An die Last II

Streptin, 18.09.2020

Guten Morgen, Last,

immer noch krank. Ich klicke mich durch Wikipedia und Oprah.com und lese die beeindruckenden Biografien von Musikerinnen wie Aretha Franklin, Tina Turner oder Mary J. Blige. Staune, was sie geschafft haben. Wie sie stoisch an ihrer Passion festgehalten haben. Sich nicht abbringen ließen, vom Musik machen und vom Veröffentlichen. Wie sie vier Söhne geboren und groß gezogen haben, sich von demütigenden Männern befreit und sich neu verliebt haben.
Ob sie auch manchmal im Halbdunkel saßen und sich fragten, ob sie jetzt mal das Fotobuch anfangen für das eine oder andere Kind, weil sie sonst den Überblick über die Kinderjahre verlieren, wenn sie dies noch länger aufschieben? Oder was sie als nächstes bei ebay-Kleinanzeigen reinstellen, damit die Wohnung wieder ein bisschen leerer wird? Woher nahmen sie die Fähigkeit sich zu fokussieren, ohne Menschen zu verprellen? Oder haben sie? Ist das vielleicht gar nicht so schlimm? Nicht immer alles und alle mitzudenken? Auch mal arrogant oder ignorant zu wirken? Unsicher zu sein?
Jetzt bin ich schon länger als 40 Jahre auf dieser Welt und immer noch nicht klar. Hadere mit mir und den Menschen. Ja, ich lerne immer weiter dazu und verlerne bewusst Dinge, die mir nicht gut tun, und bin trotzdem gefühlt nicht weiser. Immer wieder verzettele ich mich, will zu viel gleichzeitig machen, finde alles interessant und fange dies und das an, mache es dann aber nicht zu Ende. Naja, manches schon. Oder ich bleibe wenigstens dran. Vieles verläuft sich aber im Sande. Oder ist schlichtweg zu anstrengend.
Was ist denn das für eine Luxus-Misere, in der ich mich da befinde? Lieber Schnauze halten? Ist doch alles ganz normal? Mit Tina Turner will man doch nicht tauschen. Diese Entbehrungen. Häusliche Gewalt und wer weiß, was noch alles. Oder Aretha. Hat mit 12 ihren ersten Sohn geboren. Mit 14 den zweiten. Was hat das wohl mit ihr gemacht?
Ich glaube, sie waren tapfer. Ich bin es nicht so richtig.
Du, Last, bist jedenfalls immer noch da.

Tschüss
Lena

Fieber

Zwei Dinge glaubten wir besiegt zu haben: die Grippe und den Winter. Wir waren alle zusammen mit dem Fahrrad nach Feggendorf gefahren. Patrick mit den beiden Kindern im Anhänger. Ich leicht wie nie auf meinem neuen weißen Mountainbike (Pacific). Das Bergauffahren bereitete mir keine Mühe. Ich hatte mir die lange Strecke in den Kindergarten, aufsteigend bis zum Wald, unüberwindbar vorgestellt. (Patricks Weisheit: „Mit einer guten Gangschaltung ist alles möglich.“) Oben angekommen: schwerer Abschied. Ich ahnte nicht, dass B. krank war.
Erst als ich ihn nach dem Mittagsschlaf ins Wohnzimmer holte, er war auf dem Nachhauseweg eingeschlafen, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Er weinte, ließ sich nicht beruhigen. Ich durfte ihn kaum berühren. „Das tut weh!“ „Aber was? Was tut dir weh?“ Reglos lag er im Schneeanzug auf der Ofenbank. Ausziehen durfte ich ihn nicht. Das Gesicht glühte, der Kopf. 40 Fieber. Er war doch gerade erst gesund gewesen. Waren wir am Morgen mit der Gewissheit aufs Fahrrad gestiegen, der Frühling wäre jetzt da, fielen nun vor dem Fenster dicke Schneeflocken. Sie wirbelten feierlich vom Himmel herab durch die Sonne, als würde es zum ersten Mal in diesem Winter schneien. B. lag schnell atmend auf dem Sofa. Patrick saß am Fußende, ein Buch in der Hand. Ich hatte H. bei mir, der lächelte und, wie immer, so glücklich war darüber, am Leben zu sein. Wir waren alle zusammen in diesem Wohnzimmer. Die Welt schien noch weiter von uns wegzurücken. Der Schnee vereinte Sicht und Geräusche. Und als Patrick von seinem Buch aufsah, lächelten wir uns zu, in dem geteilten Gefühl einer großen Veränderung, die wir beide gespannt inmitten dieser großen Ruhe erwarteten. Ich schaute mir B. an. Er schlief. Seine geröteten Wangen. Sein weißes Haar. Die vorgewölbte Oberlippe. Der flackernde Atem, der die Zerbrechlichkeit jeder Gewissheit in unser Wohnzimmer trug, uns wachsam bleiben ließ, unsere Sinne schärfte für das, was leicht versinkt und dann nie wieder heraufzuholen ist.
Festhalten, dachte ich, festhalten!

Regen

Man konnte das nicht essen nennen. Kay löste ein paar Krümel in Speichel auf, das war alles. Wenn es so weiter ging, würde sie sich eines Tages in Luft auflösen, so dünn war sie. Und wenn sie einmal ernsthaft krank würde, Influenza zum Beispiel – ein, zwei Tage, dann würde man sie künstlich ernähren müssen.
Draußen regnete es. Peters Tag war nicht gut gewesen. Auch die letzten Lesungen waren jetzt abgesagt worden. Der Verlust ging in die Tausende.
„Iss“, sagte Peter.
„Papa?“, sagte Kay.
„Nimm jetzt das Brot und beiß rein, verdammt!“ Peter schob den Teller näher an sie heran. Sie benutzte immer noch ihren Stufenstuhl, obwohl sie, mit Unterlage zumindest, längst auf einem normalen Stuhl hätte sitzen können.
Christine sagte, das seien die Rituale. Kinder brauchten ihre Rituale. Sie hielten an allem fest, solange es ging. Das mochte sein, aber sie vergaßen auch herzlos schnell. Peter hatte Kay heulen sehen wie ein Schlosshund, als sie ihre Lieblingspuppe Juliane verlor. Als drei Tage später noch einmal die Rede von ihr war, konnte Kay sich kaum an sie erinnern.
Kay schob den Teller von sich weg, schaute zur Decke und sagte: „Es regnete und ein schöner Abend floss durch die Wohnung.“
Peter sah sie an. „Wie bitte?“, fragte er.
Kay beugte sich vor, nahm das Leberwurstbrot vom Teller, drehte es in der Hand und musterte es von allen Seiten.
„Was hast du gerade gesagt?“, fragte Peter.
„Ich hab Pippikackapups gesagt“, sagte Kay.
„Hey, nicht am Tisch!“, rief Christine aus dem Wohnzimmer.
„Nein“, sagte Peter, „du hast ‚Es regnete und ein schöner Abend floss durch die Wohnung‘ gesagt! Wo hast du das her? Aus der Kita?“
Kay ließ die Schnitte los. Sie fiel und landete mit dem Wurstbelag zuunterst auf dem Teller.
„Mensch!“, sagte Peter und drehte die Schnitte um.
„Darf ich aufstehen?“
„Nein! – Stopp! – Hiergeblieben!“ Aber sie war seiner Hand ausgewichen und ins Wohnzimmer entkommen.
Peter griff nach dem Block. Das musste er notieren. Für Kay, für später. Damit sie eines Tages lesen könnte, was sie gesagt hatte. Aber er wollte es auch seinem Kumpel Frank erzählen, der auch Vater war. Und seiner Schwester, Kays Patentante.
Aber das war nicht alles.

Morsezeichen zwischen Fürsorge und Text. Chronik einer Schreibresidenz mit Engel

Eins ist die erste Woche mit Kindern im Stipendium. Sie kommen, um zu bleiben. Wie das so ist mit Kindern. Corona hat der Vereinbarkeitslüge ihr letztes Hemd vom Leib gerissen. Was bleibt, sind die Kinder und ich.
Der Engel ist schon da. Mit weit ausgebreiteten Flügeln geht er durch die Räume und lächelt. Sein Lächeln gleicht einer Wolke. Die Haare fallen ordentlich und gerade auf den Rücken, wie Regen, der in langen Tropfen vom Himmel fällt. Er trägt eine Schürze. Der Engel ist schon so lange da. Er hat kein Geschlecht, aber wenn ich ihm eines geben müsste, dann das einer Frau. Der Engel hat das Haar, die Finger, das Lächeln, und auch den gütigen Blick einer Frau.

*

Überhaupt diese Nächte, und vier, sie tragen mich durch die Tage, an denen ich wie eine Alkoholikerin nur auf den Abend warte, um mir die Worte hinter die Binse zu kippen, ich sehne mich nach den Momenten, an denen meine Finger über die Tastatur fliegen, die Arztpraxen geschlossen sind und selbst Zecken schlafen. Meine Nächte sind süß und immer steigt ein Kind zu mir in den Traum und wenn ich dann wach werde, liegt sein kleiner Körper neben mir, mit all seiner Wärme und diesem Geruch nach Ewigkeit, den nur Kinderkörper verstreuen können, Atemzug um Atemzug. Und ich weiß, dass es richtig ist, dass die Kinder hier sind, dass es so sein muss, denn nur so hat endlich auch die Zerrissenheit ein Ende, das hier und dort sein, mental load auf Distanz, wer holt jetzt die Kinder aus der Schule während ich in der Schreibresidenz bin, wenigstens das hat ein Ende.

*

Siebenmal drehe ich den Kaiserschmarren in der Pfanne. Der Teig klebt. In der Residenz gibt es kein Zimt und keinen Zucker. So ist das eben, wenn man nur vorübergehend irgendwo wohnt. Alles fehlt, Zimt und Zucker, die richtige Pfanne, vor allem die Waschmaschine, ruft der Engel dazwischen. Den Schmarren schmeiße ich in den Müll und drehe die Hemden der Kinder einfach auf die andere Seite. Ich hole einen Apfelkuchen aus dem Tiefkühlfach und stecke eine Kerze drauf. An diesem Tag habe ich zehn Seiten geschrieben, das tröstet mich und macht mich glücklich, denn wenn ich zu Hause bin, dann backe ich selbst den Kuchen, dann wasche ich, putze, räume auf und schreibe nicht.

*

Acht Uhr ist schon lange vorbei und er hat Tränen in den Augen. Ehrlich Mama, ich habe nur mit dem Steinmonster gespielt, so und so und so. Er macht die Bewegungen nach, lässt das Monster nochmal über den Nachttisch gleiten, es hüpft über die Lampe. Das muss der Moment sein, an dem das Monster den Lampenschirm zerschlug.
Ich seufze, schüttele den Kopf. Mein Kind fängt wieder an zu weinen.
Wenn man in einer Schreibresidenz mit seinen Kindern ist, dann muss man dazu auch die richtigen Kinder haben. Sie müssen brav sein und stillhalten können und nichts kaputt machen. Sie müssen gut erzogen sein, wie Schreibresidenzkinder, die sich woanders so benehmen, als wären sie nicht zu Hause. Nicht dort, wo sie rumtoben können, wo auch mal was kaputt gehen kann, weil man ist ja zu Hause ist. Am besten, man hat keine Kinder, dann kann auch nichts kaputtgehen, in der Schreibresidenz wird dann nur geschrieben, wie es sich gehört. Das findet auch der Engel.

Auszüge aus einem längeren Prosatext

An die Last

Streptin, 17.09.2020

Hallo Last,

ich weiß jetzt, dass Du neuerdings einen Namen hast: mental load. Und dass Du es bist, die mich krank gemacht hat. Nicht ich, sondern Du bist Schuld. Ich habe eine chronische Sinusitis, weil ich nicht nein sagen kann. Wegen Dir. Die Selbstdiagnose liegt klar auf der Hand. Ich kann sie genau sehen. Aber ich kann nicht erkennen, an welcher Stelle ich das Knäuel auflösen soll.
Nach dem Lockdown, der sich erst einmal befreiend anfühlte, weil nach und nach alle Verabredungen und Termine abgesagt wurden, türmen sich die alten, jetzt nachzuholenden und die neuen Termine über mir auf. Wie eine Ozeanwelle. Auf ihrem Peak schwimmen aber nicht verrottender Müll und Plastikteile, sondern die Termine. Sie verharren für eine Sekunde über mir, bilden einen Schatten, in dem ich stehe. Dann stürzen sie auf mich ein.
Alles ist irgendwie wichtig. Keiner der Termine ist nun aufschiebbar. Alles muss gemacht werden: sich getroffen, verabredet, besprochen, die Ausstellung aufgebaut, die Workshops geplant, das Kind zum Schwimmunterricht gebracht, Geburtstagsgeschenke ausgesucht, das Bad geputzt, Zuständigkeiten verteilt. Doch jetzt liege ich seit Tagen auf dem Sofa herum, weil ich mich nicht anstrengen darf, hat die Ärztin befohlen. Die Wohnung ist unordentlich. Bett nicht gemacht. Tisch nicht abgeräumt. Berge schmutzigen Geschirrs, trotz Geschirrspüler. Wenigstens die Waschmaschine wäscht.
Ich habe kürzlich Das Loch von Simone Hirth gelesen. Sie hatte die Idee, Briefe zu schreiben. An Leute, aber auch an abstrakte Dinge. Um sich ihrer Situation bewusst zu werden. Etwas mehr Klarheit zu erlangen. Für sich zu reflektieren. Das erschien mir sehr einleuchtend. Ein kluges, berührendes Buch. Eine großartige Idee! Ich habe das hiermit auch versucht. Es fühlt sich ganz gut an.

Danke, kluge Simone.
Nicht danke, blöde Last.

Deine Lena

Die unberechenbare Überraschung – Geschichten von Lorenz und Haldor Just

Es war einmal eine riesige Burg an einem riesigen See, und in diesem See schwamm jeden Tag eine große, große Qualle, und diese Qualle jagte jeden Tag einen Fisch. Eines Tages lief ein Ritter direkt an der Qualle, die gerade Luft geholt hatte, vorbei und erstach sie mit seinem Schwert. Aber was war das? Aus der toten Qualle kam ein Zombie und verwandelte sich in eine Eidechse, der blitzschnell Flossen wuchsen, und sie schwamm durch den See in einen Fluss und den Fluss entlang bis ins Meer. Und der Ritter ging in seine Burg.Da freute sich der Fisch, der von der großen, großen Qualle jeden Tag gejagt worden war, denn nun hatte er endlich seine Ruhe und den gesamten See für sich allein. Als sich der Ritter am nächsten Morgen auf seinem Spaziergang um den See befand, schwamm der Fisch zum Ufer und sagte: „Vielen Dank, lieber Ritter, dass du mich von der großen, großen Qualle befreit hast.“
Der Ritter aber verstand nicht, was der Fisch da sagte, er sah nur den großen Fisch, und dachte sich: „Was für ein Leckerbissen“, zückte sein Schwert und wollte den Fisch totschlagen. Da aber verwandelte sich der Fisch vor lauter Schrecken und Angst in ein gewaltiges Seeungeheuer und fraß den Ritter mit einem einzigen Haps auf. Und eine riesige Ritterarmee lief zu dem Seeungeheuer hin und schlug ihm alle Tentakel ab, die es hatte. Da sank der schwere Körper des Ungeheuers bis auf den Grund des Sees, wo er liegen blieb. Und in diesem Körper saß der Ritter und fragte sich verzweifelt, ob er je wieder das Licht der Welt erblicken würde.

*

Es gab eine kleine, weltliche Landschaft und in dieser Landschaft wohnten drei neugierige, achtjährige Kinder. Plötzlich kam ein Fahrrad angefahren und auf diesem Fahrrad saß ein dunkelgrün gekleideter Mann und dieser Mann hatte auf dem Gepäckträger einen Rucksack und der Rucksack war offen und aus diesem Rucksack fielen viele Karten und Brecheisen. Der Mann kletterte zum Baumhaus hinauf, das den drei Kindern gehörte. Sie kletterten sofort den Notausgang hinunter, dafür mussten sie durch ein Fenster auf eine als Waldboden getarnte Matte springen. Sie fuhren mit ihren Fahrrädern weg.
Der Mann in den schwarzgrünen Kleidern hatte die Kinder aus dem Fenster stoßen wollen, nun stand er unverrichteter Dinge im Baumhaus und blickte zum offenen Fenster hinaus.

*

Ein Detektiv in Ägypten verfolgte eine lange Kette von Spuren: Er lief von einem Fußabdruck zu einer Blutspur zu einem roten Haar, das auf einem blauen Kopfkissen lag, zu einer geheimen Botschaft, die in Zauberschrift an eine schwarze Wand geschrieben war, er öffnete eine verbotene Tür, er sammelte Tausende von Fingerabdrücken, er blickte den verdächtigen Menschen tief in ihre Augen, bis er wusste, wer der Mörder war.

Heute gehen meine Kinder …

… zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder in die Schule. Sechs Monate, in denen ich alles war. Von der Lehrerin über Lernbegleiterin, Krankenschwester, Freizeitgruppe bis zur Mutter, dies vor allem. In der Nacht liege ich wach und überlege, ob ich meine Kinder wohl auch bekommen hätte, wenn mir vorher klar gewesen wäre, dass die Gesellschaft mich bei der ersten großen Krise allein mit ihnen lässt. Ich muss an meine Texte für Aufträge denken, die in dieser Zeit entstanden sind und an denen ich eigentlich lieber noch viel länger gearbeitet hätte. Ich versuche nicht an den Roman zu denken, an dem ich viel zu wenig geschrieben habe. Ich tröste mich mit dem Interview, bei dem ich die Kinder mit Currywurst abgefüttert habe, damit sie mich mit dem Journalisten reden lassen und der dann sogar die Rechnung übernommen hat. Ich liege still und versuche nochmal einzuschlafen.
Der Schlaf kommt nicht, aber die Antwort kommt mit dem Atmen und sie ist ja. Ein ja für diese Nacht und jede andere, diese vielen, unzähligen, die waren und noch sein werden, in denen wachen, nicht schlafen, sich verlassen fühlen, Angst haben auch den Takt angeben, als wären sie Zeitmesser einer Ewigkeit. Diese vielen Stunden, in denen ich in die Dunkelheit starre, eingraviert in mein Gedächtnis, die mich umfängt, von Anfang an. Und der Glaube daran, dass immer jemand bei mir sein wird. Und so werde ich nicht aufhören, für die Kinder zu sorgen und trotzdem weiter zu schreiben, darüber und über alles andere auch, solange ich bin.

Anekdoten aus Schöppingen

Wir erreichen das Künstlerdorf am späten Nachmittag. Es dämmert bereits, in der hauseigenen Bibliothek brennt schon Licht. Ein junger Mann hat seinen Arbeitsplatz hinter einer bodentiefen Glasscheibe eingerichtet. Illuminiert von der Schreibtischlampe sitzt er wie in einem Schaufenster. Er sieht, dass wir auf den Eingang zusteuern, steht auf und öffnet die Tür. Er erklärt uns, wie wir an die Schlüssel kommen. „Wir treffen uns abends im Kaminzimmer.“, sagt er. „Kommt doch vorbei. So gegen elf.“ „Klingt gut“, sage ich, wohl wissend, dass das nicht passieren wird. Unsere Tage beginnen zwischen fünf und sechs, und um 23 Uhr liegen wir längst im Bett.
Ich habe dem Künstlerdorf vorab mitgeteilt, dass ich mit Anhang anreisen würde, und so hat man uns eine große Wohnung freigehalten. Sogar ein Kinderbett finden wir darin. Ich darf einen weiteren Schreibtisch in die Bibliothek stellen und mir dort einen Arbeitsplatz einrichten. Den Autor, der im Schaufenster arbeitet, bekomme ich nur selten zu Gesicht. Und an Arbeit ist in den ersten Tagen sowieso nicht zu denken. Erst einmal: Babybadewanne kaufen. Spielplätze finden. Einen Rhythmus etablieren, der uns allen entspricht. Und: einen Infekt überstehen. Die zweite Nacht in Schöppingen endet nach drei Stunden. Der Kleine sitzt im Bett und übergibt sich. Im Schlafanzug eile ich zu den Gemeinschaftsräumen, um frische Bettwäsche zu besorgen. Auf dem Weg lerne ich die anderen Stipendiaten kennen. Sie sitzen vor dem Kamin, rauchen, trinken, unterhalten sich. Ich grüße und wühle in den Schränken nach Bezügen und Laken.
Während meine Frau und ich uns zwischen Laptop und Spieledecke abwechseln, verpassen wir so gut wie jede gemeinschaftliche Aktivität. Den allabendlichen Treff im Kaminzimmer. Die nächtlichen Besuche in den wenigen Bars des Ortes. Die wöchentlichen halb ironisch gemeinten, halb sportlichen Ausflüge auf die Kegelbahn. Den von reichlich Stroopwafels und ähnlichen Substanzen flankierten Trip ins deutsch-niederländische Grenzgebiet. Dass ich aufs Nachtleben verzichte, macht mir nicht zu schaffen, ich habe mich längst damit abgefunden. Aber die Erkenntnis, dass ein nicht zu verachtender Aspekt des Stipendiums an mir vorbeigeht – der Austausch mit anderen Autoren –, stimmt traurig.
An einem Wochenende verbringen wir mehr Zeit als sonst mit einem Mitstipendiaten – er hat Besuch von seiner Frau und den drei kleinen Kindern. Sie kümmert sich sechs Monate lang alleine um die drei, während der Vater Kunst macht. Er ist ein aufstrebender Komponist und seine Auftragsarbeiten entstehen im Akkord, ausufernde Schaffensperioden wechseln mit Phasen großer Erschöpfung. Er ist ein Künstler, wie er im Buche steht, berufen dazu, sich für die Musik zu verzehren – und ein Vater, den eine zweistündige Autofahrt von seiner Familie trennt.
Wir können die anderen zu einem Kaffee- und Kuchentreff am Nachmittag überreden, manchmal treffen wir uns auch schon vor 23 Uhr. Das Gefühl, nicht wirklich dazu zu gehören, bleibt. Ich kann nicht sagen, ob es von den anderen ausgeht oder ob ich selbst es mir einrede.
Dann kommt der letzte Abend. Die Stipendiaten grillen, Treffpunkt achtzehn Uhr – wieder eine Ausnahme für uns. Wie die anderen Künstler reisen wir am nächsten Tag ab. Viele unserer Mitstreiter müssen früh fort, sie haben noch einiges zu erledigen. Wir bleiben sitzen, bis zur Feuerstelle reicht der Empfang des Babyfons und unsere Koffer sind längst gepackt. Irgendwann gehe ich eine letzte Runde um das Haus. Das bodentiefe Fenster der Bibliothek ist erleuchtet, der Schreibtisch verwaist. Aber es ist ja auch schon spät.

postkarten ans känguru

es ist donnerstagabend und diesmal weiß ich es so genau, weil alles jetzt immer ein wenig anders ist. ernster. schwerer. nicht viel, aber bemerkbar. deutlich. es fängt morgens an: ich stehe auf, mache kaffee, brote für die kinder. beinahe hätte ich vergessen, wie das geht. wie es sich anfühlt. halbverschlafen in der küche zu stehen. mit sätzen, die noch oder schon in mir stecken. die ich geschrieben habe oder schreiben werde. die ich irgendwo schnell hingekritzelt habe, in bücher, auf zeitungen, notizhefte, damit ich sie nicht vergesse. damit das bild bleibt. und einmal mehr wird mir klar, wie sehr ich im schreiben mit konkreten bildern arbeite. und was das für eine bildreiche zeit ist, in der wir leben. und ob mein kopf dafür ausreichen wird, all das zu sammeln, zu verarbeiten, das beschäftigt mich. auch, wie all die andern das machen. um uns, überhaupt, alle andern. ich frage die kinder, ob sie ihre masken haben. jeden morgen. sie nicken, ich nicke, nehme sie in den arm. stelle mir vor, wie sie gleich im klassenraum sitzen werden. nebeneinander. mehr als 25 kinder. eine maske neben der andern. wie im betonkasten die hitze aufziehen wird, die fenster, dünn, alt, aus den 70ern, nichts dagegensetzen werden. wie ihre stimmen in der maske hängen bleiben, leiser werden. dass eine stunde jetzt manchmal nur die hälfte dauert, auch daran denke ich. dass wir die zeit einfach teilen, so wie wir gerade so vieles teilen. bewusst. unbewusst.
ich würde mich gern kurz ans känguru lehnen. ein schnapspralinchen in mich werfen, einen witz dazu, irgendetwas. oder mit seinem boxsack durch den tag schaukeln, auch das wäre gut. aber das känguru ist nicht mehr da. es ist ausgezogen, die couch ein ruhiger ort geworden. immer noch eine insel, aber anders. die länder um uns ändern sich. land of stories. quality land. immer noch sitzt ein kichern mit auf der couch, manchmal ein kurzes, befreiendes auflachen, manchmal aber eben auch nicht. dazwischen: heinrich von kleist mit seiner marquise von o … und manchmal fragt juli, wie das werden wird. ihr abitur. jetzt, in diesen zeiten. und keiner von uns, der eine antwort weiß.
und ich, die ich fürs neue projekt über wahnsinn und gesellschaft lese, in neuen begriffslandschaften unterwegs bin, aufenthalt in einem irren haus, mich manchmal in diesen vielen geschichten verliere, nach einem rand suche, nach dem rand des eigenen körpers, dem rand des tages, wenn nur jeder Mensch jemanden hat, der nach ihm sieht, auch das lese ich, lese es bei helga m. novak, die mir eine liebe begleitung wird, die schraffur ihrer sprache, geselliges beisammensein, und ich schreibe jetzt postkarten, so enden die tage, meistens, schreibe postkarten an mich, ans innere, ans äußere, an meine eltern, an freunde, ans literaturhaus, ich fahre durch eine Postkarte, lese ich bei friederike mayröcker, du hast immer etwas zu liebkosen das bringt Glück, Derrida, hm,
und es ist donnerstagabend und diesmal weiß ich es so genau, weil alles jetzt immer ein wenig anders ist. ernster. schwerer. nicht viel, aber bemerkbar. und weil ich ans känguru schreibe. einfach so. dass noch platz sei. hier auf der couch, neben der marquise von o …, zwischen uns.

Luftholen

Einmal kurz auftauchen und nach Luft schnappen, für einige Augenblicke die Arme ausbreiten und sich treiben lassen, den Blick in den Himmel gerichtet, wolkenlos ist er und von einer Intensität, wie es mir seit Monaten nicht mehr aufgefallen ist. Ruhig und gleichmäßig atmen. Seit Monaten bin ich das erste Mal wieder in der Lage, einige Stunden konzentriert zu arbeiten, zu schreiben, ein merkwürdiges Gefühl nach diesem Frühjahr im Ausnahmezustand, nach einem Sommer voller Auf und Abs.
Jetzt sitze ich hier an meinem Schreibtisch und schaue in den Himmel, nur ein paar Wolkenfetzen, keine Flugzeuge. Ja, ein bisschen fühlt es sich an wie vor einem Jahr, als noch niemand etwas ahnte, als es immer so weiterzugehen schien mit dem Wachsen und Ausbreiten und Vermehren und Ausschwärmen, ein bisschen ist es jetzt so wie damals, als ich am Schreibtisch saß und am neuen Roman arbeitete und mir nicht vorstellen konnte, dass es so etwas geben könnte wie diese große Stille, das einmalige, tiefe Luftholen vor dem Abtauchen.
Jetzt sitze ich wieder am Schreibtisch, jetzt ist der Himmel wolkenlos und die Katze räkelt sich in den Sonnenflecken auf der Terrasse, aber trotzdem ist etwas anders. Da hat sich eine Müdigkeit im Körper eingenistet, eine Erschöpfung, die tief unter der Haut sitzt, denn er musste weiter funktionieren, dieser Körper, der Kopf, alles musste irgendwie weitergehen, Tag für Tag, Woche für Woche, plötzlich vier, fünf Körper in einem, hineingepresst, zusammengedrückt, kaum noch Luft zum Atmen, kaum noch ein Gefühl in den Fingern.
Jetzt Luft schnappen, soviel wie nur irgend geht, die Lungen vollsaugen. Die Ungewissheit, wie lange sie reichen wird, macht mich reizbar, launisch. Ich habe keine Lust mehr zu tauchen. Ich will oben bleiben, die Arme ausgebreitet, den Blick in den Himmel, keine Wolke dort oben.