akt der Solidarität. Die bildliche Aufreihung der namhaften wie unbekannten Künstlerinnen in ihrer Rolle als Mutter führt den Betrachter*innen die Diskrepanz, die die Lebensrealität jener Frauen begleitet, unnachgiebig vor Augen: „Während es für alle diese Frauen bereits völlig normal ist, gleichzeitig Kinder zu erziehen und Kunst zu machen, wird dies von außen kaum wahrgenommen und fehlt vollkommen im Sprechen über Kunst.“

Heute gehen meine Kinder …

… zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder in die Schule. Sechs Monate, in denen ich alles war. Von der Lehrerin über Lernbegleiterin, Krankenschwester, Freizeitgruppe bis zur Mutter, dies vor allem. In der Nacht liege ich wach und überlege, ob ich meine Kinder wohl auch bekommen hätte, wenn mir vorher klar gewesen wäre, dass die Gesellschaft mich bei der ersten großen Krise allein mit ihnen lässt. Ich muss an meine Texte für Aufträge denken, die in dieser Zeit entstanden sind und an denen ich eigentlich lieber noch viel länger gearbeitet hätte. Ich versuche nicht an den Roman zu denken, an dem ich viel zu wenig geschrieben habe. Ich tröste mich mit dem Interview, bei dem ich die Kinder mit Currywurst abgefüttert habe, damit sie mich mit dem Journalisten reden lassen und der dann sogar die Rechnung übernommen hat. Ich liege still und versuche nochmal einzuschlafen.
Der Schlaf kommt nicht, aber die Antwort kommt mit dem Atmen und sie ist ja. Ein ja für diese Nacht und jede andere, diese vielen, unzähligen, die waren und noch sein werden, in denen wachen, nicht schlafen, sich verlassen fühlen, Angst haben auch den Takt angeben, als wären sie Zeitmesser einer Ewigkeit. Diese vielen Stunden, in denen ich in die Dunkelheit starre, eingraviert in mein Gedächtnis, die mich umfängt, von Anfang an. Und der Glaube daran, dass immer jemand bei mir sein wird. Und so werde ich nicht aufhören, für die Kinder zu sorgen und trotzdem weiter zu schreiben, darüber und über alles andere auch, solange ich bin.